Brandheiß – Teil 4

Leise näherte sich Alise der dunklen Scheune. Das Licht der Sterne war hell genug, sodass sie ihren Weg auch ohne künstliche Lichtquelle fand. Ihr Hollandrad hatte sie ein Stück weiter hinten am Weg zurückgelassen, gut an eine Holzbank angeschlossen, die dort für Spaziergänger aufgestellt worden war.
Sie war über den alten Holzzaun geklettert, der das leicht verwilderte Grundstück, auf welchem die Scheune stand, einschloss. Auf dieser Seite wurde das freie Land selten genutzt, daher hatte sich die Heide stückweise das Land zurück erobert und so schlich Alise über den weichen Untergrund aus duftenden Pflanzen. Sie kannte das Grundstück ausreichend genug, denn sie hatte oft in der Scheune geholfen, den Fundus des Vereines zu verwahren.

Einen kurzen Moment meinte sie etwas zu bemerken, doch als sie ihre Sinne auf die Gegend ausrichtete, schien alles normal zu sein. In der Ferne schrie ein Käuzchen und sie sah ein paar Kaninchen durch das nächtliche Heideland hoppeln.
Vorsichtig näherte sie sich dem dunklem Gebäude. Ohne in der Dunkelheit den Tritt zu verlieren, erreichte sie die Rückwand der Scheune.
Der Brandgeruch und der beißende chemische Geruch des Löschschaumes lag immer noch in der Luft.
Sie tastete sich vorsichtig an der alten Holzwand entlang. Die aufgebrochene Tür war genau die Hintertür, die sie aufgrund der Erzählung ihres Vaters vermutet hatte.
Sie spürte die Kratzer und Splitter am Holz des Rahmens, wo scheinbar eine Brechstange ihr zerstörerisches Werk getan hatte. Sie ertastete vorsichtig Winkel und Höhe der Kerben und stellte fest, dass der Schuldige wahrscheinlich gute 20 Zentimeter größer als sie war und damit nahe an den 190 Zentimetern.
Außerdem war er sehr offensichtlich Rechtshänder und nicht sehr geübt mit dem Brecheisen. Er hatte das Schloss und den Rahmen eher mit der Kraft seines Körpers, als mit einer vernünftigen Hebeltechnik bearbeitet. So wie es sich anfühlte, hatte er dafür drei- bis viermal angesetzt.
Elegant glitt sie auf ihr Knie und betastete den Boden. Weitere Splitter bestätigten ihre Vermutungen. Aber sie fühlte noch etwas anderes. Ein kleiner Gegenstand, von komischer unregelmäßiger Form, eindeutig aus Leichtmetall. Als sie den kleinen spitzen Dorn auf einer der flachen Seiten spürte, war sie sicher, dass es sich um einen Pin zum Anstecken handelte. Sie packte ihn umsichtig in ein Taschentuch ein, um ihn nachher bei Licht besser untersuchen zu können und verstaute ihn in ihrer Umhängetasche.

Leider war der sommerliche Boden zu trocken und zu hart, als dass es sich gelohnt hätte, nach Fußspuren zu suchen. Aber da es dafür sowieso zu dunkel war und auch bestimmt die gesamte uniformierte Macht von Freudental heute Nachmittag hier durch getrampelt war, versprach sie sich sowieso nicht viel davon.

Sie probierte leise die kaputte Tür aus, die sich leicht quietschend öffnete. Typischerweise hatte scheinbar keiner der Männer an ein neues Schloss gedacht.
Als sie die Tür fast offen hatte, vermeinte sie einen kurzen Lichtreflex im Innern auszumachen.
Sie versuchte sich leise durch den Spalt zu drücken, um kein weiteres Geräusch zu riskieren, aber ihre Füße stießen gegen etwas Metallisches. Vom Geräusch her erkannte sie sofort die Glieder einer dickeren Eisenkette, die aus irgendeinem Grund auf dem Boden lag.
In der Scheune war es dunkel und nur schemenhaft konnte sie die Kleiderstangen, Kisten und Regale erkennen, die diesen hinteren Raum der Scheune ausfüllten. Der Geruch nach verbrannten Textilien und angesengten Stoffen war hier deutlich präsenter als draußen und unterdrückte jegliche andere Geruchswahrnehmung. Alise konzentrierte sich auf ihr Gehör.

Aus einer der hinteren Ecken hörte sie ein Geräusch und näherte sich vorsichtig, darauf bedacht sich selbst durch kein Geräusch zu verraten.
Plötzlich ein Rascheln von Stoffen und das Umfallen eines Kartons.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit sofort der Geräuschquelle zu und plötzlich brannte ein Licht auf. Das Strahlen einer starken Taschenlampe traf sie unvorbereitet und kleine Lichtblitze tanzten vor ihren geblendeten Augen.
Sie hörte eilige Schritte und schrie auf, rein instinktiv. Das Licht wandte sich von ihr ab und im gleichen Augenblick spürte sie einen kräftigen Ruck, der sie zu Seite zog und von den Beinen riss.
Sie fühlte einen warmen Körper, gegen den sie stürzte und einen festen Arm, der sie umschlang. Im gleichen Moment spürte sie etwas Schweres an sich vorbeifliegen und mit einem scheppernden Geräusch irgendwo in der Dunkelheit auf dem Boden landen.

Ihr Herzschlag klopfte bis zum Hals und sie atmete schwer. Sie spürte einen wohlgeformten männlichen Körper, der sie auf feste, aber doch sehr angenehme Art hielt und roch einen angenehmen Duft, der sich selbst in der Kakophonie der Gerüche hier vor Ort durchsetzen konnte und sie an etwas Beruhigendes, irgendwie Vertrautes erinnerte.
Sie spürte den ruhigen, regelmäßigen Herzschlag des Überraschungsgastes auf dieser seltsamen nächtlichen Soiree und das gleichmäßige ruhige Atmen schien auch ihren hektischen Atem wieder zur Ruhe zu bringen.
Sie wusste nicht warum, aber gleichzeitig fühlte sie sich in den Armen des Unbekannten plötzlich unglaublich geborgen und doch brannte das Feuer der Anspannung sich durch ihren Körper und vermischte sich mit dem anziehendem Geruch des Fremden. Sie spürte seine feste Brustmuskulatur unter weichem T-Shirt-Stoff.
Er schien die perfekte Größe zu haben, um sich anzulehnen und obwohl der Augenblick nur wenige Sekunden dauerte, dehnte er sich für sie zu einer bitter-süßen Ewigkeit voller seltsamer Spannung.

Sie tastete nach ihrer Tasche und fand ihre Taschenlampe. Aus irgendeinem Grund löste sie sich nicht von dem Unbekannten, der ihr aus mysteriösen Gründen Sicherheit gab. Immer noch in seinen Arm gekuschelt, schaltete sie die Taschenlampe ein.
Eine kurze Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit.
Sie spürte, dass ihr Beschützer sich gleichzeitig bewegte und sein Muskelapparat scheinbar wie eine perfekt eingestellte Maschine funktionierte. Ihr Instinkt, mit dem sie dem Unbekannten vertraute, wurde dadurch bestätigt, dass er sich zwischen sie und die schattenhafte Gestalt schob, die sich plötzlich durch die kaputte Tür drängelte.

Obwohl sie den Schein ihrer Taschenlampe sofort in Richtung der Tür lenkte, entkam der nächtliche Angreifer unerkannt.
Sie leuchtete kurz über den Boden und bemerkte die schwere Kette mit dem kaputten Vorhängeschloss auf dem Boden, sowie eine schwere Stabtaschenlampe, die scheinbar die Waffe war, mit der sie zuerst geblendet und dann angegriffen wurde.
Vorsichtig verschob sie den Lichtkegel ihrer Lampe, um ihren Beschützer in Augenschein zu nehmen.
Als sie hoch blickte, sah sie in die dunklen Augen von Teddy. Er blickte sie mit seinem typischen zynischen Lächeln an, doch als er sie ruhig fragte: „Ist mit Dir alles in Ordnung, Alise?“, spürte sie nicht nur ernsthafte Sorge in seiner Stimme, sondern bemerkte auch, dass ein spezielles Timbre seiner Stimme einen leichten angenehmen Schauer durch ihr Rückgrat sandte.
Ich glaube schon“, antwortete sie mit wiederkehrender Ruhe, aber ohne sich aus seinem Arm zu lösen.
Sie versuchte sich einzureden, dass es die Angst davor war, dass ihre von der Angst etwas weichen Beine sie nicht tragen könnten, aber das war nicht der einzige Grund.

Was machst Du hier?“ Neugierig schaute sie ihren unerwarteten Leibwächter direkt an.
Ich hatte ein mieses Gefühl, als Du so alleine nachts losgefahren bist, also habe ich beschlossen, Dir zu folgen. Ich wollte sichergehen, dass Du unbeschädigt zuhause ankommst.
Hast Du öfters solche speziellen Eingebungen?“ fragte Alise neckisch provozierend.
Gelegentlich“, antwortete Teddy mit einer fast ebenso provokanten Ruhe in der Stimme.
Alise unterdrückte krampfhaft ihre Neugier, denn ihr plötzliches Interesse an dem besten Freund ihres „Beinahe-Freundes“, war wahrscheinlich mehr, als nur ein wenig unangemessen. Sie versuchte, sich mit der jetzigen Situation abzulenken.
Hast Du ihn erkannt?“, fragte sie Teddy und löste sich aus seinem Arm, blieb aber in seiner unmittelbaren Nähe.
Ungefähr meine Größe, ein wenig dünner und nicht sehr geschickt.
Naja, das trifft auf viele zu.
Teddy zuckte mit den Schultern.
Da bin ich wohl kein guter Zeuge, ich habe mich mehr darauf konzentriert, dass Du nicht niedergeschlagen wirst.
Einen kurzen Augenblick schoss Alise die Schamesröte ins Gesicht, doch dann bemerkte sie ein verräterisches Schmunzeln auf seinen Lippen und sie knuffte ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen. Sie war erstaunt, wie mühelos sich seine Muskeln anspannten, um ihren Stoß abzufedern.

Was immer du hier suchst, wäre es nicht besser, das Ganze auf eine hellere Tageszeit zu verlagern?
Ja, aber…“, wollte Alise widersprechen.
Und vielleicht sollten Sunny und Ich Dich begleiten, falls unser unbekannter neuer Freund nochmal auf Kontaktsuche ist.
Leider fiel Alise gerade kein Grund ein, die Unterstützung der beiden Jungen abzulehnen. Ein Teil in ihr sehnte sich sogar danach.
Außerdem hatte Teddy recht, bei diesem Licht würde sie wahrscheinlich die Hälfte aller Spuren übersehen.
Überredet“, antwortete sie.
Gut“, erwiderte Teddy „ Ich begleite Dich noch bis in die Stadt, falls der Typ noch irgendwo herumschleicht. „
Alise nickte. „Da hinten steht mein Fahrrad. Wo hast Du Deines?
Ich bin ohne unterwegs.
Du bist mir zu Fuß vom Sonnenbergerhof gefolgt?“, fragte Alise ungläubig.
Teddy lächelte.

Alise konnte nicht behaupten, dass sie übermäßig langsam fuhr, während Teddy im lockeren Laufschritt neben ihr her trabte.
Die Ausdauer des athletischen Jungen beeindruckte sie ungemein.
Er brachte sie natürlich bis zur Schmiede.
Aus einem Impuls heraus verabschiedete sie sich mit einer Umarmung, die er sanft erwiderte. Mit einem warmen Gefühl im Bauch verschwand Alise im Haus und blickte nochmal unauffällig aus dem kleinem Flurfenster, um zu sehen, wie Teddy im lockeren Laufschritt wieder aufbrach.
Sie entschloss sich, dass sie unbedingt eine warme Dusche, eine Kanne ihres Spezialtees und ein wenig Entspannung brauchte, um die Erlebnisse dieses Tages irgendwie einzusortieren, ohne davon seltsame Träume zu bekommen.

Fortsetzung folgt…

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