Brot und Spiele – Teil 1

Während die Mittagszeit immer näher rückte, nahm auch die Aktivität in dem kleinen Imbiss stetig zu.
Teddy bemerkte, dass es immer häufiger zu Anrufen kam, die der jüngere Mitarbeiter geduldig entgegennahm. Während sich die Bauarbeiter schon wieder auf ihren Weg gemacht hatten, waren weiter Kunden eingetroffen und verspeisten ihr Mittagessen oder trugen die bedruckten Tüten, gefüllt mit den Leckereien ihrer Wahl, aus dem Geschäft.
Teddy hatte seinen Teller bereits mit viel Genuss leer gegessen und auch Theresa hatte ihr asiatisches Nudelgericht verspeist, während sie sich angeregt unterhalten hatten.
Es war erstaunlich, wie in Tessas Gegenwart die Zeit verging, stellte Teddy fest, als er kurz auf das Display seines Smartphones blickte, um zu sehen, was Sunny ihm geschrieben hatte. Tessa stellte lachend fest, dass es auch morgen wohl wieder einen schönen Tag geben würde und griff nach den leeren Tellern. Teddy schaute kurz verdutzt, aber als sie ihm die Teller noch einmal kurz präsentierte, verstand er die Anspielung.
Obwohl Teddy aus den Fehlern der Vergangenheit längst gelernt hatte und die Telefonnummer des Mädchens bereits in sein Smartphone gespeichert hatte, versetzte es ihm einen kleinen Stich, als sie zum Tresen schlenderte.
Er nahm den letzten Schluck aus der Dose und brachte die insgesamt drei leeren Dosen zum Sammelbehälter neben dem Kühlschrank, der eindeutig dafür vorgesehen war. Dann schritt er zum Tresen, um seine Rechnung zu begleichen.

Der ältere Asiat war gerade mit Kochen beschäftigt und unterhielt sich lautstark mit Tessa, die in einem der hinteren Räume verschwunden war. Der jüngere Koch hatte den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt und versuchte, gleichzeitig eine Bestellung aufzunehmen und eine andere zu verpacken, während sich vor dem Tresen eine kleine Schlange hungriger Kunden angestellt hatte.
Tessa kam nach vorne und stellte sich zu Teddy. Er hielt ihr sein Smartphonedisplay entgegen.
Weißt Du, wo diese Adresse ist und wie ich da am Besten hinkomme?
Am Besten, am Schnellsten oder am Günstigsten?
Welche Form würdest Du empfehlen?
Ich kann Dich mitnehmen, fahre aber einen kleinen Umweg.
Eine Fahrt mit Dir kann gar kein Umweg sein“, entgegnete Teddy und lächelte sie an.
Sie lächelte zurück.

Na, dann komm mal mit
Warte, ich muss noch bezahlen“, fiel Teddy ein.
Vergiss es, Du bist eingeladen.
Aber…“, wollte Teddy protestieren.
Geht auf Tommy, Du bist ihm sympatisch“, unterbrach Tessa und nickte leicht zu dem jüngeren Koch rüber, der ihr Nicken mit einem kurzen Handzeichen bestätigte.
Teddy winkte ihm zum Dank zu, denn er wollte ihn nicht bei der Arbeit stören, und folgte Tessa zur Tür.
Als sie draußen waren, gestand er ihr: “Eigentlich dachte ich zuerst, dass Tommy dein fester Freund ist.
Tessa legte den Kopf in den Nacken und lachte glockenhell.
Das wäre auf so viele Arten falsch.
Teddy blickte sie interessiert an.
Seid ihr etwa verwandt?“
Nein, ganz im Gegensatz zu anders lauten Vorurteilen sind Asiaten nicht alle miteinander verwandt. Obwohl, irgendwie gehört er doch zur Familie…“, sie blickte etwas grüblerisch ins Leere.
Egal, wir sind zumindest schon lange miteinander bekannt und er steht absolut nicht auf mich.
Wie kann das sein?“, wunderte sich Teddy.
Sagen wir, Du hättest bessere Chancen seine feste Freundin zu werden.
Eine Sekunde stutzte Teddy, bevor er das Bild verstand. Er zuckte mit den Schultern.
Eher nicht, Petticoat steht mir nicht, darin wirke ich fett“, stellte er mit ernster Miene fest.
Tessa stutzte kurz und fing dann erneut an zu Lachen.
Er ist aber wirklich ein toller Tänzer.
Tanzt Du auch?
Kommt darauf an, wer mich auffordert.
Teddy mochte es, dass Tessa ein wenig frech und schlagfertig war. Sie hatte genau seine Humorfarbe. Sie öffnete das Fach unter dem Rollersitz mit ihrem Schlüssel und reichte Teddy den darin befindlichen Helm.

Du hast Glück, dass mich der Spinner heute genötigt hat, dass ich Ihn mitnehme, daher habe ich den Ersatzhelm dabei.
Hat er darum vorhin mit Dir gestritten?
Ja, er wollte mir Taxidienste aufzwingen und ich habe ihm erklärt, dass ich nicht sein Chauffeur bin. Du hast das mitbekommen?
Ja“, gestand Teddy, „Eigentlich war ich hier, weil ich ihn… sagen wir… beschattet habe. Ich habe ihn eben am Bahnhof gesehen und bin ihm bis hierhin gefolgt, daher konnte ich die kleine Szene mit deinen Cousins beobachten.
Ach so, ja, ich habe ihn auf Höhe des Bahnhofes quasi rausgeschmissen, eigentlich eher herunter komplimentiert. Ich hatte ihn mehrfach gewarnt, dass er, wenn er tatscht, laufen darf. Aber Herr Krabbelkäfer konnte seine Finger ja nicht in der neutralen Zone lassen.“
„Dann sollte ich besser aufpassen, wenn ich gleich mitfahre.

Tessa lächelte hintergründig, wechselte aber gleich wieder das Thema: „Womit hat Marc-André denn deine Aufmerksamkeit verdient?
Er steckt da in so einer Sache, ich weiß noch nicht auf welche Art und wie, aber es gibt Hinweise darauf, dass er aus einer Scheune in der es einen Brandvorfall gab, eine externe Festplatte heimlich holen wollte.
Was war denn auf der Festplatte?
Keine Ahnung, sie ist passwortgeschützt.
Das ist ja eher ein kleineres Problem.“
Du kennst Dich mit so etwas aus?
Ein wenig, aber für Marc-Andrés Sicherheitsmaßnahmen dürfte es auf jeden Fall ausreichen.
Teddy schwankte gerade innerlich, denn würde er Tessa bitten, ihm zu helfen, wäre es nicht nur eine Gelegenheit, ein Wiedersehen mit dem heißen Mädchen zu organisieren, sondern könnte auch bei der Lösung eines der vielen Rätsel helfen. Auf der anderen Seite wollte er sie nicht auf ihren Cousin hetzten oder gegen ihre Familie aufbringen, das fand er unfair. Unsicher setzte er den Helm auf und beschloss, sich dem Problem später zu stellen.

Als er sich hinter sie auf den Roller setzte und ihre Körperwärme spürte, war er sowieso damit beschäftigt, an die „Neutrale Zone“ und ihre Grenzen und ein wenig darüber hinaus zu denken.
Zwar legte er seine Hände ganz manierlich auf ihre schmale Taille, aber im Geist wanderten seine Finger neugierig weiter.
Er hatte noch nie auf einem motorisierten Zweirad gesessen, aber irgendwo mal gehört, dass Balance sehr wichtig war, daher versuchte er, sich den Bewegungen der Fahrerin möglichst unterstützend anzupassen.
Ihr Fahrstil würde wohl von einem zynischen Zeitgenossen als „interessant“ eingestuft werden, aber Teddy stellte fest, dass wenn man erst die panischen ersten Minuten voller Todesangst überwunden hatte, ein adrenalinhaltiger Spaß geboten wurde.
Es hatte etwas von einer Achterbahn, denn trotz ihrer rasanten Millimeterarbeit, mit der sie ihren Roller durch den mittäglichen Straßenverkehr fädelte, fühlte er sich nach kurzem doch recht sicher. Sie hatte ein ausgezeichnetes Reaktionsvermögen und ein fast prekognitives Gefühl für Lücken im Verkehr.
Erstaunlich war, dass sie sich, trotz einer gefühlten anderen Wahrnehmung, scheinbar komplett an die geltenden Verkehrsregeln hielt, obwohl sie eine großzügige Auslegung zu bevorzugen schien.

Als sie den Roller sanft abbremste und auf einen breiten Fußgängerweg steuerte, um zu Parken, war Teddy fast traurig über das Ende der aufregenden Fahrt und obwohl sein Körper noch vor Adrenalin zitterte, begannen bereits die ersten Endorphine sein Gehirn in einen rosa Nebel zu hüllen.
Er stieg ab, setzte den Helm ab und schüttelte kurz seinen Kopf, um seine Synapsen wieder an ihre angestammten Plätze zu verweisen. „Hältst Du ihn solange? Wir bleiben nicht lange“, fragte Tessa und zeigte auf den Helm in seinen Händen.
Na, klar“, antwortete Teddy.
Neugierig blickte er sich um. In der Nähe sah er das alte Gebäude des ehemaligen Hauptbahnhofes, der nach dem Bau eines neuen Bahnhofes in den 60er Jahren zum Nordbahnhof umbenannt wurde. Der alte Bahnhof war ein wunderschönes Gebäude und einer der ältesten Bahnhöfe der Gegend. So weit er wusste, stand er unter Denkmalschutz.
Anhand der alten, etwas heruntergekommenen Wohnhäuser aus der Zeit der Jahrhundertwende, schloss er, dass sie wahrscheinlich im berüchtigten Nordviertel der Stadt waren.
Soweit Teddy es wusste, erfüllte dieses Viertel alle Ansprüche, die man aus Tradition an die Gegend hinter einem Bahnhof stellte.

Bei ihrer ersten gemeinsamen Fahrt in die Großstadt hatte Tante Emilia Sunny und ihm mehrfach eingeschärft, sich nicht in dieses Viertel zu verirren.
Wenn er nur der Hälfte ihrer Warnungen glauben schenken könnte, müsste das gesamte organisierte Verbrechen Europas hier seine Wurzel haben.
Die drei ersten Ladenlokale, die sich hinter ihnen an den Bürgersteig anschlossen, schienen das Horrorszenario zu bestätigen. Ein Tattoostudio wurde von einem Erotikfachgeschäft und einem Laden einer berüchtigten Warenkette, die neben Tabakwaren und Zubehör, sowie Zeitschriften und Zeitungen auch mit waffenscheinfreien Waffen, Messern, jugendfreiem Feuerwerk und diversen Seltsamkeiten handelten, flankiert. Quasi das Erotikfachgeschäft für den anspruchslosen Waffenfetischisten.
Teddy wusste nicht, ob er erleichtert oder besorgt war, als Tessa das mittlere Geschäft ansteuerte, aber dank seiner Tante Akane, die ebenfalls ein, wenn auch im Design völlig anderes Studio führte, war er mit dieser Art von Läden im Gegensatz zu den anderen vertraut.

Das Design dieses Ladens schien sich mehr an Kunden aus der Rockerszene zu richten.
Teddy sah im Schaufenster, neben einigen geschmackvollen Bildern der hier angefertigten Produkte und dem hier angebotenen Piercingsschmuck, einige typische Devotionalien, die schon immer mit der Geschichte des Rock und gerade der härteren Art verbunden waren. Mutig betrat er das Geschäft.
Innen sah es sehr ordentlich aus. Der Boden war schwarz gekachelt und spiegelte das Licht aus den Spots, die in die Decke eingelassen waren.
Aus den in den Ecken befestigten Lautsprecherboxen dröhnte zu seiner Überraschung der Soundtrack von „Dirty Dancing“ und ein muskulöser Mann mittleren Alters, dessen sonnengebräunten definierten Oberarme mit Tätowierungen bedeckt waren, blätterte gelangweilt in einem Magazin, während er auf den langen Tresen gelehnt war, der den hinteren Teil des kleinen Ladens abtrennte.
Ein schwarzer Samtvorhang bedeckte den kleinen Eingang neben dem Tresen, wo es scheinbar in die einzelnen Räume der Tätowierer ging. In einem Regal standen die großen Alben mit den Tätowiervorlagen und zwei Vitrinen präsentierten weiteren Körperschmuck.
Der große Kerl hatte neben sich eine große Tasse mit dampfendem Kaffee stehen, deren glasierte schwarze Keramikummantelung die wichtige Titulierung „Bester Daddy der Welt“ verkündete.
Entweder hatte dieser durchtrainierte Fleischberg also ein Kind gezeugt, oder irgendeinem armen Vater die Tasse aus seinen kalten toten Fingern gerissen und als Trophäe mitgenommen. Teddy hoffte auf erste Variante.

Tessa ging direkt auf den grobschlächtigen Rocker zu.
Hey, Dave, gibst Du mir mal bitte mein Schweini?
Dave nickte kurz, nahm einen Schluck aus der Tasse und ließ das Magazin auf dem Tresen liegen, während er kurz in einen hinteren Raum ging.
Er kam mit einem größeren schwarzen Keramiksparschwein zurück, auf dem mit dicken roten Lackstift “Tessa“ geschrieben war und stellte es auf den Tresen. Tessa suchte kurz an ihrem großzügig mit allerlei Anhängern und Kram bestückten Schlüsselring, drehte das arme Schweini auf die Flanke und führte mit einem kleinen Schlüssel eine Operation am offenem Bauchraum durch, bei der sie einige Geldscheine extrahierte, um dann die Bauchwunde wieder mit dem Deckel zu verschließen, es aufzustellen und dem Rocker namens Dave zuzuschieben.
Er setzte seine Tasse erneut ab und nahm Schweini wieder mit in den hinteren Teil des Ladens.
Wie geht‘s Betty?“, fragte er aus dem hinteren Teil des Ladens.
Heute morgen recht gut, sie haben sich gestern mal einen Tag frei genommen, um eine kleine Tour durch den wilden Osten zu machen. Wenn es die Situation zulässt, unternehmen sie am Wochenende einen kurzen Trip in die Tschechei. Kommt halt darauf an, wie sich alles entwickelt.“
Dann grüß mal von mir. Und natürlich auch ihre bessere Hälfte.
Redet ihr von Deiner Mutter?“, fragte Teddy leise.
Tessa nickte.
Dieser Typ kennt sie?
Ich hoffe schon, schließlich arbeitet er schon eine halbe Ewigkeit für sie.
Heißt das, deine Mutter…?
Ja“, antwortete Tessa, „Betty gehört der Laden hier.
Du nennst deine Mutter beim Vornamen
Ja, klar, warum nicht?
Teddy zuckte mit den Schultern.
Rufst Du deinen Vater auch so?
Nein, es würde ihn völlig verwirren, wenn ich Ihm einen Frauennamen geben würde. Vor allem, wenn es derselbe wie der von seiner Frau wäre.
Teddy musste grinsen.
Aber nein, er mag es, wenn ich in Papa nenne, denn irgendwie bin ich seine kleine Prinzessin.
Teddy blickte kurz beunruhigt zu Dave, der wieder nach vorne kam.
Ist dein Vater auch so ein Kaliber?
Wie Dave? Nein, Dave ist harmlos, mein Vater ist da schon etwas krasser drauf.
Teddy schluckte und sie lächelte herausfordernd.

Gemeinsam verließen sie den Laden und gingen zu dem wartenden Roller.
Lagerst Du deine Barschaften immer im Laden?“, fragte Teddy, um auf andere Gedanken als einen wütenden amoklaufenden Rockervater zu kommen.
Das sind nicht meine Ersparnisse, sondern mein Vorlagengeld. Immer wenn ein Kunde sich ein Motiv stechen lässt, das ich entworfen habe, bekomme ich einen Anteil in mein Schweini.
Teddy nahm seinen ganzen Mut zusammen: „Gut, dann habe ich noch eine blöde Frage.“
Lass hören.
So als Tochter einer Tätowiererin, findest Du da eigentlich diese Tattooärmel und Klebetattoos nicht voll lächerlich?
Doch, total.“ Leicht ungläubig setzte Teddy den Helm erneut auf.
Beim Aufsteigen auf den Motorroller strich er „zufällig“ mit seinem Handrücken über ihre gezeichnete Schulter. Er spürte unglaublich zarte, warme und vor allem nackte Haut. Ein kribbelndes Gefühl stieg in seinem Bauch auf.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben