Das große Finale – Teil 1

Teddy war reichlich nervös. Angeblich war es ja ein gutes Zeichen, aber gestern, bei den abschließenden Proben für den heutigen großen Tag, war alles schief gegangen, was nur schief laufen konnte. Die Liste kleiner Unfälle und Debakel war zu lang, um sich über einzelne Vorfälle aufzuregen, wie zum Beispiel den Umstand, dass Teddy beim Spielen eine Gitarrensaite gerissen war und ihm eine blutige Schramme über die Hand gezogen hatte. Natürlich war es genau die Saite, für die er gerade keinen Ersatz hatte, was nur eines der Probleme war, die ihre Generalprobe fast unmöglich machte.
Es war ein Wunder, dass es nicht zu großen Streitereien gekommen war, denn die Nerven aller Bandmitglieder waren fast bis zum Zerreißen gespannt. Zum Glück war es so, dass sich in ihrer kleinen Runde immer wieder eine „Stimme der Vernunft“ fand, die es schaffte, alle drohenden Konflikte abzuwenden.
Auch die finale Kostümprobe hatte einige Probleme aufgezeigt, die bei den Videoaufnahmen noch nicht aufgefallen waren.
Außerdem kam Sunny noch mit der Idee, eine Choreographie zu erstellen. Der erste Versuch war nicht gerade beeindruckend und erst nach mehreren Änderungen kam jemand auf die Idee, sich zu erkundigen, wie groß die Bühne sein würde, um die Aufstellung und Choreographie auf die Maße anzupassen. Teddy war sich nicht sicher, ob es beim Metal tatsächlich um eine gute Choreographie ging, aber Jedem einen festen Platz auf der Bühne zu geben und sich abzustimmen, konnte ja nicht schaden. Allerdings herrschte der Anspruch der Mehrheit, die Choreographie an die Geschichte der Songs anzupassen, wofür einige Ideen gesucht werden mussten.
Zum Glück war ihre Frontfrau Alise tänzerisch sowohl erfahren, als auch talentiert genug, dass sie viele Ideen schnell umsetzen konnte. Tatsächlich hing viel der Darstellung an Teddy und Alise, die beide genügend Tanztraining hatten, um eine gute Figur zu machen.
Da sich Paddy und Lilly jeweils hinter ihren Instrumenten verschanzen konnten, stellten sie das geringste Problem dar. Also „coachte“ Teddy Sunny, während Alise entsprechend Tessa instruierte, damit sie sich in das Konzept eingewöhnen konnten.

Tief in der Nacht war Teddy dann todmüde ins Bett gefallen, um sich von seltsamsten Träumen verwirren zu lassen.
Nachdem er am Morgen seine innere Ruhe durch ein kleines Training im alten Apfelgarten und eine Laufeinheit durch die sommerliche Heide wiedergefunden hatte, fand er Sunny im Stall vor, der seine Nervosität bei der Pferdepflege zu lindern suchte.
Teddy leistete ihm eine Zeit Gesellschaft und striegelte seinen Hengst Gulasch, bevor er sein morgendliches Pflichtprogramm im Badezimmer absolvierte und den notorischen Langschläfer Paddy weckte.
Scheinbar war Paddy der Einzige unter den drei Jungen, der wie ein Murmeltier geschlafen hatte. Teddy bewunderte seine kaltschnäuzige Ruhe, mit der er das aufregende Ereignis anging. Natürlich war es auch Teddy klar, dass sie nichts zu verlieren hatten, denn in der großen Wette konnte das Team um Sunnys Cousin Adolpho ja maximal ein „Unentschieden“ herausarbeiten. Trotzdem wünschte sich Teddy einen kleinen Erfolg für die viele Arbeit, die sie sich gemacht hatten.

Das erste Problem tauchte kurz nach dem Frühstück auf. Zwar kam Alises Bruder mit dem Transporter der Schmiede, hatte allerdings neben den drei Mädchen auch noch Alises anderen Bruder, sowie ihren Vater mitgebracht, die sich diese Show nicht entgehen lassen wollten.
Der Wagen bot somit zwar genug Platz für die Ausrüstung, aber nicht genügend Sitzplätze für die gesamte Band. Spontan entschied sich Sunnys Mutter, Emilia Sonnenberger, die Jungen in ihrem Wagen zu fahren. Sunnys Vater würde später mit Oma Irmelbert nachkommen, die den Auftritt ihres kleinen Sonnenscheins nicht verpassen wollte.
Teddy überprüfte ganze drei Mal, zusammen mit Alise, anhand ihrer Packliste, ob sie alles eingeladen hatten, bevor sie von den anderen Bandmitgliedern genötigt wurden, endlich einzusteigen und loszufahren.
Gegen zwölf Uhr starteten sie, denn sämtliche Bands sollten sich bis spätestens dreizehn Uhr angemeldet haben. Soweit sie wussten, sollte zwischen dreizehn Uhr und fünfzehn Uhr das Umkleiden und der Soundcheck stattfinden und ab sechzehn Uhr war dann Einlass für die Besucher.

Teddy fuhr mit Paddy und Tessa bei Emilia Sonnenberger im Wagen mit, wo sich die beiden Teenager auf der Rückbank in Ruhe ausgiebig begrüßen und sich ihrer jungen Liebe hingeben konnten. Da Paddy sich gut mit Emilia Sonnenberger unterhielt, störte das knutschende Pärchen weder die beiden, noch unterbrachen Paddy und Emilia Sonnenberger den exzessiven Austausch von Speichel, den Teddy und Tessa mit vollem Zungeneinsatz zelebrierten.
Teddy bemerkte plötzlich überrascht, dass sie angekommen waren, so sehr war er von den intimen Zärtlichkeiten mit seiner geliebten Tessa abgelenkt. Die plötzliche Ruhe, die ihm dieses kleine Intermezzo brachte, kam ihm sehr zupass, denn jetzt gab es kein Zurück mehr. Vor ihnen ragte das große Gebäude mit dem Jugendzentrum auf, in dem sie sich dem Kampf um Ehre und Heide stellen würden.

Schon auf dem Parkplatz trafen sie auf den extrem gut gelaunten Marc-André, der sich ungewohnt freundlich anbot, seiner Konkurrenz zu helfen, den Backstage-Bereich zu finden und ihre Ausrüstung dorthin zu bringen. Zwar war Teddy tatsächlich misstrauisch, in Hinblick auf die ungewohnt lockere Art, aber nach kurzem stellte er fest, dass Marc-André tatsächlich echt gute Laune hatte und sich wie ein „Schneekönig“ auf den Auftritt freute. Selbst Alise merkte leise gegenüber Teddy an, dass heute Marc-André „die Sonne aus seinem verlängertem Rücken scheinen“ würde, doch Teddy beschloss, der Sache heute einfach mal eine Chance zu geben.
Das Jugendzentrum war ein zweistöckiger Flachdachbau aus den achtziger Jahren, an welchem die kleine Mehrzweckhalle, der Ort des Geschehens, angebaut worden war. Ein ebenfalls zweistöckiger Flur verband die beiden Gebäude und bot im Erdgeschoss den offiziellen Eingang in das sehr geräumige Gebäude. Kurz hinter dem Eingang führte der Weg entweder rechts in die Halle, deren Türen gerade geschlossen waren oder nach links in den unteren Teil des Hauptgebäudes, der hier zuallererst die Räume eines Jugendcafés hatte. Eine Treppe führte sowohl nach oben, als auch in den Kellerbereich und die Rückwand des Flurbereiches wurde großzügig als schwarzes Brett genutzt. In einer Ecke des Flures wurden schon Tische aufgestellt, sowohl für die Kasse, als auch sehr offensichtlich als Werbeplattform und Verkaufsstand für die Partner der Veranstaltung.
Für Begleitungen der Bands war ein Teil des Cafés bereits geöffnet, denn den Backstagebereich durften natürlich nur die Bands und ihre Mitarbeiter betreten. Emilia Sonnenberger wurde freundlicherweise von Alises Vater zu einem Kaffee eingeladen und ihre Brüder entdeckten neugierig das Jugendzentrum, während Marc-André die Band zur Anmeldung brachte.

Sie erfuhren, dass heute insgesamt zehn Bands spielen würden und dass sie die Startnummer Sieben haben würden. Unter sieben teilnehmenden Bands waren die Startnummern ausgelost worden und die drei Bands, die als letztes spielen würden, waren die drei besten Bands des letzten Jahres. Sie waren somit von den „Neueinsteigern“ auf einen der besten Plätze gelost worden, denn je weiter hinten der Auftritt lag, umso besser. Der Zeitplan sah vor, dass jede Band fünfzehn Minuten hatte, sich auf der Bühne einzurichten, ihren Song zu präsentieren und ihren Applaus zu kassieren, bevor sie den Platz für die nächsten Teilnehmer räumen mussten. Demnach sollte jede Band spätestens fünfzehn Minuten, nach dem ihr Vorgänger angefangen hatte, am Bühnenaufgang bereitstehen. Nach den ersten sieben Bands würde es eine kurze Pause geben, um dann die drei „Highlight“- Bands zu präsentieren und dann würde eine bereits etablierte regionale Band mit dem Namen „Sissy’s Top“, außerhalb der Konkurrenz, eine Stunde spielen, um den Preisrichtern die Zeit zu geben, die Applausmessungen und die Internetabstimmung auszuzählen und somit die drei besten Bands zu bestimmen. Danach würde es noch ein Finale geben, wo die drei besten Bands um ihre Rangfolge gegeneinander antraten und die Gewinnerband sollte noch einen Abschlusssong spielen, bevor der Abend sein Ende finden würde.
Von den Räumen im Oberen Stockwerk waren fünf Stück als Umkleiden für jeweils zwei Bands eingerichtet worden. Somit mussten sie sich ihre Umkleide mit einer anderen Band teilen. Zu Teddys Erleichterung, waren es nicht ihre persönlichen und direkten Konkurrenten.
Kurz nachdem sie ihre Ausrüstung in die Umkleide gebracht hatten, kam auch ein Mitarbeiter, um ihnen einige Zettel mit Zeitplan, Informationen und ähnlichem zu geben. Unter anderem mussten sie auch noch einige Zettel ausfüllen und unterschreiben, die mit der Übertragung der Veranstaltung und dem Einverständnis im Rahmen des Datenschutzes zu tun hatte.

Teddy ließ sich zeigen, wie man über den oberen Flur, der zur Halle führte, zum hinteren Eingang kam, der zur Bühne führte und den die Bands heute nehmen würden. Es gab hier oben auch eine kleine Empore, von der aus man die Auftritte der Konkurrenz sehen konnte. Hier oben auf der Empore war ansonsten auch die Steuerung der Technik, also von Licht und Ton, untergebracht, da von hier alles überschaut werden konnte, sowie ein Teil des Aufnahmeteams und ein Tisch für die Verantwortlichen für den Livestream. Außerdem hatte man an der Rückwand einen Tisch mit Getränken, einigem Knabberkram und belegten Brötchen für die Bands und die Techniker aufgestellt.
Teddy sah sich alles genau an. Die Bühne machte von hier oben einen durchaus professionellen Eindruck.
Bestimmt drückte er sein Lampenfieber herunter und begleitete den Rest der Band zu Lichtprobe und Soundcheck.
Sie hatten zwar nur zehn Minuten, um sich mit der Technik abzusprechen, waren aber dank der Katastrophen des gestrigen Tages gut vorbereitet und die drei Haustechniker gaben sich Mühe, die junge Band zu unterstützen.

Als sie zurück in die Garderobe gingen, war Teddy wesentlich ruhiger. Sie fingen an sich vorzubereiten, umzuziehen und zu schminken. Die vierköpfige Band, mit der sie sich den Proberaum teilten, kam erst später.
Es waren vier langhaarige Metaller von ungefähr siebzehn oder achtzehn Jahren, die auf Teddy keinen besonderen Eindruck machten. Sehr zu seinem Missfallen hatten sie Bier und andere Alkoholika eingeschmuggelt und tranken sich Mut an. Zwei Bandmitglieder rauchten auch, aus dem geöffneten Fenster gelehnt. Teddy wollte allerdings weder einen Streit anfangen, noch sich um die großmäuligen Kerle kümmern, die versuchten, die kleine „Kiddieband“, wie sie die Freunde nannten, durch dumme Sprüche zu verunsichern.
Auch die tölpelhaften „Anmachversuche“, die sie gegenüber den drei hübschen Mädchen unternahmen, konnten diese auch ohne Teddys Hilfe leicht abwehren. Tatsächlich hatte Teddy schon eher Mitleid mit den Idioten, die sich nur unter Alkoholeinfluss trauten, ihre großen Klappen zu öffnen. Ihr Gespött gegen das Black-Metal-Outfit der Band, war im Hinblick auf ihre ganz fehlende Kostümierung und der Erklärung, sie würden Death-Metal spielen, auch eher lächerlich. Trotzdem war Teddy froh, als er erfuhr, dass die vier Chaoten die Startnummer Eins hatten und nach ihrem Auftritt schnell zusammenpacken wollten, um dann zu feiern.

Er fragte sich, ob Adolpho und Marc-André mit ihren Garderobennachbarn mehr Glück hatten, aber eigentlich wollte Teddy das gar nicht so genau wissen. Er blickte noch einmal auf den Ablaufplan und bemerkte jetzt erst, dass die „Screaming Overlords“ nach ihnen spielen würden. Scheinbar war Marc-André mit seiner Band letztes Jahr auf den dritten Platz gekommen.
Darum war ihm die Teilnahme also so wichtig. Die Chance standen also doch besser für sein Team.
Teddy schluckte kurz und überlegte sich, den anderen nichts davon zu sagen.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben