Das große Finale – Teil 2

Nervös streunte Alise in der Garderobe auf und ab. Sie war merklich aufgeregt und versuchte, sich auf den Auftritt zu fokussieren. Diese Nacht war sie von regelrechten Alpträumen verfolgt worden.
Sie erinnerte sich deutlich an ihre letzten Versuche, vor anderen Leuten zu singen und der Umstand, dass sich ihre Brüder heute schon beim Frühstück mit Spitzfindigkeiten über sie lustig gemacht hatten, trug nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei.
Sie hatte ebenfalls eine innere Angst davor, in einen der aufgestellten Spiegel zu schauen, denn sie war weder von ihrem Kostüm, noch von dem Make-Up, welches ihr Lilly verpasst hatte, wirklich überzeugt.
Sunny hatte gesagt, es würde alles gut werden, wenn sie sich einfach ganz natürlich fühlen würde, doch davon war sie kilometerweit entfernt. Das die blöden Metalheads, mit denen sie die Garderobe teilen mussten, ihr auch noch anzügliche Sprüche entgegen geschleudert hatten, war trotz ihrer vorgespielten Schlagfertigkeit auch nicht gerade ein beruhigender Faktor.
Ihre beiden Freundinnen Tessa und Lilly sahen in ihren schwarzen Lederoutfits einfach wahnsinnig sexy aus und die übertriebene Bühnenschminke verringerte diesen Eindruck auch nicht im mindesten. Sie war ein wenig eifersüchtig und fühlte sich wie das hässliche Entlein, dass dann auch noch nach vorne in die Mitte gestellt werden sollte, um das zu tun, was sie am allerwenigsten konnte und am meisten fürchtete, nämlich singen.

Die Jungs sahen auch verdammt sexy aus. Zu ihrer Überraschung wirkte Sunny mit schwarz gefärbten Haaren auf eine sehr anziehende Art irgendwie unheimlich. Lillys Arbeit als Visagistin und ein paar Kontaktlinsen, die wie fluoreszierende Reptilienaugen wirkten, verstärkten den unheimlichen Eindruck, der Alise durchaus sehr anregte.
Auch Teddy war in seinem Gruftirock-Outfit ein echter Hingucker, was Alise schon seit dem Videodreh wusste. Das Fotomaterial hatte sie vorsorglich in ihrem digitalen Ordner für „anregendes“ Material gesichert, da ihr die unverblümte Erotik, die die Jungs ausstrahlten, durchaus bewusst war.
Sie überlegte immer noch, wie sie genügend Sex-Appeal aufbringen sollte, dass sie ihre Freunde nicht enttäuschen würde. Sie atmete noch dreimal tief ein und auch wieder aus und entschied sich, den anderen Mitgliedern ihrer Band auf die Empore zu folgen, um sich die anderen Bands anzuschauen.
Vielleicht würde das soweit von dem Lampenfieber ablenken, dass sie die nächsten Stunden überleben würde, ohne vor Scham im Boden zu versinken.

Als Alise die Empore betrat und zu ihren Freunden ging, war die erste Band, ihre Garderobennachbarn, schon mitten in ihrem Set. Ihre Musik war hauptsächlich laut, was aber die ersten Headbangwütigen nicht davon abhielt, sich warm zu schütteln.
Sie schlängelte sich durch die anderen Musiker, die, auf ihren Auftritt wartend, das Debakel auf der Bühne verfolgten und stahl sich geschickt in die Arme ihres Freundes Sunny, der sanft seine Arme um sie legte. Seine Wärme und das sanfte Streicheln beruhigten sie ein wenig, so dass sie ihren Rücken an seine Brust drückte und ein wenig entspannter dem Treiben auf der Bühne folgte.
Sie zog seine Hände zu ihrem Bauch und er streichelte sie kribbelig und doch zärtlich und küsste sinnlich ihren Hals. Sie genoss seine Nähe und betrachte durch genießerisch halb geschlossene Augen Teddy, der mit Lilly und Tessa im Arm neben ihnen stand.
Beide Mädels hatten sich jeweils fest an eine seiner Seiten gekuschelt und schienen sich an der anderen überhaupt nicht zu stören. Im Gegenteil schien es, als ob sich die beiden immer mal wieder vielsagende Blicke zuwarfen und so irgendwie auch in der Lautstärke, die in der Halle vorherrschte, miteinander kommunizierten.
Als sie suchend nach Paddy ihren Blick schweifen ließ, sah sie ihn ein wenig weiter hinten in einer Ecke stehen. Mit einem Getränk in der Hand unterhielt er sich, zu ihrer Überraschung, mit einem der Mitglieder des Teams von Adolpho und Marc-André.

Sie kannte den Jungen schon aus dem Kindergarten und der Grundschule und sie waren gemeinsam bei den Pfadfindern gewesen. Er war auch in die unsägliche Affäre verstrickt, die zu ihrem gehassten Spitznamen geführt hatte. Seit ihrer Einschulung ins örtliche Gymnasium hatte sie ihn nur noch sporadisch gesehen, da er auf irgendeine Privatschule in der Nähe ging. Nach kurzem war sie auch nicht mehr zu den Pfadfindern gegangen, so dass sie über ihn nicht mehr viel wusste. Angeblich waren seine Eltern sehr wohlhabend.
Sie erkannte, dass er einer von den Motorradfahren war, der mit auf der Party gewesen war, aber ob er zu den ursprünglichen drei Rasern in der Heide gehörte, konnte sie nicht sagen.
Sie fragte sich, warum er so angeregt, ja fast vertraulich, mit Paddy sprach. Das war einer der Momente, wo sie sich wünschte, Lippenlesen zu können.

Sie ließ ihren Blick noch ein wenig weiter schweifen und entdeckte Marc-André, der mit Adolpho und, zu ihrer Überraschung, Benediktina und Lauretta nur ein kleines Stück von ihnen entfernt stand. Entweder waren Lauretta und Benediktina Teil der „Screaming Overlords“ oder sie waren irgendwie „hereingeschmuggelt“ worden.
Irgendwie amüsierte der Gedanke, sich Benediktina als Groupie vorzustellen, Alise ungemein. Sie kicherte ein wenig und Sunny blickte sie verwirrt an. Sie zerstreute seine Verwirrung mit einem heißen Zungenkuss, der seine Wirkung zuverlässig tat.
Als sie sich erneut umblickte, konnte sie auch Adolphos kickboxenden Schlägerfreund entdecken, der mit den anderen beiden Kerlen aus Adolphos Clique am Geländer der Empore stand und mit seinem Blick der Show folgte.

Die angetrunkenen und mehr engagierten als erfolgreichen Musiker waren mittlerweile mit ihrer Symphonie, aus akustischer Vergewaltigung und hartem Missbrauch armer Elektroinstrumente unter Begleitung eines „Gesanges“, der sich eher anhörte wie die Geräuschkulisse eines Herrenklos auf dem spätabendlichen Oktoberfest, fertig.
Der Applaus war nur mäßig, wurde aber frenetisch von den Möchtegern-Musikern gefeiert, die grölend die Bühne verließen.

Während der folgenden Stunde, in der sich die nächsten vier Bands auf der Bühne austobten, sank langsam Alises Nervosität, denn bis jetzt hielt sich die Konkurrenz eher in Grenzen. Tatsächlich keimte sogar ein wenig Zuversicht in ihr auf, dass im Vergleich zum Rest der hier teilnehmenden Musiker ihre Stimme gar nicht so unangenehm auffallen würde. Natürlich gab es Applaus für die Bands, aber man merkte dennoch, dass sie vielfach auch ihre eigenen Freunde und Bekannten mitgebracht hatten, um für sie zu jubeln und das angezeigte Ergebnis der Lautstärkemessung des Applauses wirkte auf sie nicht wirklich beunruhigend. Außerdem ging ihr keiner der anderen Songs so wirklich ins Ohr oder hatte etwas bemerkbar Auffälliges.
Wobei es darum ja eigentlich auch nicht ging, denn sie mussten ja ausschließlich besser als die „Screaming Overlords“ sein, doch Alise bevorzugte es, angefangene Dinge auch ordentlich und erfolgreich zu beenden. Gerne würde sie schon einen Platz in der oberen Hälfte der Tabelle einnehmen.
Ein wenig verwunderte sie, dass sich Marc-André und seine Band nicht in Bewegung setzten. Da sie ja auf Platz sieben spielen würden, war sie davon ausgegangen, dass die „Screaming Overlords“ vor ihnen spielen würden. Doch tatsächlich betrat zu ihrer Verwirrung eine andere Band die Bühne, um mit ihrer Show zu beginnen.
Überrascht blickte sie zu Sunny, der genauso verdutzt aus der Wäsche, bzw. seinem Make-Up blickte. Einzig Teddy war die Ruhe selbst und schien mehr zu wissen.

Als die Band mit ihrem Song begann, zeigte er den Anderen an, ihm zu folgen. Alise folgte Teddy und dem Rest ihrer Truppe zur Umkleide, die die andere Band, nicht gerade ordentlich, bereits verlassen hatte.
Wenigstens hatten sie sich nicht an ihren Sachen vergriffen, stellte Alise beruhigt fest.
Teddy blickte von einem zum anderen und begann mit seiner typisch ruhigen und fast enigmatischen Stimme zu der Band zu sprechen.
Ich weiß, es überrascht euch alle, dass die Anderen nach uns spielen werden, aber scheinbar hat sich Marc-André schon letztes Jahr eine bessere Position erspielt. Das macht mir persönlich keine Sorgen, denn das bedeutet nur, dass er mehr Erfolgsdruck hat als wir. Wir haben nichts zu verlieren und sollten einfach Spaß an der ganzen Sache haben. Ich bin stolz auf jeden einzelnen von euch, denn wir haben in den letzten Tagen viel geschafft und uns dem Kampf fair und anständig gestellt. Heute Abend wird eine Entscheidung fallen, aber die Entscheidung, dass ihr alle etwas ganz besonderes für mich seid, ist schon längst in Stein gemeißelt. Also, lasst uns den Leuten zeigen, was wir können!
Sunny wischte sich unauffällig über die Augen, denn er war, was jeder sehen konnte, sehr berührt von den Worten seines besten Freundes. Dennoch räusperte sich Sunny und ergänzte: “Ich weiß, ich habe euch in diese ganze Sache rein manövriert und dass ihr jetzt hier bei mir steht bedeutet mir so viel mehr, als ich es ausdrücken kann. Jeder hier ist für mich ein ganz besonderer Mensch und wenn ich sehe, was ich für viele wunderbare Freunde habe, habe ich hier und jetzt bereits alles gewonnen, was ich anstrebe. Lasst uns gleich da runter gehen und den Leuten zeigen, wer wir sind!
Alise blickte sich um und sah in entschlossene Gesichter. Alle sahen plötzlich die Frontfrau der Band an.
Ich weiß, ich habe die meisten Ängste und Vorbehalte gegen diese Aktion“, begann Alise, „dennoch stellt ihr mich nach vorne und steht alle hinter mir. Weil ihr an mich glaubt, habe ich keine andere Chance, als auch an mich zu glauben. Wir werden die Bühne rocken und das Haus zum Kochen bringen.
Alle nickten mit entschlossener Miene und jeder nahm sein Instrument, beziehungsweise seine Ausrüstung.
Gemeinsam gingen sie den Weg hinter die Bühne.

Fortsetzung folgt…

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