Das Große Finale – Teil 3

Die Aufregung stieg immer weiter in Teddy hoch. Er war zwar Lampenfieber gewohnt, doch dieser Auftritt war etwas Besonderes. Noch nie war er so „unvorbereitet“ auf eine Bühne gegangen, um seine künstlerischen Fähigkeiten zu präsentieren.
Er hatte zwar schon bei Konzertveranstaltungen gespielt und sich sowohl als Tänzer, als auch beim Schultheater ausprobiert, aber nie war ihm das Ganze so wichtig gewesen, wie dieses Mal. Er wollte vor Sunny glänzen und sowohl Tessa als auch Lilly beeindrucken. Er wollte Alise helfen, sich ihrer Angst zu stellen und Paddy unterstützen, dem man die Freude auf das bevorstehende Ereignis an seinen glänzenden Augen ansah. Und Teddy wollte sich nicht blamieren.
Er rückte noch einmal seine neue E-Gitarre zurecht, die an einem mit Nieten verzierten Gitarrengurt über seine Schulter hing und ging seine Einsätze im Kopf durch.

Die Band, die in den letzten Zügen ihres Song lag, wirkte sehr professionell und schien das Publikum auch gehörig zu beeindrucken. Als Teddy die Woge des Applauses hörte, mit der das Publikum die jungen Musiker feierte, wurde ihm ein wenig mulmig. Der Moderator der ganzen Veranstaltung ging auf die Bühne und forderte mithilfe seines Mikrophons das Publikum zum sechsten Mal an diesem Nachmittag, oder besser frühen Abend, dazu auf, jetzt für die Band zu jubeln, um die Lautstärke zu messen.
Wie die Male vorher, zählte er von Fünf rückwärts herunter, um dann die Hand hochzureißen und ein lauter Applaus, inklusive Pfiffe und Schreie halte durch die Halle. Als Teddy dann das Ergebnis hörte, welches der Moderator durch seinen Ohrstöpsel über Funk empfing und laut verkündete, wurde ihm flau im Magen.
Das Ergebnis der sechsten Band lag in etwa doppelt so hoch, wie bei den fünf davor. Gut, soweit er sehen konnte, hatte sich mittlerweile auch wesentlich mehr Publikum in die Halle gedrängt, aber diese Band hatte nicht nur ihren eigenen Fanclub, wie ihn jede Band mitgebracht hatte, natürlich außer ihnen, wie Teddy verdrießlich feststellte, sondern auch andere Zuschauer waren offensichtlich sehr angetan.
In der Erkenntnis, dass drei vorab bereits einmal erfolgreiche Bands noch folgen würden, malte sich Teddy keine großen Chancen auf einen der drei begehrten Plätze an der Spitze aus. Würde es Marc-André schaffen, erneut in die zweite Auswahl zu kommen, würden sie sich wohl geschlagen geben müssen.

Er schluckte seine Vorbehalte herunter und rief sich seinen Anstand und Hang zur Fairness zurück in seine Gedanken. Schließlich war es ja „nur“ ein Wettkampf.
Er setzte ein Lächeln auf und gratulierte den Bandmitgliedern, die die Bühne verließen, die ihnen fairer Weise, das klassische „Hals- und Beinbruch“ wünschten. Die vier Jungs mit dem hübschen Mädchen schienen recht nett zu sein, auf jeden Fall hinterließen sie einen sympathischen Eindruck, so dass Teddy ihnen ihren Erfolg ehrlich gönnte.
Auf jeden Fall würde er sich ihren zweiten Auftritt, dessen sich Teddy sicher war, ansehen, da er gerne ein ganzes Lied von ihnen hören würde.
Die Bühne wurde wieder großzügig mit Trockeneis eingenebelt und der Moderator gab ihnen ein Zeichen, bevor er erneut nach vorne an den Bühnenrand trat, um sie anzukündigen. Teddy schritt vorsichtig durch den Nebel zu seiner Position, wie es bei der Probe abgesprochen war und wartete darauf, dass sein Einsatz kommen würde.
Die Ankündigung wurde mit eisiger Stille beantwortet. Es gab also keine Vorschusslorbeeren, stellte Teddy nüchtern für sich fest. Er merkte, dass sein Kampfgeist erwachte. Er würde es den Leuten im Publikum beweisen und sein Bestes geben.

Durch den weißen Nebel des Trockeneises, erklangen ätherische Keyboardtöne. Lilly hatte mit ihrem Intro begonnen. Die enigmatische Tonfolge säuselte sanft, aber auch mysteriös, so war jedenfalls ihre Absicht, durch den wabernden Nebel.
Sunnys E-Violine setzte ein und verwob sich mit dem Keyboard zu einer Art ätherischem Duett. Teddy zählte leise mit und präzise wie ein Uhrwerk setzte Paddy mit dem Schlagzeug ein.
Teddy machte sich bereit und ließ zeitgleich zu Tessas Basslinie seine E-Gitarre aufschrillen. Das Schlagzeug explodierte förmlich in einer Kaskade von donnernden Schlägen, während sich die Violine und die Gitarre gegenseitig zu immer höheren Tönen hoch arbeiteten. Lichter blitzten auf und Teddy versank in seinem Spiel.
Wie in Trance bemerkte er Alises Gesang und setzte an den entsprechenden Stellen mit seinem Gesangspart ein. Er war urplötzlich in einer ganz anderen Welt, in der nur er, seine Freunde und vor allem die Musik existierten. Seine Finger bewegten sich wie von selbst über die Gitarrenseiten und seine geprobten Bühnenbewegungen verloren sich in immer neuen Interpretationen, die er einfach zuließ. Alle Gedanken waren jetzt nur auf die Musik gerichtet.
Er ließ sich von Alises eigenwilliger und doch bezaubernder Stimme einfangen und umwarb sie mit seinen Gesangsparts in einem intimen Duett. Auch sein Solopart, den er sich mit Sunny teilte, hatte etwas unheimlich sinnliches, während sich beide Instrumente gleichzeitig in einem Widerstreit gegenseitig aufstachelten, um sich dennoch harmonisch zu vereinen.
Teddy spürte, wie im reine Freude durch seine Adern schoss und ihn Glücksgefühle berauschten.

Nach den letzten Akkorden des Liedes, atmete Teddy schwer, als hätte er eine intensive Trainingseinheit abgeschlossen. Er fühlte sich erschöpft, aber auch sehr zufrieden. Nur langsam wurde er sich seiner Umgebung wieder bewusst.
Er bemerkte nur am Rande den Moderator, der wieder seine Arbeit erledigte und hörte wie durch Watte den Countdown für die Messung. So wirklich realisierte er das Ganze nicht, aber zu mindest gab es Applaus, was einen Teil von ihm sehr erleichterte. Er konnte es nicht ganz einschätzen und verstand auch den Moderator nicht wirklich.
Erschöpft, aber zufrieden bewegte er sich mit den anderen zusammen zum Bühnenausgang. Teddy Beine zitterten und er wusste nicht wirklich, wie er in ihre Garderobe gekommen war, nahm aber dort nicht nur Platz, sondern auch dankbar die Flasche Wasser an, die ihm Sunny anreichte.

Zum ersten Mal seit ihrem Gang auf die Bühne, blickte er auf die anderen. Paddy war schweißnass geschwitzt und grinste von einem Ohr bis zum anderen. Er wirkte irgendwie erschöpft und gleichzeitig aufgeputscht.
Sunny verteilte Getränke und Handtücher aus ihrem mitgebrachten Vorrat und wirkte auch irgendwie aufgedreht. Tessa stand am Fenster und zog tief die früh-abendliche, frische Luft ein und Lilly drückte sich leicht an Teddys Seite und rieb sich anschmiegsam an seinem schweißnassen Körper, was sie scheinbar nicht zu stören schien.
Alise blickte sich selber verdutzt im Spiegel an, als könnte sie nicht glauben, was geschehen war und noch weniger begreifen, wer ihr aus dem Spiegel entgegenblickte. Es dauerte einige Minuten, bis sich alle wieder gefangen hatten.
Alise verkündete laut, dass sie sehr überrascht war, wie gut alles geklappt hatte und stellte fest, dass jetzt alles davon abhängen würde, wie sich die nächsten drei Bands schlugen und wie sie im Internet abgeschnitten hatten. Teddy fragte vorsichtig noch einmal nach und stellte fest, das ihr Ergebnis unheimlich dicht an dem der Band vor ihnen lag. Er konnte es kaum glauben. Trotz fehlender Fangemeinde schienen sie es geschafft zu haben, in die oberen Ränge der Beliebtheit zu kommen.
Er gab Lilly einen Kuss, stand danach auf und drückte erst Sunny, dann Paddy fest und Alise etwas zarter, um dann seine Arme um Tessa zu legen und einen langen Kuss mit ihr zu teilen.
Dann folgte er Sunny und Paddy, um sich auf der Herrentoilette ein wenig frisch zu machen.

Zum Glück waren sie gut vorbereitet. Sunny war bester Laune und schwatzte fröhlich auf seine beiden Freunde ein, während sie sich mit mitgebrachten Lappen den Oberkörper abwuschen und dann frische Oberteile überzogen. Da die Mädchen bei ihrer Rückkehr in die provisorische Umkleide noch nicht wieder zurück waren, stiefelte Teddy los, um von unten aus dem Café etwas zu Essen für alle zu holen. Er organisierte einen großen Teller voll mit frisch gebackenen Waffeln und wurde daher auch von der mittlerweile wieder vollständigen Band begeistert gefeiert.
Während sie noch zufrieden an den Waffeln mümmelten, klopfte es überraschenderweise an der Tür. Alise blickte fragend in die Runde, bevor sie laut „Herein“ rief und zu aller Überraschung kamen einer von den Jungen und das Mädchen von der Band, die vor ihnen gespielt hatten, durch die Tür.

Hi“, begann der Junge, „ich bin Adrian, das ist Marion. Wir wollten euch sagen, dass wir euren Auftritt echt Oberhammer fanden.“
Die hübsche dunkelhaarige Marion nickte zustimmend, blickte Adrian kurz an und fuhr fort: „Und wir wollten euch einladen. Wir planen ein kleines Grillfest für einige der Bands, die heute hier waren, um uns ein wenig auszutauschen und miteinander zu feiern.
Jupp“, ergänzte Adrian, „wir hätten euch gerne dabei.
Sunny blickte über die gesamte Gruppe und lächelte dann die Beiden an.
„Das ist super nett von euch. Wir sind gerne mit, dabei wenn es geht.
Wovon hängt es ab?“, fragte Adrian erstaunt.
Na, wann und wo“, antwortete Sunny.
Ach so, habe ich glatt vergessen. Morgen Abend, bei mir zuhause. Meine Familie hat einen Bauernhof hier in der Gegend und wir können in der Scheune feiern. Einen Grillplatz haben wir auch.
Marion ergänzte lächelnd: „Das ist hinten bei Ackersmühle, wenn euch das etwas sagt
Ja, das kenne ich“, antwortete Sunny nickend.
Was sollen wir mitbringen?“, fragte Alise.
Na, euch, gute Laune und es ist alles an Fressalien willkommen. Obwohl wir eigentlich ausreichend haben. Ach ja, und bitte keine harten Alkoholika. Bier ist in Ordnung, aber Schnaps geht nicht, weil da flippen meine Eltern aus“, erklärte Adrian freundlich.
Alle nickten und Telefonnummern wurden ausgetauscht. Dann merkte plötzlich Marion an, dass die Pause vorbei wäre und gleich die nächste Band spielen würde.
Die gesamte Truppe folgte den Beiden, denn keiner wollte sich den Auftritt der „Screaming Overlords“ entgehen lassen.

Der alte Wanderer nickte zufrieden. Er hatte ein Bierglas vor sich stehen und war an einem der runden Stehtische im hinteren Bereich der Halle gelehnt. Obwohl ihm sein Smartphone verriet, dass der offizielle Stream des Konzertes noch fleißig heruntergeladen wurde, war er froh darüber, dass er den Auftritt der Jugendlichen gefilmt hatte. In der hintersten Reihe, in der er sich befand, fiel er im Rudel der Verwandten und Angehörigen fortgeschrittenen Alters, die die Leistungen ihrer Kinder bewunderten und auch häufig filmten, überhaupt nicht auf. Das Bier hier war gut und günstig und auch die Musik wurde langsam doch besser. Besonders war er aber gespannt, was die direkten Konkurrenten seiner Beobachtungspersonen leisten würden. Er blickte noch einmal auf sein Smartphone und stellte fest, dass die Zeit noch für eine kurze Zigarettenpause reichen würde. Er trank seinen Becher aus und ging in Richtung des ausgewiesenen Raucherbereiches.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben