Das große Finale – Teil 5

Alise konnte es immer noch nicht richtig glauben. Sie waren im Finale gelandet und somit unter den ersten drei Plätzen. Es war sensationell und auch irgendwie beängstigend. Der dritte Platz war ihnen fast sicher und dann hätten sie dennoch gegen Marc-André verloren und dieser dämliche Wettkampf würde in die nächste Runde gehen.
Teddy schien ihr ihre Zweifel anzusehen, denn er sprach sie direkt darauf an. Vorsichtig, um keine schlechte Stimmung zu verbreiten, erklärte ihm Alise ihre Vorbehalte und ihre Vermutung, dass sie den dritten Platz bekommen würden.
Quatsch“, erklärte Teddy, mit seinem üblichen süß-zynischen Lächeln.
Ich bin mir fast sicher, dass wir den zweiten Platz bekommen. Den ersten Platz haben sich unsere neuen Freunde ehrlich verdient, da hege ich keinen Zweifel, aber wir waren auf keinen Fall schlechter als Marc-André.
Technisch würde ich Dir recht geben“, bestätigte Alise, „aber er kennt das Publikum und ist einfach in diesem Musikstil zuhause. Er schlägt uns mit Erfahrung.
Erfahrung ist nicht alles“, widersprach Teddy mir ruhiger Stimme.
Wir waren besser oder zumindest genauso gut, da würde ich darauf wetten.
Um was wettest Du?“, rutschte es Alise aus dem Mund.
Teddy überlegte kurz.
Wenn wir schlechter als Marc-Andreś Band waren, darfst Du Dir etwas von mir wünschen“, erklärte er selbstbewusst.
Einverstanden“, erklärte Alise und reichte ihm die Hand zur Bestätigung der Wette.
Gilt natürlich auch andersherum“, erklärte Teddy mit einem hintergründigen, siegessicheren Lächeln.
Alise schlug ein und versuchte zu verbergen, dass sie leicht schlucken musste. Teddy wirkte sehr sicher und sein Lächeln ließ viel Interpretationsspielraum übrig. Alises Gedanken fuhren Achterbahn und ihre Wangen wurden rot.
Sunny, der gerade zu ihr kam, lächelte sie an und sagte: „Ach, es ist alles in Ordnung, Ich bin auch total aufgeregt“ und nahm sie in seine Arme. Alise kuschelte sich an die Brust ihres Freundes und genoss seine Nähe.

Es dauerte eine grausame Unendlichkeit, bis der Moderator wieder auf die Bühne trat und verkündete, dass die Preisrichter zu einem Ergebnis gekommen waren. Er bat die drei Finalbands auf die Bühne.
Als sich alle auf der Bühne versammelt hatten, fing er mit der Siegerehrung an. Zuerst hielt er eine Rede darüber, wie gut alle Bands gespielt hatten und was es für ein toller Wettbewerb war.
Alise fühlte sich davon eher genervt, als geschmeichelt und statt Spannung stieg in ihr eher Nervosität auf. Der Moderator endete seinen ersten Teil mit den Worten: „ …und dieses Jahr waren wir in der besonderen Situation, dass es zu einer Entscheidung kam, die keiner erwarten konnte. Trotz aller Unwahrscheinlichkeit und obwohl die Jury mehrfach nachgerechnet hat, kamen wir immer wieder zu dem selben Ergebnis. „Cauldron of Medea“ und die „Screaming Overlords“haben die exakt selbe Punktzahl erreicht. Während das anwesende Publikum einen kleinen Punktevorsprung für die „Overlords“ erjubelt haben, wurde das vom Chat wieder ausgeglichen. Daher hat die Jury einstimmig entschieden, dass es dieses Jahr zwei zweite Plätze gibt!
Er machte eine bedeutsame Pause.
Daher gibt es keinen dritten Platz und ich beglückwünsche die beiden Zweitplatzierten…

Aus den Boxen drang eine Trommelwirbel und die ersten Zuschauer fingen an zu johlen. Mit großer Gestik wand sich der Moderator zu den Bands.
Ich präsentiere Euch die diesjährigen Zweitplazierten; „die Screaming Overlords“ und „Cauldron of Medea“!
Das Publikum jubelte.
Alise konnte es erst nicht glauben und blickte gleich zu Teddy, der sie hintergründig anlächelte. Sie wusste nicht ganz genau, warum ihre Beine weich wurden, aber sie holte tief Luft und trat mit den anderen nach vorne.
Der Moderator beglückwünschte jeden Einzelnen mit Handschlag und warmen Worten und seine Helfer verteilten erneut Geschenktüten mit den Preisen für den zweiten Platz. Es war alles sehr unwirklich und wie betäubt trat Alise mit ihrer doch ganz schön gewichtigen Tüte gemeinsam mit den anderen wieder zurück an die Rückseite der Bühne.

Nur wie durch einen Nebel nahm sie die Glückwünsche ihrer neuen Bekannten von der Band „Creatures from the Abyss“ wahr. Die Siegerehrung der verdient Erstplatzierten gab ihr die Zeit, alles erst mal soweit zu verdauen, dass sie dann auch für die Gewinner applaudieren konnte und diese mit ehrlicher Freude beglückwünschte.
Es dauerte noch etwas, bis sie die Bühne verlassen konnten und Alise erlebte diesen Teil der Siegesfeier eher wie im Rausch.
Nachdenklich ging sie in Richtung der Garderobe, während der Rest ihrer Band schon fröhlich schwatzend vorstürmte.

Als sie oben auf den Flur trat, bemerkte sie ein kleines Grüppchen, das dort stand.
Marc-André und Adolpho standen sich gegenüber und Adolphos persönlicher Bodyguard und Bandschlagzeuger stand einen kurzen Schritt hinter Adolphos rechter Seite. Offensichtlich war Adolpho erzürnt und Alise hörte unweigerlich, wie er Marc-André nahezu anschrie.
… du hattest versprochen, sie hätten keine Chance. Wir könnten Ausgleichen um sie dann in einer dritten Herausforderung gründlich zu demütigen. Das war ja wohl…
Es folgten einige Ausdrücke, die Alise trotz des Umstandes, dass ihre Brüder einen sehr derben Humor an den Tag legten, durchaus erschreckten, ja gar anwiderten. Adolpho verlor jede Form von Selbstbeherrschung und schäumte vor Wut. Sein Kumpel griff ihm beherzt an die Brust und zog ihn ein Stück weg.
Marc-André grinste leicht und erwiderte mit spöttischen Unterton: „Ich weiß nicht, was Du hast, wir haben nicht verloren, meine Band ist besser platziert als letztes Jahr und der lächerliche Wettstreit um eure infantile Herumraserei in der Heide hat sich erledigt. Ihr seid es selbst schuld, dass ihr mein Coaching nicht ernst genommen habt. Ich habe die Möglichkeit geschaffen, euch das Songmaterial besorgt und einen besseren Startplatz ermöglicht. Ich habe euch alles auf dem Silbertablett serviert. Ihr hättet nur besser performen müssen, dann hätten wir gewonnen. Ohne mich hättet ihr so was von versagt…
Er konnte seinen Satz nicht beenden, da ihm Adolphos Muskelmann direkt ins Gesicht schlug.

Marc-André stolperte rückwärts und ging an der Wand des Flurs zu Boden. Sofort schoss Blut aus seiner Nase.
Marc-André war zu überrascht, um das zu realisieren und sah nur ungläubig den grinsenden Schlagzeuger an, der sich auf ihn zubewegte , um sein Werk zu beenden.
Alise wollte sich gerade einmischen, als ein anderes Mitglied von Adolphos Freunden aus der anderen Richtung kam und sich zwischen die Beiden stellte. Es war der Junge, der sich mit Paddy unterhalten hatte.
Lass es!“, sagte er mit ruhiger aber auch fester Stimmung zu dem grinsenden Kickboxer.
Geh mir aus dem Weg, der Schwätzer hat seine Lektion verdient.
Adolpho, ruf deine Bulldogge zurück!“, wand sich der Junge an Adolpho, der immer noch wutschäumend im Flur stand.
Geh mir aus dem Weg, oder…!“, drohte der Schlagzeuger.
Sprich keine Drohungen aus, die Du nicht umsetzen kannst!“, unterbrach der andere Junge ihn.
Alise erinnerte sich jetzt an den Namen. Ihr ehemaliger Kindergartenfreund hieß Jordan und wirkte neben dem Schlagzeuger fast schmächtig oder, besser gesagt, zart.
Mit verächtlichem Schnauben wollte der Schlagzeuger Jordan vor die Brust schubsen, doch im nächsten Augenblick, schneller als es Alise erfassen konnte, befand er sich auf den Knien und sein rechter Arm war bis zum Extrempunkt verdreht und fest unter der Kontrolle von Jordans Griff.
Langsam füllte sich der Flur mit Schaulustigen.
Adolpho wand sich ab und ging. Jordan ließ den Schlagzeuger los, der seinen Arm reibend, wie ein geprügelter Hund seinem Herren folgte. Alise sah, dass sich Jordan umwand um sich um Marc-André zu kümmern. Offensichtlich war er immer noch ein Pfadfinder. Sie bemerkte, dass Sunny zu ihr trat und sie besorgt ansah.
Alles in Ordnung“, sagte sie und kuschelte sich in seinen Arm.
Gemeinsam gingen sie zur Umkleide.

Zusammen packten sie ihre Sachen ein und trugen ihr Equipment runter.
Mittlerweile leert sich das Jugendhaus, denn in der Halle lief nur noch Musik vom Band und das Café hatte bereits geschlossen. Die Stände unten im Foyer wurden auch schon abgeräumt. Alise sah ihren Bruder, der an einem der Stände gerade Sachen in einen Metallkoffer packte und sich mit einem der Leute, die zum Verkaufspersonal gehörten, unterhielt.
Leise schlich sie sich von der Seite an und sah, dass ihr Bruder vor sich CDs liegen hatte, deren Cover eindeutig auf der Basis einer ihrer Bandfotos entstanden war. Auch das Logo war passend.
Sie räusperte sich vernehmlich. Ihr Bruder wand sich zu ihr um und setzte sofort sein typisches zerknirschtes „Erwischt“-Gesicht auf.
Was ist das hier?“, fragte Alise und hielt eine der CDs hoch.
Eure Single“, antworte ihr Bruder, „ich wollte Euch unterstützen in dem ich euch kommerzielle Glaubwürdigkeit verschaffe.“
Ja, natürlich! Und das Ganze natürlich ganz uneigennützig und so weiter.
Ihr Bruder nickte eifrig. „Natürlich bekommt ihr eure Tantiemen, wenn ich den Gewinn berechnete habe und eine kleine Aufwandsentschädigung für mich abgezogen habe
Ach ja?“, entgegnete Alise schnippisch, „da bin ich ja mal gespannt!
Würde ich Dich je betrügen?“ fragte ihr Bruder mit seinem ehrlichsten treuesten Dackelblick, den er im Repertoire hatte.
Natürlich würdest Du das“, kam Alises trockene Antwort. „Ich bin ernsthaft ein wenig enttäuscht von Dir!
Sie wand sich mit ernster Miene um und ging, während sie ihm deutlich die kalte Schulter zeigte. Erst als sie den Raum verlassen hatte und in der kühlen Abendluft stand, lächelte sie kopfschüttelnd in sich hinein.

Als sich alle an den beiden Fahrzeugen versammelt hatten, verteilte ihr Bruder sofort CDs an alle. Bevor seine Schwester ihn verpetzen konnte, erklärte er auch, dass er nachher die Gewinne aus dem Single-Verkauf berechnen würde, um allen ihre Anteile zu geben. Den Rest der CDs würde er über das Internet vertreiben, schließlich hatte er ihnen ja eine Homepage gebastelt.
Wieder mal bewunderte Alise, wie gut sich der Jüngere ihrer beiden Brüder verkaufen konnte, denn tatsächlich bekam er sogar Dank für seine fleißige Arbeit.
Allerdings wusste Alise, dass er sich das Ganze mit seiner bereitwilligen Hilfe auch verdient hatte. Natürlich war sie nicht sauer auf ihn, aber er durfte dass ruhig ein paar Tage denken, dass würde ihr die Hausarbeit deutlich erleichtern.

Gemeinsam stiegen sie in die Fahrzeuge, um zurück zum Sonnenbergerhof zu fahren. Der Wettkampf mit Adolpho war entschieden und ihre Mission erfüllt. Es war nun Zeit zum Feiern.

Das Ende?

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