Der Rest vom (Schützen-) Fest – Teil 3

Teddy war ein wenig erstaunt über die Art, wie Sunny den Tag vorbereitete. Obwohl sein blonder Sonnenschein es morgens lieber langsam anging, war er an diesem Tag schon früh aus dem Bett gesprungen und voller Tatendrang daran gegangen, ein Picknick für den Nachmittag zusammenzustellen, einen Kuchen zu backen, die Pferde für das Training zu organisieren, ihr neues Hauptquartier mit allem Nötigen für den Tag auszustatten und sich gründlich zu stylen.
Paddy hatte sich ein wenig anstecken lassen und machte sich fröhlich an alle Handreichungen, um die Sunny ihn bat. Teddy half ein wenig mit, versuchte aber möglichst, den beiden hyperaktiven Freunden aus dem Weg zu gehen.
Da Paddy größtenteils das Hauptquartier aufräumte und Sunny die meiste Zeit in der Küche verbrachte, hatte sich Teddy selbst zum Stalldienst eingeteilt.
In der Gegenwart der Pferde fand er ein wenig Ruhe, um seine Gedanken zu sortieren.

Er mochte seine Freunde, aber ihm fehlte die Ruhe, die er brauchte, um die jüngsten Ereignisse in das Puzzle einzusetzen.
Dass der Attentäter scheinbar von ähnlicher Gesinnung wie Marc-Andrés Bruder war, hielt Teddy für einen komischen Zufall. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass der Anschlag mit dem Brand eher zusammenhingen, als mit der Festplattengeschichte von Marc-André.
Es war alles sehr merkwürdig.
Eindeutig fehlten noch Teile, bevor er das ganze Bild erkennen konnte.
Warum versuchte jemand, den Filialleiter der örtlichen Sparkasse zu erschießen?
Und warum unbedingt in aller Öffentlichkeit?
Er hatte eindeutig mehr Fragen als Antworten.
Weder Sauerbraten noch Gulasch hatten einen guten Rat für ihn und obwohl ihm Salami, der Stallesel aufmerksam zuhörte und wissend blinzelte, äußerte er sich natürlich auch nicht zu Teddys Problemen.
Teddy suchte in Ruhe ein paar der Sonnenberger Pferde für die Mädchen aus und fing an, diese auf das Reittraining vorzubereiten. Zum Glück waren die meisten der Pensionsgäste heute auf der Kirmes und so hatte er freie Auswahl aus dem Bestand der Reitpferde.

Er war gerade mit allen Vorbereitungen fertig, da hörte er das Knattern von Tessas Motorroller.
Er kam aus dem Stall, um sie zu begrüßen. Sie war heute alleine gekommen und auf seine Frage erfuhr er, dass Alise und Lilly mit dem Fahrrad kamen.
Er überlegte kurz, ob er seine Freundin umarmen sollte, doch nachdem sie ihren Helm verstaut hatte, nahm sie ihm die Entscheidung ab. Nach einem langen Kuss fragte er sie: „Stört es Dich nicht, dass ich gerade voll nach Schweiß und Stall rieche?
Nein, irgendwie ist das sexy“, antwortete Tessa und stahl sich gleich noch einen leidenschaftlich heißen Kuss.
Was hast Du in der Tasche?“ fragte Teddy mit Blick auf den großen Rucksack, den Tessa dabei hatte.
Alise hat mir gestern noch erklärt, was man so alles zum Reiten braucht und ich habe eben noch ein paar Dinge zuhause abgeholt.
Sehr umsichtig“, bemerkte Teddy und küsste sie erneut.
Ich brauche nur einen Platz zum umziehen“, stellte Tessa fest.
Ich bringe Dich kurz in unser Zimmer, da hast Du Ruhe“, bot Teddy an und nahm ihre Hand.
Er brachte sie in Sunnys Zimmer.

Als er gerade wieder in den Hof kam, sah er Alise und Lilly, die soeben auf ihren Drahteseln einritten.
Alise klingelte fröhlich und winkte Teddy zu. Das war auf dem Kopfsteinpflaster des Hofes eine weniger gute Idee, was Teddy sofort erkannte. Er sprintete los, um den wilden Rotschopf rechtzeitig aufzufangen, als sich das Vorderrad des Fahrrads zwischen zwei Steinen verkeilte und es ihr den Lenker aus der Hand riss.
Geschickt fing er sie auf und ließ sie in seine Arme gleiten. Sie lächelte ihn dankbar an und gab ihm, zu seinem Erstaunen, einen zarten Kuss auf die Wange.
Er genoss kurz ihren guten Geruch und redete sich ein, dass er sie nur deswegen einige Herzschläge länger im Arm hielt, weil er sicher gehen wollte, dass sie wieder sicher auf den Beinen stand.
Mmh“, meinte Alise, „Du riechst irgendwie gut.“
Sie lächelte ihn etwas spitzbübisch an. Teddy lachte leicht.
Tessa sagte, es wäre sexy
Hat sie nicht unbedingt unrecht mit“, entgegnete Alise und Teddy bemerkte, dass sie leicht errötete und sich schnell abwandte, um ihr Fahrrad aufzuheben.

Teddy zeigte den beiden hübschen Mädchen, wo sie ihre Fahrräder sicher unterstellen konnten.
„Muss ich auch einen Stunt inszenieren, oder darf ich Dich auch so zur Begrüßung umarmen?“, fragte Lilly.
Teddy nahm sie lachend in den Arm und knuddelte sie.
Stimmt, eindeutig Sexy“, sagte Lilly mit trockenem Tonfall zu Alise und diesmal merkte Teddy, dass er leicht rot wurde.
Ähm, Tessa ist schon da und zieht sich bei Sunny im Zimmer gerade um.
Perfekt“, entgegnete Alise, „ich weiß, wo das ist.“
Ein wenig verwirrt blickte Teddy den Beiden hinterher, die im Haus verschwanden. Er schüttelte ein wenig den Kopf und hob seinen Arm, um kurz an seiner Achsel zu schnuppern.
Paddy kam gerade um die Ecke und sah ihn verwundert an.
Kannst Du mal an mir schnuppern?“, fragte Teddy, noch immer verwirrt.

Paddy kam zu ihm herüber und schnupperte an ihm.
Was soll da zu riechen sein? Ich erkenne Schweiß, diverse Stallgerüche und einen verzweifelt kämpfenden Restgeruch von deinem Deo.“
Riecht das irgendwie anders als sonst?“, fragte Teddy.
Ja, in der Schule riechst Du nicht nach Stall“, entgegnete Paddy verwirrt.
Nein, rieche ich irgendwie, aus irgendeinem Grund also, so etwas wie, Ähm, sexy?“, wollte Teddy wissen.
Paddy grinste ihn an.
Jetzt wo Du es sagst, ich habe plötzlich einen Riesenständer, lass uns ins Heu hüpfen und hemmungslos vögeln.
Wie jetzt?“, wunderte sich Teddy.
Das war ein Scherz“, erwiderte Paddy, „schließlich ist das doch echt eine komische Frage an einen Kumpel. Frag doch lieber die Mädels, oder deinen heimlichen Liebhaber.
Sunny ist nicht mein heimlicher Liebhaber, ich hatte noch nie Grund, ihn zu verbergen“, witzelte Teddy.
Aha“, meinte Paddy, „also dein unheimlicher Liebhaber. Naja, jeder nach seiner Vorliebe.“
Teddy schüttelte lachend seinen Kopf und gab Paddy einen Klaps auf den Hintern, bevor er in den Stall verschwand.
Er liebte es, freche Sprüche mit Paddy auszutauschen.

Vor über einem Jahr hatte ihn Paddy darüber ins Vertrauen gezogen, dass er sich mehr zu Jungen als zu Mädchen hingezogen fühlte. Für Teddy war das niemals ein Problem gewesen, denn Paddy war ein wirklich guter Freund. Er fühlte sich nicht bereit, sein Geheimnis mit der ganzen Schule zu teilen, auch weil er sich nicht ganz sicher war, daher hatte Teddy schon öfters lustige Machoszenen mit ihm aufgeführt, um den Verdacht, der jedem Jungen in einer reinen Jungenschule auf kurz oder lang entgegengebracht wird, zu zerstreuen.
Auch wenn Teddy es eher albern fand, denn ihm war es egal, wo und wie sich Liebe fand. Solange die Beteiligten im Einvernehmen waren, bedeuteten ihm die genauen Details überhaupt nichts.
Er hatte schon länger nicht mehr daran gedacht und fragte sich, ob er es Sunny erzählen sollte, wo sie doch alle in einem Zimmer untergebracht waren.
Allerdings war das Paddys Angelegenheit und er hatte versprochen, dessen Geheimnis für sich zu behalten. Eigentlich war es ja auch nicht wichtig, stellte Teddy fest und begab sich daran, im Stall noch ein wenig aufzuräumen.

Die gemeinsame Reitstunde war ein voller Erfolg.
Sunny kümmerte sich um Lilly und Teddy versuchte, Tessa in die Kunst des Reitens einzuführen. Alise führte inzwischen Paddy auf einem Pferd ein wenig spazieren, um ihm ein Gefühl für das Reiten zu vermitteln. Er kannte einige Grundlagen und Alise war eine gute Lehrerin, wie Teddy bemerkte.
Tessa verstand schnell, worum es ging und ihr gutes Körpergefühl half ihr dabei, sich zügig an die entsprechende Körperhaltung zu gewöhnen.
Auch Lilly machte eine gute Figur.
In den kurzen Pausen zwischen den Übungen erklärte Sunny geduldig die passende Theorie. Da er bereits alle Reitscheine und Trainerlizenzen erworben hatte, die ihm in seinem Alter erlaubt waren, konnte er das Wissen auch gut vermitteln, auch wenn es zwischendurch ein wenig albern wurde. Aber Lachen gehörte nun einmal auch dazu.

Als sie eine längere Mittagspause in ihrem Hauptquartier machten, um sich an kühlen Getränken und ein wenig Essen zu erfreuen, tauschten sich Teddy und Sunny kurz aus und waren sich einig, dass man es auf einen kleinen Ausflug ankommen lassen konnte. Alle freuten sich, als Sunny die große Entscheidung verkündete und damit das grüne Licht für ein Picknick gab.
Während des Essens fragte dann Lilly, was es mit den Whiteboards auf sich hatte. Alise erklärte ihr den Hintergrund der SoKo Sommerloch.
Ein guter Zeitpunkt für seinen Bericht, dachte sich Teddy und folgte auch gleich seinem eigenen Rat. Er berichtete akribisch von seinem Erlebnis. Nachdem alle Fragen beantwortet waren, jedenfalls soweit es ging, merkte Tessa an, dass sie dazu auch etwas zu berichten hatte, denn sie hatte heute morgen mitbekommen, wie ihr Onkel in dieser Angelegenheit telefonierte.
Ungeniert hatte sie am Nebenanschluss im Wohnzimmer mitgehört, nachdem sie bemerkt hatte, wie ihr Cousin Marc-André neugierig am Anschluss im Schlafzimmer seiner Eltern lauschte. Dabei erfuhr sie, dass der verdächtige Attentäter noch nicht gefasst wurde. Scheinbar war er einschlägig bekannt und gehörte dem rechten Spektrum an.
Aber wesentlich interessanter war die Tatsache, dass die Identifikation der Waffe erfolgt war.
Ein Beschusstest des Gewehres hatte ergeben, dass sowohl das Geschoss, das im Krankenhaus entfernt worden war, als auch die Patronenhülse, die der Täter auf der Flucht verloren hatte, zu dem Gewehr passten, dass die Beamten auf dem Parkplatz sichergestellt hatten. Dank der Seriennummer ließ sich der registrierte Besitzer sofort ermitteln und es handelte sich tatsächlich um ein Gewehr, das dem unbescholtenen Hauptkommissar Büttelsbrunft selber gehörte.
Er wollte heute zu seiner Jagdhütte fahren und untersuchen, wie es von dort verschwinden konnte. Im Allgemeinen eine unangenehme Problematik, die den Kommissar in ernsthafte Schwierigkeiten bringen konnte.
Die Kriminalpolizei der nahen Großstadt fahndete mittlerweile nach dem vorbestraften Skinhead, der dort zuletzt wohnhaft war und in der dortigen rechten Szene einschlägig bekannt war.

Lilly kritzelte mittlerweile ein wenig auf einem Papier herum und tippte immer wieder in ihrem Handy. Teddy erkannte eine Skizze des Marktplatzes und einige Kurven, sowie Zahlen. Als sie sah, wie er das Blatt studierte, lächelte sie ihn schüchtern an.
Der Anschlag galt nicht dem Filialleiter“, sagte sie leise, aber mit sicherer Stimme zu ihm.
Plötzlich waren alle Augen auf sie gerichtet.

Fortsetzung folgt…

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