Der Rest vom (Schützen-) Fest – Teil 4

In gemächlichem Schrittempo bewegte sich die kleine Truppe durch die nachmittägliche Heidelandschaft.
Die Pferde schritten zufrieden vor sich hin und ließen es sich auch nicht nehmen, das ein oder andere Hälmchen am Wegesrand zu schnabulieren. Die unerfahrenen Reiter wussten das noch nicht zu verhindern und der Rest der Gruppe ließ es ausnahmsweise ihren vierbeinigen Gefährten durchgehen.
Der warme Sommerwind, der sanft über die hügelige Landschaft wehte und den Geruch der warmen Heide mit sich trug, lud sowieso eher zu einem gemächlichen Reisetempo ein.

Sunny, der den Weg kannte und die meiste Erfahrung darin hatte, eine Reitgruppe mit Anfängern durch das heimatliche Gelände zu führen, ritt voran. Ab und zu blickte er sich um und inspizierte zufrieden seinen kleinen Trupp.
Alise ritt neben Tessa und war mit ihr in ein Gespräch verwickelt, während Paddy und Lilly, die den Beiden folgten, oder vielmehr deren Pferde sich entschieden hatten, den Beiden zu folgen, hinreichend damit beschäftigt waren, die Freuden des Ausrittes für sich zu entdecken.
Teddy bildete mit seinem Gulasch den Abschluss der Gruppe, da er als hinreichend erfahrener Reiter darauf achten wollte, dass niemandem etwas passierte und keiner verloren ging. Er hatte schon öfter Sunny geholfen, wenn dieser Kindergruppen durch das Gelände führte und diese Aufteilung hatte sich stets bewährt.
Lächelnd betrachte er, wie sich Lilly und Paddy versuchten, an die ungewohnte Bewegung zu gewöhnen. Tessa schien außergewöhnlich talentiert für das Reiten, denn ihre Bewegungen wirkten schon nahezu natürlich und sie machte neben Alise schon fast so etwas wie eine gute Figur. Es war nicht zu übersehen, dass sich alle Beteiligten Mühe gaben, die gelernten Lektionen umzusetzen und auch wenn es einen holprigen Eindruck machte, schienen auch alle daran Freude zu haben.
Teddy erinnerte sich daran, wie er selber von Sunny in die Kunst des Reitsports eingewiesen wurde.
Damals war Sunny noch kein so guter Lehrer gewesen und sowohl er, als auch Teddy selber, waren sehr ungeduldig, was seine Fortschritte betraf.
Es gab einige kleine Rückschritte damals und er wusste nicht, ob es an seinem Kampfkunsttraining lag, bei dem er das richtige Abrollen gelernt hatte oder schieres Glück war, dass er sich bei seinen zahlreichen Stürzen vom Pferd niemals ernsthaft verletzt hatte, trotz der statistischen Unmöglichkeit, so eine Tortur ohne Knochenbrüche zu überstehen. Es hatte schon etwas romantisch nostalgisches, an diese Zeiten zurückzudenken.

Um sich abzulenken, betrachte er die kleine Reitergruppe, aber nach einem längeren Blick auf den entzückenden verlängerten Rücken der Reiterinnen, entschloss er sich doch lieber, seine Gedanken weiter schweifen zu lassen. Er freute sich auf das Picknick und den Spaß, den sie gemeinsam haben würden.
Plötzlich erregte ein Geräusch seine Aufmerksamkeit. Er sah ebenfalls, wie Gulasch seine Ohren hochstellte und nervös damit zuckte.
Er hörte ein Motorengeräusch von links hinter ihm, das sich scheinbar näherte. Er war verwundert, denn sie befanden sich auf einer zwar breiteren Sandpiste, die aber eindeutig einer der vielen Reitwege war, die durch die Heide führten.
Obwohl es der längere Weg war, hatte Sunny darauf bestanden, mit Anfängern so weit wie nur irgendwie möglich Reitwege zu nutzen, was Teddy aus Verantwortungsgefühl nur unterstützen konnte.
Selbst auf den normalen Wegen in diesem Teil der Heide durften nur land- und forstwirtschaftliche Fahrzeuge fahren und das Geräusch klang irgendwie anders.

Plötzlich schossen über einen kleinen Hügelkamm hinter ihnen drei Geländemotorräder über den Weg und rasten auf die kleine Gruppe zu.
Teddy zog die Zügel fester und rief „Achtung“, doch es war zu spät.
Erschrocken wieherten die Pferde von Paddy und Lilly auf und versuchten, vor dem plötzlichen unbekannten Geräusch zu flüchten. Natürlich konnte weder Lilly noch Paddy die panischen Pferde aufhalten.
Teddy sah, das sich Alise geistesgegenwärtig mit ihrem Pferd an Tessa heran gedrückt hatte und das Halfter des beunruhigten Pferdes gegriffen hatte. Tessa zeigte sich furchtlos und tätschelte das Pferd und schien beruhigend auf es einzureden. Sunny blickte zu Teddy herüber und es brauchte nur einen kurzen Blick, um sich zu organisieren.
Während Teddy hinter Lillys durchgehendem Pferd hinterhereilte, sah er, dass Sauerbraten unter Sunnys Führung bereits Paddys Pferd den Weg abschnitt.

Hilflos krallte sich Lilly an das aufgeschreckte Pferd, welches kopflos mitten in die Heide preschte.
Stumm bat Teddy alle möglichen Gottheiten, dass weder Gulasch noch Krakauer, das Pferd, welches sie Lilly anvertraut hatten, in eines der zahlreichen Erdlöcher stolperte.
Er spornte Gulasch zu Höchstleistungen an und versuchte, sich aller Tricks zu erinnern, die er im letzten Jahr bei dem Workshop im Western- und Rodeoreiten, zu dem ihn Sunny überredet hatte, gelernt hatte. Leider hatte er kein Lasso dabei, was vielleicht geholfen hätte, aber dennoch hatte er einen riskanten Plan. Er redete Gulasch gut zu und spornte ihn weiter an.
Der wilde Kaltbluthengst galoppierte in atemberaubendem Tempo an das kleinere Pferd heran. Teddy versuchte, auf gleiche Höhe zu kommen, stellte sich komplett in die Steigbügel, um dann einen Fuß zu lösen und auf den Sattel zu stellen und drückte sich mit dem anderen Fuß am Steigbügel ab und sprang auf den Rücken von Krakauer.
Mit dem linken Arm umschlang er Lilly und mit der Rechten versuchte er, der Zügel Herr zu werden, während er mit seinen Schenkeln Druck auf die Flanken des panischen Pferdes ausübte. Irgendwie gelang es ihm, die Zügel zu fassen, die sich zum Glück im Sattelknauf verheddert hatten. Unter Aufbietung aller seiner Möglichkeiten versuchte er, gleichzeitig sowohl Lilly als auch Krakauer zur Ruhe zu bringen.

Plötzlich erschreckte irgendwas vor ihnen das arme Pferd erneut und es stieg wiehernd hoch.
Ohne den richtigen Sitz im Sattel und die Steigbügel konnte sich Teddy trotz seiner trainierten Oberschenkel nicht halten. Er ließ geistesgegenwärtig die Zügel los und hielt Lilly fest.
Er wusste, dass er den Sturz nicht verhindern konnte, aber er konnte ihn kontrollieren. Er ließ seinen Verstand los und übergab das Kommando an seine, durch hartes Training geschärften Reflexe.
Hart landete er auf dem Heideboden, aber seine rechtzeitig angespannten Muskeln und die richtige Körperhaltung verhinderten schlimmere Verletzungen. Lillys Körper drückte auf seinen Brustkorb, als er ihren Schwung abfing und presste die Luft aus seinen Lungen. Einen kurzen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen, doch sein eiserner Wille pumpte erneut Luft in seinen Körper.
Obwohl ihn alles schmerzte, hielt er vorsichtig die auf ihm liegende Lilly fest und sprach beruhigend auf sie ein.
Er spürte, dass ihre schlanker Körper zitterte und hörte, dass sie leicht schluchzte. Er hatte es geschafft, sie gut abzufangen, da war er sich sicher, aber trotzdem fühlte er vorsichtig mit seinen Händen über ihren Rücken, um festzustellen, ob alles in Ordnung war.
Lilly richtete sich leicht auf und blickte ihn aus verweinten Augen an. Ihr verwischtes Make-Up sah herzzerreißend niedlich aus. Plötzlich beugte sie sich vor und küsste Teddy.
Überrascht wehrte er sich nicht, als sie fest ihre Lippen auf seine presste, um dann heißblütig mit der Zunge seine Lippen zu öffnen und in seinen Mund einzudringen. Es war ein heißer und leidenschaftlicher Kuss und Teddy wunderte sich, wie er wie von selbst die Zärtlichkeit erwiderte und wie Prickeln durch seinen, vom Adrenalin aufgepumpten Körper schoss.

Lilly löste nach einer gefühlten Ewigkeit den heißen Kuss, richtet sich leicht auf und wischte mit ihrem Ärmel über ihr Gesicht. Sie blickte Teddy an und plötzlich wurden ihre Wangen rot.
Sanft fasste Teddy sie an der Taille und drehte sie von seinem Körper herunter. Ihr Blick, als er sich dafür leicht über sie schob, brachte sein Blut in Wallungen und er versuchte, seinen ganzen Willen aufzubringen, um die Situation nicht so eskalieren zu lassen, wie es Teile seiner intimsten Gedanken vorschlugen.
Er löste sich ein wenig von ihr, hielt aber weiter Körperkontakt, um einen eventuellen Schock nicht zu verstärken.
Geht es Dir gut?“, fragte er vorsichtig.
Nein und Ja, Ja und Nein“, antworte Lilly zögerlich.
Ein paar Details wären nett“, erwiderte Teddy und blickte sie lächelnd an.
Also, hmm, nein, denn irgendwie bin ich immer noch am Zittern und, oh mein Gott, hätte das schiefgehen können…“, sie machte eine bedeutsame Pause. „Ja, ich glaube ich bin einigermaßen unverletzt und überhaupt, danke, dass Du mich gerettet hast und mich aufgefangen und…
Sie schüttelte sich leicht, um nicht hektisch zu werden.
Ja, mit Dir zu knutschen hilft gegen den Schrecken und Nein, denn Du hast eine Freundin, die ich nicht verärgern will“, ihre hellen Wangen nahmen einen sanfte rosige Tönung an.
Darf ich Dich abtasten, um zu sehen ob alles in Ordnung ist“, fragte Teddy, der in seiner Verwirrung lieber das Thema wechseln wollte.
Nur, wenn wir uns nochmal Küssen“, antworte Lilly ein wenig schüchtern, aber auch spitzbübisch.
Wie auch immer“, erwiderte Teddy und fing an, ihren Körper abzutasten, um zu sehen, ob sie sich irgendetwas gebrochen oder verrenkt hatte.

Er bemerkte nur einige Verspannungen, die er mit einigen gekonnten Griffen, so gut es ging, löste.
Sie schlang ihre schlanken Arme um seinen Hals und küsste ihn ein zweites mal und Teddy beschloss zu genießen, statt zu diskutieren. Vor allem, da Lilly durchaus eine ausgezeichnete und anregende Küsserin war.
Ein wenig schämte er sich zwar, aber es war eindeutig eine Ausnahmesituation und irgendwie ja „Erste Hilfe“.
Nach dem heißen Kuss stand er vorsichtig auf und dehnte seinen ganzen Körper mit einigen Bewegungen durch. Er war, wie durch ein Wunder, mal wieder ohne Verletzungen davon gekommen.
Dreiundzwanzig zu Null, Schluck das, Statistik“, murmelte er leise vor sich hin, blickte sich um und hielt dann Lilly die Hand hin, um ihr ebenfalls auf die Beine zu helfen.
Er spähte nach Gulasch und Krakauer.

Nach kurzem Suchen sah er die beiden Pferde, etwa dreihundert Meter entfernt in der Heide stehen.
Irgendetwas Kleines flitzte um die beiden Vierbeiner herum und schien sie eher zu verwirren, als zu verängstigen, denn sie blickten mit neugierigen Augen hinter der agilen Fellkugel her, die sie energisch umrundete.
Teddy nahm Lillys Hand und forderte sie ruhig auf, zu folgen, während er sich dem Spektakel näherte.
Schon nach wenigen Schritten hörte er das Gebell der Fellkugel und erkannte einen Hund, der versuchte, die beiden Pferde zusammen zu treiben. Teddy lächelte.

Der Wanderer nahm einen Schluck aus seiner Trinkflasche und nickte beruhigt, als er durch seinen Feldstecher sah, dass beide Jugendliche unverletzt aufstanden. Er griff in den Rucksack, der neben ihm auf der Bank stand, während sein Blick noch einmal zu dem Rest der Gruppe wanderte.
Zufrieden senkte er nun den Feldstecher und biss herzhaft in den leckeren Apfel, den er sich aus dem Obstkorb an der Rezeption der Pension gemopst hatte.
Diese Spannung war doch gewiss eine kleine Obstpause wert, dachte er sich und machte noch eine Notiz in sein Büchlein.
Während er den Apfel verspeiste, blickte er über die Heide, denn von dem kleinen Hügel, auf dem die Bank stand, hatte er einen perfekten Blick.

Fortsetzung folgt…

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