Der Rest vom (Schützen-) Fest – Teil 5

Sorgenvoll hielt Sunny Ausschau. Es war ihm gelungen, Paddys Pferd abzufangen und am Halfter zu halten, bevor es weit gekommen war. Paddy war zwar heruntergefallen, hatte es aber geschafft, sich so geschickt abzurollen, dass er mit lediglich einigen wenigen Blessuren davon gekommen war.
Mittlerweile hatten sich die anwesenden Pferde und auch deren Reiter beruhigt, aber trotzdem war von Teddy und Lilly noch nichts zu sehen.
Sunny zögerte noch, obwohl er sich am liebsten auf die Suche machen würde. Er wollte den Rest der kleinen Truppe nicht alleine lassen.
Paddy saß auf einem großen Stein und trank gerade Wasser. Alise und Tessa kümmerten sich um die Pferde, denen eine kleine Streicheleinheit fast genauso gut gefiel, wie die Äpfel, die Alise in weiser Voraussicht eingepackt hatte.
Ein kleiner Imbiss half halt fast immer, entschied Sunny, während er ebenfalls auf einem saftigen Apfel herum kaute. Plötzlich sah er die Vermissten auftauchen.
Teddy und Lilly führten die Pferde am Zügel über die Heide und um ihre Füße lief ein fröhliches Fellbündel.
Als sie näher kamen, raste der schwarz-weiß gefleckte Hund auf die kleine Gruppe zu. Er umrundete den gesamten Trupp einmal, bevor er sich dann Paddy näherte und ungeniert um Aufmerksamkeit bettelte. Paddy kraulte etwas überrascht den flauschigen Hund.
Als auch die beiden verloren gegangenen Freunde zu den anderen gestoßen waren und mit freudigem Hallo begrüßt wurden, erfuhren die Anwesenden, dass der zutrauliche Hund die Pferde „gehütet“ hatte und weder ein Halsband noch irgendein anderes Kennzeichen trug. Er wirkte auch mager, als hätte er schon länger nichts mehr gefressen und war auch etwas ungepflegt. Über sein linkes, offensichtlich blindes Auge zog sich eine abenteuerliche Narbe. Trotz der Verwahrlosung schien er ein freundlicher und zugewandter Geselle zu sein, der Streicheleinheiten genoss und auch ein großes Stück Apfel, welches Paddy ihm anbot, schmatzend zu würdigen wusste.
Sunny schlug vor, ihn mit auf den Hof zu nehmen, um von dort aus zu forschen, zu wem er gehörte, was auf allgemeine Zustimmung traf.

Sunny beobachtete, wie sich Teddy kopfschüttelnd die Spuren ansah, die von den Motorradfahrern auf der Sandpiste zurückgelassen wurden. Sie waren an der kleinen Truppe vorbeigerast, ohne zu bremsen und nach weiteren etwa zweihundert Metern von der Sandpiste auf einen Trampelpfad weiter in die Heide abgebogen.
Die ganze Aktion war auch einfach zu schnell gewesen, als dass irgendeiner in dem Chaos hätte auf die Nummernschilder achten können.
So wie Teddy prüfend neben der Spur der Verkehrssünder hockte mit seinem weit schweifenden Blick, erinnerte er Sunny an einen Texas Ranger auf der Jagd und er war tatsächlich froh, dass Teddy genauso wenig von Schusswaffen hielt, wie er selbst, denn er konnte Teddys eiskalten Zorn schon in seinen Augen sehen.
Sunny wusste, dass Teddy am liebsten auf die Jagd gegangen wäre, aber er war sich ebenfalls sicher, dass eine Begegnung mit den „Motorradioten“ zur Zeit eher unproduktiv verlaufen würde.

Teddy stand auf und kam zu Sunny.
Sie sind da drüben abgebogen und wahrscheinlich den Pfad runter zum Fahrradweg am Fluss gefahren, wahrscheinlich wollen sie zur Fahrradbrücke, um dann rüber in den Wald zu fahren“, erklärte Teddy mit gefährlich ruhiger Stimme.
Du willst Dich doch nicht an die Verfolgung machen?“, fragte Sunny vorsichtig.
Natürlich nicht, das wäre völlig sinnlos und abstrus“, antwortete Teddy.
Sunny atmete auf.
Denn wenn ich über die westliche Heide reiten würde und dann über die alte Eisenbahnbrücke, käme ich von unten durchs Hexenholz und könnte ihnen den Weg abschneiden“, fuhr Teddy gnadenlos fort.
Aber Du weißt doch gar nicht, wo die Truppe hin will“, versuchte Sunny ihm die dumme Idee auszureden.
Doch, weiß ich!“, entschied Teddy, „eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass die Idioten zu den Teufelskuhlen wollen!
Innerlich wusste Sunny, dass Teddy wahrscheinlich recht hatte.

Die sogenannten „Teufelskuhlen“ waren ein hügeliges Stück des Waldes, auf dem noch die Reste ehemaliger Schützengräben aus dem Weltkrieg zu erahnen waren. Das Gelände war besonders bei Mountainbikern und BMX-Fahrern beliebt, aufgrund der Erdhügel, über die man rasen konnte.
Der Wald dort war eher licht, da in der Nähe Wanderwege waren und auch der Aussichtsturm nicht wirklich weit entfernt war, der von einer Erhebung der Rückenkracher-Hügel emporragte und eine Attraktion für Wanderer darstellte.
Krampfhaft versuchte Sunny, eine Ausrede zu finden, um Teddy von seinem Plan abzubringen.
Aber Du kannst mich doch nicht mit den Anfängern alleine lassen“, fiel ihm plötzlich spontan ein.
Teddy nickte einsichtig.
Wir sollten zurück zum Hof reiten. Sowohl Paddy, als auch Lilly haben heute genug Reittraining bekommen und den Pferden steckt der Schrecken immer noch in den Gliedern. Uns fällt sicherlich noch was anderes ein, wie wir den Tag zum Erfolg machen können“, schlug er vor und Sunny erkannte eine gewisse Enttäuschung in seiner Stimme.
Auch die anderen fanden die Entscheidung zwar vernünftig und alternativlos, aber so richtig glücklich war keiner von ihnen damit. Sie kehrten mit den Pferden an den Zügeln zum Hof zurück.

Während sich Teddy und Sunny um die Pferde kümmerten und Paddy etwas zu trinken organisierte, beratschlagten die Mädchen, wie sie den angefangenen Nachmittag noch retten könnten.
Sunnys Mutter Emilia Sonnenberger wurde von den beiden Jungen über das Vorkommen aufgeklärt, da auch sie gerade im Stall bei der Arbeit war.
Sie versprach, sich nachher ein wenig um den gefundenen Vierbeiner zu kümmern und morgen mit ihm beim Tierarzt vorbeizufahren, um nach einem Chip suchen zu lassen. Da sie sowieso einige Medikamente für die Tiere abholen musste, war das kein besonderer Umweg.
Was die Raser anging, wollte sie morgen Sunnys Vater informieren, damit dieser mal nachhaken könnte, was da wohl los sei.
Außerdem riet sie Sunny, seinen Cousin Adolpho zu fragen, da dieser ja, zu seinem erfolgreich erhaltenen Führerschein für Roller und ähnliche Zweiräder, so eine Maschine von seinem Vater geschenkt bekommen hatte.
Sunny und Teddy blickten sich vielsagend an.
Scheinbar haben die BMX-Banditen technisch aufgerüstet“, frotzelte Teddy, als sie aus Emilia Sonnenbergers Hörweite waren.
Sunny nickte dazu.
Na, der wird was von mir zu hören bekommen, wenn ich…
Wenn Du nicht beweisen kannst, dass er dabei war und er sich wieder beschwert, dass Du ihn schlecht machen würdest. Und seine Mutter dann deiner Mutter eine Standpredigt hält, wie verzogen Du bist. Das hatten wir doch schon alles“, erinnerte ihn Teddy, ein wenig erzürnt.
Ach…“, mischte sich Emilia Sonnenberger plötzlich ein, die wie so häufig plötzlich scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war.
… bevor ich es vergesse, dein Vater hat gefragt, ob Du nachher mit zum Bankett kommst. Irgendwie hat der Herr Zapfenstreich ihm da so einen Floh ins Ohr gesetzt, dass, da er ja seine eigenen Kinder auch mitbringt, es doch schön wäre, wenn du auch dabei wärst. Dann würde sich seine Benediktina nicht so langweilen.
Sunny blickte entsetzt und suchte stammelnd eine Entschuldigung.
Emilia Sonnenberger zwinkerte ihm kurz zu.
Ich habe deinem Vater erklärt, dass Du heute Abend schon etwas zu tun hast, also macht euch besser rar.“ Sunny gab seiner Mutter eine dankbare Umarmung und auch Teddy musste lächeln.
Danke, Tante Emilia. Du bist echt die Beste.
Ich weiß“, antwortete Emilia Sonnenberger lächelnd.
Früher haben wir das Feuerwerk gerne entweder vom Aussichtspunkt oder von der alten Ruine oben in den Hügeln aus gesehen. Da sind wir immer mit dem Fahrrad hingefahren. Aber ich denke, dass macht man heute nicht mehr“, seufzte sie leicht melancholisch und verschwand hinter einigen aufgestapelten Strohballen.

Eigentlich eine gute Idee“, dachte Sunny laut.
Teddy konnte ihm da nur zustimmen. Beide Orte waren abgelegen, romantisch und hatten eine gute Aussicht.
Der alte Aussichtspunkt, das ist doch da, wo der Aussichtsturm steht, oder?“, fragte Teddy mit unschuldiger Miene.
Genau, hinten, wenn man den Radweg in Richtung…“, begann Sunny, um Teddy dann misstrauisch zu mustern.
Die alten Ruinen sind viel romantischer und da ist auch keiner“, merkte Sunny an.
Ja, aber im Dunklen auch viel gefährlicher und außerdem unheimlicher“, entgegnete Teddy.
Dafür aber näher an der Stadt und somit besser für die Mädchen auf dem Rückweg!“, setzte Sunny nach.
Dafür liegen sie höher, das ist anstrengender und auf der Rückfahrt gefährlicher!“, wollte sich Teddy nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.
Wie wäre es damit, die gesamte Truppe das entscheiden zu lassen?“, mischte sich plötzlich Paddy ein, der mit einer eiskalten Flasche Wasser für die Beiden plötzlich in der Stalltür stand.
Beide nickten überrumpelt.

Ein wenig später diskutierten sie die Idee gemeinsam mit den Mädchen auf dem Hof.
Lilly hinterfragte erst einmal die Machbarkeit, aber dank der Pension gab es auf dem Sonnenbergerhof genug Fahrräder für alle jene, die heute keines selber mitgebracht hatten.
Teddy und Sunny stellten ihre Argumente engagiert vor, doch der demokratische Prozess scheiterte daran, dass sich Tessa und Lilly auf Teddys Seite schlugen, während Alise und Paddy mehr gefallen an Sunnys Vorschlag fanden.
Alise grübelte kurz und schlug dann den Geisterstein als Ziel vor.
Sunny war natürlich sofort einverstanden und Teddy sah ein, dass sein Plan, in die Nähe der Teufelskuhlen zu kommen, um die Motorradfahrer zu stellen, heute nicht funktionieren würde und gab sich einverstanden.
Sie verteilten also ihren Proviant und die nötige Ausrüstung auf die sechs Drahtesel und fuhren gemeinsam los, Alise und Sunny hinterher, die den Weg ja gut kannten.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben