Familienfehden – Teil 1

Während der Radfahrt durch die sommerliche Landschaft besserte sich die Laune der gesamten Gruppe deutlich. Sowohl Alise, als auch Sunny, unterhielten ihre Freunde mit Anekdoten aus der regionalen Heimatkunde und Geschichte und es gab scheinbar nicht einen einzigen Busch auf der gesamten Strecke, zu dem keiner der Beiden etwas zu sagen wusste.
Es gab keine einzige Erklärung, zu der es nicht mindestens eine interessierte Nachfrage und einen lustigen Spruch gab, obwohl dabei die Rolle des jeweiligen Verantwortlichen unter den anderen vier Jugendlichen wechselte.
Es dauerte nicht lange, bis sie die Brücke über den träge dahinfließenden Fluss erreicht hatten und auf der anderen Seite erwartete sie das üppige Grün des Forstes.

Von hier aus wurde der Radweg zunehmend steiler, dank der Rückenkracher-Hügel, die sich vor ihnen auftürmten. Obwohl dadurch die Gespräche ein wenig dezenter wurden, minderte es ihre gemeinsame Geschwindigkeit nicht ernsthaft, mit der sie den in Serpentinen verlaufenden und ungepflasterten Radwanderweg entlang radelten.
Das satte Grün der großen alten Bäume des gräflichen Forstes spendete angenehmen Schutz vor der warmen Sommersonne und der Duft des größtenteils naturbelassenen Waldes regte die Sinne zum Träumen an.
Alise, die den Wald wie ihre Westentasche kannte, übernahm die Führung der Gemeinschaft und radelte engagiert voran.
Ihr Plan war es, zu dem Rastplatz direkt unterhalb des Geistersteins zu fahren, um dort die Fahrräder anzuschließen, denn der Rest des Weges zum Geisterstein war mit den Fahrrädern nicht zu bewerkstelligen.

Als sie um die letzte Kurve vor ihrem angestrebten Ziel fuhr traute sie ihren Augen kaum, denn auf dem Rastplatz standen bereits einige Fahrräder und, was noch viel schlimmer war, ein paar der knallbunten Geländemotorräder, von der selben Art, mit der sie heute schon so unliebsame Erfahrungen gemacht hatten.
Sie versuchte, die Situation zu analysieren und zählte fünf dieser Fahrzeuge, sowie an die zwanzig Fahrräder, von denen zwei eindeutig E-Bikes waren, die ziemlich neu aussahen.
Aber der schlimmste Anblick war Marc-André, der in typisch arroganter Körperhaltung neben Werner stand, eine Zigarette rauchte und sich mit einem der Motorradfahrern in einer schicken, sportlichen Lederkombi unterhielt, der gerade ein Getränk aus einer schlanken Getränkedose trank. Wahrscheinlich einer dieser massiv süßen Energiedrinks, registrierte Alise, die aus leidvoller Erfahrung gelernt hatte, solche „Trendgetränke“ zu meiden, da sie sich, durch den Koffeinschock, wie ein tollwütiges Eichhörnchen unter Kokain benahm.
Ein weiterer Blick reichte, um die anderen vier Motorradfahrer anhand ihrer ebenfalls schicken Lederbekleidung zu identifizieren, obwohl sie noch nicht wirklich feststellen konnte, ob und wenn ja, wer der fünf eindeutigen Motorradfahrer zu den drei Rowdys vom frühen Vormittag gehörte.
Zu ihrer Überraschung waren auch Benediktina und Lauretta, samt den üblichen drei anderen Mädchen aus ihrer Clique anwesend. Neben den zwei Mädchen, die sie auf der Kirmes im Gefolge von Marc-André gesehen hatten und den beiden hübschen asiatischen Zwillingen, die Teddy den Kopf verdreht hatten, waren ansonsten nur Jungen auf diesem Treffen zu erkennen.

Bevor sie ihren Trupp aufhalten konnte, um unauffällig zu verschwinden, wurden sie schon entdeckt.
Alise konnte deutlich sehen, dass fast gleichzeitig Werner Marc-André auf die Neuankömmlinge aufmerksam machte, in dem auch Lauretta Benediktinas Aufmerksamkeit in die Richtung von Alise und ihren Freunden lenkte.
Leise fragte Alise Sunny, ob sie einfach an der Katastrophe vorbei radeln sollten, um so zu tun, als hätten sie ein ganz anderes Ziel. Danach könnte man sich ja was Neues ausdenken.
Aber es war bereits zu spät, denn Teddy radelte dynamisch an den Beiden vorbei und stellte sein Fahrrad auf dem Rastplatz ab, bevor er mit ruhigem Schritt auf eines der Grüppchen auf dem Rastplatz zuging.
Bevor Sunny oder Alise irgendwie eingreifen konnten, folgten Paddy und Tessa Teddys Beispiel.
Auch Lilly und Sunny stellten ihre Fahrräder zu den anderen, aber während Lilly dem Dreiertrupp folgte, blieb Alise unsicher mit ihrem Fahrrad bei den abgestellten Fahrrädern ihrer drei Freunde stehen, um vorsichtig die heikle Situation zu beobachten.
Sunny wollte zuerst zu Teddy eilen, um ihn von irgendwelchen übereilten Dummheiten zu beschützen, entschied sich aber auf die Anderen zu vertrauen und stellte sich beschützend neben Alise.

Teddy stellte sich provokant direkt vor Adolpho und seine beiden Motorradfreunde und starrte ihn mit seinem tödlichsten Blick in die Augen. Adolpho hielt dem Blick ganze drei Sekunden stand, bevor er sein Ausweichen mit der Suche nach Zigaretten in seiner Motorradjacke vertarnte.
Der größere und muskulösere Junge neben ihm ergriff zuerst die Initative. Er war fast einen halben Kopf größer als Teddy und wirkte in den Motorradklamotten sehr breitschultrig.
Was wollt ihr denn hier?“, fragte er mit einem provozierenden Tonfall.
Ist ein öffentlicher Platz“, antwortete Teddy , ohne seinen Blick von dem sichtlich nervösen Adolpho abzuwenden.
Ist aber eine private Feier“, kam sofort die Antwort von dem anderen Motorradtypen, der das Dreigestirn um Adolpho komplettierte.
Ich wusste ja nicht, dass man sich bei Parkplatztreff.de registrieren muss, um mit so süßen Schnuckelchen wie Dir hier abfeiern zu dürfen“, erwiderte Paddy, der zu Teddy aufgeschlossen war.

Können wir die Kinderkacke abkürzen?“, fragte Teddy.
Ich will nur wissen, ob ihr das heute Nachmittag wart?
Ob wir was waren?“ fragte Adolpho mit offensichtlich gespielter Unschuldsmiene.
Was ist denn passiert? Ist dem kleinem Cowboy eine Laus über die Leber gelaufen?
Genau“, setzte der große Teenager nach, „hat der kleine Stallbursche zuviel Staub geschluckt?
Adolpho sah seinen Freund aufgrund dieses annähernden Geständnisses unzufrieden an.
Tja, die Heide gehört euch nicht alleine. Wir werden da jetzt öfters sein, also Augen auf beim fröhlichen Schafe schänden, es sei denn Du bist nicht prüde, Pferdejunge“, spie Adolpho Teddy ins Gesicht.
Ihr Helden wart auf einem Reitweg und habt dort mit euren Maschinen nichts zu suchen“, erklärte Teddy ruhig, wobei seine Stimme immer frostiger wurde.
Erstens, ist es doch lustig, zweitens ist es ein landwirtschaftlicher Weg und den dürfen wir befahren und drittens, hast Du überhaupt keinen Hauch von einer Ahnung.
Komisch“, entgegnete Teddy, „wirkte auf mich wie ein Motorrad und nicht wie ein Traktor.
Wir haben eine Erlaubnis vom Besitzer“, erklärte der dritte der Jungen spöttisch. „Der Herr Graf persönlich hat es uns erlaubt.
Ich dachte, er hätte das Land verpachtet, bräuchtet ihr dann nicht eine Erlaubnis des Pächters?“, fragte Teddy noch eisiger.
Eigentum schlägt immer Besitz“, erklärte Adolpho arrogant.

Wie dem auch sei“, ließ Teddy sich nicht beirren, „wenn Du, oder deine kleinen Freunde nochmal einen meiner Freunde belästigt oder gefährdet, dann setzte ich Dich Vogel höchstpersönlich auf die Liste der bedrohten Tierarten!
„Willst Du mir etwa drohen, Du kleine Schwuchtel?“, höhnte Adolpho, „da haben ich und meine Freunde aber ganz entschieden was dagegen
So?“, fragte Teddy.
Der größere Motorradfahrer schob sich zwischen Teddy und Adolpho.
Ja!“, knurrte er schon fast.
Meinst Du, deine Größe beeindruckt mich?“ fragte Teddy und lächelte zynisch.
Nein, aber vielleicht der Umstand, dass ich seit drei Jahren im Kickbox-Verein bin und dieses Frühjahr den dritten Platz in den regionalen Ausscheidungen gewonnen habe“, erklärte ihm sein Kontrahent siegessicher.
Ausgezeichnet“, lächelte Teddy, „endlich ein Gegner und kein Opfer“.

Der große Kickboxer wirkte ein wenig verunsichert von Teddys Furchtlosigkeit, ging aber in eine aggressive Angriffshaltung.
Adolpho und der andere wichen ein Stück nach hinten zurück, während sich gleichzeitig ein kleiner Kreis von anderen Jugendlichen bildete, die sich auf eine Prügelei freuten.
Paddy zuckte mit den Schultern und zog sich ebenfalls ein Stück zurück. Zwar wollte er Teddy den Rücken freihalten, aber er war sich sicher, dass Teddy seine Hilfe für diesen Gorilla nicht brauchte und richtete sein Augenmerk auf andere Gefahrenfaktoren.
Na komm, Du langhaarige Tunte. Einen Schlag hast Du frei“, provozierte der Kickboxer.
Tessa fasste Teddy am Arm.
Lass dich nicht darauf ein, das ist nicht dein Niveau“, sagte sie ruhig.
Teddy blickte sie kurz fragend an.
Bitte!“, setzte sie nach und lächelte ihn süß an. Teddy nickte.
Ja, hör besser auf deine Schlampe“, höhnte sein Konkurrent.

Wie hast Du mich genannt, Wichser?“, fragte Tessa plötzlich mit schneidender Stimme.
Was willst Du dumme Nutte?“, fragte der Kickboxer.
Bevor jemand reagieren konnte, stand Tessa vor ihm und trat ihm mit einer gekonnten Drehbewegung aus der Hüfte, die Beine unter dem Körper weg. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, lag der große Typ plötzlich auf seinem Hintern im Dreck. Tessa baute sich vor ihm auf.
Erste und letzte Warnung, Du Fickfrosch. Vergiss niemals, nicht alle Asiaten können Kampfkunst, aber ich schon!
Teddy trat von hinten an sie heran.
Lass gut sein, das ist weder Dein Stil noch Dein Niveau“, sagte er leise in ihr Ohr.
Bitte“, setzte er sanft nach und gab ihr einen kleinen Kuss auf das Ohr. Tessa nickte.

Paddy mischte sich von hinten ein.
Kommt ihr Beiden, ich denke, wir sind hier fertig!
Tessa und Teddy drehten sich um und gingen zusammen mit Paddy und Lilly zurück zu den Fahrrädern, während die Schaulustigen ihnen schnell Platz machten.
Das ist noch nicht vorbei“, geiferte Adolpho, „hast Du gehört Michael, das ist bestimmt noch nicht vorbei!“
Teddy blickte kurz über die Schulter zu dem vor Wut zitternden Adolpho.
Du darfst mich ruhig Teddy nennen“, sagte Teddy ruhig und ging mit seinen Freunden weiter.

Niemand hielt die kleine Gruppe davon ab, weiterzufahren. Stumm radelten sie den Weg einfach weiter.
Doch zur alten Ruine?“, fragte Sunny.
Teddy nickte ihm bestätigend zu.

Fortsetzung folgt…

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