Familienfehden – Teil 2

Gähnend stieg Sunny die Treppe hinunter. Es war früher Nachmittag, also die Zeit, die Sunny in den Ferien als die richtige Zeit zum Aufstehen definierte.
Paddy war noch im gemeinsamen Zimmer und schnarchte auf der ausgeklappten Schlafcouch vor sich hin. Teddy hatte ihm einen Zettel zurückgelassen. Scheinbar hatte sich Teddy für den Vormittag etwas Geheimnisvolles vorgenommen, aber angekündigt, gegen Mittag wieder auf den Sonnenbergerhof zu kommen. Es war Sunny schon immer ein Rätsel, wie Teddy mit so wenig Schlaf auskam.
Es war gestern doch sehr spät geworden. Sie hatten an der alten Ruine gesessen und das Feuerwerk betrachtet. Dabei hatten sie sich gut unterhalten und den Ärger mit den Motorradrowdys nahezu vergessen.
Einen großen Teil des Abends hatte Sunny im intensiven „Gespräch“ mit Alise verbracht und war erstaunt, wie schnell die Zeit beim Küssen vergehen konnte.

Natürlich hatten sie die Mädchen brav nach Hause gebracht, bevor sie selber zurückgekehrt waren. Tessa hatte das geliehene Fahrrad behalten und wollte es heute im Laufe des Tages zurückbringen, um dann auch ihren Roller abzuholen.
So musste sie keinen Umweg in Kauf nehmen und konnte rechtzeitig zuhause abgegeben werden, denn das Haus der Familie Büttelsbrunft lag als erstes auf dem Rückweg von der alten Ruine.
Kurz hinter Tessas Haus hatten sie sich getrennt und Sunny hatte zusammen mit Paddy Alise nach Hause begleitet, wo er mit einem langen und süßen Gute-Nacht-Kuss verabschiedet wurde und dann gemeinsam mit Paddy zum alten Feldweg fuhr, wo sie auf Teddy warteten.
Teddy hatte sich bereit erklärt, Lilly kurz nach Hause zu begleiten, damit sie nachts nicht allein durch die Stadt fahren musste, gerade wo die angeheiterten Besucher des Schützenfestes jetzt alle auf dem Heimweg waren.
Sunny fand das sehr ritterlich von Teddy und wartete daher gerne mit Paddy die kurze Zeit, bis Teddy wieder zu ihnen stieß, um zurück zum Hof zu radeln.

Er nutzte die Zeit, um sich intensiver mit Paddy zu unterhalten, der ihm langsam ans Herz wuchs. Er fing an, sich an Paddys intelligente und ruhige Art zu gewöhnen und besonders seine durchdachte Geduld gefiel Sunny. Noch immer hatte er viele Fragen zu dem seltsamen Hobby, welches Paddy mit Sunnys geliebter Alise teilte.
Paddy war großzügig, was Erklärungen betraf und geduldig im Beantworten noch so „dummer“ Fragen. Das, sowie der Umstand, dass Paddy ihn nicht mit seinem Sexappeal ablenkte, machte ihn in der Angelegenheit zu einem besseren Lehrer als Alise.
Dabei konnte Sunny nicht leugnen, dass Paddy ein sehr gut aussehender Junge war. Zwar rätselte Sunny noch, welche Haarfarbe sich hinter seinem offensichtlich gefärbten schwarzen Haar befand, aber an sich wirkte sein dichtes, volles Haar attraktiv. Ähnlich wie Teddy und Sunny trug er es lang, allerdings hatte er es zumeist sehr ordentlich zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Körperlich war Paddy sehr athletisch, obwohl er ein ganz anderer Körpertyp als der ebenfalls durchtrainierte Teddy war.
Wäre er nicht der größte und muskulöseste der drei Jungen, hätte Sunny wahrscheinlich Komplexe neben den beiden sportlichen Kerlen. Er hatte halt den Vorteil guter Anlagen und ganzjähriger Stallarbeit, die es ihm ersparten, Geld für ein Fitnessstudio zu investieren.
Da Sunny allerdings wusste, dass Teddy in der Schule heimlich in einem Kraftraum trainierte, hatte er sich angewöhnt, doch zumindest zweimal die Woche in dem Kraftraum, den sein Vater im Kampf gegen den Altersspeck im Keller eingerichtet hatte, zu trainieren. Einfach um nicht den Anschluss zu verlieren, aber auch, weil es ihm Spaß machte und ihm Zeit zum Nachdenken gab.

In Gedanken über den gestrigen Abend versunken, schlurfte Sunny mit verschlafenen Augen in die Küche und inspizierte die Kaffeemaschine.
Dankbarerweise war noch Kaffee in der Kanne, so konnte Sunny seine Synapsen erst mal mit Treibstoff versorgen. Es war noch ein Rest vom Frühstück im Kühlschrank, so dass sich Sunny schnell versorgen konnte.
Er mümmelte gerade auf einem halben belegten Brötchen herum, als seine Mutter in die Küche kam.
Oh, Du bist endlich wach. Das ist gut“, begrüßte ihn Emilia Sonnenberger.
Hmm, ja, soweit man um diese Uhrzeit wach sein kann“, nuschelte Sunny und nahm einen weiteren Schluck aus seinem Kaffeebecher.
Du bist ein unverbesserliches Murmeltier“, erklärte ihm seine Mutter mit einem Lächeln.
Naja, ich bin halt mehr die Nachtigall, als die Lerche. Das hat was mit Biorhythmus zu tun...“, fing Sunny an, zu erklären, doch seine Mutter Emilia Sonnenberger unterbrach ihn mit einer knappen, aber klaren Handbewegung.
Sunny war sofort klar, dass Ärger ins Haus stand.

Seine Mutter fing an, etwas in der Küche zu hantieren. Sunny wartete besorgt auf das, was kommen würde.
Deine Tante Jakobina sitzt draußen im Garten“, begann sie in einem gefährlich ruhigen Plauderton, während sie neuen Kaffee aufsetzte.
Und stell Dir vor, sie hat ihren Adolpho mitgebracht“, setzte sie nach, wobei sie das „ihren Adolpho“ in einer perfekten Imitation von Tante Jakobinas hochnäsig nasalen Tonfall betonte.
Sunny schwante Übles.
Ich weiß nicht, was er erzählt hat, aber…“, setzte Sunny an, doch Emilia Sonnenberger unterbrach in ruhig, aber bestimmt.
Ich weiß nicht, was ihr für einen Streit habt, oder was für ein Problem zwischen euch steht, aber im Gegensatz zu meiner Schwägerin bin ich der Meinung, dass ihr alt genug seid, eure Probleme selber zu lösen. Oder irre ich mich da?
Ihr Tonfall sorgte dafür, dass Sunny sofort schwer schluckte.
Ja, hmm, ich meine Nein, also ich meine…“, stammelte Sunny vor sich hin und hielt sich verzweifelt an den Resten seines Frühstücksbrötchens fest.
Ich sage Dir, was jetzt passieren wird. Du gehst da raus und entschuldigst Dich bei Tante Jakobina für das Ungemach und dabei gleich auch bei deinem Cousin Adolpho, für was auch immer. Dann wirst Du Dich mit ihm unter vier Augen unterhalten und ihr findet eine Lösung. Ansonsten muss ich eine Lösung finden und Du weißt, wie Dein Vater darauf reagiert, wenn ich seiner Schwester den Kopf gerade rücke.
Sunny nickte gehorsam.
Ich weiß, das ist nicht das Optimale und wahrscheinlich noch nicht einmal das Richtige, aber als Erwachsener muss man manchmal auch schlechte Entscheidungen treffen, um schlimmere Konsequenzen zu vermeiden. Und manchmal kann man nur Nicken und Schlucken und darauf warten, dass der richtige Zeitpunkt kommt, um die Dinge wieder gerade zu rücken. Das Leben ist nicht immer gerecht, aber am Ende doch zumeist fair.“
Das heißt doch nur, dass Du keine Lust auf Tante Jakobinas Meckerei hast“, entgegnete Sunny frech, obwohl im seine Worte, kaum gesprochen, schon wieder Leid taten.
Das hast Du richtig erkannt. Ich habe halt besseres zu tun, als mich mit der Helikoptererziehung meiner lieben Schwägerin auseinander zusetzen. Das Geschwurbel von der eingebildeten Mistkuh geht mir schon so ordentlich auf den Zeiger. Aber Familie ist halt Familie.
Emilia Sonnenberger seufzte ein wenig entnervt. Sunny legte sein halbgegessenes Brötchen zur Seite und nahm seine Mutter in den Arm.
Ich biege das schon hin“, sagte er im tröstenden Tonfall.
Du bist schon mein kleiner Sonnenschein“, erwiderte Emilia Sonnenberger und gab ihrem Sohn einen Kuss auf die Stirn.
Nachdenklich verspeiste er sein Brötchen und trank seine zweite Tasse Kaffee, bevor er bedächtig in den Garten ging und sich dem gedeckten Gartentisch näherte, an dem seine Mutter mittlerweile wieder mit Tante Jakobina, Großmutter Irmelbert und dem siegessicher feixenden Adolpho saß.

Es kostete Sunny zwar ein ganzes Stück seines Stolzes, den er runter schlucken musste, doch er entschuldigte sich nach allen Regeln der Höflichkeit bei seiner Großmut vorspielenden Tante, die auf dem Gartenstuhl thronte wie Marlon Brando in der Rolle als der Pate in dem gleichnamigen Film.
Auch der schmierig und schadenfroh grinsende Adolpho bekam seine förmliche Entschuldigung, obwohl Sunny dabei sowohl Verachtung als auch Wut verbergen musste. Mit allen Tricks aus der Theater-AG an der Schule versuchte er, Adolpho den geschlagenen Verlierer vorzuspielen, um ihn in Sicherheit zu wiegen.
Er setzte sich sogar mit an die Kaffeetafel und ließ den üblichen Sermon über sich ergehen, nur um Adolphos Freude, ihn zu demütigen weiter anzustacheln, bevor er ihn fragte, ob sie sich noch einmal unter vier Augen unterhalten könnten.

Siegessicher ging Adolpho mit ihm in den nahen Obstgarten.
Wie ich es gesagt habe, das Ganze ist noch nicht vorbei. So einfach beleidigt mich niemand, vor allem auf einer Party, vor meinen Freunden…“, setzte Adolpho mit überheblichem Tonfall an.
Du hast keine Freunde“, unterbrach Sunny, „denn Freunde muss man nicht dauernd von seiner Überlegenheit überzeugen oder mit Zeug bestechen. Aber in einem hast Du Recht, Du Muttersöhnchen, das Ganze ist noch nicht vorbei!
Was willst Du denn machen?“, fragte Adolpho höhnisch.
Tja, es gibt drei Möglichkeiten. Entweder Du versprichst mir, mit dem Unsinn aufzuhören und wir schließen offen und ehrlich miteinander Frieden, oder wir klären das Ganze in einem ordentlichen Wettstreit, auf faire und sportliche Weise, bei dem wir ein für allemal die Situation klären.
Das waren zwei Möglichkeiten, was ist die dritte Variante?“, wollte Adolpho mit herausforderndem Ton wissen.
Nun, mich kannst Du über meine Eltern unter Druck halten, aber nicht Teddy. Und der wollte sich immer schon mal mit Dir unter vier Augen, sagen wir, unterhalten. Bis jetzt habe ich ihm verboten, Dich anzufassen, denn Du gehörst ja zur Familie, aber wenn Du mir keine Wahl lässt…“ Schulterzuckend ließ Sunny den Rest seiner gespielten Drohung einfach stehen.
Er beobachtete unauffällig, ob sein Bluff auf Adolpho wirkte und bemerkte zufrieden, dass dessen hochnäsige Fassade bröckelte.
Wie stellst Du Dir das mit dem Wettkampf vor?“, lenkte Adolpho mürrisch ein.
Wir messen uns in irgendeiner Disziplin und wenn ich gewinne, sucht ihr Euch eine andere Piste für eure Motorräder.
Und wenn ich gewinne?“, fragte Adolpho.
Dann werden wir euch dementsprechend in Ruhe lassen.
Hört sich vernünftig an, aber ich möchte einen Mannschaftswettstreit, damit klar ist, dass die Abmachung auch für deine kleinen Freunde verpflichtend ist.
Also sechs gegen sechs“, pokerte Sunny, der gesehen hatte, dass nur fünf Motorradfahrer bei dem abendlichen Treffen dabei waren.
Überraschenderweise stimmte Adolpho zu.

Welche Art von Wettkampf?“, fragte Sunny.
Bevor wir lange diskutieren, wir fordern euch zu etwas heraus und ihr uns zu was, das euch angemessen erscheint, wenn es unentschieden endet, wird der finale Wettbewerb von jemand neutralem vorgeschlagen.
Und wer soll das sein?“, fragte Sunny.
Ich schlage da Benediktina Zapfenstreich vor“, antworte Adolpho, „ich denke, sie wäre an sich auch eine gute neutrale Schiedsrichterin.
Ich bin einverstanden“, erklärte Sunny und hielt Adolpho die Hand hin. Dieser erwiderte grinsend den Handschlag, für Sunny ein wenig zu selbstsicher.
Sunny vertraute Adolpho auf keine Weise, aber das war der beste Deal, den er heute bekommen konnte.

Fortsetzung folgt…

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