Familienfehden – Teil 3

Tessa lag in ihrem Bett und dachte nach.
Nachdem sie gestern ihre innere Balance verloren hatte und mit einem eingedrehten Fußfeger den blöden Möchtegern-Biker von den Beinen geholt hatte, war zwar ihre Wut schnell wieder verraucht, aber ihre innere Zufriedenheit noch lange nicht wieder hergestellt. Hätte Teddy sie nicht, peinlicherweise mit ihren eigenen Argumenten zurückgehalten, hätte es noch dreckig werden können. Ihr Sifu wäre damit nicht wirklich zufrieden, denn die Künste des Wu-Shu, ein Teil des Kung-Fu, waren nicht für eitle Prügeleien erschaffen worden. Natürlich war es eine Kriegskunst, aber der Gegner war deutlich unter ihrem Niveau gewesen.
Aber noch schlimmer empfand sie, dass sie sich so unbeherrscht vor Teddy gezeigt hatte. Innerlich wunderte sie sich, dass Teddys Meinung ihr so wichtig war und konnte nicht so ganz einschätzen, was der Grund war.
Sie hatte herausgefunden, dass Teddy in ihr eine Sehnsucht erweckte, die nicht nur aus körperlicher Zuneigung bestand, sondern sie fühlte sich ihm auch seelisch nah. Er bot einfach soviel, was sie an Männern schätzte. Gestern hatten sie kein Wort über den Vorfall verloren und nur heiß und ausgiebig miteinander geknutscht.

Von seinen Zärtlichkeiten inspiriert, schlüpfte sie gestern ins Bett und fühlte sich wie eine rollige Katze, als sie sich in ihre Decke kuschelte und noch lange an seine Berührungen, seinen Geruch und seinen Geschmack denken musste.
Ein Teil von ihr bereute, dass es keine einfache Möglichkeit gab, ihn einfach in ihr Bett zu entführen, um in seinen Armen einschlafen zu können. Normalerweise hielt sie Jungs auf gebührendem Abstand und fand ihre eigene Freiheit viel wichtiger, als die Enge einer festen Beziehung, wie jene, die sie bei den Liebeleien ihrer Mitschüler und Bekannten beobachten konnte.
Trotzdem freute sie sich darauf, nachher zum Sonnenbergerhof zu radeln, nicht nur, um ihren Motorroller abzuholen, sondern auch, um ihren Freund wieder zu sehen.
Der Gedanke, eine feste Beziehung zu haben, war immer noch komisch und doch kribbelte es angenehm im Bauch, wenn sie diesen Gedanken mit ihrem inneren Bild von Teddy vereinte. Ein Teil von ihr hatte sich sogar mit dem Asyl in Freudental abgefunden, denn durch Teddy und seine Freunde wurde dieser Sommer weitaus besser, als sie befürchtet hatte.

Sie beschloss, dass sie wohl noch einige Gespräche mit Alise über das „Verliebtsein“ führen musste, denn noch nie hatte sie so eine gute Freundin wie Alise, die scheinbar genauso an einer festen Freundschaft interessiert war, wie es Tessa sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem anderen Mädchen vorstellen konnte. Außerdem liebte sie Alises rotes Haar und ihre sprudelnde, wilde Art.
Eigentlich wäre es vielleicht auch mal eine gute Idee, zusammen mit Alise und Lilly etwas nur unter Mädchen zu unternehmen, denn Tessa war echt neugierig, wie sich so ein Mädchentag anfühlen würde. Bis jetzt war ihr so etwas immer zu albern, aber mit diesen Beiden könnte es vielleicht angenehm sein und zu produktiven Dingen führen.
Lilly war irgendwie total niedlich, stellte Tessa für sich fest und gerne wüsste sie mehr über das wunderschöne, aber zurückhaltende Mädchen, außer dass ihre Küsse sehr süß schmeckten.
Während sie ihren Gedanken nachhing, klopfte es an ihre Tür.

Sehr zu ihrer Überraschung fragte Marc-André fast höflich, ob er eintreten dürfe. Neugierig fragte sie ihn, welchen Umständen sie seine morgendliche Aufwartung verdanke.
Er erzählte ihr mit schleimiger Höflichkeit, dass es unten noch Frühstück gäbe und er sich gerne bei einem gemeinsamen Mahl mit ihr über wichtige Dinge unterhalten würde.
Tessa bat sich einige Minuten aus, um sich frisch zu machen und Marc-André krönte sein ungewöhnliches Gentleman-Verhalten damit, dass er ohne zu zögern ankündigte, in der Küche auf sie zu warten. Nachdem sie ihre Morgentoilette erledigt hatte und entsprechend angezogen war, ging sie in die große und moderne Küche der Familie Büttelsbrunft.

Es war eine dieser teuren, großen Küchen mit allem teuren Schnick und auch Schnack, wie man sie in der Werbung sah. Da die Schwester ihrer Mutter, die hier die Dame des Hauses war, keinerlei Kochkünste besaß, war die Küche in vielen Teilen auch wie neu.
Ihre Mutter hatte ihr verraten, dass ihre Schwester, also Tessas Tante, schon im Kindesalter komisch war, aber da Tessa ihre Großeltern kannte, wusste sie, dass eher ihre Mutter das schwarze Schaf in einer ansonsten äußerst biederen und konservativen Familie war. Der Gedanke an ihre Großeltern mütterlicherseits brachte Tessa zum Schaudern. Ihr Großvater war, als ehemaliger Förster, nicht nur leidenschaftlicher Jäger, was den ebenfalls waidmännisch versierten Kommissar Büttelsbrunft zu einem ausgezeichneten Schwiegersohn machte, sondern züchtete auch leidenschaftlich Dackel und praktizierte das mäßig faszinierende Hobby der Taxidermie, also dem Ausstopfen von Tieren. Darin war er so begnadet, dass er unter den Naturkundemuseen in der Region als Experte bekannt und gefragt war. Nachdem Tessa mehrfach seine Sammlung ausgestopfter Jagdtrophäen bewundern durfte und, zu ihrem Grauen auch erfuhr, dass er seine Lieblingsdackel nach ihrem Versterben präparierte, hoffte sie inbrünstig, dass ihr Großvater vor seiner Frau sterben würde.
Ihre Tante war die Unterbringungsalternative zu ihren Großeltern gewesen und sie hatte Marc-André als weniger unangenehm, als ein Rudel toter Tiere mit künstlichen, ewig starrenden Augen gehalten.
Mittlerweile war sie sich nicht mehr wirklich sicher. An schlechten Tagen fragte sie sich, wie viel sie von der mütterlichen Seite ihrer Familie geerbt hatte, die scheinbar alle etwas neben der Spur liefen.

Zur weiteren Überraschung wartete Marc-André nicht nur brav auf sie, sondern hatte auch einen, für seine Verhältnisse, fürstlichen Frühstücksplatz am Küchentresen vorbereitet. Sie lehnte sein Angebot ab, dass er ihr einen Tee in der Maschine zubereiten könnte, da der Tee aus Pads noch widerlicher als Beuteltee schmeckte und setzte sich selber Teewasser auf.
Immer noch misstrauisch, bot sie Marc-André ebenfalls einen Tee an, der mit Verweis auf seinen frischen Kaffee dankend ablehnte.
Er wartete geduldig, bis sie mit ihrem Tee bei ihm am Tresen Platz nahm und mit dem Frühstück begann, bevor er mit einem Gespräch anfing. Zu ihrer Überraschung verzichtete er auf seine üblichen Eingangsfloskeln und Winkelzüge und kam zügig zur Sache.

Marc-André war natürlich Zeuge des gestrigen Debakels gewesen. Für Tessa war das nichts Neues, da sie ihn gesehen hatte. Sie wartete geradezu auf einen plumpen Erpressungsversuch, aber zu ihrer Überraschung, wartete Marc-André mit etwas völlig anderem auf.
Nachdem sie mit ihren Freunden abgezogen war, so wusste Marc-André zu berichten, hatte sich Lauretta an Adolpho gewandt, um ihm über Tessa zu berichten, was Marc-André „zufällig“ mithören konnte.
Es war eine klare Sache, dass sich sowohl Adolpho, als auch sein kämpferischer Kumpel, sowohl an Ihr, als auch an Teddy rächen wollten und Lauretta bot Unterstützung an. Zu Marc-Andrés Überraschung hatte Lauretta scheinbar einen tieferen Hass auf Tessa und Teddy entwickelt, obwohl sie doch heimlich für Teddy schwärmte, wie Marc-André großzügig berichtete.
Natürlich kannte er die heimlichen Wünsche seiner Cousine, aber irgendwas hatte ihre Begierde scheinbar in Zorn verwandelt. Dass Tessa sich mit Teddy herumtrieb, machte es in Marc-Andrés Augen verständlich, dass sich dieser göttliche Zorn auch auf Tessa erstreckte, erklärte er Tessa. Im Prinzip, so wusste er zu sagen, war ihm Teddy Schicksal relativ egal, aber natürlich wollte er seine Cousine warnen, mit welchen Problemen sie sich gerade konfrontierte.
Zumindest hatte Lauretta wohl großzügig Informationen an Adolpho weiter gegeben und sich bei ihm auf sehr unkeusche Art angebiedert, sowie es Marc-André darstellte. Seiner Meinung nach, war es vollkommen Laurettas Art, eine Beziehung zu einem neuen Verehrer mit dem Verrat an ihrem vorherigen Schwarm zu beginnen.
Er wusste zwar, das es Adolpho im Prinzip auf andere exquisite Beute abgesehen hatte und schon seit einiger Zeit ein Auge auf Benediktina geworfen hatte, aber das war scheinbar seiner Cousine Lauretta auch nicht bekannt.

Nachdem Marc-André ausführlich berichtet hatte und sämtliche Details enthüllte, die die verräterische Lauretta ihrem neuen Verbündeten geliefert hatte, rückte er langsam mit seinem eigentlichen Anliegen heraus. Er bot Tessa großzügig an, für sie weiter zu erkunden, was sich in der Angelegenheit tat, denn schließlich hatte ihn Adolpho auch angesprochen, um ihn für seine Racheaktion gegen Tessa, Teddy und Sunny zu rekrutieren.
Allerdings würde er sie im Gegenzug bitten, ein gutes Wort bei ihrem Freund Teddy für ihn einzulegen. Marc-André hatte Angst, dass er, natürlich „unschuldig“, wie er sich ausdrückte, in den Fokus von Teddys Interesse gerutscht sein könnte.
Er gestand, dass er am Abend vor dem Beginn des Schützenfestes von Benediktina überraschend angerufen wurde. Sie bat ihn, nachts, wenn sie wieder zuhause war, noch bei ihr vorbeizuschauen. Natürlich sollte er ihre Eltern nicht wecken, sondern unauffällig vor ihrem Fenster warten. Sie würde dann herunterkommen, um ihm zu erklären, um was es ging.
Selbstverständlich war er bereitwillig, schon auf das Bestmögliche hoffend, aufgebrochen.
Als er Licht in ihrem Fenster sah, hatte er sich einen kleinen Stein gesucht, um mit einem Wurf ans Fenster ihre Aufmerksamkeit zu erregen, als er plötzlich aus dem Hinterhalt angegriffen wurde.
Zum Glück konnte er die Verfolger nicht nur abschütteln, sondern auch erkennen, um wen es sich handelte.

Ihm war klar, dass sie ihn nicht erkannt hatten, aber wahrscheinlich würde die heimtückische Benediktina, die ihn in diese Falle gelockt hatte, sich etwas einfallen lassen, um den Verdacht konkreter auf ihn zu lenken.
Er wusste zwar nicht, warum Benediktina Teddy gegen ihn hetzen wollte, hoffte aber, dass Tessa verhindern würde, dass er Teddys Wut zu spüren bekäme. Natürlich würde er dafür weiter die Ohren spitzen und ihr Bericht erstatten.
Obwohl Tessa dem Braten nicht wirklich traute, versprach sie ihrem Cousin, mit Teddy zu reden und ihm den Sachverhalt zu berichten.
Nachdenklich beendete sie ihr Frühstück und ging in ihr Zimmer, um ihr Smartphone zu holen. Der Tag begann interessant.

Fortsetzung folgt…

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