Familienfehden – Teil 4

Grübelnd saß Teddy im Bus. Er hatte am frühen Morgen spontan entschieden, in die große Stadt zu fahren, um den Kopf frei zu bekommen. Er wollte ein wenig durch die Innenstadt bummeln und sich einfach mal mit sich selbst beschäftigen.
Die letzten Tage schwirrten wild in seinem Kopf herum und neben dem verzwickten Kriminalfall, der Schlägerei mit einem Attentäter sowie dem Stress mit Adolphos Schergen gab es da noch etwas, was in seinem Kopf herum schwirrte.
Nach dem Stress mit den Motorradfahrern hatten sie einen schönen Abend und er war fast die ganze Zeit mit Tessa beschäftigt. Über die Zärtlichkeiten, die er mit Tessa austauschte, hatte er vielen Ärger vergessen, unter anderem den Umstand, dass er während des Ausrittes mit Lilly geknutscht hatte.
Es wäre auch alles prima gewesen, hätte er sich nicht angeboten, Lilly nach Hause zu begleiten.

Nachdem er sich ausgiebig von Tessa verabschiedet hatte, wollte sie eigentlich alleine nach Hause fahren, um dem Rest einen Umweg zu ersparen, aber er bot an, sie nach Hause zu begleiten.
Da Paddy und Sunny mit Alise den direkten Weg fuhren, waren sie allein zu zweit unterwegs. Zuerst unterhielten sie sich unschuldig, aber vor der Schule kam es dann zu einem längeren Abschiedskuss, der sowohl intensiv als auch lang anhaltend war.
Nachdem Teddy eine halbe Stunde später zum Treffpunkt mit den anderen fuhr, war sein Verstand mit der Situation überfordert.
Wie konnte es sein, dass sich gleich zwei hübsche Mädchen in sein Herz schlichen?

Teddy wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Natürlich müsste er klare Verhältnisse schaffen, aber er hatte Angst, eines der beiden Mädchen zu verletzen.
Er wollte auf keinen Fall Tessa verlieren, die in so vielen Dinge einfach die perfekte feste Freundin war, aber er fürchtete gleichzeitig, Lilly zu verletzen, die so verletzlich und zart erschien. Es war zum verzweifeln, denn sein ganzes Leben hatte er darauf gewartet, ein Mädchen kennen zulernen, der er sein Herz schenken konnte und plötzlich gab es gleich zwei.
Außerdem schienen sich die beiden Mädchen auch gut zu verstehen und entweder würde er ihre Freundschaft gefährden, oder er musste riskieren, am Ende der zu sein, der alleine dastand.
Das, was rein erotisch scheinbar ein Hauptgewinn war, zeichnete sich für ihn von moralischer Seite als eine klassische „Loose-Loose-Situation“ ab.
Er wusste auch nicht, mit wem er darüber reden sollte. Seine Freunde Paddy und Sunny waren zu sehr in die ganze Affäre verwickelt.
Außerdem wusste er so ziemlich genau, wie die Beiden jeweils auf sein Problem reagieren würden. Er konnte sich gut vorstellen, wie Sunny darauf bestand, dass er sich reumütig zu Tessa begeben sollte, um seine Verfehlung zu gestehen. Allerdings würde das nur eines seiner Probleme lösen. An Tessas Stelle würde er Lilly nicht mehr in seiner Nähe dulden.
Aber was würde dann aus Lilly, die ja scheinbar sehr froh war, bei ihm und seinen Freunden Anschluss gefunden zu haben?
Und überhaupt, wenn Lilly Gefühle für ihn hatte, würde sie dann in seiner Gegenwart nicht immer leiden, wenn sie ihn mit Tessa zusammen sah?

Tief in seinem Inneren wünschte er sich nichts, mehr als beide Mädchen glücklich zu machen, denn er liebte das Lächeln von Beiden wunderschönen und zarten Feen.
Zum Glück machte ihm Alise keine Avancen, denn das würde ihn wahrscheinlich total vernichten.
Nicht, dass er Alise unattraktiv fand, ganz im Gegenteil fühlte er sich sehr zu ihr hingezogen, aber der Umstand, dass sie Sunnys Freundin war und unverkrampft freundschaftlich mit ihm umging, machte es leichter, ihre Gegenwart zu genießen.
Teddy war es nicht gewohnt, dass sich Mädchen für ihn interessierten. Das war bei einem Schüler auf einem Jungen-Internat nicht verwunderlich, schon allein aus Mangel an Gelegenheiten.
Natürlich hatten in den Ferien schon immer ein paar der weiblichen Gäste in der Pension Sonnenberger mit ihm geschäkert, aber ebenso wie bei Sunny waren das nur oberflächliche Schwärmereien, die aus einer Art touristischen „Stockholm-Syndrom“ entsprangen, wie sie in einer gründlichen Analyse herausgefunden hatten.

Ein Teil seines Verstandes hatte angefangen, eine Liste mit Pros und Kontras zu erstellen, um herauszufinden, welches der beiden Mädchen besser zu ihm passen würde, aber es wurde ihm schnell klar, dass dieser Weg zu nichts führte.
Was immer passieren würde, er würde sich die Wut eines oder beider der geliebten Mädchen zuziehen. Und zusätzlich die Missgunst von Alise und Sunny.
Wahrscheinlich war es nur Paddy tendenziell eher egal, aber auch dieser würde ihm in seiner sachlich ruhigen Art die Moralkeule mehrfach über sein Haupthaar schmettern. Teddy hatte das Gefühl, er sei in dieser Situation auf jeden Fall der Arsch, ohne zu wissen, an welcher Stelle er den Fehler gemacht hatte.
Ein wenig fragte er sich, ob sich Marc-André auch so fühlte, wie er gerade empfand. Zum ersten mal hatte er tatsächlich eine Form von Verständnis für Marc-André, der es scheinbar immer schaffte, anderen Leuten vor den Kopf zu stoßen.

Am Bahnhof angekommen, zog es ihn zu der Straßenbahnhaltestelle und als er aus seinen grüblerischen Gedanken auftauchte, fand er sich in der selben Straßenbahnlinie wieder, in der er bei seinem letzten Besuch in der Stadt Marc-André beschattet hatte.
Aus irgendeinem Grund zog es ihn in diese Richtung. Vielleicht wollte er sich mit Marc-Andrés Bruder und seinen Freunden anlegen, um sich mit der zu erwartenden Tracht Prügel selber zu bestrafen?
Er war sich nicht sicher, was er sich davon versprach, aber er stieg an der selben Haltestelle wie beim letzten Mal aus und ging in die Richtung des Ladens. Als er in der betreffenden Straße gelandet war, stutzte er plötzlich, da er ein ihm irgendwie bekanntes Motorengeräusch hörte.

Der Wagen, der sich ihm gerade von hinten näherte, hatte ein charakteristisches Knacken in dem Motorengeräusch, dass er von irgendwo her kannte.
Als der Wagen an ihm vorbeifuhr und in die Einfahrt zwischen China-Imbiss und Szeneladen abbog, erkannte er den Wagen wieder.
Es war das selbe Fahrzeug, welches ihn auf dem Parkplatz am Rathaus angefahren hatte, da war er sich komplett sicher. Er ging neugierig weiter in die Richtung.
Als er um die Ecke kam, sah er gerade, wie ein durchtrainierter und tätowierter Glatzkopf von Marc-Andrés Bruder bei der Haustür innerhalb des Torbogens und neben dem Laden eingelassen wurde.
Der fremde „Skinhead“ war ihm unbekannt, aber trotzdem schlenderte er auf den Hof, auf dem das Fahrzeug geparkt war.

Teddy holte sein Smartphone heraus und fotografierte das Nummernschild. Dann betrachte er die Front und Motorhaube der Seite, mit der er mutmaßlicherweise unliebsamen Körperkontakt hatte und fand frische Beulen und Dellen, die seinen Verdacht erhärteten. Er fotografierte auch die Beschädigungen an dem Auto.
Als er gerade neugierig in den Innenraum blickte, hörte er eine Stimme hinter sich.
Hey, was machst Du an meiner Karre?
Teddy drehte seinen Kopf in Richtung der Stimme und sah den, jetzt mit zwei Kartons beladenen, „Skinhead“, dem Marc-Andrés Bruder mit einem weiteren Karton und zwei Plastiktüten ausgestattet folgte.
Er versuchte sich gerade eine gute Ausrede zurechtzulegen, als der unbekannte Glatzkopf plötzlich die Augen weit aufriss.
Hey, das ist der Kerl, der Ronny fast geplättet hätte!
Schnapp Dir die Tunte!“, zischte René, Marc-Andrés Bruder, gut hörbar und ließ seine Tüten samt Karton fallen, um scheinbar seinem eigenen Befehl Folge zu leisten.
Der Andere ließ seine Kartons ebenfalls fallen und aus dem einem kullerte eine Konservendose über den Boden. Teddy sah, dass er in dem Innenhof in der Falle saß. Neben Garagen und Hauseingängen gab es nur die Ausfahrt, die die beiden Schläger versperrten.
Kurz schätzte er seine Chancen ab, auf eines der Garagendächer zu klettern, bevor die Beiden ihn herunterziehen könnten, sah aber bessere Chancen in der direkten Verteidigung. Er steckte umsichtig sein Smartphone in die Tasche, aber nicht ohne noch ein Bild von den beiden Schlägern aufzunehmen. Dann begab er sich in Verteidigungsposition und taxierte seine Gegner.
Der unbekannte Glatzkopf schob gerade einen Schlagring über die Finger seiner rechten Hand, während Marc-Andrés Bruder einen Teleskopschlagstock ausklappen ließ.
Teddy war sich sicher, dass es diesmal schmerzhaft werden würde, aber er würde seine Haut teuer verkaufen. Aus den Augenwinkeln sah er eine Tür, die aufging.

Hey, ihr Intelligenzbestien, was spielt ihr denn schon wieder da?“, fragte Tommy, der Koch aus dem Chinaimbiss, der gerade mit zwei großen Mülltüten auf den Hof trat.
Eindeutig waren die beiden Schläger durch die Ankunft eines Zeugen nicht sehr erfreut. Mit unverhohlenem Hass musterten sie abwechselnd den jungen Asiaten und Teddy.
Langsam, ohne die beiden Schläger aus den Augen zu lassen, ging Teddy näher zu Tommy. Tommy nickte ihm zu und blickte wieder auf die beiden Typen.
Na, wen soll ich anrufen, die Herren in Blau oder Onkel Benny?“, fragte Tommy mit herausfordernder Gestik, während er sein Smartphone aus der Tasche seiner Jeans zog.
Marc-Andrés Bruder René machte eine beschwichtigende Geste und klappte den Schlagstock wieder zusammen. Nachdem er seinen Kumpel kurz in die Rippen geknufft hatte, hörte dieser auch auf, seine beiden Gegner zu fixieren und ließ seinen Schlagring in der Hosentasche verschwinden.
„Mischt euch bloß nicht in unsere Angelegenheiten“, drohte René, um seine Würde zu bewahren und blickte Teddy kurz mit dem typischen „wir sehen uns noch“-Blick der Familie Büttelsbrunft an.
Geh rein“, sagte Tommy leise zu Teddy, der sich darauf hin zu der Tür, die offen stand, zurückzog.

Mit ruhigen Bewegungen packte er die beiden Mülltüten in den Müllcontainer, während die beiden Schläger ihre Sachen wieder aufsammelten und in den Kofferraum des Wagens luden. Teddy beobachtete von der Tür aus, wie sich beide Parteien dabei fixierten und war bereit, Tommy zur Seite zu stehen.
Trotzdem war er erleichtert, als dieser ohne weitere Probleme zur Tür zurückkehrte und hinter ihnen schloss.
Sie gingen durch das hintere Lager des Restaurants und Tommy meinte ruhig: „Da hast Du mir ja jetzt Interessantes zu erzählen.

Fortsetzung folgt…

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