Geheimnisse in der alten Scheune – Teil 2

Es war bereits spät in der Nacht, als Sunny und Teddy Alise bei ihrem Zuhause absetzten.
Die alte Schmiede lag bereits in einem nächtlichen Mantel aus Dunkelheit und Ruhe eingehüllt und auch das zugehörige Wohnhaus zeigte nur aus zwei Fenstern durch sanftes Licht, dass noch nicht alle Bewohner schliefen.
Alise überlegte kurz, ob sie ihre beiden Begleiter herein bitten sollte, entschied sich aber aufgrund der Uhrzeit dagegen, denn es war ihr doch lieber, wenn ihr Vater ihren neuen Freund bei Tageslicht zu Gesicht bekam und dabei dachte sie nicht an den Frühstückstisch, obwohl auch dieser Gedanke seine verlockenden Reize hatte.
Kurz stellte sie sich die Gesichter ihrer Brüder vor, wenn sie Sunny, vielleicht sogar in Einheit mit Teddy, zu morgendlicher Stunde präsentieren würde. Beide ihrer Brüder hatten sie schon morgens mit weiblichen Überraschungsgästen konfrontiert, aber sie glaubte nicht, dass ihre Brüder oder gar ihr Vater so etwas von ihr erwarten würden.

Ein spontaner Kuss von Sunny lenkte sie ab. Die Berührung seiner samtenen Lippen und sein süß-heißer Atem waren nicht gerade dazu beschaffen, die verbotenen Träume auszutreiben. Ihre Lippen suchten fordernd die seinen und sie versanken in einem tiefen Kuss.
Als sie sich nach einer sinnlichen Ewigkeit voneinander lösten, sah sie, tief in Sunnys Arme gekuschelt, dass sich Teddy gerade ganz unromantisch sein Smartphone vorgenommen hatte. Heimlich hatte sie zumindest auf einen eifersüchtigen Blick gehofft und trotzdem war sie froh, dass dieser ausblieb.
Sie wollte sich nicht zwischen die beiden Jungen stellen, oder besser gesagt, nicht zwischen ihre Freundschaft. Sie fühlte sich nur zu den beiden Kerlen auf ungeahnt ähnliche Weise hingezogen.
Und heimlich fuchste es sie, dass Teddy, der es immer wieder schaffte, sie auf einer animalischen Ebene nahezu zu verführen, scheinbar so ganz immun gegenüber ihren Reizen war.
Sie verschob diese Überlegungen und genoss vollständig Sunnys Umarmung. Es fühlte sich gut an, sich dicht an seinen Körper zu drücken und ihn mit allen Sinnen zu spüren. Es war mehr als nur angenehm, wie seine Hände über ihren Rücken strichen, während er sie fest im Arm hielt.

Teddy hing immer noch seinen Gedanken nach, während er mit seinem Smartphone im Internet recherchierte.
Nach ihrem Picknick waren sie bei einer außerordentlichen Sitzung des Mittelaltervereins gewesen. Sie hatten sich gemeinsam mit vielen anderen in die gemütlichen Räumlichkeiten der Traditionskneipe gedrängt, in dem der Stammtisch des Vereins zu tagen pflegte.
Auf der Bühne, die sonst von kleineren Bands, welche sich mit Mittelaltermusik oder Celtic-Rock beschäftigten, genutzt wurde, hatte sich der Vorstand des Vereins aufgebaut, um die Umstände des Brandes zu erläutern, sowie die Lösung der daraus resultierenden Probleme vorzustellen. Beide Themen lösten engagierte Diskussionen aus, wobei das hitzige Gespräch zu dem ersten Thema erwartungsgemäß zu keinen Ergebnis führte, außer dem, dass sich die üblichen Mitglieder Luft machen konnten. Das Planen des weiteren Vorgehens war allerdings äußerst produktiv verlaufen und der Vorstand schaffte es, die Sitzung in einer allseitig positiven Stimmung zu beenden.
Natürlich hatte auch das gute regionale Bier, das großzügig ausgeschenkt wurde, dazu beigetragen.

Nach der Sitzung hatten Alise und Sunny Teddy überredet, noch ein wenig in der gemütlichen Kneipe zu verweilen und während die beiden frisch Verliebten, zu der fantastisch anmutenden Musik von diversen Bands der sogenannten Mittelalterszene aus der Musikanlage, erneut versuchten, sich mit ihren Zungen gegenseitig die Mandeln abzutasten, starrte Teddy grübelnd in sein Bier.
Es war, als würden die diversen Puzzleteile, die er in seinem Kopf bewegte, zu mindestens zwei verschiedenen Motiven gehören. Egal wie er es drehte, einige Dinge passten nicht zusammen.
Wie kamen ein Pin, der zu einem Laden der rechten Szene gehörte, eine Polizeitaschenlampe und Elektronik, die dem örtlichen Gymnasium entwendet worden war, zusammen?
Und was hatte das Ganze mit dem Brand auf sich, der offensichtlich den Diebstahl von Gewandungen vertuschen sollte? Was konnte der oder die Täter mit den Wappenröcken der Stadtwache vorhaben?
Leider hatte die Sitzung ihm keine neuen Einsichten geschenkt.
Es hatte sich als wahr herausgestellt, dass sowohl freiwillige Mitarbeiter der Stadt, insbesondere des Ordnungsamtes, als auch die Mitarbeiter eines privaten Wachschutzunternehmens von dem Verein ausgestattet werden sollten, um in passender Gewandung den Besuchern auf dem anstehenden Markt bei Fragen und Problemen zu helfen, aber weitere Informationen waren leider nicht ans Tageslicht gekommen.
Teddy beschloss, dass er in dieser Angelegenheit unbedingt mit einem eingeweihten Mitglied des Vereines privat reden musste. Irgendeine krumme Idee steckte dahinter und ohne ein größeres Bild würde er nicht in der Lage sein, diese zu entdecken.

Mittlerweile war er sich sicher, dass der nächtliche Angreifer, der es scheinbar auf die Festplatte in dem geheimen Versteck abgesehen hatte, nichts mit dem Brand zu tun hatte, sonst hätte er sie ja schon vor der Brandstiftung mitgenommen.
Es war für Teddy naheliegend, dass derjenige entweder die Festplatte holen wollte, bevor sein Versteck bei den anstehenden Aufräumarbeiten entdeckt wurde, oder er wollte die Gelegenheit, die das Chaos um das Feuer bot, nutzen, um die Festplatte unerkannt zu „enteignen“.
Bis jetzt stand nur fest, dass die Festplatte aus Schulbesitz war und der nächtliche Angreifer ebenso Akkus aus der Schule nutzte, die höchstwahrscheinlich bei dem selben Raubzug im Medienraum des Gymnasiums verschwunden waren. Es lag auf der Hand, dass sowohl derjenige, der die Festplatte dort deponiert hatte, als auch sein neuer „Freund“ von gestern Abend, durch den Diebstahl von Schuleigentum verbunden waren.
Wahrscheinlich wäre es sinnvoll, mehr über diesen Vorfall zu erfahren.

Als sich die beiden Zungenakrobaten kurz von ihrer Partnerübung gelöst hatten, um sich mit Flüssigkeit zu versorgen, sprach Teddy die Frage nach dem Diebstahl aus.
Während Sunny noch grübelte, sprudelte Alise sofort los:
Es war Ende Oktober im letzten Jahr, als dem verantwortlichen Lehrer aufgefallen war, dass einige Gegenstände aus dem Medienraum der Schule verschwunden waren. Es wurde von mehreren modernen Videokameras, einigen Akkus, Festplatten und Computerteilen geredet. Das Ganze war zuerst nicht aufgefallen, da die Gegenstände in ihren Originalverpackungen aufbewahrt wurden und der Täter die leeren Kartons wieder ordentlich zurückgestellt hatte. Nur durch Zufall wurde einer der leeren Kartons entdeckt, worauf hin der Lehrer sogleich eine Inventur des gesamten Medienbestandes vornahm.
Das Schloss zum Medienraum war unbeschädigt, daher vermutet man, dass der Täter einen Schlüssel hatte, denn der Raum hat keine Fenster. Da es nur drei Schlüssel gab, war das schnell zu klären. Einer war im Besitz des Lehrers, der den Medienraum verwaltete. Einer war im Besitz eines Lehrers, der sowohl die Theater-AG, als auch die Video-AG anbietet und der Dritte war im Besitz des Hausmeisters. Alle drei Besitzer konnten ihren Schlüssel vorweisen. Der Schlüssel des Hausmeisters war ordnungsgemäß im Schlüsselkasten der Schule eingeschlossen und die beiden Lehrer waren auch nicht verdächtig.
Da aber der Lehrer, der die AGs leitet, öfter einigen Mitgliedern seinen Schlüssel gab, um Material zu holen, konzentrierte sich die Untersuchung auf die üblichen Mitglieder der entsprechenden Arbeitsgruppen. Entweder hatte sich einer davon einen Nachschlüssel gemacht, oder, was wahrscheinlicher war, den Diebstahl über mehrere Wochen durchgeführt und immer, wenn er in dem Raum alleine war, sich die Taschen gefüllt. Verdächtig waren im allgemeinen fünf der Schüler, die bis dato das Vertrauen des Lehrers genossen. Alle fünf wurden verhört, aber alle erschienen unschuldig.
Ich persönlich würde zwei von den fünf Verdächtigen in die engere Wahl nehmen.

An wen denkst Du da?“, fragte Sunny neugierig.
In erster Linie an Marc-André und Werner, entweder gemeinsam, oder einer von den Beiden.
Wer ist Werner?“, fragte Teddy interessiert.
Ach“, erwiderte Sunny, „ein schrecklicher Typ. Hängt dauernd bei den Proberäumen herum und „managed“ quasi Marc-Andrés Band, die „Screaming Overlords“. Völlig unsympathisch. So ein Typ der Schwächere schikaniert, aber tierische Angst vor Stärkeren hat. Er unterstützt schon seit Ewigkeiten Marc-André bei allen seinen Streichen. Das ist so ein ein hagerer, kleiner Typ, der irgendwie etwas frettchenhaftes im Gesicht hat.
Na na“, hakte Alise ein, „Frettchen sind, im Gegensatz zu Werner, sehr liebe und niedliche Tiere.
Das stimmt, also müsste ich sagen, dass die armen Frettchen etwas Werner-haftes im Gesicht haben?
Alise schaute Sunny ein Sekunde verdutzt an, musste dann aber doch lachen.
Während die beiden fröhlich kicherten, versuchte sich Teddy ein Bild zu machen. Von Größe und Statur her würde der Angreifer ungefähr Marc-André entsprechen.
Ein erneuter Grund, diesem unangenehmen Vogel auf den Zahn zu fühlen. Aber das Ganze musste subtil vonstatten gehen, um ihn nicht soweit aufzuschrecken, dass er alle Beweise vernichtete und dann die Unschuld vom Lande spielen könnte.
Er brauchte so etwas wie einen Türöffner.

Lass uns morgen mal in die Stadt fahren.“, schlug Teddy vor, als er sein Gesicht von dem Display seines Smartphones erhob.
Die beiden Knutschmäuse schauten sofort neugierig zu ihm rüber.
Teddy war sich nicht sicher, was er davon halten sollte, jetzt zwei so quirlige Eichhörnchen in seinem direkten Umfeld zu haben.
Ich will mir diesen seltsamen Laden mal anschauen.
Ich wollte morgen sowieso in die Stadt fahren“, erwiderte Alise.
Sunny blickte sie fragend an, doch als Antwort bekam er nur einen Kuss auf die Nase.
Gut“, kürzte Teddy das ganze Thema ab, „Dann treffen wir uns morgen früh um halb zehn an der Bushaltestelle, hinten am Viehmarkt“.
Alise nickte und während sich Teddy geduldig an eine nahe Hauswand lehnte, verabschiedeten sich Alise und Sunny ausführlich voneinander.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben