Geheimnisse in der alten Scheune – Teil 3

Die Nachtluft umwehte sanft die beiden Jungen, die auf ihren Fahrrädern durch die Dunkelheit der einsamen Feldwege fuhren.
Nachdem sie Alise zuhause abgesetzt hatten, waren sie eine ganze Zeit still nebeneinander her geradelt und jeder der Beiden war seinen eigenen Gedanken nachgehangen, doch auf der Mitte der Strecke zum heimatlichen Sonnenbergerhof brach Sunny das gemeinsame Schweigen.

Sag mal, Teddy“, begann er mit ruhiger, aber doch neugieriger Stimme. „Wann reden wir denn jetzt einmal über Dein Herzensproblem.
Teddy blickte kurz zu ihm hinüber, lächelte leicht und antwortete: „Meinst Du nicht, wir haben genug Dinge, mit den wir uns beschäftigen können, oder willst Du mich loswerden?
Warum sollte ich so etwas wollen?
Naja, vielleicht willst Du mehr gemeinsam einsame Zeit mit Deiner Freundin verbringen.
Ach, Du spinnst doch wohl, die Sommerferien wären ohne Dich einfach nicht dasselbe.
Und warum möchtest Du mich dann unbedingt an meine Probleme erinnern?
Vielleicht habe ich ja irgendwas nicht verstanden und es gibt doch einen Weg, daran etwas zu drehen. Dann hätten wir Beide eine feste Beziehung und könnten ganz viele romantische Dinge zusammen erleben.
Selbst wenn ich eine feste Freundin hätte, gäbe es keine Garantie, dass sie sowohl Dich, als auch Alise mag. Es könnte unharmonisch werden und dann wäre ich zerrissen zwischen zwei Seiten.
Also willst Du besser keine feste Freundin, weil sie mich oder Alise nicht leiden können könnte und deshalb schießt Du sie lieber gleich ab, bevor es schwierig werden könnte?
So könnte man es ausdrücken“, versuchte Teddy das leidige Thema zu beenden.
Das klingt irgendwie nicht so clever. Das passt doch gar nicht zu Dir.
Sunny klang ein wenig besorgt, doch Teddy erwiderte nichts auf seinen letzten Einwand. Sunny versuchte nicht, weiter zu bohren und ließ Teddy Zeit, über das Gesprochene nachzudenken.

Während sie weiter über die nächtlichen Flurwege fuhren, ließ Teddy seinen Gedanken freien Lauf.
Es war alles viel komplizierter, als es Sunny dachte. Um das Mädchen seiner Träume rankte sich ein mysteriöses Geheimnis, welches alles kompliziert erscheinen ließ.
Er hatte sie vor anderthalb Jahren zum ersten Mal getroffen. Es war auf dem vorletzten Japantag in Düsseldorf.
Damals war Teddy noch voll an Cosplay interessiert, also sich mit anderen Verrückten zu treffen, die viel Zeit und Mühe darauf verwendet hatten, sich als ihre Lieblingsfiguren aus ihren bevorzugten Manga, also japanischen Comics, zu verkleiden und als diese zu posieren.
Teddy war selber in Verkleidung dort und hatte sich viel Mühe gemacht, um sowohl vom Kostüm, als auch vom Make-Up her wie sein damaliger Lieblingscharakter auszusehen.
Er war mit dem Ergebnis wirklich zufrieden, doch zu seiner Enttäuschung erkannten ihn nicht viele der anderen Besucher des Festes, denn die von ihm bevorzugte Serie war auf dem deutschen Markt nicht sehr bekannt. Die ganze Zeit wurde er für diverse andere Charaktere gehalten und das auch noch mit einem gewissen, überheblichen Mitleid, da sein Kostüm logischerweise nicht perfekt erschien.
Er war gerade recht deprimiert, als er plötzlich ein Mädchen sah, die in einem Kostüm aus derselben Serie herumlief.
Erst traute er sich nicht, sie anzusprechen, weil er sich vielleicht irrte und sie einen ganz anderen Charakter darstellte, der nur zufällig passend erschien.
Als er ihr zum dritten Mal begegnete, grüßte er sie mit all seinem Mut, mit der üblichen Grußformel aus der betreffenden Serie und tatsächlich antwortete sie ihm auf perfekte Art. Schnell kamen sie ins Gespräch und unterhielten sich über ihren Lieblingsmanga.
Er erfuhr, dass sie halbe Japanerin war und daher von zuhause aus sich mit japanischer Kultur und Sprache beschäftigt hatte.
Da ihr Verwandte zum besseren Lernen regelmäßig „Carepakete“ aus Japan schickten, die unter anderen dutzende Manga enthielten, war sie über dieselbe Serie gestolpert und war ein Fan geworden.

Teddy unterhielt sich den gesamten Nachmittag mit dem hübschen Mädchen und sie fanden viele Gemeinsamkeiten.
Es war einfach ein wunderbarer Tag, doch am Abend bemerkte er, dass er vor lauter Aufregung nicht daran gedacht hatte, sie nach ihren Kontaktdaten zu fragen.
So wunderbar sie in sein Leben getreten war, umso schrecklicher wurde sie ihm wieder entrissen. Mehrere Tage litt Teddy wie ein Hund unter dem Umstand, dass er die fremde Schönheit nicht wiedersehen würde.
Er kannte ja noch nicht mal ihren echten Namen, da sie scherzhaft den ganzen Tag die Namen der Figuren, die sie darstellten, benutzten. Nach einigen fürchterlichen Tagen beschloss er dann, sich der Queste zu stellen.
Er fuhr zu allen erreichbaren Mangaconventions und Comictreffen, zu denen er kommen konnte, in der Hoffnung, die unbekannte Schöne wieder zu sehen.

Es war schon fast Sommer, als er sie auf einer anderen Mangaconvention wiedertraf. Obwohl sie diesmal nicht in Gewandung gekommen war, sondern in normaler Kleidung über die Veranstaltung lief, erkannter er sie gleich wieder.
Sie erkannte ihn nicht sofort, aber nachdem er ihr erklärte, wer er war, schien sie etwas damit anfangen zu können. Erneut verbrachte er einen tollen Tag mit ihr.
Ihre Art war an diesem Tag etwas anders, aber da sie nach kurzem seine Hand nahm und auch nicht wieder losließ, genoss er auch dieses Treffen in vollen Zügen. Sie teilten sich sogar Leckereien und gegen späten Nachmittag fasste sich Teddy ein Herz und versuchte, sie zu küssen. Es war sein erster richtiger Kuss und sie erwiderte ihn voller neugieriger Zärtlichkeit.
Doch gegen Abend wurde sie recht spontan von ihrem Onkel abgeholt und sie hatten kaum Zeit, sich zu verabschieden.
So stand er wieder ohne Kontaktdaten, aber mit vor Leidenschaft brennenden Lippen da. Er war total verliebt und trotzdem in tiefster Verzweiflung.

Das dritte Mal, dass er sie sah, war in der Freudentaler Innenstadt, während des großen Sommerfestes. Er sah sie an einer Bude stehen und machte gleich Sunny auf sie aufmerksam.
Leider gelang es ihm nicht, sie einzuholen, doch Sunny erkannte sie und konnte Teddy verraten, wer das geheimnisvolle Mädchen war.
Tatsächlich ging sie in die selbe Schulklasse wie Sunny und ebenso ihre Zwillingsschwester.
Die beiden Zwillinge Isabella und Katharina waren Töchter aus zweiter Ehe des Grafen von Bärenspalt, die er aus einem längeren Aufenthalt in Japan mitgebracht hatte. Die beiden Mädchen waren, laut Sunny, die umschwärmten exotischen Schönheiten des Freudentaler Gymnasiums.
Doch wer von den Beiden Teddys Bekanntschaft, beziehungsweise große Liebe war, konnte Sunny nicht ausmachen, dafür kannte er die beiden Mädchen einfach nicht gut genug. Scheinbar hielten die Mädchen, oder vielmehr das eine Mädchen, das Teddys Herz gestohlen hatte, ihr Nerd-Hobby in der Schule geheim.

Es waren also gleich drei Probleme, die Teddy zur Verzweiflung brachten, nämlich seine Angebetete war nicht nur ein Spross der reichsten und angesehensten Familie der ganzen Gegend, sondern auch doppelt vorhanden.
Und als wäre es nicht schon schwer genug, herauszufinden, wer von den Schönheiten seine Prinzessin war, hatten beide im letzten Sommer auch eindeutig jeweils einen festen Freund.
Zur Sicherheit hatte sich Teddy im Hintergrund gehalten und den Kontakt vermieden. Er beauftragte Sunny mit der Recherche, um es dieses Jahr mit mehr Informationen erneut zu versuchen.
Leider waren nun einige wichtige Dinge dazwischen gekommen und das Projekt musste wohl vorerst verschoben werden. Aber er war ja in dieser Hinsicht Kummer gewöhnt.

Er sah nachdenklich zu Sunny herüber und sagte: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Ich werde Dir beistehen und vielleicht kann Dir Alise ja auch helfen.
Es wäre mir wahrscheinlich peinlich, wenn Du mit ihr über die Geschichte reden würdest
Ach Teddy, Du musst nicht immer perfekt sein, für mich bist Du sowieso immer die Nummer eins“, munterte ihn Sunny auf.
Teddy war froh, dass Sunny sein bester Freund war, denn er brachte ihn immer wieder dazu, die Dinge von einer positiveren Seite zu betrachten. Im wahrsten Sinne des Wortes war Sunny einfach sein Sonnenschein.
Ich vertraue Dir. Wenn Du meinst, Deine Freundin kann helfen, dann probiere ich sie als Liebeshelferin aus.
Bestätigend nickte er zu diesen Worten und freute sich innerlich, dass Sunny zufrieden lächelte. Teddy mochte es nicht, wenn sich Sunny Sorgen machte, besonders nicht um ihn.
Es wird alles wunderbar!“, sagte Sunny voller Zuversicht und radelte dichter neben Teddy, um ihm seine Hand anzubieten.
Den Rest des Weges radelten die beiden Freunde mit fest ineinander verflochtenden Händen und genossen die gemeinsame Nähe.

Der einsame Wanderer war froh, dass er seine Nachtausstattung mitgenommen hatte, um die alte Scheune zu untersuchen.
Als er in der Ferne die beiden Jungen auf ihren Fahrrädern sah, griff er zur Spezialkamera, um ein paar Aufnahmen zu ergattern. Er hatte heute keine Zeit gefunden, die beiden Ziele zu beobachten, da deren Aktivitäten nach einer gründlichen Untersuchung verlangt hatten.
Dennoch war er mit seinem Tagwerk zufrieden und die nächtliche Begegnung rundete seinen erfolgreichen Ausflug ab.
Gemütlich wanderte er zurück zur Pension und freute sich auf einen abendlichen Trunk und eine Zigarette, denn seine mitgenommene Packung war mittlerweile leider leer.

Fortsetzung folgt…

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