Geheimnisse in der alten Scheune – Teil 4

Der warme Wind drang voller sommerlicher Gerüche aus dem Obstgarten durch das offene Fenster im Zimmer der beiden Jungen.
Es war noch früh am Morgen und doch war Teddy bereits wach, denn Sunny war schon seit einer gefühlten Ewigkeit dabei, sein ideales Outfit für den gemeinsamen Tag in der Großstadt zu planen. Nicht nur, dass er stundenlang das Badezimmer blockiert hatte, um sich für seine Freundin hübsch zu machen, sondern jetzt kam das Bekleidungsproblem dazu.
Während Teddy sich noch verschlafen im Bett wälzte, landeten diverse Klamotten im ganzen Zimmer. Schon mehrfach hatte Sunny verschiedene Kombinationen ausprobiert und verzweifelt um Teddys Meinung gebeten. Obwohl Teddy versuchte, ihm zu helfen, war Sunny gerade kein Outfit gut genug.
Verzweifelt rollte er vor dem Spiegel mit seinen Augen und erklärte zum gefühlt hundertsten Male, dass er einfach nicht genug zum Anziehen hätte.
Ein Teil von Teddy genoss zwar die elegante Modenschau, die Sunny aufführte, aber langsam wurde es Teddy durchaus zu bunt und das nicht nur in Hinsicht auf Sunnys Bekleidungsauswahl.

Gähnend stand er auf und ging zu Sunny, um ihm das sommerliche Hemd aus der Hand zu nehmen, denn der großflächige Aufdruck aus diversen Dschungelpflanzen erregte so herben Augenkrebs, dass man es mit einem Warnhinweis hätte bedrucken müssen. Bevor Sunny protestieren konnte, landete es im kleinen Mülleimer im Badezimmer.
Als Teddy aus dem Bad zurück kam, schaute er Sunny direkt in seine blauen Augen und übernahm die Direktive. Sanft, aber bestimmt, erklärte er Sunny, dass er jetzt übernehmen würde und drückte ihm eine schwarze Jeans in die Hand.
Sunny blickte einige Minuten fragend, bevor ihm Teddy erklärte, dass er bei einem Mädchen, die scheinbar schwarze Jeans im Abonnement bezog, denn er hatte sie noch nie in etwas anderem gesehen, diese wohl durchaus als geschmacklich adäquat sah. Gegen diese logische Schlussfolgerung wusste Sunny nichts einzuwenden und während er seine langen, wohlgeformten Beine in den schwarzen Stoff schob, durchsuchte Teddy Sunnys T-Shirt-Vorrat nach etwas angemessenem.
„Mein Gott“; entfuhr es ihm. „Hast Du keine schwarzen T-Shirts?“
Sunny blickte zu ihm hoch.
„Was denn ? Da sind doch gleich drei direkt vor Dir, auf dem mittleren Schrankbrett.“
Teddy hielt das erste hoch, welches nicht nur ausgewaschen und wahrscheinlich ein bis zwei Nummern zu klein war, sondern auch einen eindeutigen Aufdruck einer der beliebten Puppenfiguren aus einer legendären Kinderfernsehserie trug. Nachdenklich betrachte er den großen gelben Vogel und knüllte den Stoff zusammen. Bevor Sunny protestieren konnte, folgte es dem knallbunten Hemd.

Das zweite T-Shirt war mit einem Aufdruck des letztjährigen Musikfestivals bedruckt, was alle Musiker und Mitarbeiter als Souvenir geschenkt bekommen hatten. Als Andenken zwar in Ordnung, aber für den heutigen Tag ungeeignet, entschied Teddy und faltete es ordentlich wieder zusammen, um es ganz hinten auf dem Schrankbrett verschwinden zu lassen.
Muss es denn unbedingt ein schwarzes T-Shirt sein?“, fragte Sunny verzweifelt, während er zusah, wie Teddy mit äußerst kritischem Blick das letzte der schwarzen T-Shirts musterte.
Müssen muss gar nichts“, antwortete Teddy kühl, „Kannst auch ein Anderes nehmen, sieht dann nur Scheiße aus.
Sunny blickte ihn entsetzt an und Teddy schaffte, es einige Herzschläge lang, seine strenge, eiskalte „Germany’s Next Topmodel“ Moderatoren-Miene aufrecht zu erhalten, bevor er in ein prustendes Lachen ausbrach.
Sunny blickte verdutzt und fiel dann mit ein, als ihm die kleine Neckerei von Teddy klar wurde.

Wirklich?“, fragte Teddy und drehte das dritte T-Shirt mit der Vorderseite in Sunnys Richtung.
Naja, es war halt ein Geschenk“, versuchte Sunny sich an einer Erklärung.
Von wem?“, fragte Teddy, während er das T-Shirt energisch zusammen knüddelte.
Eigentlich von Marc-André, als Ausgleich dafür, dass er im Proberaum auf mein Lieblings-T-Shirt gekotzt hat.
Teddy blickte ihn vorwurfsvoll an und zog eine Augenbraue streng nach oben. Immer wenn Teddy diesen Blick aufsetzte, fühlte sich Sunny sofort in der Verantwortung, eine Erklärung oder Entschuldigung zu finden, obwohl er nie wusste, warum Teddy so etwas mit ihm machen konnte.
Ich konnte es doch nicht einfach ausschlagen oder wegschmeißen“, versuchte Sunny sich zu verteidigen. „Und letztendlich meinte er es doch gut.
Teddy schnaubte leicht und erwiderte: „Ich glaube nicht, dass der Aufdruck so ganz freundlich gemeint ist!
Sunny betrachtete das T-Shirt mit dem Bild einer in Gelbtönen gehalten Silhouette eines Pferdes unter welcher der Spruch stand „Blondinen reiten besser“.
Zum Teil ist es ja wahr“, meinte Sunny. „Ich meine, ich kenne sehr viele gute blonde Reiterinnen und natürlich auch Reiter.
Teddy blickte ihm tief in die Augen, um zu ergründen, ob Sunny es ernst meinte.
Du weißt schon, um welche eindeutig zweideutige Frechheit es hier geht?“, fragte er musternd.
Sunny grinste frech. „Natürlich, aber ich dachte, vielleicht hilft es mal.
Wobei? Darin, Dich zum Vollhorst zu machen?
Naja, wäre ja schon cool, vor Marc-Andrés Augen in exakt diesem T-Shirt mit einem hübschen Mädchen vorbeizulaufen.
Nicht für das entsprechende Mädchen“, entgegnete Teddy.
Ach, jemand der Humor hat, kann damit umgehen.
Na dann, zieh es an und schau mal, was Dir Alise erzählen wird.
Ich glaube nicht, dass sie damit ein Problem hat“, war sich Sunny sehr sicher. „Aber ich muss sie ja heute nicht vor Marc-André vorbeiführen. Daher…

Du traust Dich nicht“, unterbrach Teddy ihn provokant, „Weil Du genau weißt, dass ich Recht habe und sie Dir sonst was erzählen wird.
Gib her! Um was wetten wir?
Teddy zog das zerknüllte T-Shirt weg.
Das war nur ein Scherz, mein Sonnenschein, ich lasse Dich doch nicht in so etwas ‚rumlaufen.“
Gib es mir“, forderte Sunny Teddy mit ausgestreckter Hand auf.
Lass es doch lieber. Nachher findet sie es so unlustig, dass sie nicht mehr mit Dir gesehen werden will und beendet die Beziehung.
Ich verstehe Deine Sorge, aber ein Mädchen, das mit mir wegen eines doofen T-Shirts Schluss macht, will ich gar nicht als Freundin!“, stellte Sunny selbstbewusst fest.
Teddy musterte ihn anerkennend und gab ihm das T-Shirt.
Gut“, meinte Teddy, „Wie Du willst. Solltest Du den heutigen Vormittag überstehen, ohne dass sich die Damenwelt von Dir abwendet, oder sich über Dich lustig macht, darfst Du mir in der Stadt ein dummes T-Shirt nach Wahl aussuchen und ich trage es den Rest des Tages.
Sunny nickte siegesbewusst. Selbstbewusst zog er das T-Shirt über seinen Kopf.
Und was ist, wenn sich ein Mädchen über mich lustig macht?“, wollte Sunny wissen.
Dann schenkst Du mir das blöde T-Shirt, samt der Erlaubnis, es bei passender Gelegenheit Marc-André zum Essen zu geben.
Ich glaube nicht, dass dieses T-Shirt seinen Geschmack trifft“, erwiderte Sunny.
Nein, aber sein Niveau“, antwortete Teddy.
Tut mir Leid, aber ich glaube nicht, dass wir mit Gewalt bei ihm weiterkommen“, sprach Sunny seine inneren Gedanken aus.
Er seufzte leicht und fuhr fort: „Ich verstehe, dass Marc-André mit seiner Art ein rotes Tuch für Dich ist, aber ihn zu verletzen ist nicht Dein Niveau. Ich glaube fest daran, dass Du zu feinsinnig und zu verständnisvoll bist, um die Kriegskünste, die Du erlernt hast, auf diese Weise zu diskreditieren. Es wäre Deiner einfach nicht würdig und Du würdest Dich und mich und Deinen Meister mehr verletzten, als Du Marc-André verletzen könntest.
Du hast völlig recht. Ich spiele ja nur mit dem Gedanken“, gab Teddy kleinlaut zu.
Für mich musst Du nicht den starken Mann spielen. Ich kenne Deine wahrhafte Stärke“, erklärte ihm Sunny und trat zu ihm, um ihn in den Arm zu nehmen.

Einige Sekunden hielten sich die beiden Freunde gegenseitig im Arm und sogen die Zuneigung und Sicherheit, die sie sich gegenseitig gaben, tief in ihre Seelen.
Also“, fragte dann Sunny, „Welcher Wettgewinn soll es wirklich sein?
Teddy blickte nochmal seufzend über Sunnys Kleiderschrank.
Du gibst mir bei Deinem nächsten großen Klamotteneinkauf ein Vetorecht.
Sunny lächelte ihn an und reichte ihm die Hand zur Bekräftigung ihrer Wette unter Ehrenmännern und Blutsbrüdern.

Als sie einige Zeit später die Treppe runter liefen, um sich auf den Weg zu machen, trafen sie Emilia Sonnenberger. Sie blickte zu den beiden Jungen und musterte Sunnys T-Shirt ausgiebig.
Teddy und Sunny warteten gespannt auf einen Kommentar. Emilia lächelte Sunny an.
Ein hübsches Pferdebild. Mit so etwas würde ich ja gerne neue Werbeshirts für den Reiterhof bedrucken.
Und der Spruch?“, fragte Sunny neugierig.
Naja, stimmt doch irgendwie“, erwiderte seine Mutter und strich sich eine ihrer blonden Strähnen aus dem Gesicht.
Triumphierend blickte Sunny Teddy an, der ein wenig vor dem hintergründigen Lächeln seiner Tante erschrak. Erwachsene konnten ganz schön albern sein, beschloss er für sich und lenkte Sunny in Richtung der Küche, denn ohne Frühstück wollte er nicht aufbrechen.

Während sie dem lauschigem Flurweg nach Freudenstadt folgten, unterhielten sie sich weiter über dieses und jenes, bis Sunny das Gespräch nochmal auf das Problem von gestern Abend brachte. Er hatte sich gestern vor dem Einschlafen noch ein wenig Sorgen gemacht.
Im gesamten vergangenen Schuljahr konnte er nicht klären, welchem der Zwillinge Teddys Herz gehörte.
Er hatte sogar versucht, mit den Beiden in Kontakt zu kommen, doch er kam mit ihrer kühlen und überheblichen Art nicht klar. Zumeist waren sie entweder in der Mädchenclique um Benediktina Zapfenstreich und Lauretta Büttelsbrunft, der Cousine von Marc-André.
Nicht, dass Sunny etwas gegen die Mädchen hatte, er wunderte sich einfach nur immer wieder über ihre Art. Er verstand diese Art von Mädchen einfach nicht.
Ansonsten war Katharina sehr häufig mit ihrem festen Freund, einem Oberstufenschüler, unterwegs. Sunny wollte sie natürlich nicht vor ihrem Freund kompromittieren, indem er ihre Nähe suchte.
Isabella war noch undurchsichtiger. Er kam einfach nicht an diese Mädchen ran. Der annähernd erfolgreichste Versuch war, als Isabella ihn fragte, ob er ihr Nachhilfe in Biologie geben könnte, doch bei der ersten und einzigen Nachhilfestunde bei ihr Zuhause auf der gräflichen Fest, wirkte sie völlig unkonzentriert und desinteressiert, obwohl sie ansonsten doch eine fleißige und gute Schülerin war.
Sunny verstand nicht, wie jemand so auf Nachhilfestunden drängen konnte, um dann die gemeinsame Zeit scheinbar mit Smalltalk und so verschwenden zu wollen. Da sie nach diesem missglückten Versuch das Thema nicht mehr angesprochen hatte, beschloss es Sunny dabei zu belassen. Es war mehr als seltsam.

Vorsichtig versuchte er diese Erkenntnisse Teddy zu vermitteln, genauso wie seine Sorge, dass keines der Mädchen wohl die Richtige sei.
Optimistisch bot er Teddy an, etwas besseres für ihn zu finden und obwohl Teddy nicht wirklich ganz glücklich mit der Idee wirkte, verbot er es ihm auch nicht.
Sunny beschloss, sich mit dem klügsten Mädchen, das er kannte, seiner Freundin Alise, abzusprechen. Vielleicht wusste sie ja, wie man die perfekte Freundin für Teddy finden konnte, um das sommerliche Glück zu vervollkommnen.

Fortsetzung folgt…

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