(Rück-)Kampf der Titanen – Teil 4

Nach dem gemeinsamen Grillen, wollten die Jungen natürlich die Mädchen, wie es sich gehörte, nach Hause begleiten, doch Tessa lehnte dankend ab, da sie ja mit ihrem Roller gekommen war und somit der Rückweg nach Hause kein Problem darstellen würde. Außerdem bot sie an, Alise wieder mitzunehmen, da es ja fast auf ihrem Weg lag.
So musste einzig Lilly, die mit dem Fahrrad gekommen war, begleitet werden, jedenfalls nach einhelliger Meinung der Jungen.
Nach einem kurzen, fragenden Blick in Richtung Tessa, der mit einem Nicken bedacht wurde, bot sich Teddy an, Lilly kurz nach Hause zu begleiten.
Er hoffte darauf, ein Gespräch mit ihr führen zu können und zwar am besten unter vier Augen, um anzufangen die komische Situation zu klären. Sunny erklärte sehr schnell, dass er sich lieber hier um das Aufräumen kümmern würde, was Teddy zwar ein wenig verwunderte, aber es passte ihm ganz gut in seinen Kram.
Auch Paddy fand, dass Sunny seine Hilfe mehr benötigen würde als Teddy, während er über die Spuren ihres kleinen Festes blickte.

Sunny bot Teddy an, sein Fahrrad zu benutzen, da es deutlich besser war, als das Leihfahrrad der Pension, welches Teddy normalerweise verwendete. So verabschiedete Teddy sich schon auf dem Hof ausführlich und zärtlich von Tessa, die ihn leise bat, nachher anzurufen, wenn er wieder zurück auf dem Gestüt sein würde.
Teddy versprach ihr das natürlich, aber nicht, ohne sich noch einen Kuss zu stibitzen.

Gemeinsam mit Lilly machte er sich auf den Weg über den Feldweg, der auf beiden Seiten von dicht bewucherten Feldbegrenzungen gesäumt war. Durch die Büsche und kleinen Bäume bildete sich fast eine Art Allee, die zur späten Stunde nur von den Lichtern ihrer Fahrräder erhellt wurde.
Wahrscheinlich würde Tessa zu dieser Zeit einen anderen Weg fahren, denn bei Tag konnte man hier zwar ganz gut mit dem Roller durchfahren, auch wenn das, streng genommen, verboten war, da es sich um einen reinen Fahrradweg handelte, der für landwirtschaftliche Fahrzeuge freigegeben war.
Kaum waren sie aus der Sichtweite des Sonnenbergerhofes verschwunden, radelte Teddy neben Lilly und überlegte sich, wie er jetzt das Gespräch anfangen sollte.
Nach kurzer Zeit begann allerdings Lilly das Gespräch, der aufgefallen war, dass Teddy nicht nur sehr ruhig war, sondern auch so wirkte, als hätte er etwas auf dem Herzen. Teddy gab sich selbst einen Ruck und erzählte Lilly ausführlich von dem Gespräch, welches er mit Tessa geführt hatte und von seiner Unsicherheit, wie er die Situation deuten sollte. Er gestand Lilly, dass ihm das Gefühl, das sie sich ernsthaft für ihn interessieren könnte, sehr gefiel, aber er auch sehr starke Gefühle für Tessa empfand.
Lilly hörte ihm lange und aufmerksam zu. Sie unterbrach Teddy nur selten und wenn, dann nur um etwas zu ihrem Verständnis zu erfragen.
Als Teddy ihr sein gesamtes Herz ausgeschüttet hatte, fühlte er sich tatsächlich ein wenig erleichtert, auch wenn sich Lilly noch nicht geäußert hatte und er immer noch nichts über ihre Sicht auf die Situation wusste.
Den kurzen Rest des Weges bis zur Schule fuhren sie schweigend, denn Teddy sah Lilly an, dass sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

Sie erreichten kurze Zeit später das kleine Tor auf der Rückseite der Schule und nachdem Lilly es aufgeschlossen hatte, forderte sie Teddy auf, ihr zu folgen.
Teddy war sich zwar nicht sicher, wohin das führen würde, aber er folgte ihr trotzdem auf das dunkle und einsame Schulgelände.
Immer noch wortlos schoben sie ihre Fahrräder bis zu dem großen überdachten Fahrradstellplatz, der sich hinter dem Schulgebäude befand, wo Lilly ihr Fahrrad anschloss und Teddy aufforderte es ihr gleichzutun. Teddy ließ sein Fahrrad am Fahrradständer zurück und folgte ihr weiter.
Nach einigen Schritten nahm sie einfach seine Hand und Teddy sah keinen Grund, ihr das Händchenhalten zu verwehren.

Ganz am Rande des mächtigen alten Schulgebäudes schloss sie eine Seitentür auf und erklärte ihm, dass sie sich drinnen unterhalten würden. Teddy war ein wenig mulmig.
Er war noch nie von einem Mädchen in ihre Wohnung eingeladen worden und erst recht nicht mitten in der Nacht. Dass diese Wohnung auch noch in einem Schulgebäude lag, machte es zwar nicht schlimmer, denn das war er als Internatsschüler quasi gewohnt, aber der Gedanke, dass ja auch ihre Eltern hier wohnen würden, machte ihn doch nervös.
Beunruhigt aber doch gespannt, folgte er ihr über die Steintreppe in dem kleinen Anbau des Schulgebäudes.

Im ersten Stock schloss sie eine Wohnungstür auf und bat ihn, unter der Aufforderung, seine Schuhe auszuziehen, herein. Der kleine Flur, der in die Wohnung führte, war trotz des klassischen gotischen Baustils der Schule, der sich auch in diesem Anbau imposant widerspiegelte, in einem schlichten aber stilvollen, fast kühlen Einrichtungsstil gehalten.
Die Art und Anordnung der Garderobenmöbel und die Anwesenheit eines schicken Schuhschranks, erinnerten Teddy eher an einen modernen, japanischen Wohnstil. In gewisser Weise fühlte es sich somit quasi vertraut an, als er seine Schuhe abstellte und in die ihm angebotenen Gästepantoffeln schlüpfte.
Da es ihm natürlich erschien, hing er auch seine Jacke an der Garderobe auf, bevor er Lilly weiter in die Wohnung folgte.

Sie klopfte an eine Tür und öffnete sie.
Ihn dem sehr geschmackvoll eingerichteten Arbeitszimmer saß ein Mann mittleren Alters, der zu einer dunklen Bundfaltenhose ein ebenfalls dunkles Poloshirt trug und dessen dunkle Haare an den Schläfen bereits grau meliert waren. Auch einige Krähenfüße verrieten, dass sein sonst sehr junges Aussehen nicht sein wahres Alter verriet. Er wirkte sportlich und gepflegt und machte mit seiner Körpersprache gleich den Eindruck einer Respektsperson auf Teddy.
Wahrscheinlich war das der Direktor des Gymnasiums, der mit Lilly in irgendeiner obskuren Beziehung stand, wie ihm Sunny erzählt hatte.
In dem Moment war Teddy viel zu Neugierig, um eingeschüchtert zu sein, so erwiderte er höflich den Abendgruß, den ihm der fremde Mann mit einem interessierten und abschätzenden Mustern entgegen brachte.
Lilly ihrerseits begrüßte den Herrn recht freundlich und erklärte Teddy, dass er ihr Onkel sei, bei dem sie wohnte. Teddy konnte nur konfus nicken und seine Freude über jenes überraschende Kennenlernen ausdrücken.
Lillys Onkel nickte ebenfalls und ließ sich in keiner Weise seine Gedanken zu Teddys Besuch ansehen. Lilly stellte Teddy auf ruhige, fast sachliche Weise vor und erklärte ihrem Onkel, dass sie ihn mit auf ihr Zimmer nehmen würde, um sich in Ruhe bei einer Tasse Tee über wichtige Dinge zu unterhalten.
Ihr Onkel nickte zu Teddys Überraschung völlig ungerührt und merkte nur an, dass er sich in etwa einer Stunde zurückziehen würde und bat dann um eine gewisse Rücksicht in Sachen Lautstärke. Bevor Teddy darauf etwas erwidern, oder sich auch nur Gedanken machen konnte, nahm Lilly erneut seine Hand und zog ihn mit zu einem anderen Zimmer.

Sie wies ihn süß, aber bestimmt an, es sich bequem zu machen, während sie den versprochenen Tee in der Küche zubereiten würde.
Teddy setzte sich auf ein Sofa, welches im Raum gegenüber des Betts stand. Ein kleiner Beistelltisch, ein Nachtschränkchen, ein großer Schrank und eine gut ausgestattete Schreibtischecke komplettierten das Mobiliar. Sämtliche Möbel waren sehr modern mit klaren Linien und farblich in Schwarztönen gehalten. Selbst das Sofa war mit einem weichen, samtartigen Stoff in dunklem Schwarz bezogen. Auch das Bett war mit schwarzer Satinbettwäsche bezogen und wurde zur Zeit von drei kuscheligen Plüschdrachen besetzt, die sich in ihren leuchtenden Farben, rot, grün und orange, von den sonstigen dunklen Tönen absetzten.
Das Zimmer war ganz anders eingerichtet, als es sich Teddy bei einem Mädchenzimmer vorgestellt hatte. Die weiße Raufasertapete war mit Postern, Fotos, Blättern mit allerlei Zeichnungen und anderen Dingen nahezu über tapeziert worden.
Die meisten Darstellungen zeigten doch eher gruselige Dinge und die Poster waren entweder von bekannten Horrorfilmen oder zeigten obskure Bands, die sich der dunklen Musik verschrieben hatten.
Das mädchenhafteste, was Teddy ausmachen konnte, waren mehrere Bündel von getrockneten Rosen, die ordentlich zusammengebunden aufgehängt wurden und, zu seiner Verwirrung durchaus beitragend, ein schwarzer Spitzen-BH, der neben einigen anderen, unverfänglichen Klamotten, deutlich sichtbar über dem Schreibtischstuhl hing.
Sofort schoben sich Teddy die verschiedensten Gedanken in den Kopf und je mehr er versuchte, sie zu verdrängen und seinen Blick woanders hin zu richten, umso schlimmer wurde es.
Dass die Leute auf den Postern und Bildern durchaus auch sehr leicht bekleidet waren und sogar teilweise „nackte Tatsachen“ präsentierten, machte es nicht besser und verwirrte ihn zusätzlich, da ihm nicht ganz klar war, warum sich Lilly Bilder von halbnackten, hübschen Mädchen ins Zimmer hing. Die dunklen Prinzen, die sich ebenfalls lasziv präsentierten, konnte er eher verstehen, auch wenn das nicht so ganz seinen Geschmack traf, obwohl er einige der präsentierten Klamotten durchaus interessant fand.

In gewisser Weise war er erleichtert, als Lilly mit zwei dampfenden Tassen Tee zurückkam und diese auf dem Beistelltisch abstellte.
Lilly setzte sich neben ihn auf das Sofa und erklärte ihm mit ruhiger Stimme, dass er der erste Junge war, den sie mit in ihr Zimmer genommen hatte und zusätzlich auch der erste Junge, seit zwei Jahren, der mit in ihr Zimmer durfte.
Als Teddy fragend blickte, erklärte sie ruhig, dass sie erst seit einem Jahr hier bei ihrem Onkel wohnen würde. Davor war sie lange Zeit in einer Klinik untergebracht gewesen.
Besorgt erkundete sich Teddy nach ihrer Krankheit, worauf sie ihm lachend erzählte, dass es sich um eine jugendpsychiatrische Einrichtung gehandelt hatte, in der sie behandelt worden war. Teddy nickte kurz, nahm einen Schluck Tee und erklärte auf seine typisch ruhige Art, dass in ihm jetzt tausend Fragen aufkommen würden.
Lilly blickte ihn ruhig und verständnisvoll an und erklärte ihm überraschend gefasst, dass ihr dieser Umstand klar war und sie ihn deshalb auch mitgenommen hatte. Sie gab ihm die Erlaubnis, seine Fragen zu stellen und forderte ihn auf, keine Scheu zu haben, denn sie würde ihm schon sagen, wenn ihr eine Frage zu weit gehen würde.
Teddy nahm einen weiteren Schluck und holte sein Smartphone heraus, während er Lilly erklärte, dass er kurz Sunny verständigen würde, dass es länger dauern würde und auch gerne kurz Tessa Bescheid sagen wollte. Lilly nickte.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben