(Rück-)Kampf der Titanen – Teil 6

Am nächsten Morgen war Sunny voller geschäftiger Vorfreude und schon vor dem Frühstück schrieb er an seiner Liste mit den Tagesaufgaben. Der gestrige Tag war in Sachen Bandwettstreit sehr ergiebig gewesen.
Bei ihrem Gespräch im Park hatte sich Alise sehr vehement für ein Hexenthema eingesetzt und nach längerem Grübeln und entsprechenden Recherchen einigten sie sich auf den Bandnamen „Cauldron of Medea“, was für alle Mitglieder sehr hexenmäßig und düster klang.
Zufrieden kamen sie überein, dass sie drei Songs erarbeiten wollten, einen für den Wettbewerb, einen für ein eventuelles Finale und einen Dritten für Notfälle. Das hörte sich für Sunny sehr gut an.
Bei der Abgabe ihrer Anmeldung erfuhren sie auch noch einige interessante Neuigkeiten, die Marc-André vergessen hatte, zu erwähnen.

Unter anderem gab es für die Bands eine entsprechende Onlineplattform, auf der sie sich vorstellen und bis zu drei Songs und ein Video hochladen durften, die der Internetradiosender dann in ihr Programm mit aufnehmen und in ihre Mediathek stellen würde.
Im Rahmen der Nachwuchsförderung war dieses Programm eine gute Möglichkeit für junge Bands, sich zu erproben und erste Aufmerksamkeit zu generieren.
Allerdings war es auch für den Wettbewerb ein Vorteil, ein gutes Bandprofil, mit Bildern, Logo und Video zu haben. Also stand neben dem Schreiben der Songs auch das Einüben und eine Aufnahme auf dem Programm.
Sorgen machten ihnen die Bilder und das Video, aber Alise versprach, ihren Bruder zu überreden, der ja auch ein ständiges Mitglied der Video-AG in der Schule war und auch ansonsten sehr fit im Umgang mit dem Internet und entsprechendem Design war.
Tessa erklärte sich bereit, ein Logo zu gestalten und Alise wollte einige ihrer selbstverfassten Gedichte mitbringen, um zu sehen, ob darin entsprechendes Textmaterial für ihre Songs war.
Auch in Sachen Design hatten sie schon einiges bekommen und auch jede Menge Material, aus dem sie sich ihre Bühnenkostüme herstellen wollten.

Da die einschlägige Meinung, die sie erfragt hatten, war, dass die Kostüme im Black-Metal viel mit Leder und Nieten zu tun hatten, waren sie auf die gute Idee gekommen, in einem Handarbeitsgeschäft zu fragen und hatten ca. ein Kilogramm verschiedenste Nieten erworben. Zusätzlich waren sie in mehreren Secondhandshops und hatten alles an brauchbarer Lederbekleidung erworben, was zu finden war. Für das entsprechende Herrichten der Kleidung hatten sie noch schwarzes Färbemittel besorgt.
Ihr Proberaum war somit voll von Material, was auf seine Bearbeitung wartete.
Außerdem hatten sie noch schwarze Haartönung für Paddy zum Auffrischen und für Sunny zum Einfärben besorgt, denn außer Lillys fast weißes Haar und Alises roter Mähne, waren scheinbar schwarze Haare Trumpf.

In der Nacht hatten sich die Jungs gefühlte hundert Stunden Videos von Bands aus der entsprechenden Szene angesehen und gemeinsam analysiert und studiert, um die richtigen „Vibrations“, wie Paddy es nannte, zu bekommen.
So war Sunnys Liste doch recht umfangreich und als er sie beim Frühstück Teddy und Paddy vortrug, erweiterten die Beiden die Aufgaben noch gnadenlos weiter.
Von der Seite mischte sich auch Emilia Sonnenberger ein und erinnerte Sunny an seine Pflichten, betreffend des Hofes.
Sunny schwirrte ein wenig der Kopf, aber er schluckte, nickte und brachte eine Art Ordnung in seine Aufgabenliste.
Die nächsten Tage würden vollgepackt mit Aktivitäten sein. Dennoch freute sich Sunny auf die anstehenden Dinge, denn er vollbrachte sie mit seinen Freunden und für einen guten Zweck.

Der Tag war voller Geschäftigkeit, denn zwar hatten sie „für jede Lösung ein Problem gefunden“, wie es Sunny aus Versehen herausrutschte, aber es gab trotzdem allerlei zu tun. Sunny war erstaunt über die Fortschritte, die sich abzeichneten.
Es war für den nächsten Tag der Videodreh geplant, daher standen das Bühnenoutfit und die Songs im Vordergrund. Sein Bruder hatte ihm geschrieben, dass er das gesamte Equipment benutzen durfte und der Proberaum war fleißig hergerichtet worden.
Dank der Ausstattung seines Bruders und einiger Leihgaben, die Alise und Sunny aufgetrieben hatten, entstand schon fast so etwas wie ein kleines Studio. Es würde jedenfalls ausreichen, um die drei Lieder soweit aufzunehmen, dass man sie auf der Webseite des Radios präsentieren könnte.
Auch das Bandlogo war fertig und Lilly gestand beim ersten Betrachten des aufwendigen Designs sofort Tessa ihre unsterbliche Liebe. Der darauf folgende Kuss der beiden hübschen Mädchen ließ es bei Sunny ein wenig eng in der Hose werden.
Das wahrlich Schwierigste war es, Alise zu überreden, ihre Frontfrau und Sängerin zu werden.
Zwar wollten die anderen auch etwas zum Gesang beitragen, aber sie brauchten nun einmal eine eingängige Hauptstimme. Da Alise die einzige war, die ohne ein entsprechendes Instrument dastand, war sie die beste Wahl, denn ihre Flöte würde zwar genial für ein Intro sein, aber ansonsten zwischen den Instrumenten untergehen.
Alise wehrte sich mit Händen und Füßen, aber schließlich gelang es doch, sie zu überreden, es zumindest einmal zu probieren.

Sie war sich sicher, das eine Demonstration reichen würde, damit alle verstanden, dass sie nicht singen konnte, denn sie gestand, dass schon während des ersten Schuljahres auf dem Gymnasium sie der Musiklehrer aufgrund totaler Unfähigkeit des Chores verwiesen hatte. Ihre Brüder beschwerten sich auch regelmäßig, wenn sie unter der Dusche sang.
Die negativen Erfahrungen machten sie unglaublich unsicher, was Gesang anging und sie hatte die Flöte ausgewählt, weil ein Blasinstrument sicherstellen würde, dass sie nie würde singen müssen.
Tatsächlich aber war Alises Gesangsstimme besonders und passte zwar nicht zu „normalen“ Liedern, aber das ganz Spezielle in ihrem Vibrato und die Art, wie sie manche Töne erzeugte, war einfach so besonders, dass sich alle einig waren, dass Alise die beste Frontfrau war, die sie haben konnten.
Es dauerte eine Zeit, ihr Mut zuzusprechen, aber nachdem sie ihre anfängliche Unsicherheit überwunden hatte, zündete sie mit ihrem Gesang ein Feuerwerk.
Somit war das Line-up festgelegt.
Alise war die Frontsängerin und wurde von Teddy und Sunny unterstützt. Teddy spielte die Rhythmusgitarre und Tessa den Bass. Lilly unterstützte sie auf dem Keyboard und Paddy war für den Beat zuständig. Sunny entschied sich, statt ebenfalls E-Gitarre zu spielen, die E-Violine zu nutzen, die er vorletztes Jahr geschenkt bekommen hatte, was den Sound noch einmal neu definierte.
Sie arbeiteten bis tief in die Nacht und schafften es tatsächlich, ihren ersten Song zusammenzustellen. Damit würden sie morgen das Video aufnehmen und wenn die anderen beiden Songs fertig wären, würde sie entscheiden, welche Auswahl sie für den Wettbewerb nehmen würden.

Der nächste Tag stand ganz im Zeichen des Videodrehs. Am Vormittag entstanden die Kostüme und das Make-Up und gegen Mittag holte Alises Bruder die gesamte Truppe mit dem Transporter ihres Vater ab, um sie, samt Ausrüstung, zu den ausgewählten Drehorten zu fahren.
Sie klapperten fast alle mystischen Orte in der Reichweite ab, um genug Material zusammenzustellen. Nebenbei nahmen sie auch Bandfotos auf und statten Alises Bruder mit entsprechenden Informationen aus, dass dieser ihren Online-Auftritt auf der Seite des Radiosenders vorbereiten konnte.
Er versprach ihnen, sich um das Video und die Webseite zu kümmern, sodass sie ihre anderen beiden Songs in Ruhe fertigstellen und ihm zur Veröffentlichung geben könnten.

Am nächsten Tag brachte Alise eine Kopie des fertigen Videos mit und das Ergebnis war für alle überraschend großartig.
Für Sunny wirkte es ebenso Professionell, wie die Videos, die sie in den letzten Tagen studiert hatten, nur die Musik war eindeutig besser. Auch die anderen Bandmitglieder waren begeistert.
Selbst Alise war vom Klang ihrer Stimme überrascht, die vor Energie fast Funken sprühte.
Da sie noch zwei Tage hatten, entschieden sie sich, heute ihre Songs fertigzustellen, um morgen alle drei Songs noch einmal extrem zu üben. Außerdem sollte Alise ihre aufgenommenen Songs am Abend mitnehmen, damit ihr Bruder alles fertigstellen konnte.

Alle arbeiteten konzentriert und motiviert und tatsächlich schafften sie es, aus ihren gemeinsamen Ideen etwas Gutes zusammenzustellen und mit der verfügbaren Ausstattung aufzunehmen.
Spät am Abend bekamen alle von Alise einen Link geschickt und Sunny erkundete zusammen mit den beiden anderen Jungen gespannt die Präsentation auf der Webseite des Radiosenders, die jetzt Online war. Es sah großartig aus.
Natürlich suchte Sunny auch erfolgreich nach Marc-André und seinem Team, der sich selbst übertroffen hatte.
Neidvoll musste Sunny gestehen, dass es tatsächlich ein fairer Wettkampf werden würde, denn die Videoperformance von Marc-André, Adolpho und ihren Mitstreitern war, wie Sunny ehrlich zugeben musste, einfach großartig. Auch ihre Präsentation war ganz gut, wenn auch nicht ganz so toll wie jene, die Alises Bruder gezaubert hatte.
Entweder hatte Marc-André die Ideen für den Wettbewerb schon in der Schublade gehabt oder die neureformierten „Screaming Overlords“ hatten einen erstaunlich guten Songwriter.

Langsam war es Sunny klar, was Marc-Andrés heimlicher Plan war, denn er hatte „ganz selbstlos“ scheinbar Adolpho seine Band zur Verfügung gestellt und somit Ersatz für seine langsam zerfallende eigentliche Band gefunden, um so am Wettbewerb teilzunehmen.
Er hatte geschickt sowohl Sunny und seine Freunde, als auch Adolpho und seine Truppe dahin manipuliert, dass er sich beim Wettbewerb präsentieren konnte.
Sunny überlegte sich gründlich, ob er diese Erkenntnis mit den Anderen teilen wollte, entschied sich aber dagegen. Schließlich musste er es Marc-André zugute halten, dass dieser seine Karten verdammt geschickt gespielt hatte. Und trotz aller Anstrengung und des ungewohnten Musikstils hatte Sunny eine Menge Spaß an der ganzen Geschichte.
Daher konnte er ganz problemlos dieses eine Mal Marc-André seinen kleinen Sieg gönnen.
Vor dem Einschlafen freute Sunny sich schon auf den letzten gemeinsamen Übungstag und auf den Auftritt am Tag darauf.
Der Wettstreit der Titanen war in vollem Gange.

Fortsetzung folgt…

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