SoKo Sommerloch – Teil 2

Seufzend reichte Alise Tessa den letzten Teller. Während Tessa den frisch gespülten Teller gründlich mit dem Trockentuch bearbeitete, fing Alise an, die Töpfe einzuweichen.
Die beiden Mädchen standen in der gut ausgestatteten Küche im großen Haus mit der alten Schmiede. Durch die Fensterscheiben fielen die ruhigen Strahlen der abendlichen Sonne, die bereits auf dem Weg zum Horizont war. Der große schwarze Kater des Hauses schlich abwechselnd zwischen Tessas und Alises Beinen durch und versuchte, die Aufmerksamkeit der beiden hübschen Mädchen zu erlangen, um sich mit Streicheleinheiten oder Leckereien verwöhnen zu lassen.
Durch die offene Tür der Küche konnte Alise ihren Vater und ihre beiden Brüder hören, die immer noch im angeregten Gespräch im Wohnzimmer saßen. Sie seufzte erneut, füllte den Wasserkessel mit frischem Wasser und setzte ihn auf eine Herdplatte.
Während das Wasser erhitzt wurde, wandte sie sich wieder dem Abwasch zu. Tessa räumte gerade die letzten Teller und Schüsseln in den Hängeschrank und Alise lächelte sie dankbar an.

Gegen frühen Abend waren die beiden Mädchen auf dem Sonnenbergerhof aufgebrochen, da Alise das Abendessen für ihre Familie zubereiten wollte. Tessa hatte ihr freimütig angeboten, sie auf ihrem Roller mitzunehmen und da der Fußweg vom Sonnenbergerhof zur Schmiede nicht gerade kurz war, hatte Alise dankend angenommen.
Beide verabschiedeten sich kurz, aber herzlich, von zweien der drei Jungen und dann ganz ausführlich und zärtlich von jeweils einem bestimmten Jungen.
Nach dem heißen Kuss war Alise froh, dass sie sich statt an ihren Sunny zu mindest an Tessa schmiegen konnte und nicht auf ihren wackeligen Beinen einsam nach Hause wandern musste.
Während des Tages wurde ihr immer deutlicher klar, dass sie Tessa sympathisch fand. Ihre Art war frech und trocken und ihr Humor scharf pointiert und doch verspürte Alise eine zarte Seele hinter der harten Schale der düsteren Rockerin.
Unwillkürlich dachte Alise öfters an den alten Song von Black Sabbath, „Faery wear Boots“. Da ihr Vater ein alter Hardrockfan war, hatte sie diesen Song sehr oft zuhause gehört und zum ersten Mal, als sie Tessa sah, wurde ihr klar, was damit gemeint war, dass eine Fee Stiefel tragen würde.
Das harte Outfit in Kombination mit ihrem schlanken Körper erzeugte eine interessante Mischung aus Hart und Zart. Das Tessa scheinbar die gleiche Farbe für ihre Bekleidung bevorzugte wie Alise, sah sie als mehr denn nur ein Zeichen von gutem Geschmack.

Als sie bei der alten Schmiede angekommen waren, folgte Alise einem plötzlichen Instinkt und fragte Tessa, ob sie nicht zum Abendessen bleiben wollte. Tessa war einverstanden und parkte den Roller in der Auffahrt, um Alise in das alte Haus zu folgen.
Zu Alises Überraschung, schien es Tessa nicht unangenehm zu sein, dass sie, gleich nachdem sie ihre Taschen und die Helme im Flur abgestellt hatten, in die Küche entführt wurde.
Während der Tee für die beiden Mädchen zog, gestand Alise Tessa, dass sie das versprochene Essen noch zubereiten musste. Tessa entgegnete ohne zu zögern mit der Frage, ob und wie sie helfen dürfe. Obwohl Alise den Kochkünsten fremder Mädchen meist misstrauisch gegenüberstand, ließ sie es darauf ankommen. Ihr Vertrauen wurde nicht enttäuscht.
Alise stellte erstaunt fest, mit welcher Geschwindigkeit und Präzision Tessa mit ihren Küchenmessern umgehen konnte. Beide unterhielten sich über belanglosen Kram, während sie dass Essen für Alises Familie zubereiteten und dennoch genoss Alise die Gesellschaft und fühlte sich uneingeschränkt wohl.
Das belanglose Gespräch nahm bald eine Richtung zu dem Rezept, dass Alise verwendete und zu der Sammlung von frischen Kräutern, die nicht nur dem Geschmack dienten. Alise war erstaunt, dass Tessa ihren Gedanken nicht nur folgen konnte, sondern selber ein paar Ansichten und Anregungen beisteuerte.
Sehr zu ihrer Freude stellte Alise fest, dass Tessa sich scheinbar intensiv nicht nur mit der asiatischen Kochkunst, sondern auch mit der, ihr noch fremden, traditionellen chinesischen Medizin befasst hatte. So fachsimpelten die beiden Mädchen von „Kräuterhexe“ zu „Kräuterhexe“ und Alise fühlte sich unerwartet leicht und beschwingt.

Sie deckten gemeinsam den Tisch und Alise wünschte sich heimlich, immer Tessa zur Hilfe zu haben, denn es ging alles leichter von der Hand und war mit spannender Unterhaltung gemischt.
Kaum war der Tisch gedeckt und die Essensdüfte zogen durch das alte Gemäuer, kamen die drei Männer, von der olfaktorischen Komponente des kulinarischen Zaubers der beiden süßen Hexen willenlos gemacht, aus ihren jeweiligen Ecken und fanden sich im Speisezimmer ein.
Neugierig wurde Tessa gemustert, denn es war eher ungewöhnlich, dass Alise Besuch an den Familientisch mitbrachte. Dazu noch ein attraktives Mädchen, eine Domäne, die bis jetzt dem älteren ihrer beiden Brüder vorbehalten war.
Alise stellte Tessa natürlich höflich vor, freute sich über die herzliche Begrüßung, mit der ihr Vater das junge Mädchen in seinem Haus willkommen hieß und musterte missbilligend ihre beiden Brüder, deren Blicke unselige Bände sprachen.
Sie betonte nochmal ausdrücklich, dass Tessa in ihrem Alter war, was zu mindest den Älteren der beiden Chaoten ein wenig zügelte und versuchte, den anderen mit kleineren Tritten unter dem Tisch zur Räson zu bringen. Die beiden rothaarigen Knaben ließen es sich dennoch nicht nehmen, den Versuch eines kleinen Flirts mit Tessa zu unternehmen, wurden aber auf amüsante Weise von ihrer trockenen und frechen Art in die Schranken gewiesen.
Alise merkte, dass ihr Vater sehr beeindruckt von dem selbstbewussten und schlagfertigen Mädchen war.

Als sich die Männer vom Tisch entfernten, waren die Schüsseln leer geputzt und wirkten fast ausgeschleckt, eine Sache, die Alise zum Glück verhindern konnte, obwohl einer der Herren es fast geschafft hätte, diesen Fauxpas zu begehen.
Die Kombination ihrer Kochkünste schien sehr erfolgreich zu sein, stellte sie erfreut fest und Tessa bestätigte diese Tatsache.
Alise fühlte sich rund und wohlgenährt, aber dennoch drängte ihr Ordnungssinn sie zum aufräumen von Speisezimmer und Küche und zu ihrer Freude schien es Tessa nichts auszumachen, sich wie selbstverständlich daran zu beteiligen.
So saßen sie nach einiger Zeit bei einem leckeren Kräutertee aus Alises eigener Mischung zufrieden in der Küche und sprachen über die Erlebnisse des Tages. Schnell bewegte sich das Gespräch zu dem Fund auf der Festplatte, die Tessa ohne große Schwierigkeiten entschlüsselt hatte.

Zuerst hatte sich Tessa alleine damit beschäftigt, während die andren, inklusive Alise, mit anderen Recherchen beschäftigt waren, doch irgendwann hatte Tessa sie unauffällig zu sich gewunken. Leise erzählte Tessa ihr, dass sich auf der Festplatte Bilddateien und Video-Aufnahmen befanden. Sie öffnete einige der Bilder und Alise stieg das Blut vor Scham und Wut pochend in die Ohren und ihr sonst eher bleiches Antlitz. Obwohl sie Schlimmstes befürchtete, ließ sie Tessa eine der Videodateien zu öffnen. Ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich. Es dauerte nur einen kurzen Blick der beiden Mädchen, um sich darüber zu verständigen, dass die Jungen diese Medien nicht zu sichten brauchten.
Möglichst neutral vermittelten sie den Dreien, um was es sich handelte und zu Alises Erstaunen, aber auch Erleichterung, bestand keiner der drei Kavaliere darauf, die Dateien selber in Augenschein zu nehmen.
Also beschäftigte sich das Team der Jungs weiterhin mit anderen Ermittlungen, während die beiden Mädchen das ganze Ausmaß des Schreckens katalogisierten.
Nachdem sie genügend unverfängliche Daten sichergestellt hatten, um weiterhin mit der gefundenen Wahrheit umzugehen, beschlossen die Beiden, die Festplatte zu löschen. Tessa lud extra mehrere Programme aus dem Internet herunter, um die Daten unwiederbringlich und endgültig zu vernichten. Sie waren sich darüber einig, dass neben der moralischen Frage auch durchaus ein strafrechtlicher Bestand erfüllt war, aber es im Sinne des Opferschutzes richtig war, das gefundene Material zu vernichten.
Alise speicherte die Liste der Opfer und die dazugehörigen Fakten auf ihrem Smartphone, bevor Tessa auch diese von dem Rechner löschte. Da Alise auch auf der Liste der Opfer stand, wollten sie dem Rest des Teams Details ersparen.

Jetzt, da die beiden Mädchen alleine waren und sich Alise mit dem leckerem Essen und dem guten Tee im Bauch wesentlich entspannter fühlte, war der richtige Zeitpunkt, um über diese Entdeckung zu sprechen.
Es wunderte Alise nicht, dass auch Benediktina Opfer dieser üblen Schandtat geworden war, was Wasser auf die Mühlen der Theorie der Jungen, dass Marc-André ihr angeblicher Verfolger sein könnte, wäre, aber dass selbst seine eigene Cousine Lauretta Opfer seiner üblen Machenschaften war, erschreckte sie zutiefst.
Natürlich war klar, dass Marc-André, durch den Umstand, dass sich Laurettas Eltern ihr großes Doppelhaus mit Marc-Andrés Familie teilten, denn die Väter der Beiden waren Brüder, jede Menge Gelegenheiten hatte, aber sie war trotzdem mehr als sonst von seiner Skrupellosigkeit angewidert.
Es war aber für Alise die vordringliche Frage, wie man diesen Umtrieben Einhalt gebieten könnte.

Sehr erschreckte sie der Umstand, dass sich Tessa sicher war, dass es einen zweiten solchen Datenträger geben müsse, denn auf der Festplatte hatte sich keine Aufnahme von ihr befunden und wenn sich Marc-André schon an Lauretta „verging“, glaubte sie nicht, dass er sie verschonen würde.
Während sie sich sicher war, die Werkzeuge des üblen Ferkels zuhause bei ihrer Familie durchaus aufspüren und entfernen zu können, blieb doch die Frage, wie seine Möglichkeit, mit der er die anderen Mädchen auf der Liste erwischt hatte, entfernt werden könnte.
Die Beweise, die sie brauchten, um offiziell vorgehen zu können, hatten sie ja vernichtet und eine einfache Beschuldigung würde entweder nicht ausreichen oder zu weite Wellen schlagen. Es war zum verzweifeln.
Dann schlug Tessa vor, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Sie versprach Alise, sich heute in der Nacht aus dem Haus zu schleichen, um sich der Sache anzunehmen.
Da Alise Tessa in dieser Situation nicht alleine ins Messer laufen lassen wollte, stellte sie, ohne die Möglichkeit eines Einspruches zu lassen, fest, dass sie sich um Mitternacht am alten Friedhof an der Nordseite treffen würden, um die Mission „Entwaffnung“ zu starten.
Lächelnd stimmte Tessa zu, die verstand, dass sie Alise auf keinen Fall von einer Beteiligung abhalten konnte.

Fortsetzung folgt…

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