SoKo Sommerloch – Teil 4

Alise saß bereits geduldig auf der Parkbank an der Nordseite des alten Friedhofes, als Tessa eintraf.
Der nächtliche Himmel war wolkenlos und die Sterne schimmerten wie Diamanten auf dem samtigen schwarzen Firmament. Beide Mädchen trugen jetzt schwarze Jeans und einfache schwarze Kapuzenpullis.
Erstaunt stellte Alise fest, dass sich Tessa ganz ohne Absprache für die selbe Art von Kleidung wie sie selbst entschieden hatte. Tessa grüßte sie mit einem knappen Nicken und stellte sich erwartungsvoll vor die Bank.
Alise stand auf und nickte ihr zu. Für ihre gemeinsame Mission würden sie nicht viele Worte brauchen.
Alise übernahm die Führung, als sie leise durch die Straßen der ruhigen Stadt schlichen.

Einzig einige Katzen beobachteten die beiden Mädchen bei ihrem nächtlichen Ausflug.
Sie erreichten ohne weitere Besonderheiten die Rückseite des ehrwürdigen, alten Gymnasiums.
Mit einigen katzenhaften Bewegungen und unter Nutzung eines Stromkastens erkletterte Alise die alte Backsteinmauer, die das Gelände umgab und stieg vorsichtig über das schmiedeeiserne Gitter, dass die dicke Mauer krönte.
Tessa folgte ihr ebenso geschickt und anmutig, wie Alise würdigen musste.
Beide landeten auf der anderen Seite hinter den alten Büschen, hinter denen sich die Raucher unter den Schülern zu treffen pflegten. Das Gebüsch war ungepflegt und übersät mit Unrat, den die Schüler hier hinterlassen hatten und Alise war einige Sekunden abgelenkt von den mannigfaltigen Nachrichten, die gelangweilte Schüler mit diversen Farben auf der Wand hinterlassen hatten.
Tessa fragte sich zur selben Zeit, was sie mehr verstörte, die dunklen Flecken auf der halben Höhe der Wand, die einen beißenden Geruch für immer in die Mauer eingegraben hatten, oder das benutzte Präservativ, welches auf dem Boden lag.
Leise bemerkte sie, dass es ungewöhnlich für eine angesehene Schule sei, ein Freiluftklo zu unterhalten. Alise zuckte mit den Schultern. Sie wusste, dass sich Marc-André und seine Spießgesellen hier in den Pausen herumtrieben, deshalb stellte sie keine hohen Erwartungen an diesen Ort.
Es war eine uneinblickbare Stelle an der Wand und weit entfernt von den Dienstwohnungen des Hausmeisters und des Direktors, die sich beide auf dem Gelände befanden. Außerdem waren sie in der Nähe des eigentlichen Ziels.

Sie deutete auf die schattenhaften Umrisse des Gebäudes, das ein wenig entfernt vom Hauptgebäude auf dem Gelände lag.
Sie näherten sich schleichend der Turnhalle, einem Gebäude, welches in den 70er Jahren, als es errichtet wurde, wahrscheinlich architektonisch hochmodern war.
In völliger Stille kamen sie zu dem Eingang, der zu den Umkleiden führten.
Die kleine Turnhalle war gerade groß genug für zwei Klassen, daher besaß das Gymnasium eine weitere Turnhalle und auch eine Schwimmhalle bei dem großen Sportplatz am Rande der Stadt, einige Minuten Fußweg von hier entfernt.
Da die Oberstufenschüler selbständig zur Sportanlage gehen durften und die unteren Stufen noch bereit waren, gemeinsam mit dem Sportlehrer dorthin zu wandern, war die Turnhalle für den Unterricht der Mittelstufe reserviert.
Am Nachmittag bot sie auch einigen AGs ein Zuhause, wie Alise aus eigener Erfahrung wusste.
Die örtlichen Sportvereine bevorzugten ebenfalls das Sportzentrum, daher war die kleine Turnhalle in den Nachtstunden und besonders in den Ferien leer und verwaist.

Als sie vor der Glastür, die zum Gang vor den vier Umkleiden führte, standen, zog Tessa ein kleines Lederetui aus der Hosentasche. Als sie es öffnete, sah Alise einige feine Werkzeuge.
Tessa wählte drei davon aus und begann am Schloss der Tür zu werkeln. Fasziniert beobachtet Alise sie beim Schloss knacken.
Brauchst Du kein Licht?“, fragte sie besorgt.
Nein“, antwortete Tessa, „das ist eine Sache des Gefühls. Keine Angst, ich mache so etwas schon seit ich fünf Jahre bin.
In Turnhallen einbrechen?“, fragte Alise verwirrt.
Nein, Schlösser knacken“, antwortete Tessa.
Hat mir mein Vater beigebracht, um meine feinmotorischen Fertigkeiten zu verbessern“ , fügte sie hinzu.
Ist er ein Schlosser?“, fragte Alise neugierig.
Nein, es ist nur ein seltsames Hobby von ihm. Er hat eine ganze Kollektion an Vorhängeschlössern, an denen er übt.
Was macht er denn sonst so? Ich meine beruflich“, fragte Alise aufgeregt weiter, denn der nächtliche Einbruch machte sie doch etwas nervös. Sie kompensierte ihre hibbelige Art mit neugierigen Fragen.
Er ist Kaufmann im Groß-und Aussenhandel“, antwortete Tessa ruhig.
Alise bewunderte die Ruhe, mit der Tessa an dem Schloss arbeitete und dabei ihre Fragen beantwortete.
Stören Dich meine Fragen bei der Arbeit?“, fragte Alise beunruhigt.
Findest Du, dass das eine sinnvolle Frage ist?“, entgegnete Tessa.
Wieso?“, fragte Alise leicht erschreckt.
Naja, dass hat das selbe Kaliber, wie zu fragen, ob man schon schläft“, erklärte Tessa und blickte sie kurz an.
Alise musste ihr recht geben, es war schon sehr komisch, zu fragen, ob man jemanden mit der Frage störte. Das war so ähnlich sinnvoll, wie zu fragen, ob man eine Frage stellen dürfe.
Während Alise noch kurz mit dem Gedanken beschäftigt war, hörte sie, wie mit einem Klicken das Schloss aufging.
Tessa schob ihren Fuß gegen die Tür, damit der Schnapper nicht gleich wieder die Tür verschloss. Dann verstaute sie ihr Werkzeug erneut und zog aus der anderen Hosentasche ein gelbes Plastikei, dass man, normalerweise mit billigem Spielzeug gefüllt und mit Schokolade ummantelt, im Einzelhandel erwerben konnte.
In diesem Fall enthielt es allerdings zwei Paar Einweghandschuhe.
Alise verstand und zog sich ein Paar der Handschuhe über. Ein wenig ärgerte sie sich, dass sie nicht selbst daran gedacht hatte.

Gerade wollte sie durch die Tür schreiten, als sie plötzlich von einem Licht erfasst wurden. Sie drehte sich erschreckt um und sah eine Gestalt, die die Taschenlampenfunktion ihres Smartphones gerade als Spotlight für die beiden verhinderten Einbrecherinnen nutzte.
Alise blieb fast das Herz stehen, während sich Tessa betont langsam aufrichtete, denn sie hatte vor dem Schloss gekniet. Alise war maximal verwirrt, als eine Stimme hinter dem Smartphone sie ansprach.
Es war weniger der Inhalt der Botschaft, der sich durch die einfache Frage nach dem Vorgehen hier vor Ort erkundete, sondern die Tatsache, dass die glockenhelle Stimme eher zu einem jungen Mädchen gehörte, als zu dem alten brummeligen Schulhausmeister oder einem der örtlichen Polizeibeamten.
Erneut kam die Frage: „Wer seit ihr und was macht ihr hier?
Spontan antwortete Alise aus dem Bauch heraus: „Ich habe meinen Turnbeutel vergessen.
Sie sah, dass Tessa sie verwirrt ansah und hoffte, dass die Besitzerin des Lichtes genauso verwirrt war, um sich ein paar Sekunden wertvoller Zeit zu erkaufen.
Tessa verstand Alises Taktik und setzte hinzu: „Meine Eltern haben mir verboten, nachts mit unbekannten Personen zu reden.
Das direkte Licht verschwand aus ihrem Gesicht und die Gestalt kam näher.
Alise erkannte eine schlanke weibliche Kontur. Das Mädchen kam die dreistufige Treppe zur Tür hinauf. Sie drückte auf einen Schalter neben der Tür und das Licht unter dem kleinen Vordach über der Tür erstrahlte.

Im Licht erkannte Alise, mit wem sie es zu tun hatten. Sie kannte das junge Mädchen ein wenig, denn sie besuchte ihre Parallelklasse, allerdings erst seit Anfang des letzten Schuljahres.
Alise hatte schon viele Gerüchte gehört über das neue Mädchen, zum Beispiel, dass sie die Tochter des neuen Schulleiters war.
Angeblich kam sie aus einer Großstadt und ihre für die Freudentaler Jugend seltsamen Angewohnheiten hatte sie zum Opfer wildester Spekulationen gemacht.
Über Drogenkonsum aller Art, Prostitution, sowie diverser anderer Verbrechen, bis hin zum rituellen Mord an Tieren auf nächtlichen Friedhöfen, war alles dabei. Ein besonders abgefeimtes Gerücht besagte, dass sie sich habe schwängern lassen, um ihr Baby dem Satan zu opfern.
Es gab auch das Gerücht, dass der Schulleiter nicht ihr Vater sei, sondern wahlweise ihr Liebhaber, ihr Onkel, der auf sie aufpasste, weil ihr wirklicher Vater ein inhaftierter Serienmörder war, oder, am fantasievollsten, ihr Ghul, da sie in Wirklichkeit ein Vampir sei.

Besonders Benediktina hatte einen Narren daran gefressen, immerwährend neue Gerüchte in Umlauf zu bringen.
Seit sie das Mädchen zum ersten Mal gesehen hatte, wurde sie zum sofortigen und endgültigen Feindbild erklärt, ohne etwas dazu getan zu haben. Alise vermutete, das es an den langen gelockten weißblonden Haaren lag, die zu natürlichen „Korkenzieherlocken“ fielen und trotz ihrer fehlenden Pigmente dicht und samtig wirkten.
Das Schlimmste war allerdings, dass sie wesentlich natürlicher als Benediktinas Goldmähne anmuteten.
Zwar war Alise fasziniert davon, dass es noch jemanden gab, deren Haare so lang und wild wie ihre eigenen zu sein schienen, aber sie hatte sich bis jetzt nicht getraut, das neue Mädchen anzusprechen. Es waren weniger die Gerüchte, die sich um das junge Mädchen rankten und auch nicht ihr wildes Outfit, mit dem sie in der Schule stets unangenehm auffiel, sondern etwas anderes.

Auch als Alise sie jetzt betrachtete, stieg es wieder in ihr hoch.
Sie musterte das eigentlich hübsche, engelsgleiche Gesicht, welches die Besitzerin vergeblich versucht hatte, mit jeder Menge schwarzer Kosmetika, einschließlich des Lippenstiftes, zu verunstalten. Auch das kleine Nasenpiercing in Form eines Totenschädels mit rot glitzernden Augen schaffte es nicht, sie zu verschandeln.
Sie trug wie so oft eines dieser seltsamen Metalshirts mit langen Ärmeln, deren gewalttätige und blutige Szenen voller okkulter Insignien bei jedem anderen Schüler dazu geführt hätte, dass jener von den Lehrern nach Hause geschickt worden wäre.
Weil sie als Mündel oder Tochter des Schulleiters auf dem Gelände wohnte, war dieses Unterfangen genauso sinnbefreit, wie entsprechende Schreiben an ihre Eltern.
Aus irgendeinem Grund erlaubte der Schulleiter ihr diese Extravaganzen, was die Gerüchte nur noch mehr anheizte.
Die Art und Anzahl der schwarzen, mit Nieten verzierten Ledergürtel, die sie um die Hüfte geschlungen hatte, ließen auch jede Menge Fragen offen.

Was Alise aber wirklich verunsicherte, war der Umstand, dass sie in der Gegenwart des Mädchens aus irgendeinem Grund keinen Ton herausbrachte.
Sie wusste nicht, warum sie sich in der Gegenwart dieser dunklen Prinzessin in eine schüchterne kleine Maus verwandelte, obwohl sie doch von ihrer faszinierenden Andersartigkeit angezogen war.
Beunruhigt blickte sie zu Tessa, in der Hoffnung, dass diese es schaffen, würde gegen den unheimlichen Zauber der schwarzen Hexe mit dem weißen Haar anzukommen.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben