Startschuss zum Schützenfest – Teil 1

Das rhythmische Prasseln von Regentropfen auf der Schräge des großen Fensters über Sunnys großem Bett weckte Teddy aus seinem gemütlichen Schlaf. Noch immer lag er, in Sunnys Tagesdecke gewickelt, zwischen Sunny und Paddy, deren regelmäßiges Atmen von tiefem Schlaf zeugte.
Teddy blickte aus dem Fenster und sah, wie sich die Morgensonne mühsam ihren Weg durch den grau verhangenen Himmel suchte. Teddy setzte sich auf und beugte sich über den friedlich schlummernden Sunny, um sich die Wasserflasche vom Nachttisch zu nehmen. Mit tiefen Schlucken löschte er seinen Durst und blickte erneut aus dem Fenster.
Natürlich, auch im letzten Jahr hatte es am ersten Tag des Schützenfestes geregnet. Eine Gegend, die so voller Traditionen war, beeinflusste scheinbar auch das Wetter. Die grauen Wolken, die über den Himmel zogen, versprachen ein nasses Vergnügen für den ganzen Tag.
Es war bei weitem kein Unwetter, sondern ein leichter Sommerregen, der sich scheinbar am Himmel festsetzte und sie den ganzen Tag mit kleinen Schauern und Nieselregen begleiten würde. In gewisser Weise freute sich Teddy, nach den letzten Tagen voller heißer Sonne sogar über die heutige Abkühlung, da ihm Regen nicht wirklich etwas ausmachte. Sie würden sicher das Beste daraus machen.
Das Einzige, was er fürchtete, war Sunnys Enttäuschung, wenn er den regnerischen Himmel sehen würde und gleich in tiefste Verzweiflung darüber fallen würde, dass dieser Umstand den ganzen Tag ruinieren könnte.

Er gähnte herzhaft und verließ vorsichtig das Bett, um leise das Badezimmer aufzusuchen. Er nutzte weidlich aus, dass die beiden Jungen noch schliefen und gönnte sich einen längeren Aufenthalt im Badezimmer.
Seine Wunden von gestern waren gut verheilt und scheinbar hatte sich keiner der tiefen Kratzer entzündet. Einige Stellen waren noch berührungsempfindlich, aber Teddy fühlte sich wesentlich besser, als er gestern vermutet hatte.
Als er aus dem Bad kam, zog er sich frische Unterwäsche und seine Lieblings-Wohlfühl-Jeans über, setzte sich an die Schminkkommode und kümmerte sich um seine Haare. Während er sein dichtes schwarzes Haar striegelte, dachte er gründlich nach.
Seine Gedanken kreisten immer wieder um die kleineren Ungereimtheiten, die mit dem gestrigen Abend verbunden waren.

Noch immer fragte er sich, was die vermummte Gestalt, die wahrscheinlich Marc-André war, an oder vielleicht sogar durch Benediktinas Fenster hatte werfen wollen.
Es schien weder etwas Schweres oder Großes gewesen zu sein, dies gab weder das Geräusch noch die Flugbahn her. Würde ihn jemand zu einer Antwort zwingen, würde Teddy auf eine Murmel oder einen kleinen Stein tippen.
Aber egal wie er sich mühte, er konnte es nicht genauer bestimmen.
Und was hatte die Gestalt auf dem Boden unter dem Fenster gesucht oder gemacht?
Es schien ihm retrospektiv wie eine Form von Suche und scheinbar hatte er auch gefunden, was er zu finden hoffte, denn er hatte sich ja erhoben und war auf Abstand gegangen, bevor sich Teddy bemerkbar gemacht hatte. Es passte nicht zusammen.
Auf gewisse Weise erschien es Teddy sogar so, als hätte die Gestalt das Gefundene nach dem Fenster werfen wollen, was aber keinerlei Sinn machte.
Und was hatte Sunny dermaßen abgelenkt, als er den ersten Funkspruch nicht beantwortete? Hatte er Etwas gesehen, das er noch nicht verraten wollte?
Die Flucht des Unbekannten warf noch mehr Fragen auf. Es war eindeutig, dass sich der Verfolgte in dem wilden Hain auskannte und es irgendwie geschafft, hatte sich erfolgreich zu verstecken, aber wie?

Ein schwarzer Schatten an dem Fenster in der Rückwand des Zimmers erregte seine Aufmerksamkeit. Er stand auf, um nachzusehen und bemerkte einen felligen Beobachter auf dem Fensterbrett, der ihn mit einer Mischung aus Neugier und Missbilligung irgendwie Mitleid heischend betrachtete.
Er öffnete das Fenster kurz, um den vom nassen Wetter beleidigten Kater einzulassen.
Als er sich wieder auf seinem Stuhl niederließ, sprang Krapfen auf seinen Schoß und rollte sich schnurrend ein. Während er weiter seine Haare bürstete, kraulte er das schnurrende Bündel mit der anderen Hand.
Und, Krapfen, was meinst Du zu dem ganzen Fall?“, fragte er leise und leicht abwesend, nachdem er weiterhin seine Gedanken hatte kreisen lassen.
Du solltest Frühstück für deine Freunde machen und ihnen ans Bett bringen!“ ,antwortete eine Stimme im hohen Fistelton.
Erschrocken blickte Teddy kurz zu Krapfen, sah dann aber im Spiegel, wie sich Sunny versuchte, unschuldig schlafend zu stellen.
Weißt Du, Krapfen, mein Freund, Du hast wahrscheinlich recht.
Natürlich“, antwortete Krapfen, der sich auch diesmal Sunnys Sprechapparat auslieh, welcher sich weiterhin als Bauchredner versuchte. Teddy lächelte leicht in sich hinein und gönnte Sunny den morgendlichen Triumph seines kleinen Scherzes.
Er setzte Krapfen sanft auf den Boden, zog sich ein T-Shirt aus dem Schrank über und ging in die Küche.

Unten in der Küche traf er Tante Emilia, die bereits geschäftig zugange war. Sie blickte zu Teddy herüber, lächelte fröhlich und begrüsste ihn: „Na, Teddybär, hast Du gut geschlafen?
Ach ja“, antworte Teddy, „Ganz gut, und Du?
Bis auf die Geister, die mitten in der Nacht die Waschmaschine und die Dusche benutzt haben, war meine Nacht sehr ruhig.“, entgegnete Emilia Sonnenberger mit einem kleinen Zwinkern.
Tja, Sachen gibt es.“, kommentierte Teddy, während er sich kurz umsah.
„Ich wollte Frühstück für die anderen machen, so quasi Frühstück im Bett, damit der regnerische Tag mit einem anderen Highlight beginnt.“ „Tja, Sachen gibt es.“, imitierte Emilia Sonnenberger seinen Tonfall und lächelte ihn frech an.
Teddy schaute ein wenig schuldbewusst, während Emilia feststellte, dass er seine „Unschuldsmiene“ wohl von Krapfen gelernt hatte. Lachend bot sie ihm an, ihn in die Kunst der Frühstückszubereitung einzuweisen. Dankbar nahm Teddy an.
Während er unter der Anleitung seiner Tante versuchte, aus den frischen Eiern der eigenen Hühner ein leckeres Rührei zu zaubern, nutzte er die Gelegenheit, mit ihr über die heutigen Festlichkeiten zu sprechen.

Emilia Sonnenberger war nicht sehr erfreut darüber, dass sie heute ihren Mann zu den prestigeträchtigen Teilen der Veranstaltung begleiten musste, aber sowohl bei der Messe zu Ehren des heiligen Sankt Hubertus, dem Schutzherrn der Jägerschaft, als auch bei dem Festbankett im großen Zelt der Jägerschaft, war es für die Frau eines angesehen Waid- und Schützenbruders unabdingbar, Präsenz zu zeigen.
Viel lieber wäre es ihr, auf dem heimischen Hof die übliche Arbeit zu verrichten und dem festlichen Anlass zu entkommen, aber sowohl zum Auftaktbankett, als auch zum Abschlussbankett am dritten Tag war es halt nun einmal wichtig, ihren Mann gesellschaftlich zu unterstützen und wahrscheinlich am späten Abend auch körperlich, waren doch die Veranstaltungen der Schützenbrüder zumeist feucht-fröhlich, was selbst ihr verantwortungsbewusster und maßvoller Gatte ausnutzte.
Eigentlich mochte sie an dem ganzen Tamtam, wie sie es nannte, nur das Feuerwerk am letzten Tag, mit dem der neue Schützenkönig geehrt wurde und das den offiziellen Ausklang des Festes darstellte.
Es war schon immer Emilia Sonnenbergers Meinung, dass die Tradition des Feuerwerks den ursprünglichen Sinn hatte, die Landfrauen der Umgebung davon in Kenntnis zu setzen, dass sie ihre in Alkohol marinierten Ehemänner jetzt abholen konnten.

Die Kirmes, die nebenbei stattfand, war für sie nicht wirklich von Interesse. Sie wusste, dass die öffentlichen Festlichkeiten nach der Messe mit einer Ansprache des Bürgermeisters auf dem Platz vor dem Rathaus beginnen würden, nach dem Vorbeimarsch der Schützenschaft würde dann die Eröffnung verkündet und ab dem Zeitpunkt war es den Fahrgeschäften und Buden erlaubt, ihre Kunden zu begrüßen.
An dem ersten und zweiten Abend war es den Betreibern erlaubt, ihre Geschäfte bis um Zwei Uhr nachts zu betreiben und am letzten Tag bis kurz vor 22 Uhr, denn dann beendete das Feuerwerk ja die ganze Veranstaltung.
Als Teddy vorsichtig fragte, erhielt er die Erlaubnis für Sunny und ihn, das Fest bis zu einer späten Stunde zu besuchen, allerdings verlangte seine Tante Emilia, dass sie die Mädchen bis spätestens um Mitternacht nach Hause bringen sollten, um sich dann auch auf den Heimweg zu machen, da sich nach Mitternacht die Betrunkenen herumtrieben und dies kein Umgang für Jugendliche wäre.
Teddy sah ein, dass es sinnvoll wäre, die Mädchen dann in Sicherheit zu wissen und erklärte seiner Tante, dass sie eine Abendrunde machen würden, um sämtliche Damen jeweils an ihrem Zuhause sicher abzusetzen.
Seine Tante merkte an, dass nach 23:00 Uhr kein Bus mehr fahren würde und sie vorher organisieren sollten, ob ihr Freund Paddy hier übernachten dürfte oder sie ihn rechtzeitig in den Bus setzen würden.
Sie selber würde es nicht stören, denn ein Hausgast mehr veränderte ja auch nicht viel, aber sie wollte auch Ärger mit seinem Großvater vermeiden.

Freundlich bot sie an, den Jungen gleich mit zunehmen, da sie mit dem Auto in die Großstadt fahren würde, um einige Dinge für die Pension und das Restaurant zu kaufen.
Sie könnte ihn Zuhause absetzen und mit seinem Großvater reden. Wenn es zeitlich klappen würde, könnte er auch gerne wieder mit ihr zurückfahren. Teddy strahlte und bedankte sich bei seiner Tante.
Er dachte kurz nach und bot an, ebenfalls mitzukommen, dann könnte er auch Hallo sagen und seiner Tante bei den Besorgungen helfen. Emilia Sonnenberger musterte ihn überrascht, nickte dann aber freudig strahlend.

Nur kurze Zeit später nahm Teddy das große Tablett und ging nach oben zu seinen beiden Freunden. Fröhlich weckte er die beiden mit dem fast allein gemachten Frühstück.
Während alle auf dem großen Bett saßen und das Frühstück begeistert verschlangen, erläuterte Teddy den Beiden, was er erfahren hatte.
Nach Teddys Erzählung verkündete dann Sunny mit roten Wangen, dass er ein Geständnis zu machen hätte. Beide Jungen blickten ihn überrascht und auch neugierig an. Etwas stockend und sichtlich peinlich berührt berichtete Sunny von dem Erlebnis des letzten Abends. Natürlich beichtete er ehrlich und ausführlich, was er am Fenster beobachten konnte und musste manche Beschreibungen mehrfach wiederholen, um ihre pikanten Hintergründe zu verdeutlichen.
Ernst hörten Teddy und Paddy zu und stellten ruhig und sachlich ihre Fragen. Natürlich wollten sie alle Details, um die Schwere der Situation einschätzen zu können. Gerade das Verhalten von Benediktina stand im Vordergrund und Teddy bat, ihnen ihre Körpersprache im Speziellen zu beschreiben, da es ihm viel über die Situation verraten würde. Auch Paddy bat um eine gründliche Beschreibung, da er das Mädchen ja nicht kannte und sich ein Bild machen wollte.
Nachdem sich Sunny ausgiebig bei seinen Partnern dafür entschuldigt hatte, dass er sich nicht nur hatte ablenken lassen, sondern auch die Reinheit ihrer Mission befleckt hatte, konnten sich sowohl Paddy als auch Teddy das Grinsen kaum verkneifen.
Als er von seinem Plan sprach, Alise seine Schandtat zu beichten und sich auch bei Benediktina zu entschuldigen, lagen seine beiden Freunde vor Lachen auf dem großen Bett. Sunny war verwirrt und obwohl ihm sowohl Teddy als auch Paddy bestätigten, dass keine seiner beiden Vorhaben besonders schlau wären, wollte Sunny sich lediglich zu dem Versprechen, es noch einmal gründlich zu überdenken, verleiten lassen.

Als seine Freunde aufbrachen, um mit seiner Mutter in die große Stadt zu fahren, begann Sunny, sich gründlich auf das Fest vorzubereiten und dachte auch daran, alles für eine weitere Übernachtung von Paddy vorzubereiten.
Trotz des nieseligen Wetters war er voller Vorfreude.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben