Startschuss zum Schützenfest – Teil 2

Trotz des wolkenverhangenen Himmels und des leichten Nieselregens, der ein ständiger Begleiter an diesem Tag zu werden drohte, spazierten die drei Jungen fröhlich in die Stadt.
Sunny hatte während der Abwesenheit seiner beiden Freunde Alise angerufen und mit ihr abgesprochen, wo und wann sie sich treffen wollten. Sein Geständnis hatte er noch zurückgehalten, da er zum einen noch ein wenig von der Reaktion seiner Freunde verwirrt war und zum anderen die feste Meinung vertrat, dass es einfach Dinge gab, die man sich ins Gesicht sagt und nicht am Telefon klärt.
Außerdem hatten sie auch so genug andere Dinge zu bereden, sodass sich Sunny im Anschluss wunderte, wie lange ihr Gespräch angedauert hatte. Nichtsdestotrotz war alles vorbereitet, als Teddy und Paddy mit guten Neuigkeiten zurückkamen.
Sie verstauten kurz Paddys Sachen und gingen dann in Richtung der Freudentaler Innenstadt.

Komischerweise hatte Alise vorgeschlagen, sich am alten Kirchplatz zu treffen. Das war so gar nicht in der Nähe des Rathausmarktes, wo die Feierlichkeiten stattfinden sollten und obwohl es an der großen alten Kirche lag, auch nicht in der Nähe des Haupteinganges, an dem sie versprochen hatten, Benediktina abzuholen.
In beiden Fällen war es ein Umweg, deshalb war Sunny gespannt, welche Überraschung dort auf sie warten würde.
Eigentlich mochte er den alten Kirchplatz. Einige alte Kastanien boten Schatten und ein alter Brunnen und die schmiedeeisernen Sitzbänke luden zum Verweilen und Träumen ein. An der Seite der Kirche gab es drei große Steinbilder mit religiösen Darstellungen zu bewundern und die berühmten Buntglasfenster der Kirche im gotischen Baustil. Drei kleine Gassen führten auf den kopfsteingepflasterten Platz und die anliegenden Häuser waren ebenfalls im gotischen Stil gehalten. An zwei Häuserfronten gab es schmale Arkaden, die sich auch in eine der drei Gassen zogen.
Eine der Gassen führte zur Rückseite des Gymnasiums und viele der Oberstufenschüler benutzten in der Mittagspause den hinteren Ausgang, um diese Gasse zum Platz zu nehmen, denn eine hier ansässige Metzgerei führte leckere Mittagsspeisen zu einem günstigen Kurs.
Während der Ferien hatten sie einen Außenverkauf mit leckeren Grillwaren, doch Sunny wusste, dass sie während der Kirmes geschlossen hatten, da sie zwei Grillstände auf dem Festplatz betrieben. Spontan bekam er Appetit auf eines der leckeren Spießbratenbrötchen, die dort angeboten wurden. Auch eine kleine, aber gut sortierte Buchhandlung gab es an dem Platz. Wollte Alise ihm dort etwas zeigen?

Die Neugier stand ihm wohl ins Gesicht geschrieben, denn Teddy piekte ihm in die Seite und fragte nach dem Ort, an dem seine Gedanken gerade verweilten. Sunny schüttelte sich leicht, versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass Teddy es schaffte, ihn gleichzeitig zu erschrecken und an einem seiner kitzeligen Punkte zu erwischen, was eine üble Gänsehaut nach sich zog, nahm seine Gedanken zusammen und erklärte sachlich, warum ihn der Treffpunkt verwirrte.
Hast Du denn nicht gefragt?“, wollte Paddy wissen.
Nein“, erklärte Sunny, „ich wollte doch nicht neugierig erscheinen.
Teddy und Paddy blickten sich an und prusteten gleichzeitig los.
Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragte Sunny verwundert.
Teddy lächelte ihn an und ging ein wenig näher an Sunny, um ihm leicht den Nacken zu kraulen und dann an seinem Rücken herunter zu streicheln und seine Hand zu suchen, die er in die seine nahm.
Paddy ging auf Sunnys anderer Seite, nickte ihm zu und bemerkte:„Gut, dass keiner von uns neugierig ist.
Sein ernsthafter Gesichtsausdruck brachte jetzt auch Sunny zum Lachen und kichernd erreichten sie den alten Kirchplatz.

Da Alise und Tessa noch nicht zu sehen waren, stellten sich die drei Freunde bei einer der Arkaden unter.
Während sich Paddy interessiert die Schaufensterauslage eines alten Buchantiquariats ansah und Teddy sich an eine der Säulen der Arkade lehnte und etwas an der gegenüberliegenden Kirche betrachtete, ging Sunny einige Schritte auf und ab, um Ausschau zu halten.
Noch immer schwankten seine Gefühle zwischen Vorfreude auf das Fest, Spannung wegen der Mission „Benediktinas Bodyguards“, dem warmen Gefühl im Bauch, dass durch seine Sehnsucht nach Alise genährt wurde und der Angst, wie sie sein Geständnis aufnehmen würde.
Er wunderte sich, wie es Teddy schaffte, so gelassen und ruhig auf seine Freundin zu warten, wenn Tessa überhaupt seine Freundin war. Sunny bemerkte, dass er noch keine Zeit gefunden hatte, mit Teddy über Tessa zu reden.

Gerade wollte er sich umwenden, um Teddy zu fragen, da sah er Alise in der Gasse, die von der Schule zum Platz führte.
Er wunderte sich, da dieser Weg ja ein eindeutiger Umweg auf der Strecke zwischen Schmiede und der Kirche war. Hinter ihr erschien Tessa, die sich gerade mit einem fremden blonden Mädchen unterhielt.
Sie kam Sunny irgendwie bekannt vor, doch konnte er sie gerade nicht einordnen, vor allem, da sein Blick sowieso an Alise hing.
Er wollte gerade winken, da sah Alise ihn auch und lief auf ihn zu, um ihm in die Arme zu fallen. Sunny fing den wilden Rotschopf freudig in seinen Armen auf und hieß sie mit einem Kuss willkommen.
Bevor sie ihr erstes Wort sprechen konnten, versanken sie schon in einem tiefen leidenschaftlichen Kuss und Sunny spürte, wie sich Alise fest an ihn drückte. Er umschlang sie mit seinen Armen, um sie vor dem Nieselregen zu schützen und sie dicht an sich zu spüren.
Als sie den Kuss lösten, blickte Sunny einige Herzschläge in ihre smaragdgrünen Augen und versank fast in dem mysteriösen grünen Glanz. Er gab ihr noch einen kleinen sanften Kuss, um wieder zurück in die Gegenwart zu finden und flüsterte ihr ein zarten Morgengruß, samt der wichtigsten aller Informationen zu, obwohl er wusste, dass sie es ja eigentlich schon gestern von ihm erfahren hatte.
Trotzdem strahlte sie ihn an und zog ihn zu einem weiteren, langen Kuss an sich heran.
Als somit der wichtigste Teil des Tages erledigt war, blickte sich Sunny, Alise noch immer fest in seinen Arm gekuschelt, nach den anderen um.

Teddy war noch immer an die selbe Säule gelehnt, allerdings hatte sich mittlerweile Tessa in seine Arm gekuschelt und sich ihrerseits an Teddy gelehnt. Sie hielt seine Hand fest, mit der er sanft über ihren flachen Bauch streichelte und ließ sich gerade ihren wohlgeformten Nacken mit kleinen Küssen bedecken.
Paddy und das andere Mädchen standen neben den Beiden unter der Arkade und blickten beide erwartungsvoll abwechselnd zu ihnen herüber oder zu Alise und Sunny. Tessa schien den Dreien gerade etwas zu erzählen, aber Sunny verstand nicht was, denn der Nieselregen und die Geräusche der Kleinstadt dämpften ihre Stimme, während laut die Kirchenglocken erklangen, die gerade anfingen, das Ende der Messe zu verkünden.
Wir müssen los, Benediktina wird gleich aus der Kirche kommen“, flüsterte Sunny Alise zu.
Sie nickte und antwortete: „Du hast recht, wir sollten los.
Er spürte, wie sie sich sanft aus der Umarmung löste und mit ihrer Hand die seine suchte.
Das ist übrigens Lilly, eine neue Freundin von uns. Ich habe ihr versprochen, dass sie uns begleiten kann.
Prima“, entgegnete Sunny sofort, „je mehr, umso lustiger. Übrigens muss ich nachher noch etwas mit Dir unter vier Augen besprechen.
Etwas Schlimmes?
Ich hoffe nicht.“, bemerkte Sunny ehrlich.
Wird schon nicht so schlimm sein.“ , munterte Alise ihn auf.
Sunny gab den anderen ein Handzeichen, um ihnen anzuzeigen, dass es losging und während er mit Alise an der Hand in Richtung der Gasse schlenderte, die sie am schnellsten zum Haupteingang der Kirche führen würde, schloss sich der Rest der kleinen Truppe an.

Als sie um die Ecke zum Platz vor dem Haupteingang der Kirche kamen, spie das große alte Hauptportal schon die ersten Besucher der Hubertus-Messe aus. Ein fröhliches Gedränge von Menschen entstand auf dem Vorplatz und viele der Gäste waren fein gekleidet oder trugen die prächtigen Uniformen der hiesigen Schützenbruderschaft.
Es bildeten sich kleine Trauben aus Familien, Freunden oder Bekannten, die sich sammelten, um gleich gemeinsam zur Festbühne auf dem nahen Rathausplatz zu wandern. Einige der Organisatoren schienen auch schon die Leute für den Schützenaufmarsch zu instruieren.
Sunny versuchte, das bunte Chaos zu überblicken.
Teilen wir uns auf und treffen uns gleich da vorne an der Ecke wieder!“, schlug Teddy vor und verschwand in der Menge.
Wir warten am besten gleich dort“, ergänzte Tessa und Sunny sah, wie sie mit der ihm von irgendwo her bekannt erscheinenden Lilly verschwand.
Paddy folgte den beiden Mädchen und Sunny blickte sich nach Alise um, die ebenfalls bereits im Gedränge verschwunden war.
Er zuckte mit den Schultern und machte sich auch auf die Suche.

Kurz darauf sah er Benediktina bei ihren Eltern und ihrem Bruder stehen, die gerade familiäre Eintracht demonstrierten, während sich der stellvertretende Vorsitzende des Vereins, der Ihr Vater Heinrich Zapfenstreich nun einmal war, entsprechend seines Standes präsentierte.
Diskret näherte sich Sunny von der Seite und versuchte, Benediktinas Aufmerksamkeit zu erregen. Als sie ihn sah, strahlte sie ihn kurz an, um dann züchtig ihre Freude wieder zu verbergen. Mit gekonnten Blicken forderte sie ihn auf, näher zu kommen.
Sunny atmete noch einmal tief ein, korrigierte seine Körperhaltung zu dem formalen „Brust raus, Bauch rein“, welches die alten Herren des Vereins als gute Haltung sahen und trat offen an sie heran.
Der guten Sitte folgend begrüßte er natürlich zuerst ihre Eltern, denn schließlich kannten diese, als direkte Nachbarn, ihn schon seit Kindesbein an. Außerdem wollte er als Benediktinas erwünschter Ritter auch entsprechend gutes Benehmen demonstrieren.
Auch ihren Bruder grüßte er mit angemessener Höflichkeit. In der Uniform der Jungschützen sah er wie die Inkarnation des Wortes „adrett“ aus und ein wenig neidisch war Sunny auf den beliebten und talentierten Mädchenschwarm schon.
Überraschend freundlich und zugewandt wurde der Gruß von ihrem Bruder erwidert, was Sunny leicht verwunderte, da er als Mittelstufenschüler doch normalerweise unter dessen Niveau war.
Naja, am Ende des Sommers wäre er auch Oberstufenschüler, vielleicht lag es daran?

Bevor er der Frage nachgehen konnte, fand er sich schon im Gespräch mit Benediktina wieder.
Sanft, aber bestimmt erklärte sie ihrer Mutter, dass Sunny ihr Begleiter für das Fest war und ihre Mutter ließ es sich nicht nehmen, Sunny auf die bekannten traditionellen Spielregeln hinzuweisen.
Geduldig zerstreute Sunny mit versprochenen Zugeständnissen ihre mütterliche Sorge und verhandelte die entsprechenden Spielräume. Nachdem ausgemacht war, zu welcher Zeit Benediktina wieder unversehrt am Hof der Zapfenstreichs abgegeben werden sollte, fühlte sich Sunny schon am erfolgreichen Ende der Prozedur.
Doch weit gefehlt!
Natürlich wollte Herr Zapfenstreich auch noch mit dem „Kavalier“ seiner Tochter, wie er sich ausdrückte, sprechen. Sunny bemühte sich, weiter die Rolle des „perfekten Schwiegersohns“ zu spielen. Mulmig sah er, wie sich Herr Zapfenstreich vorbereitete, ihm seine „Auslagen“ zu ersetzen, damit er seiner Tochter etwas bieten könnte, doch bevor der scheinbar finanzschwere Handschlag erfolgte, wurde Sunny aus der unangenehmen Situation errettet, da zu seiner Erleichterung und gleichzeitig zu seinem Schrecken, plötzlich der Kassenwart des Vereins samt seiner Frau aus der Menge auftauchten.

Das Schreckliche daran war, dass es sich dabei um Sunnys Vater Degenhardt Sonnenberger handelte.
Freundlich begrüßten sich die Sonnenbergers und die Zapfenstreichs. Sunny nutzte die Gelegenheit, sich zu verabschieden und nahm Benediktina an der Hand, um sie mit sich zu ziehen.
Als er kurz zurück blickte, sah er, wie die beiden Väter ihnen wohlwollend hinterher blickten, während seine Mutter Emilia einen seltsam nachdenklichen Blick aufgesetzt hatte.

Sunny gab sich Mühe, mit seiner „Beute“ in der Menge zu verschwinden und den Ort anzusteuern, wo er sich mit den anderen treffen würde.
Natürlich nahm er Rücksicht auf Benediktina, die, augenscheinlich aus Angst, ihn im Gedränge zu verlieren, seine Hand weiterhin festhielt.
Als sie schon fast aus dem Gedränge waren und die Ecke nicht mehr weit war, hielt sie ihn kurz fest. Als Sunny stehenblieb, schob sie sich dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Das hast Du ausgezeichnet gemacht“ und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
Danke“, erwiderte Sunny leicht verwirrt und nutzte die nächste Lücke im Gedränge, um sich weiter ihrem Ziel zu nähern.
So nett, wie Benediktina plötzlich war, würde es kompliziert sein, sich bei ihr zu entschuldigen, aber er musste sich der Sache stellen.
Als sie endlich die ruhigere Hausecke erreichten, wo die anderen warteten, entschied Sunny, sein Geständnis auf später zu verschieben.

Fortsetzung folgt…

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