Startschuss zum Schützenfest – Teil 3

Teddy war sich nicht sicher, ob die gesamte Situation schreiend komisch war, oder einfach nur schlichtweg seltsam. Schon mehrfach wurde sein Fluchtinstinkt von diesem komischen Theater ausgelöst und damit war nicht das Geschehen auf der Bühne auf dem Rathausmarkt gemeint.
Seit Benediktina zu ihrer kleinen Truppe gestoßen war, entwickelte sich eine Eigendynamik, die eines Stückes von Shakespeare würdig wäre, nur dass sich Teddy noch nicht sicher war, ob es letztendlich eine Komödie oder Tragödie war.

Schon das erste Zusammentreffen war ein mittleres Debakel für jeden, der sich ein wenig mit Körpersprache auskannte.
Sehr deutlich versuchte sich weder Alise anmerken zu lassen, dass sie Benediktina aus irgendeinem Grund nicht leiden konnte, noch war zu übersehen, dass Benediktina von Lillys Anwesenheit gleich entsetzt war. Nachdem Benediktina ihre Haltung bemerkenswert schnell zurückgewonnen hatte, konnte sie ihre Abneigung Lilly gegenüber trotzdem nicht vor Teddys geübtem Auge verbergen.
Lillys Unsicherheit gegenüber Benediktina und ihr unterschwelliger Hass schien seinerseits aus irgendeinem Grund wiederum Tessa abzustoßen, die mit der Grazilität einer lauernden Raubkatze Benediktina betrachtete. Auch, dass es Benediktina gelungen war, Sunnys Hand in Besitz zu nehmen, schien Alise mehr zu stören, als sie zugeben wollte und Teddy hoffte inständig, dass Sunny sein geplantes Geständnis vergessen würde, bevor es zu einem blutigen Ende der Affäre kam.
Dass Paddy nach Sunnys ausführlicher Beschreibung ein Problem damit hatte, ihr ins Gesicht zu schauen, lag bei weitem nicht daran, dass er seiner Scham unterlegen war, sondern dass seine Interessen an anderen Stellen seine Blicke gebunden hatten. Ein Umstand, der für Benediktina wohl eher normal war, aber sowohl Alise, als auch Tessa aus irgendeinem Grund ungehalten machte.
Vorsichtigerweise versuchte er, sämtliche Gedanken und Blicke von irgendeinem anwesenden Dekolletee zu lassen.

Hinzu kam, dass aus irgendeinem Grund plötzlich alle anwesenden Mädchen sich scheinbar auf Sunny stürzen wollten. Zumindest wirkte es so, als würden die vier Grazien allesamt mit seinem bestem Freund flirten, als ob er der letzte Mann auf der Welt wäre.
Selbst die neugierigen Annäherungen von Lilly gegenüber Sunny waren deutlich amouröser konnotiert, als sie es bei Paddy oder Teddy waren. Teddy war sich nicht sicher, was dahinter steckte, aber es war etwas unnatürliches.
Entweder hatten sich die Mädchen abgesprochen, oder er musste dringend demnächst Sunnys Deodorant für sich selbst beanspruchen.
Paddy wiederum wurde von seinen niedrigsten Instinkten dazu getrieben, in eine Konkurrenz zu Sunny zu gehen, die dank Sunnys freundlicher und scheinbar unbedarfter Art völlig ins Leere lief, aber bei Teddy eine besondere Form von Migräne hinterließ.

Auf dem Marktplatz war schließlich überraschenderweise auch noch Benediktinas Freundin Lauretta zu der kleinen Gesellschaft dazu gestoßen.
Am Anfang war es für Teddy ja noch angenehm, eine Gesprächspartnerin zu haben, die sich nicht völlig auf die Eroberung von Sunny konzentrierte, aber sie hing ihm doch schon ganz schön am Hintern und plapperte ihn ohne Pause mit nichtssagendem „Smalltalk“ zu, mit dem Teddy nichts anfangen konnte.
Aus Höflichkeit hatte er sich auf einsilbige Antworten eingestellt, während er den verbalen Wildwasserfluss an sich vorüberziehen ließ. Zumindest schien ihr das ausreichend zu genügen, um ihn immer wieder zufrieden anzulächeln. Zwischendurch hatte er das Gefühl, dass Tessa Lauretta eiskalt musterte und er fragte sich heimlich, was zwischen den Beiden vorgefallen war.
Da er keine schlafenden Löwinnen wecken wollte, behielt er seine Beobachtungen allerdings für sich. Die ganze Situation wurde durch den Nieselregen und die unheimlich langatmige, aber auch durchaus langweilige Rede des Bürgermeisters unterstützt.

Während Teddy sich schwer überlegte, ob es eine Technik gab, mit der er bei offenen Augen ein wenig Schlaf nachholen könnte, fiel sein Blick auf etwas ungewöhnliches. Er sah eine Gestalt, die sich im oberen Stockwerk des Rathauses befand. Seit Sunny ihn letztes Jahr gedrängt hatte, die historische Stadtführung mitzumachen, wusste Teddy, dass sich hinter den Fenstern der alte Sitzungssaal befand. Da das Rathaus seit der Mittagsstunde geschlossen war und der Saal auch nur zu besonderen Anlässen genutzt wurde, fand es Teddy schon merkwürdig, dass sich jemand hinter den hohen Fenstern des Saales befand.
Angesichts der dunklen Räume, gerade an einem wolkenverhangenen Tag wie diesem, würde eine Reinigungskraft oder ein Haustechniker doch die Lampen in dem Raum anmachen?
Aber warum sollte gerade jetzt, so kurz vor Festbeginn, jemand den Saal nutzen?
Teddy blickte weiter neugierig zu den hohen Fenstern.
Die Rede des Bürgermeisters näherte sich dem Ende ihres ersten Teiles, denn der Bürgermeister begrüßte den Filialleiter der hiesigen Sparkasse, der ein großer Förderer der Festlichkeit war, auf der Bühne. Kurz blickte Teddy zur Bühne. Aus dem Augenwinkel behielt er aber trotzdem die Fenster im Auge.

Plötzlich sah er eine Art Lichtblitz durch die Fenster und hörte einen scharfen Knall. Die Menge der Leute verwandelte sich sofort in eine panisch kreischende Masse.
Teddy hörte, wie das Chaos ausbrach, aber seine Sinne waren mehr auf das Fenster gerichtet. Er sah Bewegung und lief los.
Instinktiv rief er sich ein inneres Bild vom Rathaus in den Kopf und schätzte, welchen Ausgang der mutmaßliche Schütze nehmen würde.
Er wuselte sich durch die aufgeregte Menge und rannte in die Gasse neben dem Rathaus, die zum kleinen Parkhaus zwischen Rathaus und Polizeistation führte.
Aufgrund der Nähe zu der Dienststelle war dieser Fluchtweg auf den ersten Blick der unwahrscheinlichste, aber wenn man bedachte, dass fast alle Polizeibeamten auf dem Fest eingesetzt waren, war die Dienststelle wahrscheinlich gerade unterbesetzt und vom panischen Funkverkehr der Kollegen abgelenkt.

Als Teddy die kleine Betontreppe zum oberen Parkdeck hoch lief, sah er tatsächlich, dass eine Gestalt gerade das Rathaus durch eine der hinteren Fluchttüren verließ. Es war eine große Person in schwarzer Kleidung, die eine längliche Tasche über der Schulter trug. Die Kapuze des schwarzen Shirts hatte die Gestalt tief ins Gesicht gezogen. Als sie Teddy erblickte, fing sie an, von einem schnellen Schritt in einen Sprint zu wechseln.
Teddy realisierte das Geräusch eines Motors am hinteren Teil des Parkdecks, in Höhe der Ausfahrt des oberen Parkplatzes. Wahrscheinlich ein wartendes Fluchtfahrzeug, kombinierte Teddy und wechselte seine Route, um dem Flüchtling den Weg abzuschneiden.
Er hoffte, dass der Mann nicht noch weiter bewaffnet war und sprang mit Anlauf auf eine Motorhaube, um mit einem Sprungtritt über das Autoblech zu gleiten und den Flüchtling zu erwischen.
Die überraschende Aktion riss den Flüchtling von den Beinen und Teddy, der ebenfalls auf dem Boden landete, griff beherzt nach dem Unbekannten. Er bemerkte, dass die lange schwarze Waffentasche über den Boden rutschte und mit einem schnellen Tritt beförderte Teddy sie unter ein Auto.
Teddy glitt katzenhaft wieder auf die Beine und zog dabei dem Fremden die Kapuze vom Kopf. Blitzschnell versuchte er, sich alle Merkmale des jungen Mannes einzuprägen.
Der Attentäter riss sich mit einem kräftigen Ruck los und versuchte, ebenfalls auf die Beine zu kommen. Teddy sah, wie sein Gegner beim Aufstehen ein Springmesser aufblitzen ließ und schob jeden Gedanken an Fairness in den hintersten Teil seines Kopfes.
Er hatte vor sich einen bewaffneten Gegner, der seiner Schätzung nach so ungefähr fünf Jahre älter sein dürfte, eine halben Kopf größer und einiges an Masse schwerer war.
Jetzt würde ihm nur eine uralte Geheimtechnik helfen, die er aufgrund ihrer schrecklichen Wirkung nur in Notfällen einsetzten durfte. Als der Fremde mit dem Messer nach ihm stach, blockierte Teddy den Messer führenden Arm, drehte sich mit dem Block ein, um die Entfernung zu verkürzen und ließ seinen Ellenbogen mit vollem Schwung auf das Brustbein krachen, in der Hoffnung, den Nervenknoten zu treffen.
Er führte dabei die Drehung weiter und während er versuchte, die Augen seines Feindes mit einem Fingerstich zu treffen, rammte er energisch sein Knie dem Gegner mehrfach wuchtig zwischen die Beine.
Er spürte, dass sein Gegner taumelte, als Teddy plötzlich ein Geräusch von hinten hörte.

Instinktiv wirbelte er zur Seite, bevor ihn das anfahrende Auto vollständig erwischen konnte, dennoch wurde er zur Seite geschleudert und rollte sich über den harten Betonboden ab, bis ein parkendes Auto ihn zum Halten brachte.
Ein wenig benommen, konnte er noch sehen, wie eine weitere Gestalt seinen Gegner in den Wagen zog, bevor dieser mit quietschenden Reifen aus seiner Sichtlinie verschwand.
Mühsam rappelte sich Teddy auf und fluchte, während er seinen Körper abtastete. Tatsächlich war er mit ein paar Prellungen davon gekommen. Während er noch versuchte, durch ruhiges, rhythmisches Atmen seinen adrenalingetränkten Körper wieder zur Ruhe zu bringen, tauchten uniformierte Polizisten auf.
Zwei davon stützten seinen zitternden Körper, während ein dritter Polizist über Funk Bericht erstattete.
Teddy versuchte, mit knappen Worten die Beamten in Kenntnis der Situation zu setzten.

Die Beamten brauchten geraume Zeit, um alles zu erfassen und den Tatort zu sichern und erst als ein Krankenwagen mit viel Tamtam kam und der ebenfalls erschienene Notarzt Teddys Diagnose bestätigte, wurde entschieden, ihn zu einer Zeugenaussage ins Polizeirevier zu führen.
Es dauerte einige Zeit, bis das Protokoll angefertigt war und die verantwortlichen Beamten verstrickten sich in widersprüchliche Aussagen, ob Teddys Zivilcourage lobenswert wäre, oder seine unbedachte Aktion leichtsinnig und gefährlich war.
Nachdem er einige Bilder betrachten durfte, gelang es sogar, seinen Kontrahenten zu identifizieren, aber die Beamten wollten Teddy nicht verraten, mit wem er sich da angelegt hatte.
Zumindest konnte Teddy in Erfahrung bringen, dass es bei dem Attentat keine Toten gab, sondern lediglich der hiesige Leiter des Sicherheitsdienstes der Sparkasse verletzt worden sei, der sich heldenhaft zwischen seinen Chef und den Schützen gestellt habe. Er sei nicht in Lebensgefahr, würde allerdings ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müssen. Mehr wollte ihm niemand sagen.

Er war froh, als er endlich das Revier verlassen durfte, nachdem er geklärt hatte, dass seine jetzigen Aufsichtspersonen irgendwo auf dem Fest waren und er hier nicht bis spät in die Nacht warten wolle. Zähneknirschend ließen ihn die Beamten gehen.
Auf einer Bank beim Ausgang wartete Tessa auf ihn.

Bevor Teddy irgendetwas erklären konnte, wurde er schon von ihr umarmt. Sie drückte sich fest an ihn und er streichelte sanft ihren Nacken, um sie zu beruhigen. Sie blickte mit leicht verweinten Augen zu ihm hoch und da Teddy gerade keine weiteren Vorwürfe brauchen konnte, beugte er sich herunter und küsste sie leidenschaftlich.

Fortsetzung folgt…

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