Startschuss zum Schützenfest – Teil 4

Tessa hatte sich fest an Teddys linken Arm gedrückt und hielt seine Hand fest, während sie durch die Innenstadt gingen. Er spürte angenehm die Wärme ihres Körpers und ihre Nähe. Seit sie das Polizeirevier verlassen hatten, waren nur wenige Worte gesprochen worden, trotzdem spürte er genau, wie das wunderschöne Mädchen seine Nähe suchte. Sie hatte die ganze Zeit gewartet, während der Rest seiner Freunde sich wieder auf das Fest begeben hatte.
Es war nicht so, dass es Teddy störte, wie seine Freunde entschieden hatten, sondern viel mehr verwunderte ihn, dass Tessa solange gewartet und sich, sehr offensichtlich, in sorgenvolle Gedanken verstrickt hatte.
Sie sprach es zwar nicht an, aber Teddy hatte es ihr direkt angesehen. Er hoffte, dass sie es ihm nicht übel nehmen würde, dass er ihr den Nachmittag dermaßen ruiniert hatte.
Besorgt blickte er sie spontan an und fragte: „Sag mal, magst Du mich jetzt überhaupt noch?
Sie blickte ihm tief in die Augen und zögerte ein wenig mit der Antwort, was Teddy von der schlagfertigen Schönheit nicht gewohnt war.
Natürlich mag ich Dich noch. Es ist sogar mehr als das. Ich kann es noch nicht so genau definieren, aber…
Aber was?“, fragte Teddy.
Du bist mir halt wichtig, Du Blödmann.
Teddy streichelte über ihre Wange und blickte sie erneut an. Sie kamen zum Stehen.
Sanft zog er sie in seine Arme. Sie blickte fragend zu ihm hoch.
Danke“, flüsterte Teddy ihr sanft zu.
Wofür?“, fragte sie ihn mit neugierigem Blick von unten.
Das ich Dir wichtig bin.
Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und ließ es zu, dass er sie einfach nur in seinen Armen hielt. Obwohl der Regen mit unzähligen kleinen Tropfen auf die Beiden nieder rieselte, blieben sie einige Zeit in dieser Position und waren sich unendlich nah.
Lass uns die Anderen suchen“, kam es zeitgleich von den Beiden, als sie die Umarmung langsam lösten.
Sie blickten sich verdutzt an und zum ersten Mal an diesem Nachmittag konnten beide wieder herzhaft lachen.

Die Hände fest ineinander verflochten, gingen sie über den verregneten Marktplatz auf die lauten Geräusche und bunten Lichter der Kirmes zu.
Es war eine nicht allzu große Kirmes, mit nicht einmal einem Dutzend Fahrgeschäften und gerade mal doppelt so vielen Buden, aber dank der einheimischen Stände und der großen Zelte der Schützenschaft, machte das Festgelände tatsächlich etwas her. Laute Musik aus vielen Lautsprechern konkurrierte um die Aufmerksamkeit der, trotz des regnerischen Wetters und der jüngsten Ereignisse, sehr zahlreichen Besucher. Es schien so, als wäre nichts geschehen.
Überall feierten die Freudentaler fröhlich und um die Grillstände und die Bierzelte standen große Trauben von Leuten.
Es war noch Nachmittag, daher war auch der Andrang an den Kinderkarussellen und den Ständen mit Spielen sehr groß. Auch das kleine Riesenrad, der Autoskooter und die zahlreichen Schießbuden waren gut ausgelastet und überall roch es nach Grillgut und den typischen Jahrmarktssüssigkeiten.
An Losbuden hingen riesige Plüschtiere, deren Fellfarben wahrscheinlich ebenso Augenkrebs erzeugen konnte, wie ihre synthetische Füllung alle anderen Arten von Gesundheitsproblemen.
Während sich die Beiden noch fester hielten als vorher, um sich nicht im Gedränge zu verlieren, hielten sie Ausschau nach ihren Freunden und deren Anhang.

Tessa sah die kleine Gruppe zuerst. Sie standen gerade an einer Schießbude und waren in eine Unterhaltung verstrickt.
Beim Näherkommen sah Teddy sowohl Marc-André als auch Werner und einige weitere Gestalten, die scheinbar zu Marc-Andrés Gefolge gehörten. Tatsächlich waren, zu Teddys Verwunderung, sogar zwei Mädchen mit dabei.
Scheinbar hatten Werner und Marc-André gerade frisches Taschengeld bekommen.
Insgesamt konnte Marc-André, soweit es Teddy auf diese Entfernung einschätzen konnte, mit einem sechsköpfigen Gefolge aufwarten.
Ihm gegenüber standen Sunny, Alise und Paddy, sowie ein wenig hinter den Dreien Lilly, während Lauretta und Benediktina etwas neutraler abseits standen.
Während die beiden Prinzessinnen gekonnt ihre Abscheu für das Geschehen demonstrierten, war es dennoch für Teddy nicht zu übersehen, dass beide Mädchen der ganzen Angelegenheit voller versteckter Freude beiwohnten. Er wusste nicht, aus welchen Gründen die beiden Mädchen amüsiert waren, doch schienen sie Beide ihre ganz persönlichen Gründe zu haben, die anschwellende Eskalation zwischen den beiden Gruppen zu genießen.
Teddy sah, dass gerade Alise sehr aufgeregt wirkte und Sunny sich bereits leicht schützend vor sie stellte. Paddy hatte seine ruhige, unauffällige Kampfhaltung eingenommen, aus der er, so wusste Teddy als sein Fechtpartner, jederzeit mit der Geschwindigkeit einer Kobra zum Angriff übergehen konnte.
Doch noch schien es ein Gefecht der Worte zu sein und Teddy entschied sich, einen schnelleren Schritt einzulegen, bevor die Situation unschön werden würde.

Als Teddy und Tessa neben Sunny auftauchten, wurden Marc-Andrés Schergen merklich unruhiger und unsicherer. Das galt zumindest für seine männliche Begleitung, da sich plötzlich die beiden Mädchen ein Stück in den Vordergrund rückten und aufmerksam zu den beiden Neuankömmlingen blickten.
Teddy war ein wenig verwirrt, denn er wusste nicht, warum sein Eintreffen diese Unruhe auslöste, schließlich glichen sie Beide die Zahl ihrer Gefährten noch nicht einmal aus. Marc-Andrés Fraktion war eindeutig in der Überzahl.
Michael“, fing Marc-André an, „ich habe gehört, Du wärst im Krankenhaus.
Nenn‘ mich ruhig Teddy“, antwortete Teddy mit ruhiger, aber durchaus bedrohlicher Stimme.
Er ließ Tessa los und ging einen Schritt auf Marc-André zu.
Marc-Andrés Gang nahm ein wenig Abstand und nur die beiden Mädchen schienen an Teddys Aufmerksamkeit interessiert zu sein. Marc-André wurde nun auch merklich nervöser.
Eigentlich wollte ich deine beiden Freunde zu einem kleinen Duell herausfordern, so unter Ehrenmännern…“, erklärte Marc-André, während er mit ausladender Bewegung auf den Schießstand deutete.
…Nur so zum Spaß und unter Freunden. Um die holden Damen ein wenig zu unterhalten und, Naja, Du weißt schon…
So, weiß ich das?“ , fragte Teddy, immer noch mit derselben ruhigen Tonlage, die im Moment scheinbar Magma einfrieren konnte.
Teddy wunderte sich heimlich, wieso Marc-André so außergewöhnlich verunsichert wirkte. Normalerweise ließ er sich vor seinen Kumpanen doch nicht so behandeln. Er hatte scheinbar vor irgendwas einen unheimlichen Respekt, aber warum?

Teddy ließ sich lieber nichts anmerken, denn es schien ja zu helfen, die Situation ein wenig zu entschärfen.
Vielleicht willst Du ja auch mitmachen?“, schlug Marc-André vorsichtig vor und versuchte seine Stimme wieder fester und selbstsicherer klingen zu lassen. Teddy musterte ihn kurz kühl mit seinem zynischen Lächeln auf den Lippen, blickte dann über die Schießbude und zurück zu Marc-André.
Danke, ich hatte heute schon genug mit Schießereien am Hals.
Marc-André zuckte merklich zusammen. Das war es also.
Teddy fragte sich, welche Gerüchte sich über sein mittägliches Abenteuer schon verbreitet hatten.
Um seinen Ruf zu retten, blickte Marc-André unter Aufwendung seines Restmutes an ihm vorbei und blickte zu Sunny.
Wie steht es jetzt mit Dir? Zeit, Deinen Vater stolz zu machen, Sonnenberger!
Sunny schüttelte langsam den Kopf.
Wie bereits gesagt, ich halte nichts von Schusswaffen.
Herausfordernd blickte er zu Paddy.
Schau nicht zu mir, ich duelliere mich nicht zum Spaß.
Warum, Angst zu verlieren?“, fragte Marc-André herausfordernd.
Ich brauche Gegner, keine Opfer.“, antwortete Paddy ruhig, „Außerdem macht es mir keinen Spaß!

Ich würde gegen Dich antreten“, mischte sich plötzlich Lilly ein, „aber nur, wenn es um etwas geht und komm mir jetzt nicht mit Ehre.
Marc-André musterte das weißblonde Mädchen verächtlich, „Pass auf, ich setze meine Freichips gegen Deine!
Teddy musterte kurz Sunny, der ihm seinen typischen „Das erkläre ich Dir später“-Blick zu ihm herüber warf. Teddy nickte leicht und folgte dem Geschehen weiter, während er zur Sicherheit kurz seinen Blick über die Gesellschaft um Marc-André schweifen ließ. Vier Jungs wurden augenblicklich einige Zentimeter kleiner, während zwei Mädchen eher ein wenig wuchsen und sich bemühten, ihre körperlichen Vorzüge so gut es ging zu demonstrieren.
Deine Freichips und die, die Du im Namen deiner Cousinen abgegriffen hast, gegen meine“ , setzte Lilly entgegen.
„Hey, das ist unfair“
„Wieso? Hast Du etwa Angst zu verlieren?“
„Dann leg noch einen Kuss drauf!“
„Einverstanden, wenn ich verliere, muss ich jemanden Deiner Wahl küssen. Wenn ich gewinne, musst Du jemanden meiner Wahl küssen“
„Einverstanden, aber keine Ausreden später!“
„Komisch, so etwas wollte ich auch gerade sagen.
Entschlossen trat Lilly vor und spielte mit einer Handvoll Plastikchips in der Hand.

Benediktina, die die Situation scheinbar genoss, zog ihr Seidentuch von ihrem Hals und hielt es so hin, dass Lilly ihre Chips hinein fallen lassen konnte. Nachdem sie den einen Teil des Wettbetrags einkassiert hatte, hielt sie das Tuch Marc-André hin.
Siegessicher ließ er seine Jetons in das Tuch rieseln. Benediktina rollte das Schatztuch zu einem Bündel und nickte.
Gut“, verkündete sie gewohnt majestätisch, „Jeder bekommt zehn Schuss. Der mit den meisten Treffern auf die Enten gewinnt und Marc-André muss als Herausforderer beginnen.
Sie zeigte entschlossen auf die kleinen Blechenten, die an einer Seite der Bude auf einem Laufband entlang gezogen wurden. Bei einem Treffer auf die beweglichen Ziele klappten diese nach hinten weg und eine Automatik zählte die „umgelegten“ Enten.
Marc-André lächelte siegessicher, als er dem Budenbesitzer seinen Obolus zahlte.

Er nahm das mit zehn Schuss geladene Luftgewehr und legte sich fast mit dem gesamten Oberkörper auf das mit rotem Teppich bezogene Brett, welches die Bude von der Außenwelt abtrennte. Teddy schüttelte den Kopf über die Unverfrorenheit, mit dem sich der größere Marc-André einen Vorteil herausarbeiten wollte.
Hohe Schwierigkeit!“ forderte er beim Betreiber ein, der gleichmütig das Laufband auf die höchste Geschwindigkeit einstellte. Marc-André lud das Gewehr durch, legte an, zielte und schoss. Dass gleich der erste Schuss eine Ente traf, war zwar eher eine Glückssache, doch es hob eindeutig seine Moral, wie sein schmieriges, siegessicheres Grinsen vermittelte.
Schuss um Schuss fiel und Marc-André schaffte es, ganzen vier der sprintenden Enten den Garaus zu machen, was scheinbar eine gute Leistung war, denn der Budenbesitzer nickte anerkennend, als er ihm die Marken aushändigte, gegen die man hier einen der wunderbaren Sachpreise bekam.

Lilly ging lächelnd zu dem Budenbetreiber herüber.
Die Schwierigkeit können sie so lassen, aber ich brauche nur fünf Schuss. Man muss ja nicht unnütz Geld verschwenden.
Große Worte, junges Fräulein!“, erwiderte der Betreiber, während er das Geld abzählte und die entsprechende Anzahl der kleinen Bleikugeln in das schmale Magazin lud.
Wir haben hier auch leichtere Gewehre…“, sagte er, während er mit einer Geste auf die bereitliegenden Gewehre zeigte.
Ach, aus Fairness benutze ich dasselbe“, erwiderte Lilly mit einem unschuldigen Lächeln.
Darf ich mir die Kimme nachjustieren, bitte?
Marc-André grinste und seine Gesellen kicherten dreckig, verstummten aber sofort unter Teddys kühlem Blick, der sich selbst ein Lächeln verkniff.
Der verdutzte Budenbetreiber reichte ihr einen Schraubenzieher. Geschickt hantierte sie kurz an dem Gewehr und nickte dann.

Sie nahm das Magazin und lud es gekonnt ein, was sowohl den Budenbesitzer, der das sonst immer selber machte, als auch Marc-André deutlich verunsicherte.
Statt sich auf die Auflage zu stützen trat Lilly drei Schritte von der Bude zurück. Gelassen, das große Luftgewehr im Arm, stand das schlanke Mädchen in dem schaurigen Outfit aus obskurem Metalshirt mit langen Ärmeln und mehreren Nietengürteln, die um die Hüfte geschlungen waren, im Regen. Das Wasser des stärker werdenden Niederschlages lief ihr durch das Gesicht und verschmierte auf unheimliche Art einen Teil ihres düsteren Make-Ups zu einer noch schaurigeren Version und der leichte Wind fuhr ihr durch die Haare, während sie konzentriert auf die Enten blickte. In einer flüssigen Bewegung hob sie das Gewehr an und schoss, um sofort wieder nachzuladen.
Fast ohne zu zielen, in einer gleichförmigen Bewegung des Ladens und Schießens, leerte sie ihr Magazin in die kleine Schießbude.

Als sie das Gewehr wieder senkte, zeigte die Automatik fünf Treffer an.
Ich sagte doch, dass es reicht“, sagte sie mit einem lieblichen Ton, in dem selbst Teddy keinen Hohn zu erkennen wusste, als sie das Gewehr dem Besitzer zurückgab.
Verwirrt zählte er Marken ab, während Marc-André kreidebleich daneben stand. Sie lächelte sanft und nahm Benediktina das Tuch aus der Hand. Teddy sah Alises breites Grinsen, welches sich noch verbreiterte, als sich Lilly noch einmal zu Marc-André umwandt.
Da Du mir noch etwas schuldest, wähle ich den da“, und zeigte mit einer leichten Handbewegung ausgerechnet auf Werner.

Fortsetzung folgt…

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