Startschuss zum Schützenfest – Teil 5

Es war schwer zu sagen, wer sich mehr aus der Affäre zu winden versuchte – Marc-André oder Werner.
Während Marc-André es mit seiner Meinung nach vernünftigen Argumenten versuchte, lehnte es Werner sehr vehement ab, sich von seinem Kumpel einfach so küssen zu lassen. Er drohte sogar, sich unter Aufbietung von Gewalt zu wehren.
Marc-André hingegen lehnte es ab, diesen Teil seiner Wettschulden so einfach zu entrichten, da es eindeutig nicht mit rechten Dingen zugegangen sein konnte.
So gut könne ein Mädchen nun mal nicht schießen und überhaupt war die Sache mit dem Kuss ja nur ein Scherz gewesen und er hätte diesen Einsatz auch nicht eingefordert.
Da keine der beiden Ausreden ihre Wirkung taten, kam er dann mit dem Argument, sie müsste sich ein anderes Ziel aussuchen, denn er würde ja niemanden jemals gegen seinen Willen zu einem Kuss zwingen.
Der Ein oder Andere hatte da zwar schon anderes gehört, aber niemand wollte diese alten Geschichten hier aufwärmen.

Da Sunny die gesamte Situation langsam unglaublich peinlich wurde, bot er Marc-André an, seine Schuld zu übernehmen, wenn dieser ihm ein Versprechen geben würde.
Natürlich war Marc-André sofort interessiert und Sunny erläuterte ihn seine Konditionen. Er war bereit, Marc-Andrés Kuss-Schuld zu übernehmen, wenn dieser im Gegenzug hier und heute versprechen würde, Alise die ganzen Ferien nicht mehr mit ihrem Spitznamen anzusprechen, sondern lediglich mit ihrem echten Namen.
Marc-André zögerte kurz, aber die Aussicht, Werner zu küssen, war ihm so zuwider, dass er mit einem Handschlag auf den Handel einging.
Werner erklärte lautstark, dass er sich auch nicht von Sunny küssen lassen würde, aber Lilly erklärte mit abwinkender Handbewegung, dass sie in dem Fall sowieso ein neues Ziel wählen würde.
Neugierig wollte Marc-André natürlich wissen, wen es treffen sollte, doch Lilly erklärte, dass sie ihre Wahl erst später treffen würde. Sunny erlaubte ihr, die Schuld jederzeit einfordern zu dürfen und Marc-André schäumte augenscheinlich vor Wut. Nicht nur, dass er bloßgestellt wurde, sondern er hatte auch seine „Lieblingshänselei“ gegen einen peinlichen Kuss, den er nicht sehen würde, getauscht. Bevor er seiner Wut jedoch Ausdruck geben konnte, fiel sein Blick allerdings erneut auf Teddy, der immer noch eine gefährlich düstere Miene zur Schau stellte und entschied sich, in seiner Variante eines dramatischen Abganges, auf der Stelle kehrt zu machen und, gefolgt von seinem Haufen, abzuziehen.
Es wäre noch eindrucksvoller gewesen, hätten die beiden Mädchen aus seiner Gruppe dabei nicht noch einen schmachtenden Blick auf Teddy geworfen.

Lilly zählte einige ihrer gewonnenen Chips ab und hielt sie Lauretta hin. Diese blickte kurz zu Benediktina, während sich auf ihrem Gesicht ein innerer Konflikt zwischen den beiden Todsünden Gier und Stolz abzeichnete.
Als Benediktina sie mit der ihr eigenen Verachtung musterte, entschied sich Lauretta, die Chips abzulehnen und erwähnte, dass sie keine Almosen bräuchte. Lilly zuckte mit den Schultern und steckte die Chips wieder ein.
Ein tödlicher Blick von Lauretta traf ihren Hinterkopf, als sie sich umdrehte, wurde aber von den meisten Anwesenden weder beachtet noch kommentiert, außer von Benediktina, die verächtlich ihre Augen rollte.
Gemeinsam wanderten die Jugendlichen weiter über den Festplatz. Sunny klärte inzwischen Tessa und Teddy auf, denn die beiden hatten, durch ihre frühe Abwesenheit, einiges verpasst.
Tatsächlich erfuhr Teddy erst jetzt, dass ihm Tessa ziemlich zügig gefolgt war, aber ihn in der Menschenmenge verloren hatte. Als sie ihn wiedersah, folgte er gerade den Beamten zur Polizeidienststelle und davor wartete sie auf ihn.

Wie die Beiden jetzt von Sunny erfuhren, wurden die Ordnungskräfte recht zügig der chaotischen Situation Herr. Recht schnell verbreitete sich das Gerücht, dass die ganze Angelegenheit ein schlechter Scherz war.
Die offizielle Version war, dass irgendein Scherzbold einen Böller gezündet hatte und der erschreckte Herr, der zu Boden ging, sich einfach aus Schrecken den Fuß verknackst hatte und unglücklich gefallen war.
Da keiner, außer scheinbar Teddy, den Schützen gesehen hatte, war das Ganze für das Gros der Freudentaler eine glaubhafte Darstellung.
Nichtsdestotrotz hatte der Bürgermeister den anwesenden Bürgern zu Beruhigung jeweils einen Verzehrgutschein für ein Beruhigungsgetränk angeboten und den anwesenden Kindern und Jugendlichen eine Anzahl von Freichips für die Kirmes.

Schnell bildeten sich Schlangen vor den beiden Ständen, die von städtischen Bediensteten aufgebaut wurden und während man auf das Eintreffen der Chips und der Gutscheine wartete, wich das Thema von dem seltsamen Anschlag über zur Großzügigkeit der Stadtverwaltung.
Zumindest der Bürgermeister hatte mit seiner Idee mehr zur eigenen Imagepflege beigetragen, als durch seine langweilige Rede.
Auch die Sparkasse baute spontan einen ihrer mobilen Stände auf und verteilte Gratis-Werbegeschenke, als Entschuldigung, dass die Unachtsamkeit eines ihrer Mitarbeiter für soviel Panik gesorgt hatte. Als einer der Hauptsponsoren der Kirmes hatten sie zwar schon auf dem Festplatz einen Stand mit Gewinnspiel und so weiter, aber die Freudentaler Sparkasse war nicht gerade dafür bekannt, sich eine Werbemöglichkeit entgehen zu lassen.
Die gesamte restliche Truppe hatte sich angestellt und als Sunny an der Reihe war, hatte er geistesgegenwärtig gefragt, ob er die Chips für Tessa und Teddy mit abholen dürfe. Während es für Teddy kein Problem war, war Tessas Name allerdings schon auf der Liste, die geführt wurde. Es hatte scheinbar jemand die Chips für sie abgeholt und durch einen neugierigen Blick konnte Sunny erspähen, dass Tessas Name direkt unter Marc-Andrés und Laurettas Namen stand.
Da Lauretta in der Schlange weiter hinten stand, war es Sunny gleich klar, was der Braunbär gehustet hatte, wie er Teddy versicherte, als er ihm seine Chips gab.

Lächelnd bot Lilly Tessa auch ihre zurückeroberten Chips an, die Tessa, im Gegensatz zu Lauretta, mit einem dankbaren Lächeln annahm.
Teddy seinerseits bat die anderen, auf seine Erzählung seiner Erlebnisse noch etwas zu warten, da er jetzt erst mal seinen Kopf freibekommen wollte.

Schnell entschieden sich die meisten der Gruppe dafür, eines der Fahrgeschäfte auszuprobieren. Da dieses wiederum unter Benediktinas Niveau war und Lauretta sich dieser Meinung anschloss, bot Paddy an, sowohl auf die beiden Damen, als auch auf entsprechende Taschen aufzupassen und blieb mit den beiden Prinzessinnen bei einem der nahe gelegenen Festzelte zurück.
Die Anderen genossen eine wilde Fahrt und amüsierten sich köstlich.

Als sie zu den Zurückgelassenen zurückkehrten, waren die Drei bereits in Gesellschaft von einigen Mitschülern aus dem hiesigen Gymnasium. Es hatten sich unter anderem drei Mädchen aus dem Gefolge von Benediktina versammelt, sowie eine kleine Traube hoffnungsvoller junger Kavaliere, die die Damen wiederum mit Getränken und Naschereien versorgten.
Paddy sah nicht gerade glücklich aus, während er als Aufpasser neben Benediktina saß und verhinderte, dass sich die mutigeren der jungen Kerle zu nah in ihrem hoheitlichen Dunstkreis bewegten. Scheinbar wiegelte Benediktina jegliches Interesse an der Persönlichkeit ihres Bodyguards konsequent ab, so blieb Paddy von der Last interessanter Gespräche mit einem der hübschen Mädchen gnädigerweise verschont und durfte sich ganz auf seine dankbare Aufgabe als Benediktinas Accessoire konzentrieren.
Teddy konnte beobachten, dass Lauretta, als sie in die Nähe des Zeltes kamen, kräftig auf Flirtmodus mit den anwesenden Herren schaltete, was ihm sehr entgegen kam, da sie ihm ja schon vorhin zu viel ihrer Aufmerksamkeit angedeihen lassen hatte.
Nicht, dass sie kein hübsches Mädchen war, aber sie kam weder vom Aussehen, noch auf irgendeine andere Art gegen Tessa an, mit der Teddy heute auf jeden Fall Zeit verbringen wollte.
Auch wenn ihm Lauretta bestimmt mehr über ihren Cousin hätte erzählen können, war es das heute einfach nicht wert.

Teddy sah, wie Lilly mit Alise flüsterte, als sie näherkamen, die daraufhin verkündete, dass sie sich noch ein wenig mit Lilly umsehen wollte und sie sich auch mal frisch machen wollten. Sie bot an, sich nachher wieder am Bratwurststand zu treffen.
Überrascht blickte Teddy den Beiden hinterher, doch noch mehr überraschte ihn, dass Sunny nicht gleich mit seiner geliebten Alise mitgehen wollte.
Sunny blickte ihn verschwörerisch an und entschuldigte sich ebenfalls, denn er wollte schnell zu einem Stand gehen, um etwas zu holen. Teddy zuckte mit den Schultern.
Als ihn Sunny noch zublinzelnd fragte, ob er ihm etwas mitbringen sollte, war er noch verwirrter, aber er sah das kurze Kopfschütteln von Tessa und verstand das Zeichen. Dankend lehnte er ab, blickte dann aber doch dem sich durch den Nieselregen entfernenden Sunny hinterher und hatte scheinbar ein riesiges Fragezeichen ins Gesicht geschrieben, denn Tessa drückte sich an seinen Arm.
Als er sie fast instinktiv in seinen Arm nahm und an sich zog, erklärte sie ihm, dass Sunny gefährlich engagiert auf eine der Buden geblickt hatte, wo es Lebkuchenherzen mit individueller Beschriftung gab.
Teddy meinte lächelnd, dass er ihr auch eines kaufen würde, worauf sie ihm einen Knuff in die Rippen gab. Auf die Frage, womit er ihr ansonsten eine Freude machen könnte, bekam er zur Antwort einen heißen Kuss.

Teddy beschäftigte sich gründlich einige Minuten mit der zarten, aber auch heißen Antwort, während sie in dichter Umarmung verschlungen auf dem verregneten Kirmesplatz standen. Nur unwillig löste er sich aus dieser angeregten, nonverbalen Diskussion und sah zu Paddy herüber.
Teddy blickte Tessa entschuldigend an, aber sie lächelte ihm aufmunternd zu und nahm seine Hand. Gemeinsam gingen sie zu dem Festzelt, wo sich Paddy mit Benediktina befand.
Mit einem kurzen Blick versprachen sich Tessa und Teddy ganz wortlos, sich den heutigen gemeinsamen Tag nicht vermiesen zu lassen.

Fortsetzung im nächsten Kapitel…

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