Sunny und Teddy – Das Leben ist (k)ein Ponyschlecken Teil 2

Nachdenklich schaute Sunny auf das ruhig vor sich hin fließende Wasser des Flusses. Er saß, wie so oft, gedankenverloren auf seinem Lieblingsplatz, einer Astgabelung in den Zweigen einer mächtigen Trauerweide, deren lange Äste sanft die Oberfläche des sommerlich glitzernden Flusses streichelten.
Er sah das sanfte Wiegen der Blätter in den leichten Windzügen, die eine frische Brise über das sonnendurchflutete Tal trugen und lauschte dem Klang der Wellen und dem Gesang der Vögel, die sich in den Ästen des lichten Baumhaines angesiedelt hatten.
Sunny wusste, dass es der letzte Tag dieses Sommers war, den er ungestört auf diese Weise genießen konnte, denn es war der zweite Tag nach dem Beginn der Sommerferien.

Er blickte hinunter zu Teddy.
Seit nunmehr vier Jahren war Teddy ein Stammgast der Sommerpension, die seine Mutter in einem der alten Fachwerkbauernhäuser betrieb, die zum Sonnenbergerhof gehörten.
Der alte Gutshof, samt dem ehrwürdigen Gestüt und der bekannten Schafzucht, war schon seit dreizehn Generationen im Familienbesitz und seit dem Tod seines Großvaters wachte Oma Irmelbert mit Argusaugen über Haus und Hof. Zur Beruhigung aller war sie nicht nur extrem kurzsichtig, sondern auf eine sehr weise Art ein wenig dement.
Sein Vater machte sich viel Mühe mit dem Erhalt des Besitzes und seine Mutter führte die Ferienpension, um ein wenig Geld zu den Einnahmen des Biohofes beizutragen.

Als sich Sunny und Teddy zum ersten Mal als zwölfjährige Knaben gegenüber standen, waren sie weit davon entfernt, so etwas wie Freunde zu sein. Teddy war sozusagen ihr erster Feriengast, denn erst im Jahr danach eröffnete seine Mutter die Pension Sonnenberger.
Damals war Sunny gar nicht damit einverstanden, seine Ferien mit einem fremden Jungen zu teilen. Doch schon bald teilten sie nicht nur ein Zimmer, sondern auch eine tiefe Freundschaft, denn viele Ferienabenteuer hatten sie zusammen geschweißt, wie die Stahlträger eines britischen Kriegsschiffes.
Teddy war ihm näher als jeder Mitschüler oder andere Gleichaltrige aus der Umgebung.

Es war nicht so, als ob Sunny ein Außenseiter wäre, im Gegenteil, denn viele seiner Freunde beneideten ihn um die Nähe zu den hübschen Mädchen, die gerne in den Sommerferien einige Tage in der Pension unterkamen, um das Reiten zu lernen oder sich auf Reitprüfungen vorzubereiten. Da Sunny bereits schwer verliebt war, interessierten ihn diese Mädchen aber nicht wirklich.
So blieb es jedes Jahr bei harmlosen Urlaubsflirts und meist blieb der versprochene Email-Kontakt schon nach wenigen Wochen aus.
Zumindest blieben genügend empfangene Selfie-Bilder hängen, mit denen er seine Schulkameraden beeindrucken konnte.
Natürlich promotete die Neugier seiner Klassenkameraden auch seine Aktivitäten auf Facebook, was seiner Band zugute kam, aber so richtig zufrieden war Sunny mit seinen Ferienliebschaften nicht.

Er wusste ehrlich gesagt auch nicht, was die Mädchen aus der Stadt an einem Langweiler wie ihm so aufregend fanden. Wenn er nicht gerade in der Natur war, schrieb er Songs für seine Band oder Gedichte für sich selbst. Er hatte keine aufregenden Hobbys und allein der Umstand, dass er ein guter Schüler war und gerade in den Naturwissenschaften brillierte, machte ihn eigentlich zu einem ziemlichen „Nerd“.
Es war schon komisch – während sich die Mädchen aus der Stadt zumeist in seiner Nähe aufhielten, war es den Mädchen der Gegend scheinbar ein tieferes Bedürfnis, das Weite zu suchen, wenn er in ihre Nähe kam.
Er wusste auch nicht, warum die Gespräche der Mädchen, die er bereits seit Kindergartentagen kannte, immer dann verstummten, wenn er in Hörweite kam.

Auch die Freundschaft mit Teddy blieb im Dorf nicht unbemerkt und jedes mal, wenn sie scherzend oder aneinander gelehnt durch die kleine Stadt bummelten, bekamen die meisten Mädchen diesen seltsamen Blick. Da die Freudentaler Mädchen auch zumeist langhaarig waren und gerne kichernder Weise oder händchenhaltend mit ihrer besten Freundin durch die Freudentaler Innenstadt schlenderten, wunderte sich Sunny, dass es eine so komische Reaktion darauf gab, wenn er mit Teddy dasselbe machte.
Es war schon seltsam.

Doch für diesen Sommer hatte er sich ja etwas vorgenommen. Sunny glitt elegant von der Astgabelung und landete grazil wie eine Katze zwischen den Wurzeln der Trauerweide.
Teddy hatte die Decke ausgebreitet und bereits mit den Dingen aus dem Picknickkorb eine leckere Brotzeit angerichtet.
Wieder einmal bewunderte Sunny, mit wie viel Perfektion und Anmut Teddy das ganze Ensemble für sie angeordnet hatte.
Gerade kniete er mit halb geschlossenen Augen an der einen Seite der Decke und war dabei, einen Tee zuzubereiten. Für Teddy war die Teezubereitung ein Ritual, das er hochkonzentriert durchführte und Sunny genoss die ästhetische Vorführung japanischer Teezeremonien.
Leise hockte er sich an das andere Ende der Decke und betrachtete das elegante Fingerspiel.
Wie aus einem natürlichem Fluss heraus öffnete Teddy seine Augen und blickten in die seinen, während er ihm eine Schale mit Tee reichte. Sunny lächelte ihn sanft an.
Einen kurzen Augenblick genossen sie ruhig einen perfekten Moment des inneren Friedens.

Als sie sich langsam den zahlreichen Leckereien zuwandten, die Sunny eingepackt hatte, richtete er das Wort an Teddy.
Nun, wie stellen wir es an?“ „Also“, Teddy musterte ihn mit dieser verführerischen, leicht zynischen Haltung „Eigentlich geht es ja größtenteils um Dich“ „ Aber Du bist doch auch ein wichtiger Teil. Ich meine, wenn es klappt und ich mit der Sache rausrücke, dann betrifft es doch auf jeden Fall unser beider Ferien.“ „Da habe ich keine Angst, ich stehe zu Dir und werde Dich unterstützen“ „Aber wenn dann jeder von meiner heimlichen Liebe weiß. Das ist doch peinlich!“ „Was ist denn an Deinen Gefühlen peinlich?“ „Auf jeden Fall würde hier in der ganzen Freudentaler Gemeinde keiner so etwas wagen.“ Röte stieg in Sunnys Wangen auf. „Weißt Du, die Leute haben hier so ihre Vorstellungen und…“, zart unterbrach ihn Teddy, indem er seinen Finger sanft auf Sunnys Lippen legte.
Tief blickte er ihm in die Augen und sagte mit sehr ruhiger und fester Stimme: „Das ist alles nicht wichtig. Dein Herz hat entschieden und egal, was die anderen Menschen davon halten, werde ich nicht zulassen, das Du für deine Liebe leiden musst.“ Sunny lächelte ihn glücklich an und gab ihm einen neckischen halb geküssten Biss in den Finger und nahm sich eine Erdbeere aus der Tupperschale.
Während er sie fast zärtlich zwischen seine samtenen Lippen schob, bat ihn Teddy: „So, jetzt erzähl mir nochmal, was die Leute hier in der Gegend für ein Problem mit deiner Angebeteten haben“.

Fortsetzung folgt…

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