Verschwörung im Hexenholz – Teil 1

Leise schlich sich Alise durch das dichte Unterholz des Bärenbrunner Forstes. Dank umfangreicher Schutzmaßnahmen hatte sich dieses wunderschöne Stück ihres heimatlichen Tals zu einer Art natürlichem Urwald entwickelt.
Moose und Farne bedeckten, neben den allgegenwärtigen Brennesseln, den ansonsten steinigen Untergrund des Mischwaldes, der mehrere Hektar des westlichen Hanges der hohen Rückenkracher-Hügel bedeckte.
Nur wenige Wanderpfade führten durch das geschützte Revier, das nominell der Familie Bärenspalt gehörte, die noch immer auf der ehrwürdigen Burg Bärenspalt, hoch auf einem der Hügel residierte.
Die wohlhabende adelige Familie hatte den ehemaligen gräflichen Forst zu einem Reservat umgewidmet, um den Naturbestand des wunderschönen Tales zu erhalten. In einigen seiner Ausläufer erstreckte sich dieser Forst und das entsprechende Naturschutzgebiet sogar bis tief ins Tal zu den Ufern des großen Flusses, an dessen Westseite die unendliche Weite der Heide begann.

Oft kam Alise in den fast unwirklichen Zauberwald, um nach seltenen Kräutern oder Pilzen Ausschau zu halten, deren Ernte in begrenztem Rahmen der einheimischen Bevölkerung erlaubt worden war, zumindest aus Gewohnheitsrecht.
Manchmal beobachtete sie auch Tiere oder genoss einfach nur so den Aufenthalt unter dem grünem Blätterdach, durch das die Sonne nur in Form ätherischer Strahlen drang.
Viele der Bewohner des Tales fanden große Teile des Waldes, gerade abseits der Wanderwege, schlicht gesagt, etwas unheimlich.
Ein ganzes Stück des beeindruckenden Grünes trug den einfallsreichen Namen „Hexenholz“ und noch immer erzählten die einheimischen Eltern ihren Kindern gruselige Geschichten aus der Zeit, als in diesem wunderschönen Tal die Feuer der Hexenprozesse brannten.

Viele alte Familiennamen stammten noch aus jener dunklen Zeit des Mittelalters, als Angst, Schrecken und der schwarze Tod als grausame Reiter durch das Land zogen, um das Ende aller Dinge zu bringen.
Auch heute war die katholische Gemeinde der Gegend immer noch auf der Hut.
Selbst die diversen Gerüchte über eine Verwandschaft der Familie Bärenspalt zu der ungarischen Familie der Bathorys, deren Linie unter anderem die berühmte Blutgräfin entsprang, hielten noch immer so manch einen abergläubischen Bauern von seinem Nachtschlaf ab.
Dass Graf Thomas Robert Wagenmacher der Dritte, Graf von Bärenspalt, der fünfte seines Namens und Herr über Burg Bärenspalt, sowie deren Ländereien, ein gesteigertes Interesse an dem Schutz der hiesigen Fledermauspopulation hatte, ließ diese Gerüchte auch nicht wirklich verstummen.

Es war erstaunlich, welche Aberglauben sich hartnäckig hielten, angesichts der wahren Probleme der ländlichen Gegend, dachte sich Alise, während sie weiter leise wie eine Schlange durch das Unterholz schlich.
Nur durch Zufall hatte sie von dem geheimen Treffen erfahren und hatte die Absicht, die dunkle Verschwörung dieses Kreises einheimischer Hexen zu durchkreuzen. Doch dafür musste sie Informationen sammeln.
Sie wusste, dass der dunkle Zirkel etwas Bedeutendes plante. Doch noch viel mehr störte sie, dass sich dieser verzogene Haufen, der nicht das kleinste bisschen Ahnung über die alten Traditionen hatte, den Ruf der ehrwürdigen Töchter der Wicca in den Dreck zogen.

Als Abkömmling zweier Familien mit einer langen magischen Tradition in der weiblichen Seite, hatte sie sogar von zwei Großmüttern den Weg der Hexerei erlernt und auch regelmäßige Besuche in sämtlichen alternativen Buchhandlungen der Umgebung hatten ihr Geheimwissen gemehrt.
Sie konnte nicht zulassen, dass eine Gruppe von pubertierenden Hühnern ihre Tradition befleckte.

Als sie die ersten Stimmen vernahm, duckte sie sich in das Wurzelwerk einer alten Eiche und spähte vorsichtig zwischen einigen dichten Farnblättern hindurch.
Nur wenige Meter entfernt, auf einer kleinen moosigen Lichtung, saßen die fünf Möchtegern-Hexen.
Zwei von ihnen hatten sich ihrer Schuhe entledigt und badeten ihre Füße in dem kleinen Bächlein, welches die Lichtung munter durchfloss, während zwei der anderen gerade eine Art Picknick auspackten.
Die Fünfte, Benediktina Zapfenstreich, eine hochnäsige Göre aus einer der alten Bauerndynastien der Gegend und die eindeutige Königin dieses Haufens, saß auf einem altem Baumstumpf und rauchte, übertrieben nonchalant, eine Zigarette. Ihr engelsgleiches blondes Haar glänzte in der nachmittäglichen Sommersonne wie Gold und ihre katzenhaften kornblumenblauen Augen waren zu schmalen Schlitzen geschlossen.
Wie immer saß ihre Bluejeans fast einen Hauch zu eng über ihren Leichtathletik-trainierten langen Beinen. Jeder wusste, dass Benediktina die beste Läuferin im ganzen Tal war und sie hatte schon mehrfach die Freudentaler Stadtmeisterschaften gewonnen.
Aufgrund ihrer immer wieder bestätigten herausragenden Erscheinung und ihres sportlichen Talentes war sie ein Idol in der Mittelstufe des örtlichen Gymnasiums. Obwohl sie nur eine mittelmäßige Schülerin war, erschlich sie sich mit sozialem Geschick und fiesen Intrigen immer wieder gute Noten und war bei Schülern und Lehrern beliebt.

Seit nunmehr zwei Jahren war die halbjährliche Wahl des Klassensprechers ein beständiges Duell zwischen Benediktina und Alise, das Alise stets verlor. Aus mangelndem Interesse von Seiten der Klasse war sie die dauerhafte stellvertretende Klassensprecherin.
Während sie alle Arbeiten erledigte, sackte Benediktina stets das Lob ein.
Dazu kam, was aber Alise im Prinzip egal war, dass seit Anbruch der Pubertät alle Jungen in der Klasse die sabbernden Sklaven der blonden Königin waren.
Es wäre nur halb so schlimm, wenn nicht alle Mädchen in der Klasse unheimlich in ihren zwei Jahre älteren Bruder Clemens Zapfenstreich verliebt wären, dem blonden König der Oberstufe des Freudentaler Gymnasiums und amtierenden Schülersprecher. Da sie es geschafft hatte, wirkungsvoll unter dem Schutz ihres Bruders und seiner Freunde zu stehen und sie ihrem engeren Zirkel Zugang zu Devotionalien des angebeteten Clemens gewährte, war sie nahezu unantastbar.
Zwar kannte Alise durch ihren eigenen älteren Bruder einige der dunklen Geheimnisse des hochnäsigen Schönlings, da beide eine längere Zeit Mitglied des örtlichen Tennisclubs waren, aber seit ihr Bruder sich anderen Interessen zugewendet hatte, war diese Informationsquelle dürftig.

Früher, als Kinder, waren Benediktina und Alise fast Freundinnen gewesen, als beide noch zusammen in die Freudentaler Ballettschule gingen, aber nachdem Alise mit zwölf Jahren für zwei Jahre bei ihrer Familie im Ausland gelebt hatte, waren die Bedingungen, die sie in ihrer alten Heimat vorfand, verändert.
Die letzten zwei Jahre, seit sie wieder hier im Tal lebte, war sie plötzlich zum Feindbild der exklusiven Mädchenclique um ihre ehemalige Freundin geworden und Alise wusste immer noch nicht, warum.

Neugierig beobachtete sie, wie sich Lauretta, eines der anderen Mädchen, Benediktina näherte.
Es war zum Teil Glück, dass der Wind aus Richtung der Mädchen kam, denn so verdeckte er Alises Geruch und trug die Worte der beiden Mädchen deutlich zu ihr herüber. Andererseits wehte es auch den penetranten Geruch von synthetischer Erdbeere hinüber, der aus der chemischen Abomination entsprang, die irgendein trendiger Spinner dummen Mädchen als „Parfüm“ verkaufte.
Da sich Alise ihre Kosmetika immer selbst herstellte, hatte sie kein Verständnis für die ätzenden chemischen Untertöne dieser Art von konsumgeiler Selbstverstümmelung.

Lauretta war ein gut aussehendes brünettes Mädchen, die meist sehr ruhig, fast schüchtern wirkte. Trotzdem war sie, als Benediktinas Adjutantin, die heimliche Kraft so manch einer Schandtat.
Alise wusste, dass Lauretta bei weitem klüger und verschlagener war, als ihre großen rehbraunen Augen vermuten ließen.
Aus ihrer Position konnte sie das heimliche Gespräch der beiden Mädchen besser belauschen als die anderen Mädchen, die mit den Vorbereitungen auf ihr Picknick fast fertig waren.
Deutlich hörte sie Benediktinas glockenhelle Stimme, die ihr immer wieder das Lob des Chorleiters des katholischen Jugendchores einbrachte.
Dieses Jahr muss es klappen, ich will ihn haben!
Wir werden es schaffen, Tina“, anwortete Lauretta und Alise wunderte sich schon fast, dass sie dabei nicht salutierte.

Noch bevor Alise gründlich darüber nachdenken konnte, wer wohl gemeint war, nahm das Gespräch weiter seinen Lauf.
Wir können es uns, auch gerade als Gemeinde, nicht leisten, dass beständig diese auswärtigen Feriengäste an unseren einheimischen Jungen kleben und müssen deutlich ein Zeichen setzten.“
Stimmt“, antwortete Lauretta eifrig nickend.
Ich tue es ja nicht für mich“, fuhr Benediktina fort, „sondern zum Wohle der Gemeinde. Man könnte fast sagen, ich opfere mich dem Gemeinwohl.
Oh ja, das tust Du stets“, schmeichelte sich ihre Speichelleckerin ein.
Wir brauchen unbedingt Unterstützung von Deinem Cousin“, fuhr Benediktina fort. „ Marc-André ist ein wahrer Spezialist in manchen Dingen und Du solltest versuchen, ihn für unsere kleine Affäre als Verbündeten zu gewinnen.

Schon beim Gedanken an Marc-André Büttelsbrunft, den missratenen Sohn des hiesigen Polizeichefs, Hauptkommissar Büttelsbrunft, zog sich Alises Magen zusammen. Dieser kleine perverse Saboteur erzeugte stets ein Übelkeitsgefühl bei ihr.
Was immer es für eine Intrige war, wenn sie zu solchen Verbündeten griffen, konnte das Ergebnis nur entsetzlich sein.

„… aber Du weißt, er wird Dich aufgrund seiner eigenen Schwärmerei nicht wirklich darin unterstützen, Sunny zu Deinem festen Freund zu machen, es sei denn, er hätte etwas davon“.
Er braucht das Ziel der Mission nicht zu kennen, Hauptsache er funktioniert“.
Ich habe da eine Idee, wie wäre es, wenn wir ihm das Ganze als seinen eigenen Plan verkaufen?
Und wie soll das funktionieren?“, fragte Benediktina mit vor Aufregung roten Wangen.
Also, wenn ich ihm anbiete, im Austausch gegen einen Erlass eines Teils meiner Schulden bei ihm, natürlich nur als Vorwand, Dich auf Sunny anzusetzen, damit Du ihm mit Deinem verführerischen Wesen vom diesjährigen Bandwettstreit beim Open-Air-Festival ablenkst, würde Marc-André sich wahrscheinlich voll reinhängen.

Alise bewunderte Laurettas Raffinesse. In der Tat war Sunny bekannterweise ein rotes Tuch für Marc-André, da seit seinem Rauswurf aus Sunnys Band und der Gründung seiner eigenen Truppe, Marc-André ständig bei dem jährlichem Fest unterlegen war, sodass er heimlich von einem Sieg über seinen ehemaligen Mit-Musiker träumte.
Fast noch mehr verwunderte Alise jedoch Benediktinas plötzliches Interesse an Sunny.
Gut, sie mochte Sunny auch, denn eigentlich jeder mochte den netten Kerl, aber sie hätte nicht gedacht, dass es die wilde Bestie auf dieses unschuldige Beutetier abgesehen haben könnte. Verwundert lauschte sie weiter.

„… hast Du auch dafür einen Plan, denn schließlich hängt er ja jeden Sommer mit diesem Großstadtcowboy rum?
Abscheu spiegelte sich in Benediktinas Augen. Natürlich, denn letztes Jahr hatte Teddy der hochnäsigen Dame doch durchaus auf amüsante Weise seine Meinung gesagt, als die Beiden auf dem Mittelaltermarkt eine unerfreuliche Begegnung hatten.
Teddys Wortwitz war sie nicht gewachsen und für Alise, die durch Zufall Zeuge des Vorfalls war, kam es dadurch zu einem Highlight ihrer letzten Ferien.

Nun, eine von uns muss ihn wohl ablenken, wahrscheinlich mit dem Einsatz von weiblichen Waffen“, erklärte Lauretta. „Da die anderen wohl nicht das nötige Potential haben, um dieser Aufgabe gewachsen zu sein, werde ich mich wohl opfern müssen“.
Sie seufzte tragisch und verdrehte die Augen, doch im Unterschied zu Benediktina erkannte Alise durchaus das raubtierhafte Lächeln, das kurz Laurettas Gesicht durchzuckte. Offensichtlich hatte sie eigene Pläne.
Die anderen Mädchen riefen die beiden Verschwörerinnen zum Picknick und Alise suchte sich eine bessere Position, um auch den Rest der Gespräche zu belauschen.
Obwohl es sie eigentlich nichts anging, wollte sie Sunny retten, schließlich war er ja der Fechtschüler ihres Vaters.

Fortsetzung folgt…

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