Verschwörung im Hexenholz – Teil 4

Fröhlich begrüßte eine Gruppe Spatzen mit lautem Gezwitscher die morgendliche Stadt. Die Sonne schickte die ersten warmen Strahlen in die engen verschlafenen Gassen der mittelalterlich anmutenden Innenstadt von Freudental.
Die Fassaden der alten Häuser waren liebevoll restauriert und nur die eine oder andere unauffällige Reminiszenz an die moderne Welt erinnerte an die wirkliche Zeit, die das mittelalterliche Städtchen scheinbar verschlafen hatte. Der größte Teil der Freudentaler Innenstadt bestand aus kopfsteingepflasterten kleinen Gassen, die nur für Fußgänger erlaubt waren.
Es gab zahlreiche Geschäfte in den alten Gassen, doch der größte Teil des hiesigen Einzelhandels war eindeutig auf die Ströme der neugierigen Touristen abgestimmt, die Freudental zu den jeweiligen Zeiten heimsuchten und Geld in die Kasse der Kommune spülten.

Auch die reichhaltige Gaststätten- und Kneipenkultur war eindeutig für Gäste aus den Großstädten aus aller Welt zugeschnitten.
Die Tourismus-, aber auch die Veranstaltungsbranche waren die wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Region rund um die Gemeinde Freudental und fast sämtliche funktionalen Bauernhöfe der Gegend hatten sich auf biologischen Anbau umgestellt, um ihre guten „hausgemachten“ Produkte an die vielen Besucher zu absolut überzogenen Preisen zu verkaufen.
Der Sommer war die Hauptgeschäftszeit der verschlafenen Gemeinde und Alise merkte auf ihrem morgendlichen Weg zur Musikschule, dass sich schon zahlreiche Geschäfte und Wirtschaften auf den Tag vorbereiteten.

Alle Schaufenster waren bereits in den letzten Tagen neu hergerichtet worden und die Geschäfte hatten ihre Regale frisch befüllt. Die ersten Stühle, Tische und die Ständer für große Sonnenschirme standen schon auf den zahlreichen kleinen Plätzen der Stadt bereit und mehrere Lieferanten brachten die tagesfrischen Waren auf Sackkarren durch enge Seitengassen.
Spätestens ab der Mittagszeit würden die Straßen gefühlt mit Sommergästen gefüllt sein, die neugierig die romantische Stadt entdeckten.
Die Dorfjugend würde sich an ihre geheimen Orte zurückziehen, um sich vor diesem Ansturm in Sicherheit zu bringen, soweit sie nicht in das elterliche Geschäft eingebunden waren oder sich im Rahmen eines Ferienjobs ihr Taschengeld aufbesserten.

Lächelnd beobachtete Alise eine große graue Katze, die über eine mit Efeu überwucherte Mauer schlenderte, kurz einige von den frechen Spatzen auf dem Gehweg beäugte und dann mit königlicher Miene weiter stolzierte.
Sie war mit ihrem Flötenkoffer bewaffnet und hatte ihre Lieblingstasche über die Schulter gehängt. Es handelte sich dabei um eine schwarze Tasche aus Segeltuch, die übersät mit Aufnähern, Pins und irgendwelchen Anhängern war. Das meiste waren Fanartikel von seltsamen Bands, obskuren Graphic Novels oder okkulte Symbole – im allgemeinen somit Dinge, mit denen die wenigsten Erwachsenen der Gegend und fast noch weniger die lokale Jugend etwas anfangen konnten. Es störte Alise nicht im geringsten, dass diese Zurschaustellung ihres alternativen Geschmackes ihren obskuren Ruf noch zementierte.
In ihrer Tasche hatte sie ein wildes Sammelsurium nützlicher Gegenstände, denn Alise war gerne vorbereitet. Scherzhaft behaupteten ihre Brüder, dass sich sowohl der heilige Gral, als auch größere Teile des Bernsteinzimmers in ihrer Tasche befanden und Alise würde niemals zugeben, dass es sie auch manchmal verwunderte, was sie in der schwarzen scheinbaren Unendlichkeit ihrer Tasche wiederfand.

Als sie um die Ecke auf den großen Kirchmarkt einbog, umfing sie der plötzliche Terror wie eine eiskalte unwirkliche Hand, die sich eisern um ihr Herz schloss. Auf dem Rand des kleinen Springbrunnens auf der östlichen Seite des Marktes, gleich bei der besten Eisdiele der Gegend, saß im Schatten, den die großen Kastanien boten, welche den Marktplatz säumten, der Schrecken ihres jungen Lebens im Kreise seiner grenz-debilen Bande von jugendlichem Abschaum und rauchte in einer Pose, die er selbst wohl als „stylish“ bezeichnen würde, eine Zigarette.
Schnell versuchte sich Alise eine Umgehungsroute zu überlegen, um möglichst ungesehen an dieser Landplage samt Anhang vorbei zu kommen. Aber es war zu spät.
Sie erkannte, dass er sie bereits gesehen hatte und sie konnte sein schmieriges Grinsen über den ganzen Platz wahrnehmen. Schnell beschloss sie, sich möglichst kurz dem Unvermeidbaren zu stellen und das drohende Unheil mit sturer Entschlossenheit über sich ergehen zu lassen.
Mit selbstbewussten Schritten stolzierte sie über den Marktplatz, fest entschlossen, keine Notiz von dem absurden Grauen, welches sich ihr bot, zu nehmen und sämtliche Versuche einer Kommunikation zu vermeiden.

Oh, Hallo Möhrchen“, schallte es über den morgendlichen Marktplatz, als Alise ihn schon fast überwunden wähnte. Sie hasste diesen Spitznamen und die peinliche Geschichte, die damit verbunden war, aber Marc-André sorgte stets dafür, dass er nicht in Vergessenheit geriet.
Er liebte es, die alte peinliche Geschichte aus ihrer gemeinsamen Pfadfinderzeit als Legende am Leben zu erhalten und hatte seit ihrer Rückkehr vor zwei Jahren sein möglichstes getan, um ihren alten Spitznamen wieder ins Gedächtnis der örtlichen Jugend zu rufen.
Selbst ihre Brüder neckten sie manchmal damit und Alise hatte aufgegeben, dagegen zu kämpfen und versuchte, diese Ansprache so gut es ging zu ignorieren.
Nichtsdestotrotz hatte es sich durchgesetzt und manchmal fürchtete sie, die Hälfte ihrer Mitschüler kannten ihren wahren Namen nicht.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich der immer noch schmierig grinsende Marc-André vom Rand des Brunnens löste, seine Zigarette fort schnippte und unter den anerkennenden Blicken seiner geistig unbedarften Anhängerschaft zu ihr herüberschlenderte.
Er hatte sich einen guten Abfangkurs ausgesucht und Alise wusste, dass sie der drohenden Konfrontation nicht mehr entgehen konnte.
Geistig ergab sie sich dem Unvermeidbaren.

Hey, Du, wie geht es Dir?“ , fragte der widerliche Störenfried.
Gut, bis eben“, kam ihre schnelle Antwort.
Marc-André ignorierte die Spitze gekonnt und setzte das grausigste Lächeln auf, das es seit der Erfindung schlechter Unterhaltungsfilme für ein rein erwachsenes und zumeist männliches Publikum gab. Dass er ihr in der offenen Hand eine geöffnete Packung Gummibärchen entgegenhielt und diesen Affront mit einem gekonnten „Etwas Süßes für die Süße?“ begleitete, machte den Eindruck komplett.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte leider keine Zeit für Dich, da ich echt froh bin, keine Zeit für eine Unterhaltung mit Dir zu haben.
Alise hoffte inständig, dass dieser Hieb mit dem Zaunpfahl reichte.
Bist Du auf dem Weg zur Orchesterprobe?“, fragte Marc-André mit einem angedeuteten Nicken in Richtung ihres Flötenkoffers.
Nein“, antwortete Alise „Ich habe gleich ein Vorstellungsgespräch als Euthanasie-Assistentin im örtlichen Hospiz. Möchtest Du mich nicht als Arbeitsprobe begleiten?
Du kannst gerne mal meine Flöte testen. Ich wette, Du bekommst ganz besondere Töne daraus.“
Wieder einmal stellte Alise fest, dass zuhören nicht unbedingt zu den Stärken des Idioten gehörte. Alise verdrehte die Augen und beschleunigte ihren Schritt. Innerlich entsetzt stellte sie fest, dass die Landplage ihr folgte, wie eine Schmeißfliege einem Naturdüngertransport.
Jetzt hab Dich doch nicht so, ich will doch nur nett mit Dir plaudern.“
Alise verdrehte nicht nur innerlich die Augen.
Weißt Du, ich habe gewisse Gerüchte gehört. Es scheint so, als wären mehrere Gentlemen an einem Rendevous mit Dir interessiert. Und da möchte ich nicht ausschließen dass…
Nein“, erscholl Alises Stimme laut.
Eine kurze Sekunde war Marc-André sprachlos.
Denk nicht daran, denk nicht darüber nach und sprich es nicht aus, oder…
Oder was?“, fragte Marc-André mit diesem leicht bedrohlichen Unterton, den er offensichtlich für charmant hielt.
Alise schluckte kurz und entschied sich für einen geschickten Bluff.
Du könntet Dir Ärger einhandeln mit einem Gegner, den Du lieber nicht verärgern würdest.“
Und wer ist dieser mysteriöse Verteidiger deiner holden jungfräulichen Unschuld?“, fragt Marc-Andre‘schnippisch.
Aus einer Seitengasse erklang plötzlich eine Stimme : „Oh, Guten Morgen, Alise. Ich freue mich, Dich zu sehen.
Lächelnd trat Sunny aus der Seitengasse, seinen Violinenkoffer locker in der linken Hand.
Offen lächelte er Alise an und blickte dann zu Marc-André, wobei sich seine Stirn kurz in Falten legte, sich der kurze kritische Blick aber sogleich wieder in das typische Lächeln verwandelte, welches typisch für Sunny war. Marc-André blickte aggressiv zu Sunny und setzte ein konfrontatives Grinsen auf.
Entschuldige, Du Pferdeflüsterer, aber hier unterhalten sich gerade erwachsene Menschen würdest Du also bitte…“.
Alise nahm die Chance die sich ihr bot gleich war. Geschickt schob sie sich an Sunnys Seite, hakte sich bei seinem freien Arm unter und blickte ihm lächelnd von unten in seine tiefblauen Augen.
Gut dass wir uns treffen, ich wollte sowieso etwas mit Dir besprechen.“
Beherzt schob sie Sunny in Richtung der Musikschule, so dass die Beiden dem verdutzten Marc-André den Rücken zu wandten. Bevor Marc-Andre sich erneut zu Wort melden konnte, schlenderten die Beiden bereits die kleine Gasse hinunter und waren ins Gespräch vertieft.

Kurz grübelte Marc-André über seine Optionen, als er eine Stimme schräg hinter sich hörte.
Wenn Du Sunny oder einem seiner Freunde auf irgendeine Weise ein Problem machen willst, denk vorher noch an etwas sehr Wichtiges“.
Überrascht drehte sich Marc-André in die Richtung der Stimme und sah Teddy, der mehrere Tüten mit dem Aufdruck einer nahen Bäckerei trug.
Was soll dass sein?“, fragte er provokativ, um seine Überlegenheit wieder zu finden.
Teddy lächelte zynisch, während er Marc-André gelassen musterte. „Wenn Du das fragen musst, ist dein Denkbedarf höher als ich vermutet hätte“, antwortete Teddy schulterzuckend und wandt ihm den Rücken zu.
Während sich alle von ihm entfernten, fragte sich Marc-André, was er nicht mitbekommen hatte.
Er ging zurück zum Brunnen und überdachte, wie er diese Begegnung auf möglichst positive Art seinen Freunden erzählen könnte.

Der alte Wanderer nahm einen tiefen Schluck aus dem Pappbecher. Der örtliche Kaffee war wirklich erstaunlich gut. Kurz überlegte er, dann schlenderte er mit seiner Bäckertüte und dem Kaffeebecher die kleine Gasse in Richtung der Musikschule entlang.
Nur kurz hielt er bei einem kleinem Brunnen, auf dessen Rand er den Becher und die Tüte abstellte, um einige Notizen in sein Smartphone zu tippen und sich eine Zigarette anzuzünden, bevor er seine Erkundung weiter fortsetzte.

Fortsetzung folgt…

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