Wettkampf um die Heide – Teil 1

Es war bereits Nachmittag, als Tessa und Teddy im Hauptquartier der SoKo Sommerloch auf dem Sonnenbergerhof eintrafen.
Sunny blickte die beiden späten Ankömmlinge mit einem missbilligenden Blick an, konnte seine vorwurfsvolle Miene aber nicht lange halten und lächelte die Beiden fröhlich an. Der Rest der Truppe hatte es sich schon auf den Sofas bequem gemacht und war bestens mit Getränken und Knabberkram ausgestattet.
Paddy erklärte gerade Alise, dass sein Großvater ihm erlaubt hatte, die Ferien hier zu verbringen, wozu ihn Emilia Sonnenberger netterweise eingeladen hatte. Das war sowohl für ihn, als auch seinen Großvater eine sehr bequeme Lösung.

Tessa und Teddy setzten sich zu ihren Freunden und nach den üblichen Begrüßungsritualen ergriff Sunny das Wort.
Er erzählte ausführlich von der Abmachung, die er mit seinem Cousin Adolpho getroffen hatte und wollte jetzt natürlich wissen, wer von den Anwesenden ihn in diesem Kampf unterstützen würde, denn er hatte ja vollmundig ein Team aus sechs Leuten versprochen.
Zu seiner Freude erklärten sich umgehend alle Anwesenden bereit, die edle Sache zu unterstützen und als Recken an seiner Seite zu stehen, so drückte es jedenfalls Alise hochtrabend aus und ignorierte geflissentlich das dadurch verursachte Kichern.
Sunny runzelte kurz die Stirn und erklärte, dass er vor nicht einmal einer halben Stunde die Herausforderung der Gegenseite per Email erhalten habe.
Seiner Meinung nach sollte man sich zuerst diesem Kampf stellen, bevor man eine eigene Herausforderung planen sollte.

Offen gestand er, dass die Herausforderung ihm soweit Kopfschmerzen bereitete, dass er nicht im geringsten über die eigene Ausrichtung eines Wettstreits nachdenken konnte.
Neugierig wollten alle wissen, welche Art von Wettkampf Adolpho und sein Team vorschlugen.
Besorgt erklärte Sunny: „Es ist meine Achillesferse, ein Kriegsspiel!
Umgehend wollten alle Anwesenden mehr wissen, daher las Sunny die erhaltene Nachricht einfach vor.
Lieber Cousin Manfred“, so begann er zu zitieren und schaute dabei wie ein begossener Pudel, so dass sich die Anderen ein Grinsen verkneifen mussten.

Im Einvernehmen zu unserer mündlichen Vereinbarung unter Ehrenleuten, fordere ich Dich hiermit zu dem von mir ausgerichteten Wettkampf auf. Die holde Schiedsrichterin hat bereits zugesagt und daher wäre es äußerst Blamabel, wenn Du und Deine Truppen nicht morgen, um sieben Uhr am Morgen auf dem Feld der Ehre erscheinen würden. Anbei übersende ich Dir eine Karte mit dem Startpunkt, von dem aus Du und Deine Mitstreiter den Kampf beginnen dürfen und die auch die Grenzen des Feldes der Ehre beinhaltet, deren Einhaltung ein grundlegender Bestandteil des Spieles ist. Wenn Du nicht erscheinst, oder Du während der Spielzeit das Spielfeld verlässt, werten wir das als Aufgabe Deinerseits und somit als Sieg meiner Seite. Selbige Regel gilt natürlich auch für meine Person. Jeder unserer Mitstreiter, der das Spielfeld nicht rechtzeitig betritt oder während des Spieles verlässt wird natürlich von der weiteren Teilnahme ausgeschlossen. Der rot markierte Punkt auf der Karte, stellt euren Startpunkt dar und ist während des Spieles euer Hauptquartier und damit eine sichere Zone. Dort befindet sich auch euer Respawn-Punkt, aber dazu später. Der blaue Punkt ist seinerseits unser Hauptquartier und somit unsere sichere Zone. Innerhalb einer sicheren Zone darf nicht gekämpft werden. Des weiteren gibt es fünf, mit orangefarbenen Markierungen gekennzeichnete, neutrale sichere Zonen, für die dasselbe gilt. Ziel des Spieles ist es, am Ende des Spieltages, um Punkt Mitternacht, der Besitzer des Zieles zu sein. Das Ziel ist die ehrenwerte Schiedsrichterin Benediktina, die gerne auf höfliche Bitte die Mitglieder eines jeden Teams begleitet, solange diese nicht befleckt sind, doch dazu später. Die Schiedsrichterin wird sich erst nach dem Schlag der Mitternachtsglocke in eine neutrale Zone begeben und dasjenige Team, dass sie in die eigene Zone führt, hat den Kampf gewonnen. Als Waffen für den Wettkampf zugelassen sind alle in Deutschland zugelassenen Paintball-Waffen mit offizieller Paintball-Munition in den jeweiligen Teamfarben. Das entfernen von Farbe ist nur innerhalb der neutralen Zonen erlaubt und solange ein Mitspieler farblich markiert ist, gilt er als befleckt. Befleckte Mitspieler dürfen weder am Kampf teilnehmen, noch die wunderschöne Schiedsrichterin geleiten. Als Ausrüstung ist es ergänzend erlaubt, Funkgeräte, Mobilfunkgeräte und GPS-Geräte zu benutzen. Sprengkörper und Rauchgranaten sind nicht gestattet. Jedes Team hat seine eigene Ausrüstung zu stellen. Ich freue mich auf einen spannenden und fairen Kampf.

Sunny verlass noch den Rest der Nachricht, der aber nur uninteressante Floskeln enthielt und legte dann einen Ausdruck der Karte, die ihm Adolpho hatte zukommen lassen, auf den Tisch.
Das Gelände war ein stillgelegtes Militärgelände auf der anderen Seite der Hügel. Alise wusste, dass ein großer Teil des Geländes aus Waldfläche bestand und es nur einige wenige verfallene Gebäude auf dem Gelände gab. Angeblich hatte ein privater Investor das ganze Areal vor einigen Jahren aus den Bundeswehrbeständen erworben und ließ es seitdem brach liegen.
Als ehemaliges Ausbildungsgelände war es für Kriegsspiele natürlich ausgezeichnet geeignet, aber hatten Adolpho und seine Mitstreiter die Erlaubnis des Besitzers eingeholt?

Paddy bemerkte zuerst die naheliegenden Probleme, denn es waren zwei gehörige Fallstricke in das Spiel eingebaut worden.
Zum einen war es der Umstand der Zeiten, die wahrscheinlich besonders bei den Mädchen schwierig werden würden. Würden diese bis zum Ende kämpfen, kämen sie wohl erst nach Mitternacht nach Hause, was diverse Erziehungsberechtigte wohl nicht freuen würde. Der zweite Fallstrick war die Organisation von passender Ausrüstung, also von Waffen, Schutzbekleidung und Funkgeräten. GPS-Daten konnte man über sein Handy empfangen und sich zwischendurch auch absprechen, aber für eine dauerhafte Kommunikation war das Mobilfunknetz auf dem abgelegen Gelände wahrscheinlich nicht stark genug.
Alise ergänzte, dass man auch nichts über die Stärke des Gegners wüsste, was zusätzlich zu fehlendem Training ein weiteres Handicap war.

Tessa schlug bereitwillig vor, kurz mit Marc-André zu telefonieren, der sich ja als ihr Informant angeboten hatte, was die Anderen somit in einem Nebensatz zu ihrem Erstaunen erfuhren. Alise war sich zwar sicher, dass man dem Braten nicht trauen durfte, aber war gespannt, was dass Telefonat ergeben würde.
Sie würde in der Zwischenzeit mit ihrem Vater telefonieren, um eine Lösung für das Problem mit der langen Abwesenheit zu finden.
Lilly schaltete sich ein und erklärte, sie würde schauen, ob sie einen Teil der Ausrüstung organisieren könnte.
Während also spontan die Mädchen jeweils mit ihren Smartphones in irgendeine ruhige Ecke verschwanden, begann Paddy an Sunnys Laptop nach Läden, die entsprechende Ausstattung führten, zu googeln.
Teddy schnappte sich seinen Laptop, den er hier oben liegen gelassen hatte und begann, nach Informationen über das Gelände zu suchen.
Verdutzt musterte Sunny die Mitglieder seines Teams und war überrascht über das Engagement, aber vor allem über die positive Einstellung, mit denen seine Freunde den, von ihm schon verloren geglaubten Kampf vorbereiteten. Er nahm sich Zettel und Stift und begann, das Wichtigste zu planen, nämlich den Proviant für den Tag.

Nach kurzem präsentierten sich die ersten Lösungen. Alise hatte ihrem Vater das Problem geschildert, der seiner Lieblingstochter den gemeinsamen Spaß nicht verbieten wollte, schließlich war er durch ihre Brüder schon ausreichend Kummer gewöhnt, da war so etwas eine Lappalie. Er hatte ihr auch zugesagt, ihren erweiterten Plan zu decken und zu erlauben, dass Lilly und Tessa bei ihr übernachten durften, ohne deren Eltern von dem nächtlichen Treiben zu erzählen. Natürlich unter der Voraussetzung, dass die Jungen die drei Damen vor ein Uhr nachts zurück brachten.
Lilly und Tessa hatten sich bereits das Einverständnis zur morgigen Übernachtungsparty eingeholt, auch wenn Tessa den Umweg über ihre Eltern einschlagen musste, die ihren Onkel anriefen, um diesen dazu zu bewegen, das Ganze zu erlauben.
Lilly konnte zu aller Überraschung den Anderen mitteilen, dass sie jemanden hatte, der ihr heute Abend entsprechende Waffen, Ausrüstung und Schutzausstattung bringen würde, um diese unentgeltlich an sie und ihr Team zu verleihen. Nur die Verbrauchsgegenstände, wie Munition und Gas zum Befüllen der Waffen musste sie ihm ersetzen. Für entsprechende Kleidung und Schuhwerk müssten sie selber sorgen, denn er würde nur die entsprechenden Schutzmasken, Helme und Schutzwesten mitbringen.
Paddy merkte an, dass es in der Großstadt ein Fachgeschäft gab, wo sie Militärausrüstung und Tarnkleidung kaufen könnten. Er schlug vor, gleich gemeinsam mit dem Bus dahin zu fahren und alles Notwendige zu besorgen.
Tessa hatte hingegen eher schlechtere Nachrichten. Zwar hatte sie Marc-André erreicht und dieser war sofort bereit, zu ihrem Handel zu stehen, aber die Nachrichten waren nicht sehr vielversprechend. Tatsächlich war Marc-André der sechste Mann im Team des Gegners, denn er und Adolpho spielten öfters Paintball zusammen.
Das Gelände gehörte der Familie eines Freundes und Mitstreiters von Adolpho, also einem der Motorradfahrer und wurde von ihnen regelmäßig für alle Arten von Spielen genutzt.
Somit war klar, dass das gegnerische Team nicht nur erfahrener und aufeinander eingespielt war, sondern auch den Vorteil des bekanntem Geländes hatten. Während des Spieles würde Marc-André natürlich loyal zu seinem Team bleiben und Adolpho nach allem Können unterstützen.

Sunny war schon fast wieder etwas deprimiert über diese Nachrichten, bis ihm Teddy erklärte, dass es ja nur fair sei, wenn Adolpho auch einen oder zwei Vorteile habe, schließlich wolle man ihm ja auch den Hauch einer Chance lassen.
Zu Sunnys Erstaunen schien Teddy das nicht nur Ernst zu meinen, sondern die Aussage wurde allseits kräftig bestätigt. Sunny fühlte sich plötzlich wie ein Gewinner. Mit der Truppe konnte man nicht verlieren. Gemeinsam packten sie ihre Sachen und wanderten in Richtung der Bushaltestelle. Es war an der Zeit, sich Auszurüsten, denn die Schlacht hatte begonnen.

Der alte Wanderer machte sich erneut Notizen. Es gefiel ihm gar nicht, um welche Uhrzeit er morgen aufstehen musste, um rechtzeitig am Ort des Geschehens zu sein. Es würde ein langer Tag werden.
Grübelnd betrachte er topographische Karten des Gebietes und legte sich Markierungen an. Er hatte lange schon nicht mehr als „Kriegsberichtserstatter“ gearbeitet, also würde es morgen spannend werden.
Kurz machte er eine Pause, zündete sich eine Zigarette an und überlegte. Dann telefonierte er mit der Rezeption, um sich eine Brotzeit für seine morgige Wanderung vorzubestellen.

Fortsetzung folgt…

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