Wettkampf um die Heide – Teil 5

Weniger erstaunlich als der Umstand, dass ein Loch in dem Maschendrahtzaun war, der das Gelände umgab, wirkte die Tatsache, dass dieses Loch mit Hilfe eines scharfen Schnittwerkzeugs, wie einer Zange, gemacht wurde und die Schnittstellen erstaunlich frisch aussahen. Hinzu kam, dass sich vor dem Loch, auf beiden Seiten des Zauns, frische Fußabdrücke befanden, die mindestens von zwei Leuten mit unterschiedlicher Schuhgröße und Schuhwerk stammten.
Teddy fragte sich unwillkürlich, ob das ein Zufall war, oder ob das gegnerische Team hier irgendeinen Betrug plante. Das Verlassen des Geländes war ja nach den Regeln nicht erlaubt, aber welchen Vorteil hätte man davon, sich in den Wald jenseits des Zauns zu begeben?

Als er sich gerade zu Alise drehte, um ihre Meinung zu erfragen, hörte er ein Geräusch.
Schritte näherten sich durch den dichten Wald. Teddy sah, dass Alise es auch gehört hatte und es reichten zwei kurze Handzeichen, um sich darüber zu verständigen, sich so leise wie möglich zu entfernen und in einem nahen Gebüsch zu verstecken. Leise robbten die Beiden nebeneinander über den Waldboden unter dem dichten Buschwerk, bis sie eine Position gefunden hatten, aus der sie die Stelle im Zaun beobachten konnten, ohne gesehen zu werden. Gespannt beobachtete Teddy und versuchte nicht zu bemerken, dass Alise dicht an ihn gedrückt neben ihm lag.
Es war nicht der Moment, um sich erneut ihr Gespräch über das miteinander „Schlafen“ wieder in die Gedanken zu holen, obwohl etwas in seinem Unterbewusstsein eindeutig dazu drängte. Teddy fragte sich innerlich, ob es normal war, dass seine Hormone scheinbar bei jedem attraktiven Mädchen in seinem Freundeskreis hin und wieder Tango tanzten?
Und warum immer in den blödesten Situationen?
Bevor er den Gedanken zu Ende denken konnte, wurden die Geräusche lauter und eine Gestalt trat an den Zaun heran.

Die in grüne Tarnklamotten gekleidete Person trug natürlich auch eine stabile Paintball-Schutzmaske, doch kaum hatte er den Zaun erreicht, nahm er diese ab, um sich eine Zigarette anzustecken.
Teddy war nicht wirklich überrascht, Marc-André zu erkennen, der sich eine Rauchpause gönnte, um dann sein Smartphone aus einer Tasche zu angeln. Nach einigem Gewische auf dem Display, nahm er das Gerät ans Ohr und fragte seinen Gesprächspartner, wo er bleiben würde. Ein wenig unwirsch legte er kurz darauf auf, verstaute sein Smartphone und zündete die nächste Zigarette an.
Nach einigen Minuten tauchte eine weitere Gestalt, allerdings von der anderen Seite des Zauns auf und Teddy erkannte ziemlich zügig, dass es Benediktina war, die sich doch eigentlich irgendwo versteckt auf dem Gelände aufhalten sollte, um gleichzeitig als Schiedsrichterin und als Beute zu fungieren. Er sah, wie Alise ihr Smartphone ausrichtete, um die Situation zu filmen.

Okay, ich bin gekommen, habe hier auf Dich gewartet und mir dabei die Füße in den Bauch gestanden. Was willst Du jetzt so dringend“, begann Marc-André mit einem gleichzeitig genervten und Mitleid-heischenden Tonfall.
Unbeeindruckt antwortete Benediktina mit ihrem typisch herablassenden Tonfall: „Gut, ich habe mich auf das blöde Spiel eingelassen. Und in irgendeiner geistigen Umnachtung habe ich mich mit Deinem kruden Plan einverstanden gegeben. Ich gebe ja zu, dass es gemütlicher ist, den Tag in der Jagdhütte Deines Vaters abzuhängen, als hier durch das Gebüsch zu kriechen, aber…“
Aber was?“, fuhr Marc-André sie genervt an.
Der Plan war ganz einfach, Du drückst auf die Tröte, schleichst hier her, verschwindest durch das vorbereitete Loch, gehst die paar hundert Meter zur Hütte und wartest dort, bis ich Dich verständige, dass wir uns hier treffen, damit ich die Beute, also Dich, zu unserem Triumph in unser Lager bringe. Jeder Idiot kann das, also was, zur Hölle, ist so wichtig, dass Du unseren Plan riskierst, um mich hier zu sprechen.
Der Plan war von Anfang an Mist“, fing Benediktina an, „und wenn Du nicht gedroht hättest, Michael und Manfred zu verraten, dass ich Dich in der speziellen Nacht zu mir bestellt habe, hätte ich mich nie auf Deinen selbstsüchtigen Scheiß eingelassen…
Wieso selbstsüchtiger Scheiß?“, empörte sich Marc-André, „da mache ich mir lange und schwierige Gedanken darum, wie ich meinem Team zum Sieg verhelfen kann und es Dir dabei auch noch so angenehm wie möglich mache und werde dafür hier noch als der Arsch hingestellt!
Ach, sei doch ehrlich, Du wolltest Dich nur bei Deinen neuen Freunden einschleimen, indem Du am Ende als der Held dastehst, der die Beute erobert hat. Damit dich wenigstens einmal jemand als nützlich erachtet. Und meine Bequemlichkeit ist doch nur Nebensache für Dich, da Du wahrscheinlich schon längst kapiert hast, dass ich niemals etwas mit einem Typen wie Dir anfangen würde. Und die Demütigung von Manfred und Michael ist doch nur die Sahne auf Deinem Eis!
Du denkst doch nicht wirklich, dass ich an einer arroganten Schnepfe wie Dir in irgendeiner Weise interessiert bin? Und Dein dummes Geschwärme für Sunny beweist nur Deine absolute Geschmacklosigkeit. Und das Du Dich aus Frust jetzt an Adolpho hängst, ist doch ganz offensichtlich die pure Verzweiflung. Du solltest mal einen Spiegel bemühen, bevor Du andere als Geschmacklos bezeichnest!
Tu doch nicht so!“ entgegnete Benediktina entrüstet, „wenn ich Dich auffordern würde, mich zu küssen, würdest Du genauso dämlich hechelnd und schwanzwedelnd wie alle anderen Kerle der Gegend vor mir stehen.
Bevor ich nur darüber nachdenken würde, Dich zu imprägnieren, würde ich mir ja noch eher einen auf ein Bild von Möhrchen von der Palme wedeln.“, antwortete Marc-André trocken und Teddy hielt vorsichtigerweise Alise fest, deren Schnauben ihm deutlich bewusst war. „Dummes Arschloch!“, kommentierte Benediktina Marc-Andrés letzte Aussage.
Arrogantes Miststück!“, antwortete Dieser ohne zu zögern, was Benediktina die Röte ins Gesicht trieb.
Nun,…“, merkte Marc-André ungewohnt lässig an, während er sich eine Zigarette ansteckte. Er blies den Rauch in die Luft.

… Nachdem wir jetzt das Flirten hinter uns gebracht haben, wärt Ihr so zuvorkommend, mir zu berichten, warum Ihr mich hierher bestellt habet, Eure prinzessliche Hoheit?
Erneut schnaubte Benediktina, immer noch zornig, und schien sich zu überlegen, ob es angemessen war, Marc-André zu ohrfeigen.
Obwohl dies, nach Teddys Meinung, immer angemessen war, verpasste sie den richtigen Moment und atmete stattdessen tief aus, um sich zu beruhigen.
Die Hütte war ja so schon armselig genug, aber vorhin ist dein debiler Bruder mit einem seiner ekelhaften Kumpels angerückt, um sich dort breit zu machen. Deren Sprüche sind dermaßen widerlich, das kann man sich nicht vorstellen. Und als der dumpfe Glatzkopf, den er dabei hatte, noch versucht hat, mir an den Hintern zu grapschen, habe ich mein Zeug genommen und bin abgehauen. So etwas muss ich mir nicht geben.“ Benediktina schüttelte sich kurz, um ihren tief empfundenen Ekel zu demonstrieren.
Ach ja, kaum war ich ein Stück weg, kam ein Streifenwagen. Wahrscheinlich Dein Vater, oder so. Gibt wohl Ärger, dass ihr in seiner Hütte spielt.“, erklärte sie mit gespieltem Desinteresse.
Und sind diese ekeligen perversen Pornohefte, die im Schlafzimmer versteckt sind, von eurem Vater, oder von Euch? Ach, sag lieber nichts, das will ich gar nicht erst wissen!
Marc-André schnaubte jetzt seinerseits und während sich im weiteren Streitgespräch immer mehr Abgründe über die Inhalte der Jagdhütte offenbarten, schlich Teddy, der genug gehört hatte, langsam durch das Unterholz, um sich aus dem Hinterhalt den beiden Streitenden zu nähern.

Die Ablenkung machte es ihm leicht, bis direkt hinter Marc-André zu kommen und ihm den Lauf der Paintballwaffe in den Nacken zu drücken. Erschrocken hielt Marc-André mitten in einer scharfzüngigen Erwiderung inne, in der er gerade Benediktina mit einem ungepflegten Teil der weiblichen Anatomie verglich und dieses einer Dame des horizontalen Gewerbes zuschrieb.
Ganz ruhig,…“, erklärte ihm Teddy mit eisig ruhiger Stimme.
…wenn Du nicht willst, dass ich mein gesamtes Magazin aus dieser kurzen Distanz in Deinen Rücken puste!
Marc-André hob die Arme ein Stück und blieb ruhig stehen, denn er wusste, auf diese kurze Distanz wären die Schüsse, trotz der Schutzweste, äußerst schmerzhaft. Von der anderen Seite kam Alise aus dem Gebüsch und blickte Benediktina an.
Wenn Du Dich bewegst, pumpe ich Dich so mit roter Farbe voll, dass Dir Deine Mama nur noch die Jumbo-Tampons kauft!“
Während Teddy ein Lachen unterdrückte und Marc-André überrascht von dem Spruch auflachte, blickte Benediktina gleichzeitig so überrascht und entsetzt, dass Teddy froh war, dass Alise noch immer ihr Smartphone, neben der Paintballwaffe, auf Benediktina gerichtet hatte.
Deine Waffe“, forderte Teddy von Marc-André, der ihm vor Wut schnaubend seine Waffe nach hinten streckte.
Teddy entfernte das Magazin und öffnete vorsichtig, wie Marc es ihm erklärt und gezeigt hatte, das Ventil des Druckluftbehälters der Waffe, um den Druck abzulassen. Ohne eine Pressluftflasche konnte Marc-André somit die Waffe, die er ihm dann zurück reichte, nicht wieder schussbereit machen. Er gab Marc-André die Waffe und das Magazin zurück, mit der Aufforderung, beides wegzustecken und zwar voneinander getrennt.

Ihr versteht das alles falsch!“, versuchte Marc-André zu erklären.
Ich habe alles auf Video“, unterbrach ihn Alise.
Und so geht es weiter…“, erklärte Teddy mit eiskalter Stimme, „Du gehst zurück zu deinem Lager und erzählst nichts von dem, was hier geschehen ist. Und wenn Du es schaffst, dicht zuhalten, erfahren deine neuen Kumpels nichts von der kreativen Art, mit der Du das Spiel ein wenig, sagen wir, beeinflussen wolltest.
Dann blickte er zu Benediktina.
Und Du, meine Liebe, wirst uns jetzt für den Rest des Tages die Ehre Deiner liebreizenden Gesellschaft geben, es sei denn, Du möchtest ein neuer Star in den sozialen Medien werden“, ergänzte er mit einem eindeutigem Nicken in Richtung Alises Smartphone.
Es war erstaunlich, bemerkte er innerlich, wie schnell sich Benediktinas Gesichtsfarbe von einem ungesunden Tomatenrot zu einem noch ungesünderen Kreidebleich wechselte und er vermutete tatsächlich ein Chamäleon in ihrer Ahnenreihe, ließ seinen Verdacht aber unkommentiert.

Sie ließen den wütenden, aber auch hilflosen Marc-André alleine am Zaun zurück und brachen mit Benediktina auf, um sich ein gemütliches Versteck zu suchen, wo sie das Ende des Turniers abwarten wollten, um dann ihre Beute zu präsentieren und den Sieg ihres Teams zu sichern. Alise informierte den Rest der Truppe, dass sie den Gegner bis um Mitternacht ablenken sollten und den Rest Teddy und ihr überlassen sollten.
Der Rest des Tages schlich noch langsamer als eine Schnecke voran und das Ausharren mit der anstrengenden Schönheitskönigin Benediktina schien für Teddy eine nicht enden zu wollende Qual zu sein. Das eingeschnappte Mädchen blockierte jeden Versuch, die gemeinsame Zeit irgendwie angenehmer zu gestalten und auch Alise war in dieser seltsamen Situation deutlich angespannter und gestresst.
Teddy war nahezu erleichtert, als sie um Mitternacht endlich die kurze Strecke zu ihrem Hauptquartier gingen und damit den Sieg für ihr freudig jubelndes Team einfuhren.
Ein langer Tag endete mit mehr als nur einem Sieg, stellte der erschöpfte Teddy für sich fest und mobilisierte seine letzten Kräfte, um mit den Anderen ein wenig ihren Sieg zu feiern.

Fortsetzung folgt im nächsten Kapitel…

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