Zärtliche Cousinen und andere Hobbys – Teil 1

Der Bus kam nahezu pünktlich zu der Haltestelle, an der Teddy, Sunny und Alise warteten.
Sowohl Alise, als auch Sunny zeigten ihre Sommerfahrkarten vor, die jeder Freudentaler Schüler zu einem verminderten Preis für die Ferien bekam und Fahrten im gesamten Tarifgebiet erlaubte. Lediglich Teddy erwarb beim Fahrer in weiser Voraussicht gleich ein Tagesticket, um auch in der Großstadt mobil zu sein.
Als er durch den mittlerweile wieder fahrenden Bus zu den anderen schwankte, blickte ihn Alise mit einer Mischung aus Neugier und Verwirrung an. Er setzte sich auf die Bank gegenüber der beiden Turteltauben, die praktischerweise eine der Bänke erobert hatten, der eine freie Bank gegenüber stand. So musste Teddy zwar mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen, saß aber gleich zusammen mit Sunny und Alise, die sich natürlich gemeinsam in eine Bank gekuschelt hatten.
Kaum saß er, fragte Alise ihn, warum er keine Sommerfahrkarte hatte. Das Argument, dass Teddy nicht in näherer Umgebung in die Schule ging, überzeugte sie genauso wenig wie der Einwand, dass er sowieso die wenigen Male, die er vor Ort mit einem Bus fuhr, an einer Hand abzählen könne, selbst wenn er vorher einen Job in einem Sägewerk annehmen würde.
Hartnäckig argumentierte sie mit den vielen Vergünstigungen, die das Sommerticket mit sich brachte, wie zum Beispiel vergünstige Eintrittspreise bei vielen Sommerveranstaltungen. Bevor Teddy sich von Alise noch Aktien des hiesigen Nahverkehrsunternehmens aufschwatzen ließ, unterbrach Sunny das Gespräch.

Was wollte Lauretta eigentlich von Dir?
Alise blickte interessiert von Sunny zu Teddy. Natürlich hatte sie bei ihrer Ankunft am Marktplatz die Beiden auch auf einer der Sitzbänke gesehen und war davon ausgegangen, dass Lauretta ihren Versuch unternahm, Teddy zu verführen.
Die Methode interessierte sie dennoch brennend und in gewisser Weise wollte sie auch nicht, dass Teddy in die Fänge des bösartigen Mädchens geriet.
Natürlich nicht aus Eifersucht oder so etwas, sie wollte nur den besten Freund ihres festen Freundes beschützen vor schlechtem Einfluss, denn so etwas sollte man doch als gute Freundin tun. Also kuschelte sie sich enger an Sunny und lauschte Teddys Erlebnisbericht.
Es war irgendwie seltsam. Es ging darum, ob ich ihrem Cousin Marc-André helfen könnte. Angeblich ist sein Gitarrenlehrer auf einer Urlaubsreise und er hat nun keinen Mentor, mit dem er sich auf den Bandwettbewerb beim Open-Air-Festival vorbereiten kann. Aufgrund der alten Geschichten traut er sich nicht, Sunny um Hilfe zu bitten und dann fiel ihm auf, dass ich ja auch ein einigermaßen kompetenter Gitarrist bin und ihm vielleicht helfen könnte, seine Kompositionen ein wenig abzurunden und seine Technik aufzufrischen. Natürlich hat sie mich gebeten, das Ganze vertraulich zu behandeln, um einen unnötigen Konflikt mit Sunny zu vermeiden. Sie erwähnte, ich würde ihr damit einen persönlichen Gefallen tun und würde mir ihrer Dankbarkeit sicher sein können. Was immer sie damit auch meinen mag, ich bin mir nicht sicher, ob ich ihre „Dankbarkeit“ haben möchte. Zuerst wollte ich ablehnen, aber dann kam ich kurz ins Grübeln. Das ist die Chance, mich ein wenig mit Marc-André zu befassen, um ihm unauffällig auf den Zahn zu fühlen. Daher habe ich mich einverstanden erklärt, mich mit den Beiden zu treffen und darüber zu reden. Ich werde heute Abend mit ihr telefonieren, um einen Termin zu vereinbaren.
Du hast ihre Telefonnummer bekommen?“, fragte Sunny erstaunt.
Ja, natürlich, wir haben unsere Kontaktdaten ausgetauscht, warum nicht?
Alise kicherte leise und mischte sich ein: „Es ist eine bekannte Tatsache, dass Lauretta nur wenigen Auserwählten ihre Telefonnummer gibt. Man könnte sagen, nur ihrem inneren Zirkel.
Wahrscheinlich wirke ich vertrauenswürdig auf sie“, erwiderte Teddy.
Das wird es sein“, kicherte Alise und sowohl Teddy als auch Sunny schauten sich verständnislos an, denn sie wussten nicht, was an Laurettas Vertrauen so komisch sein sollte.

Wahrscheinlich hat sie Interesse an Dir“, erklärte Alise.
Sunny gefiel diese Möglichkeit gar nicht, denn schließlich hatte er andere Pläne für Teddy.
Energisch wandte er ein: „Vielleicht möchte sie auch einfach nur ihrem Cousin helfen.
Natürlich“, erwiderte Alise, „ Die Familie Büttelsbrunft ist schließlich für ihre absolute Loyalität und gegenseitige Hingabe bekannt.
Teddy merkte den leicht zynischen Unterton und hakte nach: „Wie ist denn das Verhältnis zwischen Lauretta und Marc-André?
Sie können sich auf den Tod nicht leiden, es sei denn, sie benutzen sich gerade gegenseitig für ihre dunklen Machenschaften.
Sunny blickte ein wenig besorgt. „Meinst Du, sie haben etwas Übles mit Teddy vor?“, fragte er beunruhigt.
Ich denke, Lauretta hat ihm ein grausames Schicksal zugedacht“, bestätigte Alise mit sicherer Stimme.
Teddy lächelte. „Ich kann auf mich aufpassen, ganz sicher.
Ja“, stimmte Sunny mit ein, „Und ich bin ja auch noch da, um Dich zu unterstützen.
Teddy nickte zufrieden. „Also starte ich heute Abend die Mission Marc-André und ihr Beide gebt mir Rückendeckung.
Auf meine Deckung kannst Du Dich stets verlassen“, bestätigte Sunny und wunderte sich, warum Alise plötzlich losprustete.
Kann ich mich auch auf Deine Deckung verlassen?“, fragte sie, immer noch prustend.
Sunny lächelte und sagte aus voller Überzeugung:“ Du kannst Dich in dieser Hinsicht voll auf Teddy und mich verlassen.
Alise hoffte inbrünstig, dass die beiden Jungen ihr plötzliches Erröten nicht bemerkten, oder es zumindest auf ihren Lachanfall schoben. Sie kuschelte sich in Sunnys Arm und versuchte, ihre Contenance wieder zu finden.

Teddy zuckte mit den Schultern und wandte sich Sunny zu.
Sag mal, mein Sonnenschein, was wollte denn die hübsche Benediktina von Dir?
Gut, dass Du fragst“, erwiderte Sunny nickend und Alise konnte der Aussage innerlich nur zustimmen, da sie auch vor Neugier fast platzte.
Es geht um eine Art Rettungsmission, bei der Du vielleicht helfen könntest. Sie braucht einen Kavalier, der ihren festen Freund während des Schützenfestes mimt, um einen heimlichen Verehrer zu vergraulen. Der ist ihr nämlich unheimlich“.
Alise bewunderte innerlich den guten Zug, mit dem Benediktina das Spiel eröffnet hatte.
Innerlich war sie sich sicher, dass das Bild von Benediktina, das zum Anlass ihres letzten Leichtathletikerfolges in der Schülerzeitung erschienen war, in den meisten noch existierenden Ausgaben klebriger war, als die Fotos von Marilyn Monroe in der ersten Ausgabe des Playboy-Magazins. Wenn Benediktina mit etwas keine Probleme hatte, dann war es mit Bewunderung und Fans.
Jedenfalls habe ich doch eine Freundin, mit der ich das Schützenfest besuchen möchte“, fuhr Sunny fort und Alise lächelte zufrieden in sich hinein.
Daher wäre es nett, wenn Du übernehmen könntest. Dann können Alise und ich beobachten. Das ist auch einfacher, denn wir kennen ja die Leute hier und werden daher eher bemerken, wenn sich einer davon auffällig verhält.
Ein vernünftiger Gedanke“, bestätigte Teddy.
Alise konnte sich allerdings nicht davon abhalten, Sunny zu fragen: „Sag mal, was hast Du eigentlich in ihrem Ausschnitt gesucht. Hatte sie Angst, dass ihr Stalker dort Wanzen versteckt hat?
Sunny, der die Spitze scheinbar nicht bemerkte, antwortete wahrheitsgetreu: „Sie wollte nur meine fachkundige Expertise.
Alise schob ihre Oberweite ein wenig dichter an seinen Arm und versuchte, eine Position zu finden, in der sie sich am besten präsentieren konnte und fragte dann, mit perfektem Augenaufschlag, mit leicht rauchiger Stimme: „Und, was war Deine Expertise?
Hannoveraner“, antwortete Sunny, „Wahrscheinlich ein Hengst.
Alise schaute einen Moment verdutzt und blickte strafend zu Teddy, der sich gerade vor Lachen kaum halten konnte.
Ja“, bemerkte Sunny, selber ein wenig lachend, „Dabei weiß doch jeder, dass die Zapfenstreichs auf ihrem Hof Haflinger züchten.
Das passt ja“, meinte Alise; „Blonde Bauern, blonde Pferde.
Gar nicht“, antwortete Sunny, „Wir haben Oldenburger.
Erneut blickte Alise ihn verwundert an. Sie wusste nicht so ganz, ob Sunny den doppelsinnigen Humor nicht verstand oder gekonnt ignorierte, aber ein amüsiertes Funkeln in den tiefblauen Augen verriet die letztere Variante.
Alise schüttelte den Kopf und zog Sunny zu sich heran, um die Albereien mit einem intensiven Kuss zu vertreiben.

Teddy ließ den beiden ihre gemeinsame Zeit der Zärtlichkeit und blickte aus dem Busfenster auf die wunderschöne Landschaft, die sie durchfuhren. Er wusste, dass bald die Bahnunterführung kommen würde und dahinter würden die ersten Ausläufer der großen Stadt beginnen.
Kaum waren sie aus dem dunklen Tunnel unter den Bahngleisen heraus, begann Teddy mit der Recherche, auf welche Art sie am Besten zu dem Laden kamen, den er in Augenschein nehmen wollte.
Außerdem arbeitete er geistig an einem Vorwand, seine beiden Begleiter mit etwas anderem zu beschäftigen, denn er wollte seine Freunde nicht unbedingt in der unmittelbaren Nähe von gewaltbereiten Vollidioten wissen. Er selber wusste sich zu helfen und auch zu verteidigen, aber er wollte vermeiden, dass Sunny und ganz besonders auch Alise unter den Ermittlungen zu leiden hätten.
Dass die beiden verliebten „Knutschmäuse“ ihre gemeinsame Zeit deutlich genossen, bestärkte ihn in dem Gedanken. Schließlich musste er dem jungen Glück nicht dauernd als störender Zeuge beiwohnen, denn er war Sunnys Freund und Cousin, nicht seine Anstandsdame. Er fragte sich, mit was er die Beiden ablenken könnte, denn so einfach zu verschwinden, wäre ihm zwar ohne Probleme möglich, aber auch sehr unhöflich.

Sag mal“, fiel es Teddy plötzlich ein, „Alise, was hältst Du eigentlich von Sunnys T-Shirt?
Etwas albern und völlig unpassend
Warum?“, fragte Sunny erschreckt.
Du hast doch selbst gesagt, Ihr züchtet Oldenburger und keine Haflinger“, antwortete Alise frech.
Das heißt, es stört Dich?“, setzte Sunny nach.
Alise unterdrückte die anzügliche Bemerkung, dass bei Sunnys wohlproportioniertem Körper sie eigentlich jegliche Kleidung störte und fragte sich auch, warum ihre Meinung dahingehend die beiden Jungen plötzlich so interessierte.
Bei ihren Brüdern würde in dem Fall irgendeine alberne Wette dahinter stecken.
Sagen wir, ich hab Dich trotzdem lieb und nehme Dich auch mit dem blöden Shirt.
Sunny blickte fragend Teddy an und Alise fühlte sich in ihrer Vermutung bestätigt.
Okay, ihr Beiden, dann erzählt mir mal von eurer Wette.
Teddy musterte sie beeindruckt. Das Mädchen hatte echt etwas drauf.

Sunny erzählte ihr gewissenhaft von den Umständen der Wette und Alise schlug vor, die Wette als unentschieden zu sehen und die Wettschuld in der Weise zu begleichen, dass Teddy für Sunny ein neues T-Shirt aussuchen sollte, das dieser wiederum dann gegen jene Ungeheuerlichkeit, welche er trug, umgehend tauschen sollte.
Und, was machen wir mit diesem Ungeheuer?“, fragte Teddy.
Alise lächelte hintergründig.
Das kannst Du ja aufheben, um es bei Deinem von Sunny organisierten Date mit Benediktina zu tragen. Ihr scheint es ja zu gefallen.
Während Teddy sich innerlich über die kleinen Spitzen in dem Vorschlag amüsierte, fragte sich Sunny, wie es seine Freundin schaffte, ihn so zu durchschauen.
Er war stolz auf seine Entscheidung, sie nachher in seine Verkupplungspläne einzuweihen, denn sie schien tatsächlich ein gutes Gefühl für Beziehungen zu haben.
Während sie noch ihren Gedanken nachhingen, fuhr der Bus auf den erhöhten Platz des zentralen Busbahnhofs, der über einem überdachten Parkplatz seitlich vom örtlichen Hauptbahnhof lag.

Fortsetzung folgt…

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