Zärtliche Cousinen und andere Hobbys -Teil 3

Unauffällig verfolgte Teddy seine Zielperson Marc-André durch das vormittägliche Gedränge am Bahnhof zu den Straßenbahnhaltestellen. Er behielt ihn stets im Auge, auch wenn er möglichst versuchte, in der Menge der anderen Menschen unterzutauchen. Er beobachtete, wie Marc-André an der Haltestelle eine Zigarette rauchte und mehrmals ungeduldig sein Smartphonedisplay konsultierte.
Er hatte seine Kopfhörerstöpsel in den Ohren und trug eine schwarze RayBan-Sonnenbrille. Zusätzlich trug er peinlicherweise ein T-Shirt mit einem Motiv seiner eigenen Band, den „Screaming Overlords“, das er sich wahrscheinlich in einem entsprechenden Laden hatte anfertigen lassen.
Das Motiv war eher der dunkleren Seite des Metals zuzuschreiben und offensichtlich nicht sehr professionell gestaltet. Auch das Logo, in einer der schwer zu identifizierenden Schriftarten, die skandinavische Metalbands bevorzugten, brillierte mehr durch bemühte Originalität, als durch Können.
Teddy bewunderte die grandiose Selbstüberschätzung, die Marc-André so nonchalant zur Schau stellte. Langsam fragte sich Teddy, wie es so ein Angeber einsehen konnte, dass er künstlerische Hilfe benötigte.
Irgendwas an der Sache erschien ihm merkwürdig.

Als die nächste Straßenbahn einfuhr, stieg Marc-André gestresst ein. Teddy nahm einen anderen Zugang, um sich auch unauffällig in der Bahn zu positionieren.
Er bekam einen guten Sitzplatz einige Reihen hinter Marc-André und setzte seine Beobachtung fort. Dieser schien nichts von seinem Schatten zu bemerken, denn er richtete seine volle Aufmerksamkeit wieder auf sein Smartphone und zur Abwechslung auch zeitweise auf ein junges Mädchen im Minirock, beziehungsweise auf Teile ihrer Anatomie. Selbst mit seiner schwarzen Sonnenbrille war er darin so „unauffällig“, dass Teddy das Unwohlgefühl des Mädchens schon fast spüren konnte.
Nach kurzer Zeit schlüpfte sie erleichtert in eine freiwerdende Sitzbank außerhalb der Sichtweise des jugendlichen Gaffers und Marc-André widmete sich vollständig der digitalen Welt.
Es fiel Teddy schwer, Sympathie für Marc-André aufzubringen, denn seine Art passte so gar nicht zu Teddys Vorstellung der Welt. Allerdings hatte Sunny recht, er durfte ihn nicht verurteilen, bevor er nicht handfeste Beweise und Gründe dafür hatte. Vielleicht stimmte seine Intuition und Marc-André war wirklich ein Widerling, aber selbst wenn, wäre es nicht angemessen ihn dafür zu seinem Feind zu erklären. Teddy dachte an Sunny und sein Bestreben, immer beide Seiten eines Konfliktes zu betrachten. Vielleicht verstand er die Art von Marc-André nicht richtig und es war einfach ein Übersetzungsproblem.
Er konzentrierte sich darauf, nur eine Sache auszumachen, die er an Marc-André gut fand und unterzog ihn einer gründlichen Beobachtung.
Seine Körpersprache schaffte es, gleichzeitig auf eine arrogante und provokante Art offen zu sein und trotzdem, bei genauerer Betrachtung, eine gewisse Art von hinterhältiger Angst zu demonstrieren. Er erinnerte Teddy an einen dieser aggressiven kleinen Hunde, die sich durch ständiges aggressives bellen Gehör verschaffen müssen.

Es war anstrengend, denn nichts, was er an Marc-André beobachten konnte, schien als Lichtblick in der düsteren Aura des Jungen zu wirken. Teddy spürte eine innere Unsicherheit.
Wie stark konnten seine Vorurteile sein?
Er hatte doch gelernt, jedes Leben zu achten, denn das war der Weg, den ihm sein Sensei vermittelt hatte. Wahrscheinlich war dieser Kerl eine wichtige Lektion auf den Weg zur Meisterschaft des Weges des Kriegers.
Mit kurzen konzentrierten Atemzügen ordnete er sein Ki neu und entspannte seine Gedanken.
Er wusste, um unauffällig zu bleiben, musste er seine Gedanken befreien und seine innere Mitte finden. Nur so konnte er die innere neutrale Haltung erhalten, die es ihm erlaubte, sich vor den Augen der Uneingeweihten zu verbergen. Als er mit eleganter Bewegung aus der Bahn ausstieg, um seiner Zielperson weiter zu folgen, hatte Teddy seine nüchterne Geisteshaltung wieder erlangt.

Er folgte Marc-André durch diverse Straßen und schließlich stand er vor dem Laden, den Teddy sowieso in Augenschein nehmen wollte.
Teddy beobachtete, wie Marc-André an die Scheibe klopfte, winkte und scheinbar ein Avant-Garde-Musical für Gehörlose aufführte, bevor er in einer Toreinfahrt neben dem Laden verschwand.
Teddy suchte nach einem guten Beobachtungsposten und entschied sich, dass sich der gleich auf der anderen Seite der Toreinfahrt gelegene Stehimbiss mit seinen großen Fenstern eigenen dürfte. Außerdem faszinierte ihn der Name des Lokals, der in verzierten knallroten Lettern auf dem gelben Grund der Leuchtreklame stand und von zwei roten Drachen im asiatischen Stil eingerahmt war. „Goldener Lotus – Asia Grillstube“ hörte sich ein wenig grotesk an, aber auch spannend.

Beruhigt stellte er fest, dass Marc-André noch nicht einmal in seine Richtung blickte, als er an der Toreinfahrt vorbeiging um den Laden durch die Tür an der Ecke zu betreten.
Das Klingen eines Windspieles begleitete sein Eintreten und wirkte in Kombination mit der einigermaßen lauten asiatischen Popmusik ein wenig seltsam. Der Laden war mit allerlei asiatischem Kitsch und Klischees ausgestattet, behielt aber zumindest seine rot-goldene Linie bei.
Er bewunderte kurz den massigen Goldbuddha, der mit dem Gesicht zur Straße seitlich von der Tür im Fenster stand. Wahrscheinlich war es kein echtes Gold, aber es sah wesentlich besser gearbeitet aus, als der übliche Dekokram.
Ansonsten zogen sich über die beiden Fensterfronten des Ladens schwarz lackierte Stehtische. In Tradition der klassischen Pommesbude, war die Speisekarte auf einer Tafel über der Küchenzeile zu sehen und ein klassischer Tresen versperrte den Weg in den hinteren Teil des Ladens. Die Kombination dieser klassischen Stehimbisskultur mit dem asiatischen Flair war so perfekt angeordnet, dass sich Teddy komischerweise gleich wohl fühlte.
Er versuchte, die Art der Popmusik zu identifizieren, es war aber weder Japanisch noch Koreanisch, somit war Teddy mit seinem Asiatisch am Ende.

Hinter dem Tresen waren zwei Männer beschäftigt.
Ein alter Asiat von unschätzbarem Alter, das Teddy auf irgendwo zwischen 50 und 500 Jahren einordnete. Der kleine schlanke Mann trug ein klassisches Feinripp-Unterhemd unter seinem viel zu weit geöffneten weißen Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln. Diese Aussicht präsentierte nicht nur seine für einen Asiaten sehr beeindruckende graue Brustbehaarung, sondern auch zwei goldene massive Ketten, die er um den Hals trug. In den linken Ärmel hatte er scheinbar eine Schachtel Zigaretten mit eingerollt und in der Hemdtasche trug er drei Kugelschreiber. Eine klassische weiße Schürze umschlang seine fast fragil wirkenden Hüften.
Er war gerade am vorderen Teil des Tresens damit beschäftigt, die Angebote in dem Glasteil des Tresens neu zu ordnen.
Der andere Mann wirkte im Gegensatz recht jung und war vielleicht Anfang zwanzig. Sein dichtes asiatisches Haar war im Nacken ausrasiert und ansonsten zu einer Frisur zurückgekämmt wie es in den 50er Jahren modern war. Eine klassische Rockabilly-Frisur. Das weiße T-Shirt und die Bluejeans, sowie die spitz zulaufenden Stiefeletten bestärkten den Eindruck. Seine Rückenpartie schien gut durchtrainiert und auch ansonsten musste Teddy eingestehen, dass er gut gebaut war. Auf einer Gasflamme schwenkte er gerade einen Wok.
Außer Teddy waren sonst nur zwei Gäste zugegen. Eindeutig Bauarbeiter, die an der Tischfront zur Straße gelehnt waren, ihr Tsingtao Bier tranken und augenscheinlich auf ihr frühes Mittagessen warteten. Er trat an den Tresen, musterte kurz die interessante Auswahl und bestellte sich die gemischte Vorspeisenplatte und einen Lychee-Eistee.
Sorgsam notierte der ältere Mann seine Bestellung und forderte ihn auf, sich die Dose mit dem Getränk aus dem Kühlschrank zu nehmen, während er das Essen zubereitete.

Teddy begab sich zur Seite und lehnte sich an die Stehttischplatte.
Von hier konnte er Marc-André perfekt sehen, der nervös eine weitere Zigarette rauchte, während er in der überdachten Einfahrt auf und ab ging.
Die großzügige Werbebeklebung der Fensterscheibe bot Teddy genug Deckung, um sich sicher zu sein, dass er dem nur wenige Meter entfernten Marc-André nicht auffallen würde.
Ein kahl rasierter Typ, der wohl gerade erst die Teenagerzeit verlassen hatte, kam aus einer Haustür, die ein Stück neben dem Schaufenster des Szeneladens in der Einfahrt lag und gesellte sich zu Marc-André.
Der junge Mann trug zwei Ohrpiercings im linken Ohr, eine schwarze Cargohose im Militärstil und schwarze Springerstiefel mit weißen Schnürbändern. Auf seinem ebenfalls schwarzen Muskelshirt prangte in weiß das Bild eines Kampfhundes, das mit altdeutschen Schriftzeichen umrandet war, die entweder den aufgedruckten Kampfhund oder den Träger des Shirts als deutschen Pitbull auswies. Das Shirt präsentierte nicht nur seine zumeist schwarzen Tattoos, die weder von Geschmack noch von Kunstfertigkeit des Herstellers zeugten, sondern auch muskulöse Oberarme, die sowohl regelmäßiges Training in einem Fitnessstudio bedeuteten, als auch gewisse Anzeichen aufwiesen, die den Missbrauch leistungssteigernder Medikamente vermuten ließen.
Der Lehrer, der in Teddys Internat den Kraftraum verwaltetete und die Einweisungen in die Geräte machte, hielt Teddy und den andren Nutzern des Raumes regelmäßige warnende Vorträge, über den Missbrauch solcher Stoffe und beschrieb so eindeutig die verschieden Symptome, dass Teddy sich relativ sicher war, einige an diesem jungen Mann zu erkennen.

Teddy beobachtete das sehr angespannte Gespräch zwischen den Beiden und der Glatzkopf wirkte nicht nur unzufrieden, sondern auch so aggressiv, dass Teddy kurz davor war, den Laden zu verlassen und sich schützend vor Marc-André zu stellen.
Dieser schien zwar durchaus eingeschüchtert von der Präsenz der rohen körperlichen Macht seines Gegenübers, besaß aber die typische verschlagene Körperhaltung eines der schmierigen Typen, die solange dachten, dass der Verstand den Körper besiegte, bis sie wegen ihrer Überheblichkeit ordentlich das Gesicht umgestaltet bekamen.
Bei dem Gedanken stellte Teddy zum ersten Mal die Ähnlichkeit im Gesicht der beiden Beobachteten fest. Es wirkte auf ihn, als hätten sie eine familiäre Ähnlichkeit.
Die angeregte Diskussion der beiden Typen wurde jäh unterbrochen, als eine Vespa knatternd in die Einfahrt einbog.

Fortsetzung folgt…

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