Brandheiß – Teil 2

Es war bereits Nachmittag, als Alise den Feldweg entlang fuhr, der zum Sonnenbergerhof führte. Die Sonne schien dennoch mit ungebrochenem sommerlichen Ehrgeiz auf das grüne Tal, daher war sie froh, dass die dichten Büsche und die Birken, die als Flurbegrenzung den Weg säumten, ihr ein wenig Schatten spendeten.
Ihr schwarzes Hollandrad rumpelte ein wenig auf dem unebenen Untergrund des Pfades, doch der Sattel war hinreichend gepolstert, so dass Alise diese kleine Unbill kaum wahrnahm. Im Korb, der auf dem Gepäckträger fest angebracht war, hatte sie die nötige Ausrüstung untergebracht.

In weiser Voraussicht hatte sie eine ihrer ältesten Jeans heraus gekramt. Während der Stoff über der linken Kniescheibe schon sehr fadenscheinig war, präsentierte das rechte Hosenbein ungeniert ihr hübsches Knie mit der hellen Haut.
Die Farbe der Jeans war über die Jahre von Schwarz zu grau gewechselt und sie saß auch etwas enger als noch vor zwei-drei Jahren, aber sie konnte sich gut darin bewegen und für Arbeiten oder einem Tag im Stall war sie bestens geeignet.
Um zumindest ein wenig attraktiv für Sunny zu erscheinen, hatte sie ihr übliches T-Shirt ausnahmsweise gegen ein schwarzes bauchfreies Top mit geflochtenen Spagettiträgern getauscht.
Es war ein Überbleibsel vom letzten Sommer und wegen dummen Kommentaren von ihren Brüdern hatte sie es nach ganz hinten in ihrer Kommodenschublade verbannt, aber vielleicht würde es seinen Dienst tun.
Das Dekolletee war ihrer Meinung nach zwar fast schon ein wenig zu betont, aber alles saß trotz des tiefen Einblickes recht stabil. Ein wenig störten sie die handvoll Sommersprossen zwischen ihren Brüsten, aber sie hatte weder Zeit noch Lust gefunden , diese zu überschminken. Vielleicht ging es ja auch so.

Zumindest hatten ihre Brüder nicht schlecht gestaunt, als sie durch die Schmiede ging, um ihr Fahrrad aus dem Schuppen zu holen. Wahrscheinlich hatten sie gerade wieder einmal gelernt, dass ihre Schwester wirklich ein Mädchen war.
Sie hoffte, dass Sunny es auch erkennen würde, denn sonst würde ihr Plan scheitern.
Ein Teil ihres Kopfes war noch immer mit dem Brand beschäftigt und es juckte sie gleichzeitig in den Fingern, dem seltsamen Vorfall auf den Grund zu gehen, wie sie sich aus einem ihr unbekanntem Grund auch darauf freute, Sunny zu sehen. Insgesamt empfand sie ihre Gefühlswelt gerade als äußerst mysteriös und auch eine Stunde Meditation zu den Klängen des neusten Albums ihrer Lieblingsband hatte sie nicht annähernd wieder in ihr seelisches Gleichgewicht gebracht.

Sie bog um die nächste Ecke und sah die malerischen Gebäude des alten Gutshofes vor sich liegen. Sie hörte das Schnauben der Pferde, die auf der Koppel an der Westseite des Gestüts grasten und hielt kurz an, stellte ihren Fuß auf dem stabilen Holzzaun ab und betrachte die kleine Herde der Sonnenberger Zuchtstuten.
Als zwei der schönen Tiere herüberkamen und sie neugierig begrüßten, stieg sie vollständig vom Fahrrad ab und streichelte den scheuen Tieren sanft über die Nüstern. Sie bemerkte es kaum, dass sich Sunny zu ihr gesellte.

Während des Verlaufes des gesamten frühen Nachmittags hatte sich Sunny gründlich auf den Besuch von Alise vorbereitet. Teddy war vor der aufgeregten Geschäftigkeit seines Freundes geflohen und auch seine Mutter hatte die gesamten Vorbereitungen ihres Sohnes mit einem ratlosen Kopfschütteln bedacht.
Oma Irmelbert hatte kurz gezwinkert und ihre Schwiegertochter direkt gefragt „Ob der Junge wohl verliebt ist?“, was Sunny mit einem fast so strafenden Blick geahndet hatte, wie Teddys darauffolgendes Lachen.
Ein wenig war er erbost, nicht ernsthaft genug, um dem Gefühl nachzugeben, aber bewusst genug, dass er sich impulsiv ein kleines innerliches Schmollen gönnte.

Teddy hatte leicht Lachen, schließlich war er nicht auf das Tiefste verliebt und konnte daher Sunnys mannigfaltige Gefühle nicht verstehen. Doch schon kurz darauf hatte er seinen Ärger wieder vergessen und Teddy erneut mit jeder Menge Aufgaben, Fragen und Bitten überhäuft, bis dieser plötzlich verschwunden war.
Zu dem Zeitpunkt hatte Sunny aber auch keine Zeit mehr, sich darum zu kümmern, sondern arbeitete noch die Reste seiner Liste ab. Wenn diese erste Reitstunde perfekt werden würde, dann konnte er vielleicht ihr Herz gewinnen.
Als wirklich alles vorbereitet war und Sunny noch ein paar Minuten Zeit hatte, vor dem kleinen Spiegel im WC an der Stallung seinen „Look“ zu perfektionieren, war eine kurze Zeit der Beruhigung eingetreten, doch durch das Warten auf seinen Gast hatte sich der Pegel der Aufregung langsam wieder hoch gependelt.

Als er das dritte Mal durch das große Tor ging, um vorsichtig zu spähen, sah er Alise an der vorderen Weide. Er schlenderte nonchalant hinüber um den Eindruck zu erwecken, seine Tätigkeiten hätten ihn zufällig hier hin geführt, denn Teddy hatte irgendwas davon erwähnt, dass es Mädchen nicht schätzten, wenn man unruhig auf sie wartete. Angeblich würde das unheimlich und unpassend wirken.
Er versuchte es mit heiterer Gelassenheit, die ihm Teddy nahegelegt hatte, aber als er in ihre Nähe kam, blieb sein Herz fast stehen.

Alise hatte sich zu den Stuten herüberbeugt und erlaubte dem unbedarften Passanten einen tiefen Einblick in den großzügigen Ausschnitt ihres sommerlichen Oberteils. Als würde die eng sitzende Jeans über ihrem wohlgeformten Hinterteil nicht ausreichen, verursachte dieser Anblick bei Sunny Schnappatmung.
Er war vorübergehend gefesselt von ihrem Anblick und konnte sich nicht entscheiden, welcher Teil dieses Anblicks ihn am meisten bannte. Am liebsten hätte er sein Smartphone gezückt und eine ganze Serie von Fotos geschossen, um diesen Augenblick für immer zu bewahren.
Er hatte gerade seinen Fokus wiedergefunden, als ihr Blick zu ihm herüber schwenkte.
Ihr offenes Lächeln ließ seine Beine weich werden und seine ganze Vorbereitung verschwand plötzlich von seinem mentalen Klemmbrett, wie von einem unbarmherzigen Radiergummi mit gestrenger und doch sanfter Hand ausgelöscht.
Er schluckte kurz und beschloss, sein Heil in der Offensive zu suchen und begrüßte sie lächelnd.

Als er ihr Fahrrad auf den Hof schob und sie lächelnd neben ihm ging, fing sein Geist an, sich zu beruhigen. Das Fahrrad abstellen und ihr dann das Gestüt zeigen, tauchte als greifbarer Plan in seinem Geist auf.
Kaum schritten sie über den kopfsteingepflasterten Hof, stellte Alise auch schon die ersten Fragen. Verunsichert antwortete Sunny so gut er konnte und ihre zugewandte Reaktion auf seine Erzählungen lockerten ihn in Windeseile auf. So dauerte es nicht lange, bis sie in ein lockeres Gespräch verwickelt waren.

Teddy beobachtete das hübsche Pärchen aus einer unauffälligen Position.
Es war eine seiner Stärken, unauffällig zu bleiben, wenn er nicht gesehen werden wollte. Leicht lächelnd lauschte er neugierig dem Gespräch der Beiden und fragte sich, ob er derjenige am Ende sein würde, der sich an das Gesprochene am Besten erinnern würde.
Wirklich viel Ahnung hatte er in solchen Angelegenheiten ja nicht, aber er war sich sehr sicher, dass Alise und Sunny miteinander flirteten – wahrscheinlich sogar stärker, als die Beiden es selber merkten.
Alle Anzeichen ihrer Körpersprache waren einander zu gewandt und zeigten Offenheit und Interesse.
Ein wenig fühlte sich Teddy wie beim Konsum eines schlechten Romantikfilmes, allerdings mit wesentlich anregenderen Protagonisten, als Hollywood zu bieten hatte. Im Großen und Ganzen war sich Teddy nicht ganz sicher, ob er beim Beobachten lieber Popcorn oder Taschentücher gehabt hätte, aber er hatte es Sunny versprochen, also blieb er brav auf Beobachtungsposten.

Wie er vermutet hatte, stellte sich Alise für eine Anfängerin eindeutig zu geschickt an, aber nichtsdestotrotz bewunderte er das schauspielerische Talent, mit dem sie Sunny das ungeübte junge Mädchen vorspielte.
Es war ihm nicht klar, ob sie ihren wunderschönen Körper und ihre ästhetische Körpersprache bewusst einsetzte, aber er genoss und bewunderte die kleinen Feinheiten von Berührungen und Gesten, mit denen sie Sunny geradezu umgarnte.
Unwillkürlich fragte Teddy sich, ob er dieser Form der „Behandlung“ widerstehen könnte, doch verbannte er diesen Gedanken sofort wieder aus seinem Kopf. Wenn das so weiterging, würde er sich vor dem Schlafengehen noch mit etwas völlig anderem ablenken, um nicht seltsame Träume zu riskieren.

Als am Ende der Reitstunde Sunny Alise beim Absteigen half, glitt sie elegant in seine Arme und plötzlich fanden sich die Beiden in einem zarten Kuss wieder. Teddy nickte zufrieden, denn somit war das Eis gebrochen.
Er gab den beiden Turteltauben noch einige Augenblicke der trauten Zweisamkeit, bevor er sich mit deutlich vernehmbaren Schritten näherte.
Hey, Sunny, möchtest Du Alise nicht einladen?
Als Sunny kurz verwundert blickte, setzte Teddy gleich nach: „Es ist doch Mittwoch, also Grillabend für die Gäste des Gestüts.“
Fragend blickte Sunny zu Alise, die ohne zu zögern ein zartes „Ja“ hauchte und nickte Teddy zu.
Eine gute Idee!
Behutsam fasste Sunny ihre Hand, um sie mit sich zu ziehen.
Kopfschüttelnd folgte Teddy den Beiden und zwang sich fast erfolgreich, seinen Blick nicht auf die prachtvolle Rückseite zu richten, die sich ihm bot.

Fortsetzung folgt…

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