Brot und Spiele – Teil 2

Der seltsame Spieleladen war Sunny tatsächlich ein wenig suspekt. Zwar hatte Alise ihn freundlich dem wohlbeleibten, langhaarigen Verkäufer vorgestellt, aber trotzdem verstand Sunny nicht mal die Hälfte von dem, das Alise ihm scheinbar dringend mitzuteilen hatte.
Es hatte ihm zwar ein warmes Gefühl in den Bauch gezaubert, dass sie ihn als ihren Freund vorgestellt hatte, aber nichts desto trotz fühlte er sich ein wenig deplatziert.
Er hatte sich ein wenig umgesehen und war auch in die anderen Bereiche des Ladens vorgedrungen.

Auf der oberen Empore waren vier riesige Tische aufgebaut, auf denen Modellteile von irgendwelchen Landschaften standen und die teilweise mit bemalten Miniaturen bevölkert waren.
Um die Tische waren Spieler verteilt, die Bücher, weitere Miniaturen, dutzende von Würfeln und ähnliches vor sich ausgebreitet hatten und mit ausziehbaren Maßbändern die exakten Entfernungen zwischen irgendwelchen der Figuren maßen und dabei scheinbar wichtige Diskussionen führten.
Sunny dachte sofort an den Generalsstab eines antiken Heeres, der Schlachten plante.
Einer der Tische schien den Spielern vorbehalten zu sein, die gerade an weiteren Landschaftsteilen bauten oder ihre Miniaturen kunstvoll mit kleinen Pinseln bemalten.
Die Regale an den Wänden waren mit seltsamen Modellbauteilen, Büchern und Zubehör belegt und Sunny war erstaunt über die Vielfalt diverser Modellbaufarben, die in kleinen Töpfchen angeboten wurden.
An einem kleineren Tisch in der hintersten Ecke, direkt gegenüber der Treppe, saß ein weiterer Mitarbeiter, so vermutete Sunny anhand seines T-Shirts, der gerade zwei interessierten Kunden Rede und Antwort stand. Auf seinem Tisch hatte er auch einen PC mit einer eindeutigen Kassenschublade, wahrscheinlich, um den Malern zu erlauben, ihre Teile gleich hier oben zu erwerben.
Im Regal hinter dem Kassentisch wurden Würfel in Behältern angeboten, die Sunny mehr an einen Süßigkeitenladen erinnerten. Direkt darüber, auf einem Regal, waren geöffnete Displays mit Schokoriegeln und anderem Naschkram.
Es herrschte eine rege Geschäftigkeit und Sunny schätzte, dass es bestimmt zwanzig Leute waren, die sich auf der Empore herumtrieben und den schönen Sommertag lieber in dem kalten Neonlicht des Ladens damit verbrachten, ihrem seltsamen Hobby nachzugehen.
Auch hier fühlte sich Sunny eher als ein Fremdkörper, denn zwar waren sowohl schwarze Bekleidung, als auch lange Haare, nicht ungewöhnlich, aber er hatte keine der offensichtlichen Devotionalien in Form von Schmuck, bedruckten T-Shirts, oder anderen Abzeichen, welche die anderen Kunden zur Schau stellten.
Außerdem hatte er das Gefühl, seltsam angesehen zu werden.
Er fiel scheinbar aus irgendeinem Grund direkt auf und hatte das Gefühl, mit einer Mischung aus Unglauben, Argwohn und Missgunst betrachtet zu werden.
Nach einem kurzen, schüchternen Rundgang stieg er die Treppe wieder hinab und entschied sich, den unteren Teil zu erforschen.

Der untere Teil des Ladens wirkte schlauchförmig und zog sich deutlich weiter nach hinten, als die Empore hätte vermuten lassen.
Auf der linken Seite gab es eine breite Front aus hohen Fensterscheiben, die einen Blick auf den Hof frei ließen, der scheinbar zum Laden gehörte. Eine Tür am Ende dieser Seite stand offen, um frische Luft einzulassen und den armen abhängigen Gästen des Ladens einen Zugang zu einem kleinen Raucherbereich auf dem Hof zu bieten.
An der Fensterfront standen drei größere, niedrige Tische, die in den Raum ragten und jeweils von abgenutzten Polstermöbeln umringt waren. So boten sie gemütliche Sitzecken für kleinere Gruppen. Die anderen Wände waren ebenfalls mit Regalen bedeckt, in den viele großformatige Bücher zum Verkauf angeboten wurden.
Ein Schild direkt gegenüber der Treppe wies auf die Kundentoilette hin, an deren Tür eine, nicht ganz so ernst gemeinte, Toilettenordnung angebracht war. Auch hier gab es in der Nähe des Ausgangs nach draußen einen weiteren Kassentisch, neben dem ein schwarzer Samtvorhang den Zugang zu den hinteren Räumen verdeckte.
An der Decke hingen dutzende Poster, die irgendwie an Werbeplakate erinnerten, deren Darstellungen aber sehr fantastisch waren und mystische Kreaturen oder schwertschwingende Barbaren zeigten.
Tatsächlich waren zwei der Sitzecken mit jeweils einer kleineren Gruppe von Kunden besetzt, die tief in Gespräche vertieft waren und sich gegenseitig Dinge in Büchern oder in irgendwelchen Heftern zeigten.

Eine weitere Diskussion fand gerade bei der Verkäuferin neben der Hintertür statt, die von drei sehr wohlbeleibten jungen Männern, mit ungepflegten Haaren und Bärten, umlagert war, die alle ebenfalls schwarze T-Shirts mit Aufdrucken trugen, die zu den Plakaten an der Decke passten.
Sehr offensichtlich wollten sie einen Streit geschlichtet wissen, aber dabei jeweils auf ihrer eigenen Meinung beharren.
Da die jugendliche Verkäuferin sehr zierlich wirkte, im Gegensatz zu den sie belagernden „Nerds“, überlegte Sunny kurz, ob er sich helfend einmischen sollte. Zwar wirkten die drei jungen Männer nicht wirklich aggressiv oder ernsthaft zudringlich, aber Sunny empfand ihre Art der körperlichen Kommunikation ein wenig grenzüberschreitend.
Unschlüssig bewegte er sich in ihre Richtung.

Die letzte der Sofaecken war nur von einem einzigen Jungen belegt, der seine langen Beine überschlagen hatte und in einem großformatigen Buch mit geprägtem Kunstledereinband las. Als Sunny an ihm vorbei schritt, blickte er kurz auf und lächelte leicht, als wollte er Sunny aufmuntern oder als erwartete er eine amüsante Unterhaltung, versank aber gleich wieder in seine Lektüre, so dass Sunny keine wirkliche Einschätzung vornehmen konnte.
Etwas zögerlich stellte er sich hinter den drei Diskutierenden auf und räusperte sich. Seine Anwesenheit ging in der Hitze der Diskussion unter.
Er räusperte sich lauter. Eine der drei drehte sich um, betrachtete in ein wenig missmutig über den Rand seiner Brille und bat sich aus, ihm doch nicht in den Nacken zu husten.
Sunny war kurz perplex von der ignoranten Dreistigkeit, mit der sich der junge Mann nach seiner etwas schroffen Ermahnung sogleich wieder abwandte.
Gerade wollte Sunny seiner Entrüstung freien Lauf lassen, als eine ruhige, aber feste Stimme von hinter ihm erklang.

Hey Olli, Lars, Jan, lasst mal Sophie in Ruhe, die arbeitet hier und ist nicht eure Babysitterin.
Die drei Brocken wanden sich schnaubend und schnaufend in Richtung dieser unerhörten Störung um.
Fast hatte Sunny ein wenig Angst, da er zwischen der Stimme und den drei Kerlen stand, die zwar auf den ersten Blick eher schwammig aussahen, ihm aber in Erinnerung brachten, dass das Flusspferd eines der gefährlichsten Tiere Afrikas war.
Da sie aber nicht sofort losstürmten, folgte Sunny dem Blick der Dreien, während er sich langsam rückwärts aus der Gefahrenzone bewegte.
Der Junge auf der Sofaecke schob geruhsam ein Lesezeichen in sein Buch und schlug es zu, bevor er seine Lesebrille absetzte und die drei Typen in Ruhe in Augenschein nahm.
Seine Ruhe schien fast todesverachtend und eine ruhige Überlegenheit sprach aus seinen wohldosierten Gesten.

Er blickte von einem zum anderen und erklärte mit ruhiger Stimme: „Erstens hat Sophie noch anderes zu tun, als eure Probleme. Zweitens kennt sie sich mit OSR-Spielen fast genauso wenig aus wie ihr drei Leuchten, daher weiß sie, im Gegensatz zu mir, nicht, dass ihr alle drei es schafft, furchtbar daneben zu liegen.
Einer der drei schnaubte empört: „Wer hat hier eigentlich von Alf gesprochen, dass Du Dich meldest, Lucky?
Er blickte, um Zustimmung heischend, zu seinen Kampfgefährten, die gerade noch deutlich damit beschäftigt waren, über den Inhalt dieser scheinbar humorigen Antwort nachzudenken.
Sind wir hier auf dem Pelennor, dass Du Mûmak jetzt zum Angriff bläst?“, erwiderte der gelassene Junge ruhig.
Einer der drei Gesellen fing an, sich vor Lachen auszuschütten, während der Angesprochene verdutzt blickte. Der Dritte fragte unsicher den Lachenden, ob das nicht aus dem Ringkrieg stammte.
Prustend stammelte der andere: „Auf dem Pelennor war die große Schlacht um Gondor und Mûmakil sind ein anderer Name für Oliphanten, weißt Du? Und da er gerade mit Olli redet ist das…
Der Rest des Satzes ging in Gepruste unter, in das auch der Fragende einfiel.
Ollie, der sich seiner Rückendeckung beraubt sah, suchte nach einer andren Möglichkeit, die Oberhand zu gewinnen.
Wenn Du so ein Experte bist, kannst du es mir ja erklären!“, forderte er herrisch.
Klar könnte ich das, wenn Du mich freundlich fragen würdest.
Olli schnaubte.
Vergiss es, ich schaue jetzt im Forum nach, da wird sicher jemand Bescheid wissen und meine Interpretation unterstützen.
Er angelte ein Smartphone aus der speckigen Potasche seiner ehemals schwarzen Jeans und watschelte durch die Tür in Richtung des Hofes. Seine beiden ehemaligen Gefährten wanderten, immer noch prustend und kichernd, hinterher.

Das Mädchen blickte zu dem Jungen rüber, schaute kurz ernsthaft und sagte mit ermahnendem Tonfall: „Lucky, Du sollst mir doch nicht die Kunden verprellen.“
Erstens hasse ich es, wenn man mich so nennt, wie Du bestens weißt und zweitens wollte ich doch nur Hilfe anbieten.
Er blickte sie fast unschuldig an. Sie zuckte mit den Schulten und lächelte dann kurz.
Sie blickte kurz zu Sunny.
Kann ich Dir helfen?
Sunny blickte ein wenig überfordert.
Der Junge musterte ihn kurz und übernahm: „Ach Sophie, lass mal gut sein, Du musst doch noch die Kartons auspacken. Ich wette, vorher lässt Dich Ingo heute nicht gehen. Ich übernehme.
Er sah Sunny direkt an und zeigte mit einladender Geste auf das Sofa, auf dem er saß.
Komm setz Dich. Ich werde versuchen, Deine zahlreichen Fragen, die Dir ins Gesicht geschrieben stehen, zu beantworten.“
Da dies die erste freundliche Geste war, die Sunny bei diesem Ausflug in eine fremde Welt als solche wahrnahm, entschied er sich, die Einladung anzunehmen und nahm bei dem fremden Jungen Platz.

Fortsetzung folgt…

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