Brot und Spiele – Teil 3

Besorgt blickte sich Alise um. Sie hatte sich vollständig verquatscht und jetzt fiel ihr auf, dass sie ihren Freund verloren hatte.
Sie wusste, dass ein Rollenspielladen ein Dschungel sein konnte und hoffte, dass Sunny nicht in die Fänge eines gefährlich enervierenden „Raub-Nerds“ geraten war, der ihn mit irgendwelchem Unsinn belästigte oder gar verdarb.
Beruhigt stellte sie fest, dass Sunny sich sehr offensichtlich nicht zu den Table-Top-Spielern auf die Empore verirrt hatte. Sie ging ein wenig unruhig in den unteren Bereich, der rein dem Rollenspiel vorbehalten war und ihr Herz setzte fast eine Sekunde aus, als sie das unheilige Dreigestirn bestehend aus Olli, Lars und Jan sah.
Die drei Olifanten, wie sie hinter ihrem Rücken genannt wurden, da sie alle das Oliver im Namen hatten, denn eigentlich hieß Jan „Jan-Oliver“ und Lars „Lars-Oliver“, während es bei Olli nur zu einem einfachen Oliver gereicht hatte, füllten in voller Präsenz die Treppe aus.
Olli, der voran schritt, sah sie und begrüßte sie mit einem „Hallo, Möhrchen.“ und sein schmieriges Grinsen ließ bei Alise die Frage aufkommen, ob Marc-André sein Mentor war, oder umgekehrt.
Sie drückte sich eng an die seitliche Wand, da sie bereits die Erfahrung gemacht hatte, dass zumindest zwei der drei Gesellen ihre Hände nicht bei sich behalten konnten.
Leicht genervt antwortete sie: „Hopp, Hopp, ihr drei, Hannibal wartet schon auf euch.
Wer?“, fragte Olli verunsichert.
Na, euer Bergführer für die Wandertour ins wunderschöne Italien.
Versteh ich nicht!“, stellte Olli fest, während die anderen Beiden wieder einmal losprusteten.

Geschickt glitt Alise an den Dreien vorbei und schaffte es, zu ihrem Erstaunen sogar komplett, jeden Körperkontakt zu vermeiden.
Auch Ollis bestimmt gut gemeinten Ratschlag: “Hüte Dich vor Hasen, die könnten Dich vernaschen wollen“, ignorierte sie gekonnt.
Es war nun mal so, dass jedes Hobby Schattenseiten hatte und die drei Olifanten warfen einen verdammt großen Schatten.

Sie sah Sunny unten auf den ersten Blick und schlenderte sofort auf ihn zu.
Eigentlich wollte sie am liebsten losrennen und ihn sofort in ihre Arme schließen, um sich mit tausend Küssen zu entschuldigen, aber sie ging es lieber ruhig an, um weder ihn noch sich einer sicherlich peinlichen Situation auszusetzen.
Sie sah, dass er in einem Gespräch mit Lucky vertieft war, einen Jungen, den sie aufgrund ihres gemeinsamen Hobbys kannte und der es genauso wenig mochte, als „Lucky“ bezeichnet zu werden, wie sie ihren Spitznamen „Möhrchen“ verabscheute.
Komischerweise waren sie die einzigen Leute, die gegenseitig stets ihre Spitznamen benutzten, um sich gegenseitig anzusprechen, ohne dass es Alise störte. Auch Lucky erwähnte nie etwas, wenn sie ihn so ansprach. Es lag ein tieferer Humor darin, dass sie sich gegenseitig mit Vergnügen die Finger in die bekannte Wunde pressten und genussvoll darin drehten.
Wahrscheinlich funktionierte es nur, weil sie Leidensgefährten waren.
Sie trat von hinten an das Sofa heran, auf dem Sunny saß und lehnte sich leicht über ihn.

Sunny blickte hoch und lächelte sie an.
Lucky nickte ihr zu. „Hey, Möhrchen. Schön Dich mal wieder zu sehen. Ich sehe, Du bist nicht mehr im Angebot, denn die Frischware hat da eine Macke.“
Er nickte in Richtung der Halsseite, an der Sunny sein erregendes Werk vollbracht hatte. Unwillkürlich musste Alise verträumt in sich hineinlächeln und bereute gleichzeitig, vor Lucky eine Schwäche zu zeigen.
Freut mich für Dich“, ergänzte er mit offener Freundlichkeit in seiner Stimme.
Alise schlenderte um das Sofa herum und ließ sich neben ihrem Geliebten elegant nieder.
„Ich sehe, Du bist bei Lucky in guten Händen, also lasst euch nicht stören.
Er mag es nicht, wenn man ihn so nennt…“, begann Sunny.
Lucky winkte ab.
Möhrchen hat einen Darfschein.
Ich glaube, Alise mag es auch nicht, wenn man sie Möhrchen nennt…“, versuchte Sunny seine Freundin zu verteidigen.
Alise unterbrach ihn sanft mit einem kleinen Kuss, blickte ihm in die Augen und schüttelte leicht den Kopf.
Bei Lucky ist das eine Ausnahme“, stellte sie ruhig fest. Sunny zuckte mit den Schultern.
Verstehe ich nicht, aber wenn ihr meint...“
Alise rückte ein Stück von Sunny weg, schnappte sich das Buch, welches Lucky auf dem Tisch liegen hatte und legte sich auf das Sofa, mit den Beinen über der Lehne und legte ihren Kopf auf Sunnys Schoß.
Unwillkürlich begann dieser sie sanft zu kraulen, während sie anfing, in dem Buch zu blättern.

Die beiden Jungen nahmen ihr Gespräch wieder auf und Alise lauschte mit halbem Ohr, während sie Sunnys Berührungen genoss und sich in das Buch vertiefte. Alise war froh, dass es Lucky übernommen hatte, Sunny über ihr gemeinsames Hobby in Kenntnis zu setzen, denn Lucky war ein ausgezeichneter „Erklär-Bär“.
Sie folgte mit Freuden, wie Lucky mit seiner geduldigen Art das richtige Tempo zu finden schien, um Sunny zu erleuchten. Wahrscheinlich wäre er auch ein guter Nachhilfelehrer, stellte Alise fest, die sich ja aufgrund eigener Erfahrungen bestens in diesem Metier auskannte.
Heimlich hoffte sie auch, dass Lucky Sunny zu einer gemeinsamen Proberunde überreden würde, denn Lucky war ein ausgezeichneter Spielleiter und Alise spielte gerne mit ihm zusammen.
Leider hatte sie viel zu selten die Möglichkeit, sich mit Lucky zu dem gemeinsamen Spaß zu treffen, da dieser über das Schuljahr ein entferntes Internat besuchte und daher nur in den Ferien zu ihrer Verfügung stand. Das war auch einer der Hauptgründe gewesen, warum sie sich kurz nach ihrem Kennenlernen vor fast zwei Jahren dagegen entschieden hatte, sich in ihn zu verlieben, obwohl sie ihn damals durchaus attraktiv fand.
Sie merkte auch, dass Sunnys Neugier anwuchs und sich das Gespräch ohne ihr Zutun langsam in die richtige Bahn lenkte, als ihr Plan, ihren Geliebten mit ihrem Hobby zu infizieren, unterbrochen wurde.
Hey, Lucky Luke, kommst Du mit, was essen?
Alise blickte in Richtung der Stimme. Zwei ihr bekannte Jungs standen knapp vor ihrer Sofaecke und blickten Lucky erwartungsvoll an.
Ja, Luckyman“, sagte der zweite, „es ist Dönerzeit.“
Alise blickte nervös zu Lucky. Er schien zu schwanken. Dann hieb Sunny in die Kerbe.
Ein wenig Hunger habe ich auch. Ist der Dönerladen hier gut?
Alise versuchte ihn zu knuffen, was aus ihrer Position aber nahezu unmöglich war. Lucky blickte zu Sunny.
Ist Okay“, antwortete er, „aber es gibt hier in der Nähe eine gute Pizzeria. Dahin würde ich auf jeden Fall mitpilgern.“
Och nö“, meinte der eine der beiden Jungen.
Nicht die doofe Pizzeria“, ergänzte der Andere.
Wir gehen zum Dönermann“, entschied wiederum der Erste.
Ja, komm doch mit“, kam es vom zweiten, als wäre es ein ritueller Dialog.
Geht ruhig schon mal vor“, antwortete Lucky.
Kommst Du nach?“, fragte wiederum der Erste.
Eher nicht, also schließt keine Wetten darauf ab, aber man weiß ja nie, was passiert.
Was sollte denn passieren?
Vielleicht ist die Pizzeria ja geschlossen oder verschwunden, oder so.
Die beiden Jungen schauten sich gegenseitig fragend an.
Na dann, bis nachher“, meinte einer der Beiden und zu Alises Erleichterung zogen sie ab.
Zeigst Du mir, wo die Pizzeria ist“, fragte Sunny.
Lucky nickte. Er nahm Alise sanft, aber bestimmt, das Buch aus der Hand und verstaute es in seinem schwarzen Rucksack.
Dann nimm mal Dein Schmusetier mit und folge mir unauffällig.“
Alise war sich nicht sicher, mit wem von ihnen er gerade sprach, aber sie erhob sich und reichte Sunny ihre Hand.
Zu dritt verließen sie den Rollenspielladen durch die offene Hintertür.

Sie waren gerade aus dem Gebäude raus, als ein Roller die Einfahrt herunter schoss und quietschend neben dem Fahrradständer zum stehen kam, gleich neben dem großen Motorrad, das dort stand.
Der Beifahrer stieg ab und zog den Helm runter und Sunny erkannte zu seinem Erstaunen, sofort Teddy. Auch Alise blickte ein wenig überrascht.
Teddy hatte die Beiden noch nicht gesehen, da er mit der Fahrerin sprach. Sunny hüpfte zu ihm und umarmte ihn von hinten.
Das ist mein heimlicher Liebhaber, Freund und Cousin Sunny“, sagte Teddy in Richtung der hübschen Asiatin, die gerade ihren Helm abgesetzt hatte, scheinbar ohne ein Anzeichen von Überraschung durch den spontanen Überfall.
Das ist Tessa“, sagte er als nächstes zu Sunny.
Dieser musterte das fremde Mädchen.
Hallo Tessa“, sagte er zögerlich, denn er wusste das fremde Mädchen noch nicht einzuordnen.
Das ist Alise“, begann Sunny, „Und das ist…
Paddy“, rief Teddy überrascht, „was machst Du denn hier?
Sunny guckte verblüfft von einem zum anderen.
Die beiden Jungen begrüßten sich mit einem aufwendigen Handschlagritual, um sich dann zu umarmen. Sunny blickte verzweifelt zu Alise, die auch nur mit denn Schultern zucken konnte.
Ich gehe gerade mit den beiden Mäusen hier Pizza essen. Kommst Du mit?
Teddy blickte fragend zu Tessa herüber und hoffte, dass sein Blick nicht zu flehend aussah.
Kommst Du mit? Du bist eingeladen.
Tessa nickte und kam zu der kleinen Gruppe. Alise musterte sie kurz, blickte dann zu Teddy und nickte verstehend. Dann nahm sie Sunnys Hand.
Worauf warten wir denn noch?“, fragte sie und blickte erwartungsvoll in die Runde.
Gemeinsam verließen sie den Hof des Ladens.

Auf dem kurzen Weg zur Pizzeria war sich Teddy nicht sicher, wem er zuerst seine Aufmerksamkeit schenken sollte. Er sah, dass Teddy vor Neugier fast platzte und wahrscheinlich sofort wissen wollte, woher er Paddy kannte.
Es war auch ersichtlich, dass Alise mit einem gewissen Misstrauen Tessa beobachtete.
Und dann war da noch Paddy, dem er auch gerne alles erklären würde.
Doch sein hauptsächlicher Blick galt Tessa. Er war hin- und hergerissen.

Gegenüber der kleinen Stehpizzeria lag ein alter Stadtpark mit großen alten Kastanienbäumen.
Alise schlug vor, sich das Essen zum Mitnehmen zu bestellen, um sich einen schönen Platz im Park zu suchen. Eine allgemeine Zustimmung bestätigte ihr, dass es eine gute Idee war.
Die Fünf betraten die Pizzeria und es schien eine stillschweigende Abmachung zu sein, dass alle ihre Fragen auf einen späteren Zeitpunkt verlegten.
Gemeinsam blickten sie auf das Speisenangebot, das über dem Tresen veröffentlicht war, begrübelten die Angebote und überlegten dann, welches Gericht sie nehmen wollten.
Teddy schaffte es irgendwie, sich gleichzeitig mit allen abzusprechen, selbst wenn ihm die Rolle im Mittelpunkt der kleinen Gesellschaft eigentlich nicht so behagte.
Als sie gemeinsam, mit Pizzakartons und Papiertüten voll mit Speisen und Getränken, in den Park schlenderten, bereitete sich Teddy geistig auf ein interessantes Picknick vor.

Fortsetzung ist in greifbarer Nähe…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben