Brot und Spiele – Teil 4

Tatsächlich entwickelte sich das gemeinsame Mittagessen im Park sehr interessant, aber weniger anstrengend, als Teddy befürchtet hatte. Der alte Stadtpark bot an diesem warmen Sommertag eine wild verträumte Kulisse für das gemeinsame Mahl.
Etwas abseits von den gut besuchten Wegen und dem stark genutzten Kinderspielplatz, fanden die fünf Jugendlichen einen alten Musikpavillion am Rande des großen Sees, der die Mitte des Parks einnahm.
Die Bühne des alten Baues war in Richtung des Sees ausgerichtet, sodass die früher hier gespielte Musik über das Gewässer getragen wurde.
Scheinbar wurde das Gebäude leider nur noch selten genutzt, denn der Weg dorthin war nicht sehr gepflegt und der hintere Teil des Gebäudes wurde von Bäumen und Unterholz verdeckt. Die einstmalig weißgetünchten Wände der muschelförmigen Bühne waren vom Alter bereits grau und mit jeder Menge Graffiti-Schmierereien bedeckt.
Einige leere Bierdosen, Glasscherben und ähnlicher Müll zeigten, dass sich hier eher zu weniger kulturell hochtrabenden Anlässen getroffen wurde, als der Erbauer im Sinn hatte. Nichtsdestotrotz hatte der Ort, gerade wegen seiner Nähe zum See und der alten Bäume, die ihn umrahmten, ein ganz besonderes Flair.
Die Fünf beschlossen einhellig, es sich hier gemütlich zu machen und breiteten sich auf der Bühne aus. Pizzakartons wurden aufgeklappt und Tüten mit Pizzabrötchen ausgepackt. Dazu gesellten sich Flaschen mit Getränken und die Kräuterbutter zu den Brötchen. Auch ein Paket mit einem Nudelgericht und zwei große gemischte Salate fanden ihren Platz auf dem von der Sonne erwärmten Betonboden des Pavillions. Alise hatte vorsorglich daran gedacht, genug Servietten und Einwegbesteck für alle aus der Pizzeria mitzunehmen.

Teddys Nervosität fuhr ein wenig herunter, als ihm Tessa leise zuflüsterte, dass er sich keine Sorgen machen solle, denn sie würde nicht heimlich abhauen. Daher fand er nach einigen Bissen die Ruhe, das Problem der neugierigen Blicke anzugehen.
Er hatte sich zwar schon an den leckeren Vorspeisen bei dem asiatischen Imbiss gestärkt, aber der Geruch in der Pizzeria war einfach zu verführerisch gewesen. Aufgrund der leckeren Gerüche waren alle damit einverstanden, die drei großen Pizzen zu teilen, so dass jeder probieren konnte und Sunny bot auch großzügig von seinen Spagetti al‘Arabbiata an.
So bildete sich ein köstliches italienisches Buffet für alle Beteiligten.

Es war schwierig zu sagen, wer neugieriger war, aber es dauerte nicht lange, bis sowohl Alise, als auch Sunny Teddy drängten, sowohl seine Begleiterin vorzustellen, als auch seine Bekanntschaft mit Paddy zu erklären.
Es war nicht nur Höflichkeit, sondern auch die leichter zu beantwortende Frage, daher erklärte Teddy den Anderen zuerst, wo und wie er Tessa kennen gelernt hatte.
Er war froh, dass die Informationen über ihre Verwandtschaft mit Marc-André und dem brutalen Skinhead, bei dem es sich um Marc-Andrés älteren Bruder handelte, und die Wahrscheinlichkeit, dass Tessa die mysteriöse Festplatte möglicherweise öffnen könnte, bei Sunny und Alise auf soviel gesteigertes Interesse stieß, dass er einige Details ihres ersten Treffens auslassen konnte.
Es war ihm peinlich, wie sehr es Tessa gelungen war, ihn ohne ihr Wissen um den Finger zu wickeln.
Da auch der Fünfte im Bunde Fragen stellte, um den Hintergrund der Geschichte zu erfahren, konnte Teddy nicht nur gleichzeitig Tessa und ihn auf den Stand ihrer Kenntnisse setzen, um somit auch für Tessa das Bild abzurunden, sondern auch verhindern, dass Sunny und Alise Tessa allzu sehr mit Fragen löcherten.
Trotzdem hörte er auch gespannt zu, welche Details Tessa zu den Vorkommnissen zu erzählen hatte.

Gerade Alise war erstaunt, dass René, der große Bruder von Marc-André, Teilhaber des obskuren Szeneladens war. Vor ungefähr einem Jahr war er plötzlich aus dem Gymnasium verschwunden und erst jetzt erfuhr Alise, dass es sich damals um einen sechsmonatigen Aufenthalt in einer Jugendstrafanstalt handelte, die ihn vom weiteren Schulbesuch abhielt.
Scheinbar hatte er bei diesem Aufenthalt Kontakt zu den „falschen Leuten“ bekommen, die seine Ideologie in diese politische Richtung ausgebaut hatten. Nach der Haft versuchte er nicht erneut seinen Schulabschluss zu beenden, sondern ließ sich von seinem Vater Geld auszahlen, mit dem er sich in das Geschäft einkaufte.
Tessa wusste auch deswegen darüber Bescheid, weil ihr Vater den Besitzer des Hauses gut kannte und auf familiäres Bitten René dort eine Wohnung vermittelte und einige Probleme mit dem Vermieter regelte, dem der Laden zwar ein Dorn im Auge war, der aber Tessas Vater einen Gefallen tun wollte.
Seitdem hatte sich René als Geschäftsmann versucht und war scheinbar komplett in die rechte Szene eingestiegen.
Mitgliedschaft in diversen Kameradschaften, bei einschlägigen politischen Parteien und die Beteiligung an einem Musikprojekt aus der Rechtsrockszene waren aber eher Gerüchte, die Tessa nur vermuten konnte, da sie es bevorzugte, sich nicht mit René zu beschäftigen.
Sie wusste, dass sich Marc-André und René scheinbar öfter trafen, denn sie hatte ihn schon mehrfach auf ähnliche Art getroffen. Ihres Wissens nach war er allerdings nie im Laden gewesen. Es entzog sich ihres Wissens, was die Beiden zusammen zu besprechen hatten, aber es war vermutlich nichts Gutes.
Alise wunderte sich ein wenig, weil sie Marc-André zwar für ein arrogantes Arschloch hielt, aber nicht für jemanden, der an rechtsradikalem Gedankengut Interesse hatte.

Zusätzlich konnte Tessa bestätigen, dass es sich bei dem nächtlichen Einbrecher in der Scheune tatsächlich um Marc-André handeln könnte, denn sie hatte gesehen, wie er sich Nachts hinausgeschlichen hatte.
Da sie zu ihrer Freude, durch die Abwesenheit ihrer Eltern und der Renovierung der gemeinsamen Wohnung für die Ferien ins Hause Büttelsbrunft verbannt worden war, um ihre Ferien in gesunder Landluft mit Lauretta und Marc-André zu verbringen, konnte sie dieses genauso bestätigen, wie den Umstand, dass Marc-André für die Zeit in der wahrscheinlich das Feuer gelegt worden war, ein Alibi hatte.
Sie hatte ihn an dem betreffenden Morgen die ganze Zeit zuhause vor dem Fernseher herum lümmeln sehen. Als er gegen Mittag einen Anruf bekam, hatte er sie dann bekniet, ihn mit dem Roller in die Stadt zu fahren. Sie hatte ihn in der Nähe des Ladens abgesetzt, da sie zur Wohnung ihrer Eltern wollte, um ein paar Sachen zu holen.
Im Hause Büttelsbrunft herrschten strenge Regeln. Jeden Abend stellte Hauptkommissar Büttelsbrunft um kurz nach 23 Uhr den Fernseher aus und kontrollierte die Anwesenheit seiner Familie, bevor er die Alarmanlage „scharfschaltete“.
Natürlich kannte Marc-André genug Möglichkeiten, diese Anlage zu überlisten und sie hatte gesehen, wie er sich vom Grundstück schlich.
Damit war klar, dass sich Marc-André als Verdächtiger für den nächtlichen Einbruch weiterhin qualifizierte, aber auch Teddys Vermutung bestätigt wurde, dass hinter dem Brand etwas anderes steckte.

Paddy schlug den anderen vor, dass sie eine Visualiserungsmethode nutzen sollten, um ein wenig Ordnung in den seltsamen Fall zu bringen. Konkret riet er zu einer Pinnwand oder einem Whiteboard, so wie es in den Krimis und Thrillern im Fernsehen gezeigt wurde.
Sofort bohrte Sunny nach, ob er dabei nicht helfen könnte und bevor Paddy eine Möglichkeit zum Widerspruch hatte, wurde er bereits von Alise und Sunny für ihre Ermittlungen rekrutiert.
Sunny fiel ein, dass sich in einem der Lagerräume der Pension Sonnenberger noch ein altes Whiteboard und ein Ständer für Flipcharts befanden, die man bestimmt nutzen könnte. Er schlug vor, den alten Dachboden über dem Scheunenteil, der zur Garage ausgebaut wurde, zu nutzen.
Dort hatte sich sein Bruder mal einen Proberaum für seine Band eingerichtet und jetzt stand der Dachboden mehr oder weniger leer. Ein guter Platz für eine Zentrale.
Über den Eifer der Ermittlungen vergaßen Alise und Sunny tatsächlich die Bekanntschaft zwischen Teddy und Paddy zu hinterfragen, was Teddy zur Zeit auch durchaus recht war und banden sowohl Paddy als auch Tessa spontan in ihr Ermittlerteam ein.
Teddy blickte abwechselnd Beide entschuldigend an, aber scheinbar hatten die Beiden durchaus Vergnügen an dem gemeinsamen Spiel.

Nach kurzem Grübeln schlug Alise vor, dass sie mit Sunny und Paddy zum Sonnenbergerhof fahren würde, um die Zentrale einzurichten, während Teddy mit Tessa auf ihrem Roller zu einem Büroartikelmarkt fahren sollte, um Material zu kaufen und dann zu ihnen stoßen sollten.
Gemeinsam erstellten sie eine Materialliste.
Nachdem sie ihren Müll wieder zusammengesucht hatten, um ihn in einem der Mülleimer des Parks zu entsorgen, wanderten Alise, Sunny und Paddy zu einer nahegelegenen Haltestelle, während Teddy zusammen mit Tessa wieder in Richtung des Ladens ging, um zu ihrem Roller zu gelangen.
Kaum waren sie alleine, versuchte er eine Entschuldigung zu formulieren, doch Tessa unterbrach ihn fröhlich, mit der Erklärung, dass es sie weder störte, Marc-Andrés Machenschaften zu durchkreuzen, noch mit der kleinen Gruppe Zeit zu verbringen.
Das Ganze klang für sie spannend und so teilte sie es auch Teddy mit.
Ein wenig überrascht, gemischt mit ein wenig Schüchternheit, die ihm sonst so völlig fremd war, fasste er sich spontan ein Herz und bevor sein kritischer Verstand es realisieren konnte, fragte er Tessa, ob er sie zum Schützenfest als seine Begleitung einladen dürfe.
Während ihm von diesem spontanen Impuls selbst noch fast das Herz stehenblieb und sein Atem stockte, sagte sie ihm, zu seiner Überraschung, mit einem bezaubernden Lächeln zu. Teddys Herz schien vor Freude fast zu zerspringen.
Tessa fragte ihn dann, ob er ein Problem damit hätte, wenn sie noch einen kurzen Abstecher in ihren Lieblingsladen machen würden, bevor sie zum Büroartikeldiscounter fuhren.
Natürlich hatte Teddy keine Einwände. So betraten sie zu seiner Freude die Kunstbedarfshandlung, die neben dem Lieblingsladen von Alise lag.

Fortsetzung folgt…

2 Kommentare

  • :-)) Ich bin schokiert,..Alise, die Schlampe benutzt Einwegbesteck…….
    Ehrlich gesagt finde ich es eine angenhme abwechslung zu der schon fast Angst einflösenden Perfecktion der Protagonisten.

    Gandalf Grüßt Würdevoll und Mildtätig

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben