Brot und Spiele – Teil 5

Während der gemeinsamen Busfahrt zurück in das heimatliche Freudental lehnte sich Alise an Sunny und beobachtete genau, wie dieser Paddy mit Fragen bestürmte. Was natürlich Sunnys erste und vordringlichste Frage war, bezog sich auf den Namen. Da Paddy ja scheinbar gegen seinen Willen auch Lucky genannt wurde, wollte Sunny direkt sämtliche Details zu seinem Namen wissen.
Erstaunt lauschte er der interessanten Geschichte um die Namensfindung.

In der Tat, so wurde es Sunny erklärt, stammte der Name Paddy von der Kurzform seines zweiten Vornamens Patrick.
Eigentlich hieß er mit erstem Vornamen Leon, aber in seiner Klasse in der Internatsschule gab es außer ihm noch zwei weitere Leons und in der Stufe insgesamt sechs des gleichen Namens, was auf eine gewisse Beliebtheit dieses Vornamens hinwies.
Daher bot es sich für ihn an, seinen zweiten Vornamen, den er von seinem Großvater mütterlicherseits geerbt hatte, zu benutzen.
Da dieser Großvater ein ehemaliges Mitglied des britischen Militärs war, der nach seiner Dienstzeit im besetzten Deutschland geblieben war und ursprünglich aus Belfast in Nordirland stammte, wurde der Name stilsicher „eingeirischt“ und aus Leon Patrick wurde Paddy.
Da Paddy eine tiefere Verbundenheit zu seinen keltisch-irischen Wurzeln verspürte, war ihm das ganz recht.

Der Name Lucky gefiel ihm widerum gar nicht.
Zum Einen bekam er ihn, da ihm, insbesondere beim Glücksspiel, das sagenhafte Glück der Iren hold war, aber es gab auch eine dunklere Geschichte, warum ihm zuerst sein Großvater und auch später andere diesen Spitznamen verpassten.
Er hatte in seinem jungen Leben bereits drei schwere Unfälle überstanden, die für andere Beteiligten weniger glimpflich abgelaufen waren.
Im Alter von erst vier Jahren wurde er von seiner Großmutter vom Kindergarten abgeholt. An einem Zebrastreifen wurden sie von einem Raser in einem Sportwagen, der unter dem Einfluss von bewusstseinsverändernden Mitteln stand, erfasst und mehrere Meter mit geschleift. Paddys Großmutter überlebte den Unfall nicht, aber der kleine Leon überstand das ganze Dilemma nur leicht verletzt.
Ihn danach Lucky zu nennen, war eine Art seines Großvaters, mit dem Tod seiner geliebten Frau umzugehen. Obwohl sein Großvater die ganze Zuneigung nun auf sein Enkelkind projizierte, versetzte ihm der Spitzname aus dem Munde seines Großvaters immer noch einen Stich in seinem Herzen.

Nur wenige Jahre später saß der mittlerweile achtjährige Paddy im Auto seiner Eltern, als dieses während einer nächtlichen Fahrt bei Regen von der Straße abkam. Seine Eltern waren fast sofort tot, doch der eingeklemmte Paddy wurde von der Feuerwehr kaum verletzt aus dem Autowrack gerettet.
Er lebte danach einige Zeit bei seinem Onkel, doch nachdem er aus nicht geklärten Gründen mit zwölf Jahren aus einem der geschlossenen Fenster der Wohnung seines Onkels im vierten Stock eines Hochhauses „gefallen“ war und auch diesen Unfall überstand, kam das eingeschaltete Jugendamt bei der Klärung der Sachlage auf die Idee, dass Paddy bei seinem Onkel in einem ungeeigneten Milieu aufwachsen würde und brachte ihn wiederum bei seinem Großvater unter, da dieser der einzige andere Verwandte in greifbarer Nähe war.

Sein Großvater nahm Kontakt mit der Familie von Paddys Vater auf und sein anderer Großvater, der in den Vereinigten Staaten lebte, bot an, Paddy den Aufenthalt in einem Internat zu finanzieren und auch ansonsten zum Lebensunterhalt des Jungen Geld beizusteuern, hatte aber darüber hinaus kein Interesse an dem Enkelsohn, der aus erster Ehe stammte.
Zwar waren sich die meisten einig, dass es Paddy mit einem großzügigen und wohlhabenden Großvater aus Amerika gut getroffen hatte, aber ihm kamen die teuren Geschenke und das Geld immer wie eine Art „Blutgeld“ vor, mit dem sich sein Großvater aus der Verpflichtung „rauskaufen“ wollte.
Das Einzige, um das sich sein amerikanischer Großvater je bemüht hatte, war seine Bitte, dass sich Paddy in der Tradition seiner Familie der Ritualik einer Bar Mizwa unterziehen sollte.
Für Paddy, der sich schon mit dreizehn Jahren für die heidnischen Rituale seiner gälischen Vorfahren interessierte und eher einer Form des Paganismus zugeneigt war, war der Besuch der Lehrstunden in der Synagoge genauso amüsant, wie der vorbereitende Unterricht der katholischen Kirche auf seine Kommunion, auf die sein anderer Großvater, als guter irischer Katholik, bestand.
Feierlich leistete er also beiden monotheistischen Religionen Meineide, während er sich mit vierzehn Jahren bereits zu Gunsten des Philosophieunterrichts vom Religionsunterricht befreien ließ.
Bis jetzt war es noch keiner Behörde aufgefallen, dass er zwei Religionsgemeinschaften angehörte, was seinen Ruf als Glückskind nicht gerade trübte.

Im Internat hatte er dann Teddy kennen gelernt, da sie Beide das angesehene Internat Burg Hopfenstreusel besuchten.
Beide wurden im selben Jahr als zwölfjährige Eleven auf dem bekannten Internat, welches in einer imposanten mittelalterlichen Festung untergebracht war, aufgenommen.
Der Zufall hatte die beiden Neulinge auf das selbe Viererzimmer verschlagen, wo sie von den anderen Bewohnern in die Sitten und Regeln der Hopfenstreuseler Schülerschaft eingeführt wurden. Als sie, nach alter Sitte des Internats, mit dem Übergang in die neunte Klasse, dann ein Anrecht auf ein Zweierzimmer bekamen, entschlossen sich die beiden Freunde, ein gemeinsames Zimmer zu beziehen.
Während sie in der Schulzeit viele Freizeitbeschäftigungen miteinander teilten, wurden sie in den Ferien jeweils getrennt.
Da sie aus Gründen einer persönlichen Abmachung nicht über ihre Ferienerlebnisse sprachen, war es ihnen nicht bekannt, dass Paddys Großvater nur eine knappe Dreiviertelstunde mit dem Bus von Freudental entfernt wohnte.

Alise fand das besonders witzig, da sie Paddy ja schon aus dem Laden kannte und bereits Zeit mit ihm verbracht hatte.
Es war schon komisch, wie klein die Welt sein konnte.
Und während Sunny lautstark beschloss, dass Teddy und er Gesprächsbedarf haben würden, da er genaue Erklärungen fordern würde, schien er trotzdem Paddy gleich in sein Herz zu schließen. Alise war fasziniert.
Da sie sich ja schon damit abgefunden hatte, ihre Ferien mit zwei attraktiven Jungs ihrer Altersklasse zu verbringen, kam es schließlich auf einen mehr auch nicht an.
Außerdem verbrachte sie sowieso gerne Zeit mit Paddy, da seine paganistische Weltsicht ausgezeichnet zu ihrer Hexenideologie passte. Und nicht zu vergessen, sie hatten beide die grundlegend gute Modeeinstellung, solange Schwarz zu tragen, bis eine dunklere Farbe erfunden würde.
Zwar war Paddy, was Schmuck und Bekleidung anging, durchaus aufwendiger ausgestattet, als Alise, die es praktisch und schlicht bevorzugte, aber für einen Jungen hatte er, in ihren Augen, eine Menge Stil.
Heimlich fragte sie sich, wie es Teddy schaffte, sich immer äußerst attraktive Jungen zum Freund zu machen, aber bei Mädchen so schüchtern zu sein. Jedenfalls machte es so den Eindruck auf sie.
Ihrer Meinung nach war Tessa an Teddy interessiert und offen für eine Annäherung und trotzdem verhielt sich Teddy zurückhaltend. Sie selber fand Tessa auch sehr anziehend, sie hatte eine interessante Ausstrahlung und sie wollte das mysteriöse Mädchen gerne näher kennen lernen.
Schon seit Jahren wünschte sich Alise heimlich eine beste Freundin, also jemand, der ihr so nahe stand, wie es Teddy und Sunny taten. Bis jetzt hatte sie keine gute Kandidatin getroffen.
Es fiel ihr schwer, sich mit Mädchen anzufreunden, warum auch immer, dabei träumte sie von einem kleinen Hexenzirkel. Die nächsten Tage würden auf jeden Fall spannend werden.

Der Besuch des Büroartikelladens war fast genauso angenehm wie das Stöbern durch den gut sortierten Kunstbedarfshandel und Teddy riss ein merkbares Loch in seine Finanzen. Trotz allem war er aber mit seinen Erwerbungen fast so zufrieden, wie mit der Gesellschaft der wunderschönen Tessa.
In sehr passendem Tempo schlenderten sie durch die Läden und bemerkten genauso übereinstimmende, wie auch unterschiedliche, aber äußerst spannende Interessen.
Es gab schon mehr als nur den Grund, dass Teddy Tessas leicht rauchige Stimme sehr attraktiv fand, um jedes ihrer Worte aufzusaugen. Ihre Erzählungen regten ihn eindeutig auf verschiedensten Ebenen an. Teddy konnte nicht einmal vergleichen, um wie viel attraktiver Tessa als andere Mädchen war, da er während ihrer Einkaufstour kein anderes Mädchen bemerkte.

Er arbeitete immer noch in seinem Inneren daran, wie er es schaffen könnte, diesem wunderschönen Mädchen zu gestehen, dass sein Interesse an ihr viel tiefer war, als sie ahnte. Vor allem, wie er es auf eine Art schaffen konnte, die ihr Interesse wecken würde und ihm eine Möglichkeit verschaffte, sie zu seiner Freundin zu machen.
Er fragte sich, wie Sunny das geschafft hatte. Er wünschte sich gerade einen weisen Meister, der ihn anleiten würde.

Worüber grübelst Du?“, fragte ihn Tessa plötzlich, als sie gerade in einem der Gänge des Discounters standen.
Teddy beschloss, es mit dem Ratschlag zu versuchen, den er selbst seinen Freunden geben würde und versuchte es mit der besten Taktik, die ihm einfiel.
Ich denke darüber nach, wie ich es schaffe, Dich davon zu überzeugen, dass es toll wäre, meine Freundin zu sein.“
Freundin oder Freundin?“, fragte sie zurück, wobei sie das zweite „Freundin“ auf sehr eindeutige Weise betonte.
Ja!“, antwortete Teddy.
Naja, das eine wächst über die Zeit von selber, das ist nur eine Frage der Zeit, für das andere kannst Du schon aktiv etwas tun.
Verrätst Du mir, was ich tun kann?“, fragte Teddy, ohne zu wissen, welche Art von Freundschaft sie meinte.
Meist hilft einfach fragen, aber in diesem Fall…“, sie legte eine bedeutsame Pause ein.
Teddy blickte sie erwartungsvoll an, während sie sich direkt vor ihn stellte.
Sein Atem ging schneller, als sie so nahe stand, dass sich ihre Körper fast berührten.
… solltest Du zwar mit dem Mund fragen, aber nicht mit Worten.
Teddy hoffte inständig, dieses Rätsel richtig zu lösen und nicht den schlimmsten Fehler seines Lebens zu machen. Dennoch beugte er sich hinab, um sich mit seinen Lippen ihrem wunderschönen Mund zu nähern. Vorsichtig berührte er sie, während er seine Lippen auf ihre legte. Als er merkte, dass sich weder ihre Lippen noch ihr Körper seiner Berührung entwanden, wurde er mutiger. Er schloss seine Arme um ihren anziehenden Körper und tastete sich mit seiner Zunge sanft vor, um den Kuss zu intensivieren. Sie hieß ihn sanft in ihrem warmen Mund willkommen. Als ihre Zunge sachte die seine umspielte, bemerkte er zum ersten mal das kleine Zungenpiercing, welches ihm in der Berührung heiße Schauer über den Rücken laufen ließ.
Der Kuss war anders, als jeder andere Kuss, den er bis jetzt genossen hatte. Gleichzeitig unheimlich sanft und doch heiß und voller Leidenschaft. Er spürte, dass jede Faser seines Körpers auf den Kuss reagierte und sich ein lustvolles Gefühl heiß in seinem Bauch sammelte. Es dauerte eine zarte Unendlichkeit, bis die Beiden den heißen Kuss lösten, nur um sich nach einigen kleinen Küssen sofort wieder in einen tiefen, gierigen Kuss zu verlieren.

Sie lag noch in seinen Armen, als er sie fragend anblickte. Sie lachte leise.
Hast Du meine Antwort nicht verstanden?
Doch, habe ich“, erwiderte Teddy mit seinem üblichen zynischen Lächeln, „ich frage mich nur, ob wir nicht eben den Einkauf fortsetzen sollten, bevor wir unsere Beziehung weiter vertiefen?
Gute Idee, wer weiß, wie lange unser Gespräch öffentlichkeitstauglich bleibt.
Vorsichtig nahm er ihre Hand und da sie weiter keinen Einspruch erhob, gingen sie händchenhaltend zur Kasse.

Fortsetzung folgt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben