Verschwörung im Hexenholz – Teil 2

Der Vollmond schickte seine silbernen Strahlen über das mitternächtliche Tal und die Sterne leuchteten hell am klaren Nachthimmel. Das ganze Tal war in Schlaf versunken und eine unwirkliche Ruhe hatte sich über die kleine Stadt Freudental gesenkt.
Alise saß auf ihrer Lieblingsbank, die versteckt zwischen alten Rhododendren-Büschen auf der Ostseite des alten Friedhofs stand. Der süße schwere Duft der blühenden Büsche berührte sie mit jedem Windzug des kühlen Nachtwindes.
Sie hatte sich zum Nachdenken auf den uralten Teil des Friedhofs zurückgezogen, da sie die Ruhe und den Frieden dieses Ortes zu schätzen wusste. Zwischen den hohen Büschen und den Tannenhölzern gab es hier sehr alte Gräber mit prächtigen Grabsteinen, die mit steinernen Engeln oder anderen Insignien kunstfertig geschmückt waren und vom Reichtum der mittelalterlichen Handelsstadt zeugten. Trotz der dichten Bepflanzung schienen die Sterne hell auf die gepflegten Wege des Friedhofes und Alise brauchte in dieser Vollmondnacht kein weiteres Licht, als jenes, dass ihr Mutter Mond schenkte.

Nachdenklich schaute sie zu den Sternen und betrachtete die unzähligen funkelnden Feuer des Nachthimmels. Sie kannte die Konstellationen von zumindest vier verschiedenen astrologischen Schulen und konnte über hundert Sternzeichen aus Dutzenden Kulturen identifizieren, doch waren astrologische Berechnungen für sie nur eine Fingerspielerei, denn sie hielt diese Form der Divination für recht unzuverlässig.
Nachdem sie am frühen Abend nach Hause zurückgekehrt war, um das Abendessen für ihre Männer zuzubereiten, hatte sie sich auf einen Blick in die Geheimnisse der drei Nornen, den Wächterinnen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, vorbereitet.
Als sie das gemeinsame Abendessen mit ihren beiden Brüdern und ihrem Vater beendet hatte und die Küche wieder aufgeräumt war, benutzte sie das alte Tarot-Deck ihrer Mutter, doch ihre Lesung war verwirrend.
Auch die alten druidischen Runensteine, die sie von ihren Ur-Großvater geschenkt bekommen hatte, konnten kein Licht in die Angelegenheit bringen. Kurzentschlossen hatte sie sich in ihre Lieblingskleidung, die schwarzen Hüftjeans und ein schwarzes langärmliges Rollkragenshirt, gewandet und war zum Friedhof gewandert.

Wie gewohnt, war sie über die ihr bekannte Stelle der alten Mauer geklettert und hatte erst das Grab ihrer Mutter für eine kleine Zwiesprache besucht, bevor sie sich zu ihrem Lieblingsplatz wandte.
Ihre Mutter war vor elf Jahren verstorben, noch bevor Alise in die Grundschule kam. Aber sie hatte das Gefühl, dass der Geist ihrer geliebten Mutter stets über sie wachte.
Seit dem tragischen und auch mysteriösen Unfall, hatte ihr Vater die drei Kinder alleine großgezogen und Alise hatte stückchenweise immer mehr die Organisation des chaotischen Männerhaushaltes übernommen.
Sie kümmerte sich gerne um ihre beiden älteren Brüder und, obwohl der Ältere bereits aus dem Haus war und in Heidelberg Medizin, Psychologie und Philosophie studierte, kam er in den Semesterferien zurück nach Hause, um sich wieder ins familiäre Nest zu setzen. Stöhnend dachte Alise erneut an den riesigen Wäscheberg, den er ihr als „Mitbringsel“ mitgebracht hatte.

Zumindest half er ihrem Vater fleißig bei der Vorbereitung auf den großen Mittelaltermarkt und all die anderen Festlichkeiten, die der Sommer mit sich brachte.
Auch ihr Vater war im Sommer schwer beschäftigt.
Zwar gehörte er als eremitierter Professor der Archäologie nominell immer noch der Universität in der nahe gelegenen Großstadt an, aber seit er die Dorfschmiede seines Vaters nach dessen Tod übernommen hatte, war seine wissenschaftliche Arbeit eher der kunsthandwerklichen Form der experimentellen Archäologie zugewandt.
Lediglich einmal in der Woche fuhr er in die Stadt, um Vorlesungen zu halten, Geschäfte durchzuführen und sich mit seinem Lektoren zu treffen.
Im Gegenzug wuselten über das ganze Semester ausgewählte Studenten durch die alte Schmiede, um das Geheimnis der mittelalterlichen Waffenschmiedekunst oder des Kunstschmiedehandwerks zu erlernen.

Im Sommer waren nur der Geselle, der Lehrling und ihre Brüder in der Schmiede tätig. Selten beschäftigte sich auch Alise in der Schmiede, denn ihr Vater sah nicht gerne zu, wenn ein „zartes Mädchen“ den Hammer schwang.
Dennoch schätzte er ihre Handarbeiten, was die Gestaltung des Lederzubehörs, wie z.B. Messerscheiden anging und ihre Spielereien in der Kunst des Gold-und Silberschmiedehandwerks, mit dem sie Verzierungen für manche Produkte ihres Vaters fabrizierte und über das Jahr auch ein wenig Schmuck herstellte, der stets ihren Stand auf den diversen Festen um ein weiteres gutes Handwerksprodukt bereicherte.
Neben einigen Kursen an der Volkshochschule, hatte sich Alise diese Handwerkskünste, wie so vieles, autodidaktisch aus verschiedenen Büchern und Dokumentationen beigebracht. Da ihr Vater seit dem Tod ihrer Mutter etwas exzentrisch geworden war, hatte er es lobend zur Kenntnis genommen, aber sich nicht über die seltsamen Talente seiner Kinder gewundert. Wahrscheinlich war er seltsame Hobbys und plötzliche neue Fähigkeiten auch hinreichend von ihren großen Brüdern gewohnt.

In der Tat glaubte Alise, dass ihre Brüder erst als sie mit Brüsten aus ihrem langem Auslandsaufenthalt zurückkehrte, erkannten, dass sie ein Mädchen war, denn alle Mitglieder ihrer kleinen Familie trugen das charakteristische dunkelrote Haar unbändig lang.
Dank geschickter Pflege hatte sich Alise noch nie in ihrem Leben die Haare schneiden lassen und die langen roten Locken fielen ihr, wenn sie es offen trug, bis weit über die Hüfte herunter.
Doch zumeist trug sie einen nach französischer Art selbst geflochtenen Zopf, dessen Ende zwischen ihren Pobacken baumelte und gerade kurz genug war, dass sie nicht dauernd beim Setzen darauf achten musste. Offen waren ihre langen Locken und das dichte Haar wild und wirkten fast unbezähmbar.
Der tägliche Zopf war ein Manifest von Alises eisernem Willen.

Durch die Querelen ihrer Brüder, die beide eine extrem alberne Pubertät durchlebten und Alises jungenhafter Art, wurden die argwöhnischen Vorurteile gegen einen alleinerziehenden Vater von allerlei Gerüchten untermalt.
Je älter Alise wurde, umso mehr wurde sie zu einer Art Außenseiter.
Ihr Hang zu dunkler Musik und schwarzer Kleidung bestätigte ihre Mitschüler und die anderen Gleichaltrigen umso mehr. Dazu passte auch, dass sie den Fehler gemacht hatte, ihre Intelligenz und ihr breitgefächertes Allgemeinwissen nicht zu verheimlichen. Sie hatte in der ganzen Stadt keine wirklichen Freunde.
Ihren einzigen Freundeskreis traf sie einmal in der Woche, wenn sie Freitags nach der Schule in die Großstadt fuhr und sich mit Anderen zu ihrem gemeinsamen Hobby traf. Streng trennte sie dieses „zweite Leben“ von ihrem Freudentaler Alltag und nur ihre Brüder, die sie in die Szene eingeführt hatten, wussten um ihr seltsames Hobby, welches bei keinem der Freudentaler Jugendlichen auf Verständnis gestoßen wäre.

Doch alle diese Gedanken über ihr eigenes Dilemma halfen ihr nicht bei ihrem eigentlichen Problem.
Wie sie Sunny vor der heimtückischen Benediktina retten konnte, war ihr noch ein Rätsel. Sie brauchte einen Plan, um sich unauffällig in Sunnys Nähe aufzuhalten. Zumindest brauchte diese Mission eine gute Ausrede.
Plötzlich kam ihr eine zündende Idee.
Da Sunny ja auf dem Sonnenberger Gestüt mitarbeitete, könnte sie ihn nach Reitstunden fragen.
Zwar konnte Alise perfekt reiten, denn ihr Großonkel, der Olympiasieger im Modernen Fünfkampf, dem sogenannten Pentathlon war, hatte darauf bestanden, dass die Kunst des Reitens, genauso wie das Fechten und Savate, eine alte französische Kampfkunstart, genauso zur klassischen Ausbildung einer jungen Dame gehörte, wie einige andere interessante Künste und Alise lernte alles, wie ein ausgetrockneter Schwamm Wasser aufnahm.
Da diese Ausbildung jedoch im Chateau der Familie an der felsigen Küste der Normandie erfolgt war, wusste außerhalb ihrer Familie niemand vor Ort von ihren Kenntnissen.

Reitstunden von Sunny wären eine gute Möglichkeit, dessen Nähe zu suchen, ohne Argwohn zu erwecken.
Nur in der Schmiede konnte sie das nicht mit ihm verabreden. Zwar war Sunny ein gern gesehener Gast in der kleinen Fechthalle hinter der Schmiede, die zum Anwesen gehörte, aber ihr Vater oder ihre Brüder könnten das in den falschen Hals bekommen und sowohl auf Spott, als auf den Versuch ihrer Brüder, sie zu verkuppeln, konnte sie verzichten.
Es war sowieso nervig, dass ihre Brüder sie dauernd bedrängten, sich einen festen Freund zu suchen. Das war keine gute Idee.

Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Morgen würden sie doch mit dem Orchester der Freudentaler Musikschule für das Sommeranfangskonzert im Stadtgarten üben.
Sunny war, genauso wie sie, in der ersten Garnitur dieser illustren Gruppe und obwohl ihre Plätze in der Aufstellung des Orchesters völlig unterschiedlich waren, denn Sunny war als erster Violinist ein Teil der Streicher und Alise saß mit ihrer Querflöte in der Bläsersektion, würde es dennoch eine Möglichkeit geben, ihn vor Ort anzusprechen.

Sie hoffte ihre jährliche Konkurrenz beim Kirchenfest würde ihn nicht abschrecken. Seit den letzten zwei Jahren buhlten sie als Konkurrenten um den ersten Platz des Nachwuchs-Kuchenbackwettbewerbs des sommerlichen Wohltätigkeitsfestes der Gemeinde.
Da beide jeweils einmal mit ihrem Apfelkuchen gewonnen hatten, stand dieses Jahr die endgültige Entscheidung aus, wer der Apfelkuchenkönig des Tales wurde.
Sie hatte zwar Sunny letztes Jahr als guten Verlierer erlebt, der sogar ausdrücklich ihren Apfelkuchen lobte und sich heimlich ein zweites Stück stibitzt hatte, aber man wusste ja nie. Sie musste es riskieren.

Entschlossen stand sie auf. Zeit nach Hause zu gehen, um sich noch einen Gute-Nacht-Tee nach eigenem Rezept zu brauen und dann ein wenig Ruhe zu suchen. Der Sommer würde viele Aufgaben für die entschlossene Alise bereithalten.

Fortsetzung folgt…

Ein Kommentar

  • Ich finde es ein wenig Erschreckend, in wievielen verschidenen Disziplienen die Protagonisten ausgebildet sind,auch wenn das eine oder andere Autodidaktisch erwobene Fertigkeiten sind.
    Darüberhinaus sind sie auch noch in all diesen Disziplienen, Meisterlich.
    Jedenfalls kommt das bei mir so rüber.
    Mit all diesen Ansprüchen ( auch wenn wenn es eigene Ansprüche sind) müssen die doch Total übervordert sein,und das schon in ihrem jugendlichen alter.

    Ich sehe sie jetzt schon als zukünftige Patienten in der Psychatrie.
    Dennoch lese ich es mit Spannung.

    Freundlich grüßt Gandalf der sich so seinen Teil denkt 😉

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