Meine Stolperfallen als Genesungsbegleiter

von Reiner Ott, Genesungsbegleiter aus Hamburg

Im Rahmen meiner Intervalltherapie Transference-Focused-Psychotherapy (TFP, deutsch Übertragungs-fokussierte Psychotherapie) nach Otto F. Kernberg kam ich zu der Erkenntnis, dass ich sehr laut und energisch in der Welt unterwegs bin. Dies wurde dann als Projekt aufgegriffen und heute möchte ich das Ergebnis meiner Selbstreflexion anderen zum mit-denken geben.

Anm. d. Red.: Diese Betrachtung wird auf den Seiten der Erfahrungsexperten, des I.d.E.E. Vereins und der NRW Seite des EX-IN Deutschland Vereins sowie in Reiners Facebook Profil veröffentlicht.

Wenn meine Geschichte zu viel Raum einnimmt

Manchmal merke ich, dass ich sehr ausführlich von meinen eigenen Krisen, meinen Diagnosen oder Klinikaufenthalten erzähle. Das mache ich nicht, weil die Geschichte meines Gegenübers unwichtig ist – sondern weil meine Geschichte ein wichtiger Teil von mir ist und gesehen werden will. Ich schätze daran, dass ich so viel erlebt und überlebt habe. Und ich lerne, mich zu fragen: „Dient das, was ich gerade von mir teile, wirklich der anderen Person – oder brauche gerade ich selbst einen Moment Raum für meine Geschichte?“ Beides darf sein, nur nicht gleichzeitig.

Wenn ich mich zu stark identifiziere

Ich kenne dieses Gefühl: „Das kenne ich genau, bei mir war das genauso.“ In dem Moment ist da viel Verbindung und Mitgefühl in mir. Ich wertschätze diese Fähigkeit zur Resonanz. Gleichzeitig übe ich, nicht gleichzusetzen. Ich versuche heute zu sagen: „Ich kenne eine ähnliche Erfahrung aus meinem Leben, aber ich weiß nicht, ob es sich für dich genauso anfühlt. Magst du mir mehr erzählen, wie es für dich ist?“ So bleibt dein Erleben bei dir.

Wenn ich Leid vorschnell in Positives wenden will

Weil ich selbst nicht in der Opferrolle stecken bleiben wollte, neige ich manchmal dazu, schnell auf Ressourcen und Lösungen zu lenken: „Du musst nach vorne schauen, du bist doch stark.“Ich sehe darin meine eigene Stärke – ich wollte weitergehen. Und ich lerne: Recovery bedeutet nicht, Leid wegzureden. Ich darf Leid würdigen. Ich darf sagen: „Das klingt wirklich schwer. Das darf jetzt auch schwer sein.“

Wenn ich vor allem Probleme sehe

Durch meine eigene Geschichte ist mein Blick manchmal geschärft für Risiken, Defizite und Ungerechtigkeiten im System. Das ist eine wertvolle Wachsamkeit. Ich achte darauf, dich nicht nur als „Betroffene/n“ zu sehen, sondern als handelnden Menschen mit eigenen Wegen. Ich übe die Balance: Dein Erlebtes würdigen und gleichzeitig deinen Handlungsspielraum mit dir entdecken.

Wenn ich meinen Weg für den richtigen Weg halte

Mir hat damals sehr geholfen, was für mich funktioniert hat, möchte ich natürlich weitergeben. Das kommt aus einem guten Herzen. Ich schätze mein Erfahrungswissen. Und ich erinnere mich: EX-IN lebt davon, Möglichkeiten anzubieten, nicht Lösungen vorzuschreiben. Ich versuche zu sagen: „Mir hat … geholfen. Vielleicht ist ja eine Idee für dich dabei, vielleicht passt aber auch etwas ganz anderes für dich.“

Wenn ich retten will

Weil ich selbst einen Weg aus der Krise gefunden habe, kommt manchmal dieser Impuls: „Ich weiß, wie du da herauskommst.“ Ich würdige diesen Wunsch zu helfen – er zeigt meine Verbundenheit. Und ich erinnere mich: Ich muss niemanden retten. Meine Aufgabe als Genesungsbegleitende ist es, an deiner Seite zu sein, nicht vor dir zu gehen.

Wenn ich zu offen bin

Ich habe gelernt, dass Selbstoffenbarung Verbindung schaffen kann. Das ist ein Geschenk. Gleichzeitig frage ich mich heute liebevoll: „Warum erzähle ich das gerade? Was könnte es bei dir auslösen?“ Besonders bei belastenden Erfahrungen nehme ich mir diesen kurzen Moment der Prüfung. Das schützt dich und mich.

Wenn mich etwas triggert

Manchmal berührt mich deine Geschichte an meinen eigenen, noch wunden Punkten. Dann merke ich, wie ich emotional stark einsteige. Ich nehme das als wichtiges Signal. Es zeigt mir, wo ich noch Fürsorge für mich brauche. Dafür sind Supervision, Austausch mit Kolleg:innen und meine Selbstfürsorge da. Das ist keine Schwäche, das ist professionell.

Wenn ich unbewusst eine „Recovery-Norm“ setze

Der Gedanke „Ich habe es geschafft, also kannst du es auch“ kann aus Hoffnung kommen. Ich schätze meinen Genesungsweg sehr. Und ich weiß heute: Genesung verläuft nicht geradlinig und sieht für jeden Menschen anders aus. Ich möchte mit meiner Geschichte Hoffnung ermöglichen, nicht Druck erzeugen.

Wenn ich meine professionelle Rolle aus dem Blick verliere

Ich bin gerne nah und authentisch – das ist eine meiner Stärken. Und ich bin nicht einfach nur „Freund:in mit eigener Psychiatrieerfahrung“. Ich bin Genesungsbegleiter:in. Ich schätze deshalb auch Grenzen, Vertraulichkeit, Rollenklarheit und Reflexion. Beides zusammen – Nähe und Klarheit – macht meine Arbeit wertvoll.

Autor

Sonja Utzenrath
Sonja Utzenrath
Sonja ist Genesungsbegleiterin und Geschäftsführerin der EaN UG (haftungsbeschränkt), der Trägerinstitution der Erfahrungsexperten am Niederrhein.
Sie moderiert monatlich das Format EX-IN muVi und engagiert sich als Betroffenenvertreterin im Gemeindepsychiatrischen Verbund Kreis Viersen.

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