Speakers Corner: Bin ich ein alter weißer Cis-Mann?

Eine seltsame Frage führt zu einem Schwank aus meinem Leben. Vom Mausebär (Thorsten Dürholt), sehr tief aus seiner eigenen Lebensgeschichte gekramt.

In letzter Zeit mache ich mir viele Gedanken über das Thema „Geschlechter“, sei es im Kontext der Sprache, als auch in der Frage des „Intersektionalen Feminismus“ und ich frage mich warum mich dieses Konzepte mit Ablehnung erfüllen?

Was stört mich daran?

Bin ich am Ende tatsächlich ein „alter weißer CIS-Mann (ob so wirklich heterosexuell sei jetzt mal dahingestellt), also der Inhaber von traditionellen Privilegien und Vorteilen, der um diese bangt?

Vielleicht muss man dazu erst mal etwas über mein Geschlechterbild erfahren

Um zu verstehen welches Geschlechterbild ich habe, muss ich ein wenig über mich erzählen und über mein Leben, welches dieses Bild geformt hat.

Ich bin Ende der 70er Jahre auf diese Welt gekommen und habe keine Erinnerung an meinen Vater. Erfahren habe ich, dass er ein schweres Alkoholproblem hatte und unter Alkoholeinfluss zur Gewalttätigkeit neigte, was ich nicht weiter ausführen möchte, weil alle Erlebnisse aus diesem Bereich nur durch Dritte an mich gegeben worden. Ich war zu klein, um mich zu erinnern.
Meine Mutter hatte meinen Vater verlassen, um zu verhindern, dass mir etwas zustößt. Tatsächlich hat sie versucht die Situation so lange wie möglich auszuhalten, um mir einen Vater zu bieten, bis es halt nicht mehr ging.

Zeitlebens war für mich nur meine Mutter da, die ich für eine sehr starke Frau halte. Sie hatte mit vielen Widerständen zu kämpfen, abhängig davon, dass man zu der Zeit allein erziehende Mütter noch für untragbar hielt und sie ihre Befähigung als Mutter sogar beweisen musste. Zusätzlich war sie Vollzeit berufstätig und beruflich auch erfolgreich. Klar war sie dadurch sehr eingespannt und doch hat meine Mutter immer viel Zeit für mich und meine Fragen, Wünsche und Bedürfnisse gehabt. Sie ist in einer verdammt harten Situation gewesen und hat das niemals an mir ausgelassen. Sie hat mich niemals dafür Verantwortlich gemacht und sie hat mir Toleranz beigebracht. Eine Frau, die einen Grund gehabt hätte, wahrlich schlecht über Männer zu denken, die wahrhaften Sexismus und männliche Gewalt erlebt hat, hat mich niemals spüren lassen, das es was Schlechtes wäre, ein Mann zu sein.

Meine Mutter wurde in der Erziehung von ihrer eigenen Mutter unterstützt, meiner heißgeliebten Großmutter. Ich habe die Zeit mit meiner Oma geliebt und ihr Tod hat mir mein Herz gebrochen. Meine Großmutter war eine starke Frau. Sie hat den Krieg mitbekommen, ist aus ihrer Heimat geflohen, war mit ihrer Schwester unter vielen Gefahren beim „hamstern“ und hat ihren Ehemann als schwerverletzten Krüppel aus dem Krieg zurück bekommen. Trotz allen hat sie ihn wieder gesund gepflegt und sich dabei um Haus und Garten und ihre zwei Kinder gekümmert. Mein Großvater war kein einfacher Mensch, sondern ein wahrhaftiger Haustyrann, obwohl ich ihn später nur als den wunderlichen und verschrobenen alten Mann kennen gelernt hatte, aber es wahr, wie ich aus vielen Geschichten erfahren habe wahrlich nicht einfach. Ich habe meine Großeltern nie zusammen erlebt, da mein Großvater auf seinen zahlreichen Geschäftsreisen wohl viele Affären hatte und meine Großmutter sich von ihm getrennt hat. Zu einer Zeit als das nicht üblich war.
Meine Großmutter wollte immer Künstlerin werden (nein, sie war eine Künstlerin) doch um ihre Kinder zu versorgen musste sie auf dem Amt als Schreibkraft arbeiten. Und das tat sie resolut bis zur Rente, ohne sich zu beklagen. Meine Großmutter kam jeden Schultag die 15 Kilometer zu Fuß zu uns nach Hause, damit Jemand da war, wenn ich von der Schule nach Hause kam und hat mir Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt. Sie hat den Grundstein zu meiner humanistischen Bildung gelegt und mich für Kunst begeistert.
Eine starke Frau, die Gewalt, Unterdrückung und Widerstand erlebt hat. Eine Frau, die in harten Zeiten „ihren Mann stehen musste“ und wahrscheinlich mit jedem miesen Klischee konfrontiert wurde, hat mir Verständnis, Toleranz und Moral nahe gebracht. Niemals hat sie mich spüren lassen, dass es was schlechtes wäre ein Mann zu sein, nie hat sie etwas schlechtes über Männer gesagt, sondern mir einfach durch ihre Art gezeigt, dass sie alles konnte und mir den Mut gemacht, dass ich auch alles erreichen kann.

Als Kind habe ich mit Jungs gespielt und auch mit Mädchen. Ich habe mit Lego gespielt und mit He-man und bei einer Freundin genauso mit Barbie. Ich habe Klemmbausteine und Playmobil geliebt und noch viel mehr meine Plüschtiere, mit denen ich Höhlen aus Decken gebaut habe um darin zu lesen, zu Träumen und zu phantasieren. Wenn ich mit der anderen Kinder mit den Fahrräder durch den Wald gedüst bin, Hütten gebaut habe oder Abenteuer erlebt habe, war es mir egal, ob es Jungs oder Mädchen waren. Wir hatten einfach Spaß.

Selbst in meinen härtesten Pubertätszeit fand ich Mädchen nie doof. Da ich keine männliche Bezugsperson in dem Sinne hatte, habe ich so etwas in den Medien gesucht und mochte Action und Abenteuer. Doch habe ich schon früh dieses Männerbild wieder hinterfragt.
Unter meinen Freunden waren stets auch Mädchen und das nicht nur weil ich Mädchen sexuell interessant fand. Für mich war es egal, wenn ich jemand mochte, ob er Junge oder Mädchen war und ich habe nie einen großen Unterschied in den Freundschaften gesehen.

Mit 19 Jahren habe ich geheiratet. Eine Frau die neun Jahre älter als ich war und die ich ein knappe Jahr vorher davon überzeugt habe, eine dysfunktionale Beziehung zu beenden. Über zwanzig Jahre hielt diese Ehe, bis ich zum unglücklicherweise zum Witwer wurde. Wir hatten viele gute Zeiten, aber auch harte Phasen mit Frust, Drogenmissbrauch, Krankheiten und Psychischen Problemen, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Familienproblemen und vielem mehr.

Meine Frau war bei mir, als ich in der Bundeswehrzeit zusammengebrochen bin und in die Bundeswehrpsychiatrie musste und letztendlich aus psychologischen Gründen ausgemustert wurde. Sie hat mich durch drei misslungene Versuche einer akademische Ausbildung begleitet und durch zwei gelungene Berufsausbildungen. Sie hat erlebt, wie ich mich monatelang von der Welt zurückgezogen habe und wie ich mit meinen inneren Dämonen gerungen habe. Sie hat mich durch harte Krankheitszeiten begleitet und mich gehalten wenn es mir schlecht ging.

Auch sie hatte viele Probleme, ich habe sie durch ihre zweite Ausbildung begleitet, durch ihre MS-Diagnose. Ich war da, als sie durch eine nötige Operation ihre Fähigkeit verloren hatte Mutter zu werden, obwohl sie gerne ein Kind von mir gehabt hätte. Ich war da während der Zeit die sie in der psychiatrischen Klinik war und habe sie so häufig es ging besucht, um sie zu unterstützen. Ich war das wen sie nachts mit Panikattacken aufgewacht ist. Und als sie dann einen Schlaganfall erlitt, war sie ihre letzte Jahre als Schwerstpflegefall natürlich zuhause bei mir.
Sie war bei mir (und ich bei ihr) bis zu ihrem Tod, wie ich es mit 19 Jahren versprochen habe, ohne eine Frage. Dieses Versprechen war mir über 20 Jahre heilig.

Ich habe meine Frau geliebt, sie war meine beste Freundin, sie war mein Kumpel mit dem ich Scherze gemacht habe, sie war die einzige Person, die mich jemals richtig erkannt hat. Sie hat mich vieles gelehrt und mir vieles geschenkt.
Da wir immer ehrlich zu einander waren, habe ich viel durch ihre Augen sehen können.

Und auch über Emanzipation haben wir geredet. Ihre Meinung war stets, dass sich die Männer endlich anpassen sollten und ihre eigene Emanzipation suchen sollten.

Wir waren über 20 Jahre zusammen, gleichberechtigt Seite an Seite und stets habe ich mich auf sie verlassen und sie auf mich.

Wenn ich was gelernt habe von diesen drei starken Frauen in meinem Leben, dann ist es das eine:

Es ist egal mit welchen Geschlechtsteilen du geboren wurdest, sondern es zählt nur was Du für ein Mensch bist

Es ist mir absolut egal, was andere Menschen für Feminin oder Maskulin halten, diese Klischees existieren in meinem Kopf nicht wirklich, weil ich für jedes dieser Klischees genug Beispiele erlebt habe, die mich auf positive Art von etwas anderem überzeugt haben. Es mag biologische Unterschiede geben, aber die rechtfertigen für mich keine soziale Abspaltung oder Trennung.
ja, es gab früher die Legende von Mädchenkram und Jungszeug, dass fand ich schon als Kind seltsam, als Jugendlicher albern und mittlerweile als unnötige Kategorien, die man bloß nicht wieder einführen sollte.

So enden wir jetzt mit der Frage des alten weißen Cis-Mann.

Ja, ich hatte nie einen Grund meine männliche Identität in Frage zu stellen, auch wenn ich als Kind gerne meinen rosafarbenen Pulli getragen habe. Auch wenn ich als Jugendlicher lange Haare hatte und mir Fingernägel lackiert und Lippenstift aufgetragen habe (Kayal sowieso).
Ja, ich bin sichtbar europäischer Abstammung. Da ich Sonne hasse, bin ich tatsächlich sehr bleich.
Und Alt? Eine Frage der Betrachtung. Mit langsam Mitte 40 bin ich jetzt nicht mehr neu.
Ich bin Eindeutig ein alter weißer Cis-Mann.
Bei anderen Themen spiele ich im Minderheiten-Bingo zwar gut mit, aber dass tut hier nichts zur Sache.
Ich sehe mich jedoch weder als Inhaber von Privilegien, noch habe ich das Gefühl mein Geschlecht hätte mir Vorteile gebracht. Aber selbst wenn, gönne ich meine nicht erkannten Vorteile und Privilegien all den Menschen da draußen, die sie brauchen.

Ich glaube nur nicht , dass ich mir noch von jemanden erzählen lassen muss, was Gleichberechtigung ist, weil die lebe ich seit über 40 Jahren auch ohne Aufklärung.

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