Divergente Gedanken

Was ändert sich in der Einstellung zu sich selber, wenn sich der eigene Punkt der Wahrnehmung mal eben verschiebt und was mach es mit mir?
Der Mausebär (Thorsten Dürholt) reflektiert einen kleinen seelischen Durchbruch
Gestern hatte ich ein gutes Gespräch (eigentlich einen Chat – also ein „geschriebenes Gespräch“), mit einer der wenigen Vertrauenspersonen in meinem Leben, die helfen, mich zu reflektieren, mich zu hinterfragen und die subtil meine Gedanken in neue Bahnen lenken, damit ich nicht immer auf ausgetretenen Pfaden lande. denn obwohl ich als Genesungsbegleiter das als Beruf(ung) selber bei anderen Menschen anbiete, brauche auch ich so meine Begleiter, die mich auf dem Weg durch das Leben stützen. Vielleicht brauchen wir alle das. So ganz unabhängig von unserer seelischen, körperlichen oder geistigen Verfassung. Manche Menschen finden das in Partnern, freunden oder engen Bekanntschaften, manche Menschen innerhalb von sozialen Netzwerken, wie vereinen, Gruppen und Parteien, andere brauchen da vielleicht einen „Profi“, sei es ein Therapeut, ein Seelsorger, ein Sozialarbeiter oder halt ein Genesungsbegleiter.
Wenn ich Menschen etwas erkläre, dann bringt mich das selber dem Verständnis näher, was ich in meinen diversen schulischen Ausbildungen gelernt habe. ich lerne dadurch, dass ich Nachhilfe gebe, unterrichtete, erkläre…
Das heißt auch für Durchbrüche in meinen eigenen Gedanken brauche ich ein Publikum, am besten jemanden, der aktiv zuhört und die richtigen Fragen stellt, nicht nur ein Ja-Sager oder Stichwortgeber, sondern jemand der genau die seltsamen fragen stellt, die mich dazu bringen, tiefer nachzudenken, die Angelegenheiten von neuen seiten zu betrachten, die Perspektive zu wechseln.
vielleicht klappt das bei mir, weil ich den inneren Zwang habe, geistig mithalten zu können, zu verstehen und wieder Kontrolle durch Wissen zu erhalten. keine Ahnung, aber es funktioniert…
Gestern habe ich etwas zusammengefasst, was mir seit einiger Zeit im Kopf herumspukt und habe es so formuliert:
Ich bin halt so, war immer so und wusste nie warum.
Die Divergenz bietet mir erstmals eine Erklärung.
Und erstmals bin ich mutig genug eine Entscheidung zu treffen.
Ich muss mich nicht anpassen.
Ich darf entscheiden, was mich an mir stört und dass ist meine Entscheidung.
Ich darf mir aussuchen, was davon ich betrachte und wenn ich herausgefunden habe, dass ich es ändern kann, dann darf ich das ändern, wenn ich es will. Und wenn nicht, dann darf ich das für mich akzeptieren und als gegeben betrachten.
Ich ändere mich nicht mehr für andere Menschen und ich ändere mich nicht, um zu passen – dass macht mich nur unglücklich, habe ich gelernt.
Ich versuche zu verstehen, was mich zufrieden macht und gehe in die Richtung.
Optimieren bedeutet für mich, meinem optimalen Bild zu entsprechen und die Bilder anderer Menschen sind dabei völlig egalEin spontanes Mausebären-Manifest, aus dem Moment heraus in Stein gemeißelt
Um dass Ganze ein wenig zu erklären, damit es möglich ist, dem Gedanken zu folgen. Eine interessante Frage in der Genesungsbegleitung ist „Wann hast Du bemerkt, dass Du anders bist?„. Ich habe das bemerkt, da war ich noch sehr jung. letztendlich kann ich mich nicht an Zeiten erinnern, in denen ich mich nicht irgendwie „anders“ gefühlt habe. Nicht in einer besonderen art, dass hat mir vielleicht mein Narzissmus später versucht einzureden – vielleicht aber ist der Narzissmus auch aus dem Wunsch entstanden, etwas „besonderes“ zu sein, statt etwas „anderes„. Vielleicht war ich früh meiner selbst bewusst und meiner inneren Einsamkeit, die mich von anderen Menschen abtrennt. Vielleicht lag es daran, dass ich phasenweise mehr zeit mit erwachsenen Menschen verbracht hatte, in der Behandlung durch den Kinder- und Jugendpsychologischen Dienst war (bereits in frühen Jahren). Vielleicht…
Wenn ich an meine Kindheit denke, denke ich an viele Situationen, in denen ich mich „anders“ gefühlt habe, alleine, irgendwie ausgegrenzt. Und an das Gefühl von Angst und Scham die dazu kamen. Ich habe etwas gespürt, etwas über mich verstanden, konnte es aber nicht in Worte fassen, nicht mitteilen.
ich war derjenige, der Angst vor spontanen Berührungen hatte, derjenige, der viele dinge nicht essen konnte (nicht wegen Allergie – sondern eine Essstörung) derjenige der Migränenanfälle hatte (seit frühester Kindheit), derjenige, der komische Gedanken hatte, eine seltsame ausgeprägte Fantasie und nicht dazu gehörte, aber trotzdem da war. Ich war derjenige, der seine Ängste in Überheblichkeit, Wut, aber auch Kreativität kanalisiert hat. derjenige, der bei manchen Dingen immer vorne mit dabei war und doch stets nur die Sachen im blick hatte, die er nicht konnte. Als Einzelkind von einer alleinerziehenden Lehrerin ist es schwer Selbstwertgefühl aufzubauen. Durch ständiges Fördern und Fordern wurde ich manchmal vielleicht überfordert.
ich habe nicht gelernt Anerkennung zu erkennen, sondern sah immer nur Kritik. und obwohl ich nach außen viele soziale Kontakte hatte fühlte ich mich innerlich einsam und leer.
Ich hatte immer das Gefühl, nicht zu genügen, nicht gut genug auszusehen, nicht sportlich genug zu sein, mit meinen zwanghaften Verhaltensformen mir alles immer selber zu zerstören. Kurzum, ich wollte immer ein anderer werden, aber egal, wohin ich auch ging, ich war bereits schon da. ich konnte nicht vor mir weglaufen, mich nicht von mir scheiden lassen. Es folgten Unsicherheiten, Melancholie (die später zu rezidivierenden Depression wurde – was uncooler klingt als Melancholie) und anderen Problem, die ich nicht wirklich so benennen kann, dass sie diesem Text gerecht werden.
Obwohl ich immer wissen wollte, was der sinn war, wo die wurzeln lagen, warum ich so bin, wie ich bin und nichts daran ändern kann, die Antworten liefen vor mir her, wie die berühmte Karotte am Stock, doch der Teil von mir, der den Stock hielt, war stets auf dem Weg in die falsche Richtung. Vielleicht auch nicht so ganz, da sie mich auf Umwegen doch zu einigen Zielen geführt hat, nicht die Ziele die ich erreichen wollte, aber die, die ich erreichen musste, um heute hier zu sein.
Ich war an vielen Stationen, habe an vielen Orten gesucht und doch…
letztendlich war es der Zufall, der geholfen hat, denn als mein Psychiater in Ruhestand gegangen ist, (überraschend für mich), hat mich ein Freund an seinen Psychiater verwiesen. und der wahr einfach besser, hat zugehört, verstanden, erkannt, getestet und festgestellt. Die richtigen Fragen gestellt und mir Antworten gegeben.
Das Schlüsselwort war die Neurodivergenz.
ADHS, darauf wurde ich als Kind bereits getestet (ich war ein schreckliches Kind in der Schule – ein typischer Klassenclown), aber damals, als ich Kind war, war es halt noch nicht so weit, dass es einfach gewesen wäre. Hochbegabung, neuro-untypisches Verhalten, alles dass war das unentdeckte Land und so lag meine Begabung brach und mein neuro-untypisches Verhalten wurde gefördert. Statt zu einem Genie wurde ich zu einem Störenfried, einem chronisch Unzufriedenen, einem Depressiven.
Jetzt ist es entdeckt worden, also die ADHS und ich nehme Medikamente. Und ähnlich wie bei den Anti-Depressiva, die erst spät in mein Leben traten (weil ich auch erst spät mich auf Therapie einlassen konnte), ist das ein Gamechanger. Ich fange an, in Teilen zu funktionieren, die vorher nie funktioniert haben. Ein Mangel wird behoben und so ein Ausgleich geschaffen, der dafür sorgt, dass ich über mich hinauswachsen kann.
Aber auch ein anderer Teil, nämlich, dass ich ein stück weit im Autismus stecke, wurde festgestellt. Und plötzlich gab es eine Antwort, denn ich habe mit meinem Psychiater einfach über meine Essstörung geredet (ganz spontan und mutig) und erfahren, dass es bei Autisten ein bekanntes Symptom ist. Hat mit Textur und so zu tun. Und das war ein plötzlicher Aha-Effekt. Plötzlich war es logisch, plötzlich war es greifbar, ich habe darüber gelesen und es passt. jahrelang habe ich nach dem Grund gesucht und da war er nun, ganz einfach vor mir. Plötzlich ergaben auch andere Dinge einen logischen Sinn. Sachen von denen ich nie wusste, warum sie so waren. Es war einfach eine Frage meines inneren Betriebssystems.
Hart an der Erkenntnis war zuerst, dass es auch bedeutet, dass ich nichts daran ändern kann, dass es eine Sache ist, die so einfach ist, doch jetzt weiß ich, dass es gut ist. ich weiß, dass es so ist, warum es so ist und dass es so bleiben wird und daher kann ich mich anderen Sachen zuwenden, die ich ändern kann. ich habe eine Erklärung und jetzt kann ich beginnen zu akzeptieren.
ich fange an zu akzeptieren, dass sich gewisse Sachen an mir nicht ändern lassen, nicht veränderbar sind und dass sie eigentlich auch nie etwas waren, was mich gestört hat, sondern mehr ein Problem für meine Umgebung. ich bin halt nicht „normal“.
Warum weiß ich jetzt und kann damit umgehen, denn ich muss mich nicht in etwas einpassen, in was ich nicht passe. Ich kann mich mögen, so wie ich bin und all meine kleine Marotten in mein Leben einbauen, denn ich muss nicht so funktionieren, wie andere menschen, sondern habe mein eigenes Betriebssystem, mit meinen eigenen Routinen.
und ich kann jetzt endlich mit einem neuen Blick die Sachen erkennen, die ich ich ändern kann, oder auch nicht ändern kann. An dem was ich ändern kann, darf und werde ich weiter arbeiten, aber an dem was ich nicht ändern kann, da gehe ich den Weg der radikalen Akzeptanz. Und beim sortieren brauche ich noch ein wenig Hilfe, also raus zu finden, was ich ändern kann und was nicht. Aber Weisheit kommt durch Erfahrung, D a gibt es ja die berühmte Weisheit…
Dank der Diagnose von Neurodivergenz habe ich nun einen neuen Ansatz, mit mir umzugehen, Dinge neu zu bewerten und Dinge zu verändern, mit Hilfe von außen , mit Hilfe von Ergänzungsmitteln (Medikamentation) und damit mein Leben selber mit Barrierefreiheit auszustatten. Vor allem durch eigene Akzeptanz, mir selber weniger Hindernisse in den Weg zu stellen. es ist nicht mein Versagen, sondern einfach nur der falsche Weg, den ich aus Unwissenheit gewählt habe. es ist zum glück nicht zu spät, abzubiegen und einen neuen Weg zu probieren.
Aber auch meine psychologischen Probleme bewerte ich dadurch neu, sei es meine Angststörung, mein krankhafter Narzissmus, meine wiederkehrenden depressiven Episoden, mein Suchtverhalten oder meine sozialen Anpassungsprobleme. Vielleicht ist auch hier eine Divergenz gegeben.
Bei Depressionen auf jeden Fall, den die Hirnchemie stimmt einfach nicht, dass beweist sich dadurch, dass es mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern besser geht, deutlich besser. Und meine Hirnchemie hat nicht viel mit aktiven Entscheidungen zu tun. Gut, wie bei meinem Diabetes kann ich mich bestimmten verhalten diese Problematik positiv beeinflussen. Aber ähnlich wie beim Diabetes, wird es , trotz gute Einstellung und gutem Verhalten mich ein Leben lang begleiten. chronisch, sagt man. Ist dass noch Krankheit oder schon eine Behinderung?
Weder noch, denn ich fühle mich nicht krank (und kann dahingehend auch nicht gesunden, es bleibt ein Bestandteil meines Lebens). Es ist zwar ein drohendes Damoklesschwert, welches über mir hängt und mich daran erinnert, dass falsche Entscheidungen bei mir Konsequenzen haben und mich krank machen können, aber durch die beständige Möglichkeit eine „kranke“ Episode zu erfahren, bin ich doch nicht dauerhaft krank.
Also doch eher eine Behinderung?
Aber behindert es mich, mein Verhalten auf meine Bedürfnisse anzupassen, oder hilft es mir nicht sogar dabei, gut zu mir zu sein?
Behindert, das werde ich durch die Gesellschaft, die mein verhalten zwar tolerieren muss, aber nicht akzeptieren kann und deshalb es schwierig macht, mich selber zu verwirklichen. behindert wird man nicht durch eine Krankheit oder eine Besonderheit, sondern durch Einschränkungen und das ist ein äußerer Faktor. In einer Welt die nicht differenziert zwischen krank und gesund, wäre ich vielleicht wenige behindert. deshalb bin ich auch nur da offiziell behindert, wenn ich auf Barrieren stoße und benutze diesen zustand, um diese bardieren abzubauen (oder es zu versuchen). behindert bin ich für andere, nicht für mich. ich bin einfach anders und das ist gut so…
Meine narzisstischen Anteile sind stets bei mir (normal) und werden nicht verschwinden, das kann ich das niemals ganz ablegen, sondern nur versuchen, einen Umgang damit zu finden, weil ich einfach keinen „Entzug“ von diesen Anteilen machen kann. mein Umgang mit diesen Anteilen in mir ist wahrlich nicht gesund, aber halt auch nicht krank, sondern nur anders. Falsch?
Bei Teilen definitiv, aber das ist eher das Problem meiner Umgebung und dass darf ich nicht dauerhaft zu meinem Problem machen. ich kann meiner Umgebung entgegen kommen, in dem ich versuche, meine Verhalten zu regulieren, aber ich kann es nicht loswerden. es gibt Dinge die lassen sich nicht ändern.
und meine Angststörung ist nur ein Symptom der anderen Geschichten, da finde ich einfach noch heraus,was davon gebraucht wird, was weg kann und was, wie ein Bumerang, einfach nicht weggeworfen werden kann. Also kann ich ich mich mit den teilen beschäftigen, die mich stören.
zum beispiel dem Punkt endlich zu akzeptieren, wer und was ich bin, und nicht danach streben, etwas anderes sein zu wollen. denn das macht mich fertig…
Krank macht mich nicht meine Besonderheit, meine psychische Divergenz, sondern der Umgang damit. krankhaft ist mein versuch etwas zu sein, was ich nicht bin und diese Krankheit hat obersten behandlungsbedarf.
Der Anfang davon ist, endlich Inventur zu machen, was an mir „normal“ ist, was an mir „anders“ (also Divergent) ist und sein darf, was an mir „übernormal ist“ (Talente und Begabungen) und was an mir krankhaft ist, also ein Symptom der einzigen psychischen Erkrankung, die ich wirklich habe, nämlich dem Zustand, dass ich nicht richtig mit mir umgehe.
herausfinden, was ein Fehler ist und was Bestandteil des Systems, um mein System zu erkennen, zu reinigen und neu aufzusetzen – dann funktioniert auch mein Leben.
Ich bin Neurodivergent (weil mein System anders arbeitet), Psychodivergent (weil ich einige ungewöhnlichen Programme geladen habe), Somadivergent (weil ich einige Hardware habe, die besonderer Pflege bedarf) und habe kranke Anteile (quasi die Bugs im System). Die kranken Anteile werde ich aufspüren und behandeln, alles andere darf so divergent sein, wie es ist.
Das ist eine Erkenntnis, die mir gut gefällt, mir Mut macht und mir ein eigenes Empowerment schenkt, denn Recovery funktioniert nur, wenn ich erkenne, von was ich mich lösen will und zu erkennen, was an mir einfach „anders“ ist, also divergent, dass ist der weg zur Salutogenese, also meine eigene Definition von Gesundheit zu finden um mich gesund zu fühlen und damit gesund zu sein.
Manchmal muss ich mir selbst ein Genesungsbegleiter sein und mittlerweile recht oft, habe ich gute Begleiter, die mir dabei helfen.
Ich mache Fortschritte und auch dadurch, dass ich selber als Genesungsbegleiter anderen Menschen „Nachhilfe“ gebe, denn dadurch, so habe ich ja erklärt, verstehe ich selber am besten, was wichtig und richtig ist.
Also dran bleiben, fragen stellen und weiter danach suchen, was divergent ist,was krank ist und was einfach weg kann, damit ich endlich dass, was bleiben darf entsprechend pflegen kann.
Wer jetzt neugierig geworden ist, darf gerne schreiben, um mit mir über Psychodivergenz, Divergenz im Allgemeinen und den Umgang damit zu reden, zu diskutieren (nein, sich austauschen), oder einfach Fragen zu stellen…
Autor

- Der Mausebär
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Thorsten Dürholt schreibt gerne unter dem Pseudonym Mausebär und engagiert sich in die Genesungsbegleitung, die Betroffenenbeteiligung aber auch in die politische Arbeit.
Er nimmt sich selbst häufig nicht wirklich ernst, aber seine Gegner sollten ihn ernst nehmen. Denn dieser Mensch hat eine Meinung
Beiträge
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