Berichte aus der Konzernzentrale – Nachtschicht in der Mausebär AG

Heute berichtet der resignierte Mausebär (a.k.a. Thorsten Dürholt), was sein Bewusstsein in den Nachtstunden so anstellt.

Guten Morgen, liebe Welt.
Ich habe heute tatsächlich verschlafen. Vielleicht liegt es daran, dass mein Unterbewusstsein den Wecker absichtlich falsch eingestellt hat.
Ja, ich habe heute im morgendlichem Tran, meinen Wecker beauftragt, mich zu einer angemessenen Uhrzeit aus der selbst genehmigten Verlängerung meiner Schlafenszeit zu rufen.
Gerade wachte ich durch einen inneren Impuls auf. Fasziniert sah ich die nicht mehr morgendliche Uhrzeit und befragte darauf hin den Wecker meines Vertrauens. Erstaunt stellte ich fest, dass ich noch ca. 23 Stunden bis zur gewünschten Weckzeit haben würde.
Ich hatte den falschen Tag eingegeben.
Die Vorteile sind ersichtlich, eine Stunde mehr Schlaf und ein Anfang für meinen heutigen Beitrag.
Die Nachteile sind scheinbar vernachlässigbar, denn bis jetzt hat mich noch keiner deswegen strafend angeschaut.
Keiner – außer dem komischen Mann im Fenster in meinem Badezimmer. Der blickte doch etwas kritisch.
Vielleicht hatte er auch verschlafen?
Er sah noch müde und abgespannt aus.
Warum habe ich verschlafen?
Lag es an meiner langen Nachtschicht?
Mitnichten, ausnahmsweise bin ich gestern, ohne zu schreiben, gegen 23:00 Uhr ins Bett getorkelt. Das ist ca. 3-4 Stunden vor meiner normalen Zeit. Damit müsste ich eigentlich 14 Stunden Schlaf gehabt haben.
Hatte ich die?
Mitnichten!
Um ca. 01:00 Uhr weckte mich mein Magen und zwang mich zu zwei längeren unangenehmen Sitzungen auf der Keramik.
Komplett mit Übelkeit, Bauchkrämpfen und dergleichen, wehrte sich mein Körper gegen das am Abend konsumierte Lieferessen.
Voll nicht das, was man sich wünscht!
Vor allem nicht während des Schlafes. Erfolgreich konnte ich meinem Körper befehlen, nicht zum Super-GAU zu greifen und auch den oralen Sektor als Auswurfsstelle zu nutzen. Auch meinen Kreislauf zwang ich wieder in die gewohnte Bahn und suchte dann zurück in meinem Bett erneut den Schlaf.
Ein kurzer Blick zeigte mir, dass ich jetzt in meiner gewohnten Schlafenszeit angekommen war.

In den frühen Morgenstunden weckten mich der Reihe nach der Fluch des alten Mannes (sprich die Blase), der Baustellenlärm von der Straße und die Alarmsirene der Feuerwehr.
Und zwar in so regelmäßigen Abständen, dass ich dann noch ein viertes Mal erwachte, da mich nichts weckte (klingt seltsam, ist aber so). Ich nutzte diesen Weckvorgang um mich mit den Segen der Pharmazie auszustatten und meine Schlafstätte auf die Couch zu verlagern. Das war der Zeitpunkt, als ich meinen Wecker stellte. Und das waren die Dinge, die ganz objektiv meinen Schlaf störten. Da war aber noch was anderes…

Seit einiger Zeit haben sich die Unterhaltungen in meinem Kopf geändert. Ständig diktiere ich mir in meinem Kopf den nächsten Text. Schlimm ist das nicht, wenn ich nicht den inneren Antrieb hätte, diese Texte auch physisch umzusetzen.
Um nicht auszubrennen, schiebe ich meinem inneren Kreativteam einen Riegel vor.
Es gibt bei mir feste Schreibzeiten.
Wenigstens einigermaßen feste Schreibzeiten. Das Team darf gerne Planungssitzungen abhalten, aber ich lasse mich nicht bedrängen.
Und während das Kreativteam in meinem Kopf eine laute Redaktionssitzung nach der anderen „abfeiert“, läuft nebenbei noch das übliche in meinem Kopf ab.
Das, was mich – unabhängig von meinem Müdigkeitsgrad – vom schnellem einschlafen abhält.
Ich mache jetzt das, was die meisten fürchten, ich lade euch in meinen Kopf ein. Keine Angst, nicht in die expliziten Regionen, sondern in die normale Verwaltungsarbeit.

Meine innere Festung beinhaltet natürlich auch einen Bergfried.
Von außen betrachtet sieht das ganze wie ein üblicher Turm aus, doch tritt man durch das Tor, ist man in der Lobby eines riesigen Wolkenkratzers.
Ein Hightech-Wunder und Sitz meiner internen Ich-AG.
Mein Bewusstsein empfängt Euch in der Lobby um von seiner Arbeit zu Berichten:

Hier bin ich der Chef, mit allen Konsequenzen. Oben im Penthouse habe ich nicht nur mein großes Büro, sondern auch meinen Rückzugsraum. Das geheime Schlafzimmer meines Verstandes.
Hierhin zieht sich mein Bewusstsein zurück, wenn ich ausgeschaltet bin. Unter Vollnarkose, im Tiefschlaf und vermutlich im Koma findet ihr mich, den Chef, genau hier.
Hier habe ich mein gemütliches Bärennest, wo ich wohlig warm, in grüne Tücher gehüllt, schlafe.
„Schlafen, vielleicht sogar träumen“, spricht Macbeth, in William Shakespeares gleichnamigen Drama.
Ja, die Traumfabrik ist fest mit diesem Ort verwoben.
Doch jetzt kommt das Problem. Ich ziehe mir meinen Mausebär-Pyjama an, setze meine Nachtmütze auf, stelle mir alles Benötigte bereit, kuschel mich in die Decke, und plötzlich…

„Guten Abend, Chef“, in der Tür steht mein Hausmeister, nein falsch, das heißt jetzt Facility-Manager, es gab das so ein Memo – Ich blinzel ihn aus müden Augen an.
Er hat ein altes, verstaubtes Paket in der Hand. Hinter ihm sehe ich seine mobile Workstation, früher hätte man Putzwagen gesagt. „Ich habe dieses unbeschriftete Paket in Abteilung 6, Raum 87 in der hinteren linnken Ecke auf Bodenhöhe gefunden!“.
Eine Erwartungsvolle Pause folgt.
„ Ich dachte mal, ich frag mal lieber nach, ob das Kunst ist oder weg kann?“.
Ein hoffnungsvoller Blick, das nach geschätzte 1.000 Versuchen, der Spruch diesmal zündet.
Er zündet nicht.
„Soll ich das jetzt entsorgen, oder wie die letzten 21.897 mal in die Fundstelle bringen, damit sich das Fundbüro darum kümmert?“
Zum 21.898 mal nicke ich dazu.
„Alles klar, also Fundstelle, Wie immer. Wollte nur sichergehen, und überhaupt. Gute Nacht dann, Chef“
Die Türen schließen sich – Ebenso meine Augen während ich nach hinten gleite.
Es folgt ein penetrantes bimmeln das meine Augen sofort wieder aufreißt.
Es ist das Haustelefon.
Kurz gehe ich die Optionen im Kopf durch. Sollte ich einfach auflegen, würde in Sekunden die hauseigene Störungsstelle aktiv werden. Mit der Konsequenz, das ich nach viel internen Beratungen und Problem-Solution-Interventions dann doch den Anruf an der Backe hätte. Würde ich das Klingeln ignorieren, käme die Security, um sich zu versichern, dass meine Gesundheit nicht in Gefahr ist. Alles habe ich schon erprobt und das Ende ist, das ich das Gespräch führen muss.
Warum also nicht gleich?
Am Telefon ist das Fundbüro.
„Der Facility Manager hat ein ungekennzeichnetes Paket abgegeben!“, werde ich informiert.
Das Gespräch läuft weiter: „Was soll damit geschehen?“
„Aha, in den Raum mit den Fundstücken… Sie haben Kenntnis darüber, dass sich seit der letzten Inventur dort wiederum 21.897 ungekennzeichnete Fundstücke befinden?“
„Sehr gut, sollen wir diese mit der Nummer 21.898 versehen?“
„Wünschen sie einen Aktenvermerk?“
„Ja woher soll ich den Wissen, was in dem Aktenvermerk stehen soll? Sie haben ja noch nie einen Vermerk in diesen Angelegenheiten gemacht!“
„Ja. Wir machen es dann so wie immer. Gute Nacht, Chef“
Ich verdrehe die Augen. Dann schließe ich sie für einen Moment.
Plötzlich höre ich ein klackendes Geräusch, ganz regelmäßig. Pfennigabsätze auf meinem Marmorboden. Ich öffne die Augen und tatsächlich, meine wohlgeformte Sekretärin steht im Raum.
Das ist immerhin was für das Auge. Ich lausche nur halbherzig den geschäftlichen Anmerkungen und lasse meinen Blick weiterhin über ihre Rundungen gleiten. Während sie sich zu mir vorbeugt um mir das Tablett für ein paar Unterschriften hinzuhalten, kann ich einen tiefen Blick in ihren großzügigen Ausschnitt werfen.
„Ich habe da noch ein Diktat!“, die Antwort beginnt mit glockenhellem Lachen. „Wenden sie sich dafür doch bitte an die Erotikabteilung“, mit eleganter Drehung wendet sie sich Richtung Tür und verlässt mit atemberaubendem Hüftschwung den Raum.
Kurz hänge ich dem Gedanken nach, in der Erotikabteilung anzurufen, da rauschen auch schon einige Gedankenhülsen durch das Rohrpostsystem und landen mit einem lautem „Plopp“ und einem kurzem Knall genau neben meinem Bett.
Fünf Stück, alle aus der Erinnerungsabteilung im Untergeschoss. Den Hülsen wachsen kleine Beinchen und Ärmchen und wie kleine Steam-Punk-Robotoren, hüpfen sie auf mein Bett. Sie zupfen und zerren an meinem Pyjama. Wie bei dem legendärem Golem gibt es nur eine effiziente Art sie aufzuhalten, ich muss den beschriebenen Zettel aus ihren Körpern entfernen.
Mit einem Erinnerungsmemo ist das so eine Eigenart. Wenn man sie berührt, entladen sich ihre Inhalte direkt und sofort in den Raum – als dreidimensionale Lichtschau mit Dolby-Surround-Sound.
Fünf Filme fahren in meinem Schlafzimmer ab, alle gleichzeitig – sie bilden eine Kakophonie vergessener Erlebnisse.
Das Bearbeitungsteam erscheint im Raum.
Die Erinnerungen müssen ja umgehend analysiert, bewertet, mit alternativen Szenarien angespielt und verglichen werden – und dutzende Aufgaben mehr. Jetzt, sofort. Sonst kann man sie nicht wieder einfangen.
Nach längerer Arbeit ist alles wieder in sichere Pakete verpackt.
Das Bearbeitungsteam geht, der Bürobote kommt. Um die Erinnerungspakete zum Archiv zu bringen. Er hält fröhlich ein Schwätzchen mit mir, während er die Sackkarre ordnungsgemäß bepackt.
Jetzt sollte erst mal Ruhe sein.
Vielleicht doch noch kurz in die Erotikabteilung?
Die Tür springt auf.
„Chef, ein Problem im Sektor 34, wir müssen in die aktive Phase wechseln, oder wir haben ein Problem!“ .
Sektor 34, das ist doch die Flüssigkeitsentsorgung?!?
Ich reibe mir die Augen.
„Das Problem ist, der Tank ist voll, wir müssen dringend eine Leerung initiieren!“.
Ich setzte mich auf, drücke auf den Knopf der Sprechanlage und bitte meine Sekretärin der Hauptschaltzentrale Bescheid zu sagen, dass ich gleich erscheine.
Ich entsende die Mitarbeiter wieder an ihre Arbeitsplätze, gehe zum Schrank und ziehe mich an.
Nur noch dieses kleine Problem, dann ist für heute Feierabend…

Mein inneres Bewusstsein, Hauptmanager der Verwaltung – Anläßlich einer PR-Führung durch den Verwaltungstrakt

Tja, so geht es zu in meinem Kopf. Natürlich wird es noch lange keinen Feierabend geben. Ich wünsche Euch, dass ihr mehr Ruhe findet.

Mit verschlafenen Grüßen,

Euer müder Mausebär (a.k.a Thorsten Dürholt)

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