Lange Sätze – Kurzer Sinn

Ein entsetzlich langsatziger Text, übermütig herausgepurzelt aus dem Kopf vom Mausebär (a.k.a. Thorsten Dürholt), der nicht nur eine Entschuldigung, sondern auch eine Moral enthält. (Allergiker-Hinweis: Kann Spuren von Satire enthalten)

Wieder einmal sitze ich vor einem leeren Papier.
Nachdem ich heute den ganzen Abend damit verbracht habe, leckere Pizza zu essen, die zweite Hälfte der sechsten Staffel einer meiner liebsten Kriminalserien zu verzehren und auch tatsächlich noch die Zeit hatte, ein angenehmes Entspannungsbad samt kompletter Körperpflege in mein Wellnessprogramm zu integrieren, war ich gerade auf den Weg in mein kuscheliges Bettchen, wo zum einen mein Lieblingsplüschtier, eine kleine schnuffige Stoffratte – eigentlich eine Handpuppe – und seit meinem ersten Besuch auf der Spielwarenmesse in Essen ein treuer Freund und Begleiter, der mich sogar auf meiner Reise nach Indien begleitet hat und quasi schon fast länger als meine Ehefrau mein Bett mit mir teilt, sowie einige kuschelige Kissen, natürlich samt Schmusedecke, auf mich warteten, als auch ein spannender Krimi aus dem englischsprachigen Raum, in den ich mich die letzten Tage hinein geschmökert habe.

Auf diesem Weg traf ich auf meinen Computer und sogleich hatte ich zwei Missionen, die sich mir nahezu aufdrängten. Erstens wollte ich meinen Text für heute schon einmal schreiben, um morgen ganz ausgiebig ausschlafen zu können. Zweitens wollte ich einen Bandwurmsatz bauen, der Alex ehrfürchtig niederknien lässt. Die zweite Mission hoffe ich ja schon mit dem zweiten Satz des ersten Absatzes meines Textes zu bewerkstelligen, aber ich fürchte, da ist noch Luft nach oben.

Die Kunst ist es, ein Thema zu finden, bei dem mir so viele Rand- und Seiteninformationen auf einmal in den Kopf schießen, dass ich nicht anders kann und versuche, diese alle in ein Satzkonstrukt zu verwickeln.
Ich müsste quasi einen dreifachen Gedankensprung, mit eingefügter, passender Selbstreferenz und eingestreuten Hinweisen, die auf Fußnoten schließen lassen, zu einem artistischen Konstrukt verschmelzen, so dass weder Sonja noch Alex sich zutrauen, diesen Moloch in seiner reinen, ehrfurchtsgebietenden Schönheit, in redaktionellem Übermut, in kleinere Passagen zu teilen.
Ist es eigentlich gut, wenn ich dermaßen mit der Sprache spiele, gerade und wenn es sogar zum Zweck des sportlich-fairen Wettstreites unter Männern ist, oder gebe ich mich nicht vielmehr einem schnöden Klischee hin und versuche, meine unersättliche Eitelkeit zu stillen, indem ich Alex derart schnöde den literarischen Fehdehandschuh hinschleudere, ohne an den Mehrwert für meine Leserschaft zu denken, die sich diese Satzkonstrukte auch noch auseinanderbauen müssen, in der wagen Hoffnung, dort einen Funken von Sinn in den Fragmenten zu entdecken.

Ich denke, dieser Text ist reine Spielerei – und doch ein legitimer Bestandteil der „mausebärischen Philosophie“.
Wer sich bis hierhin vorgekämpft hat, ist entweder ein Literatur-Freak wie ich, oder ein intellektueller Masochist – oder auch ein sehr neugieriger und/oder sehr mutiger Mensch. Und wenn es sich um solch einen Menschen handelt, dann wäre es einfach unverantwortlich von mir, meiner künstlerischen Arbeit nicht ein wenig Anspruch zu verleihen und den ganzen Text mit einem bedeutungsschweren Inhalt zu füllen.
Doch welch tieferer Sinn könnte im Konstruieren möglichst langer und vielschichtiger Sätze – ineinander verdreht wie die Lagen Eisens, unterschiedlicher Härtegrade, im Zopf einer Klinge aus Damaszenerstahl – die aus der reinen Freude des Spieles mit dem Wort und Gedanken entstehen, begraben sein?
Wende ich mich gerade auf satirische Weise der Problematik zu, dass ich zumeist zu viel, zu schnell und zu besitzergreifend rede?
Es ist wohl wahr, dass ich oft, sobald ein Thema mich erreicht hat, den Redestein fest umklammert halte und ihn nicht wieder abgebe.
Frei nach dem Schauspieler und NRA (National Rifle Association) Aktivisten Charlton Heston: „From my cold, dead hands!“, also aus meinen kalten, toten Händen, sehe ich das ebenso – anders bekommt ihr den Redestein nicht von mir, auf keinen Fall – ich beiße zur Not…
Aber warum?
Habe ich etwa Angst, dass mir jemand die Butter vom Brot nimmt?
Vielleicht ist es die Angst, dass jeder Punkt genutzt werden kann, um mir das Rederecht zu entziehen?
So mäandre ich in langen Vorträgen und setze die selben Sachen in immer neuen Bildern wieder zusammen, um meinem Zuhörer auf jeden Fall begreiflich zu machen, was ich meine.

Trotzdem verliere ich dann den Zuhörer auf dem Weg, da ich vergesse, dass manchmal weniger einfach mehr ist.
Beim letzten Gruppengespräch mit den Phönixen habe ich es deutlich bemerkt – erst war ich noch müde, überhaupt nicht redefreudig und wollte so gar nicht in Gang kommen, doch dann packte mich das Thema und ein Feuer loderte in mir auf.
Wie ein Feuer aus Thermit (eine Substanz aus Eisenoxid und Magnesium, die bei sehr hohen Temperaturen verbrennt und im Verbrennungsprozess seine eigene Sauerstoffquelle erzeugt und damit faktisch nicht löschbar ist – ja, auch ich kann naturwissenschaftlich klugscheißen, vor allem wenn es mit Waffen- oder Sprengstofftechnik zu tun hat), brenne ich mich nicht löschbar in das Gespräch ein und zerfresse meinen Weg durch die Diskussion.
Ich reiße das Gespräch an mich und doziere, statt zu moderieren und nur mit etwas Glück, bietet mir jemand die Stirn und es entwickelt sich ein Disput.
Nichtsdestotrotz muss ich mich mehr am inneren Riemen reißen, mehr moderieren und nicht den Unterhalter spielen.
Ein wenig mehr Rücksicht auf meine Gesprächspartner würde mir gut zu Gesicht stehen.

Vielleicht lerne ich ja noch, bei meinen Meinungsäußerungen den Fragen der Zuhörer nicht immer vorzugreifen – denn auch das ist übergriffig – sondern erst mal auf die Fragen zu warten. Manchmal ist weniger doch mehr…

Lange Sätze – kurzer Text – knapper Sinn…

…ich entschuldige mich heute mal öffentlich bei allen Personen, denen ich über den Mund gefahren bin, denen ich ins Wort gefallen bin und die ich gar nicht erst zu Worte habe kommen lassen.
Ich gelobe keine Besserung, aber ich verspreche den Versuch, mich zu bessern.

Mit wortgewaltigem Gruß,

Euer kleinlauter Mausebär (a.k.a. Thorsten Dürholt)

2 Kommentare

  • Billig, Billig. Enttäuschend Schwach.Viel zu wenig Worte und viel zu viel Sinn.
    Immerhin glaube ich etwa 40% Verstanden zu haben. Also auch viel zu Unkryptisch….dat kannste besser,streng dich ma wat an.

    Breit grinsend
    Gandalf

    Antworten
  • Der kommunikative Coach sagt: joah…
    Der Praktiker sagt: Gehe in die Schule von Douglas Adams und lese den Anhalter. Dort sind Meisterwerke von Bandwurm- und eingeschachtelten Nebensätzen wo auch Schmusehamster demütig niederknieen wird.
    Daumen hoch
    Polarbär

    Antworten

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