Dünnhäutig

Eine Betrachtung schwer erträglicher Themen und ihrer Position zur Schatzkiste – von Leonessa (su)

Eines der für mich wichtigsten Elemente in meiner Schatzkiste ist das Hören von Hörbüchern. Da ich leider nicht mehr ausreichend Energie für das Lesen unbekannter Bücher habe, jedoch einem vorgelesen Text gut folgen kann, begleiten Hörbücher mich durch meine täglichen haushaltlichen Pflichten.

Das mir liebste Genre ist hierbei „Krimi und Thriller“, was mich manchmal selber erstaunt. Allerdings habe ich erst heute wieder einmal festgestellt, dass ich bei Büchern, die dem direkten oder indirekten Protagonisten hautnahe Erfahrungen im psychiatrischen System bescheren, sehr dünnhäutig bin.

Das erste mal fiel mir dies beim Roman „Der Sündenfall von Wilmslow“ von David Lagercrantz auf. Den Autor schätze ich sehr und ich war neugierig darauf, wie er die Geschichte über die Untersuchung der Todesumstände des Mathematikers Alan Turing gestalten würde. Von den elf Stunden, die das Hörbuch eigentlich dauern sollte, habe ich knapp zwei Stunden ausgehalten. Mich bedrückten die Schilderungen der Erniedrigungen, denen Alan Turing ausgesetzt war und die der Autor sehr stimmig beschrieben hat, derart, dass ich nicht weiterhören konnte. Es besteht ein großer Unterschied darin, die öffentlich zugänglichen Informationen über Turing zu lesen oder seinen fiktiven Todesfallermittlern quasi über die Schulter zu schauen.

Im Rahmen einer Untersuchung durch die Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrischer Verbünde habe ich einige Interviews mit Betroffenen geführt. Es sollte das Thema „Zwang und Gewalt in der Psychiatrie“ beleuchtet werden. Die in den Interviews geschilderten Erfahrungen, die sich zum Teil über viele Jahrzehnte erstreckten, fand ich im Roman um ein Vielfaches potenziert vor.

Ich selbst hatte die „Ehre“, das Psychiatrische System von innen erleben zu dürfen. Das Gefühl, die eigenen Bürgerrechte quasi an der Pforte der Klinik zurückgelassen zu haben, war – bei aller Nützlichkeit der Therapie und des Schutzraumes – nur schwer zu ertragen. Meine Entscheidung, Genesungsbegleitung zu meinem Beruf zu machen, ist eng mit dieser Erfahrung verknüpft.

Warum ist aber dann ein Roman zu diesem Thema für mich so schwer zu ertragen? Ich glaubte zunächst an einen Einzelfall, denn die Romanhandlung war doch, trotz der erkennbaren Nähe zu den historischen Fakten, eindeutig fiktiv.

Heute wollte ich mir den Roman „Playground – Leben oder Sterben“ von Lars Kepler anhören. Die Zusammenfassung klang interessant. Die Protagonistin muss sich mit einem Kriegstrauma aus dem Kosovo, nebst einer folgenreichen Nahtoderfahrung, herumschlagen. Einer klassischen PTBS, einer Posttraumatischen Belastungsstörung, wie ich sie in der einen oder anderen Form bei Bekannten miterlebt habe. Es ist nicht einfach, als Angehöriger oder Freund mit einem PTBS Betroffenen umzugehen. Auch die psychotischen Phasen einer Trigger-Situation als Nebenstehender auszuhalten, erfordert viel Fingerspitzengefühl. In meiner persönlichen Beobachtung fehlt dieses Fingerspitzengefühl oft auch im Psychiatrischen System. Sehr häufig, weil die nötige (Betreuungs-) Zeit, die der Betroffene dringend bräuchte, im System nicht vorgesehen ist.

Ich habe mich also dem neuen Hörbuch gewidmet und dachte mir nichts Böses. Ich war aber nicht auf die Wirkung gefasst, die diese fiktive Geschichte auf mich haben würde. Alles in mir wehrte sich bei den Beschreibungen des Klinik-Aufenthaltes der Protagonistin nach einer Re-Traumatisierung. Kaum war diese Episode überstanden, scheiterte meine Kraft an der Art und Weise, wie die Familie der Protagonistin reagierte.

Alles nur Fiktion – natürlich – aber mein Kopfkino schlug Purzelbäume und rüstete zum Großangriff auf einen imaginären Feind. Obwohl meine Betroffenheit dem depressiven Spektrum angehört, „litt“ ich plötzlich in einer Art mit, die ich nur selten an mir wahrnehme.

Gut, dass mir in diesem Fall eine eindeutige und wirksame Lösung zur Verfügung stand. Ich habe umgehend die Wiedergabe gestoppt und das Hörbuch aus dem Player gelöscht.

Trotzdem bleibt das Gefühl zurück, dünnhäutig zu sein. Dabei bin ich für mich und für andere jeden Tag stark. In den letzten Wochen, im Zuge der Corona-Krise, bin ich beschäftigter als in vielen Jahren zuvor. Ich freue mich darüber, anderen Menschen helfen zu können.

Wie schafft es also ein Roman, eine Fiktion, mich derart zu schwächen?
Wie kann ein Schatzkisten-Element so sehr fehlzünden?
Nach einigen Stunden Selbstbetrachtung kam ich zu dem Schluss, dass es genau der fiktive Charakter der Beschreibung war, der mir zu schaffen machte. Es fällt mir viel leichter, der Erzählung eines Betroffenen empathisch zu lauschen und mit ihm oder ihr in einen Dialog über die Erfahrungen einzutreten. Ich habe sämtliche nonverbalen Kommunikationswege zur Verfügung, um die innere Qual meines Gegenübers aufzunehmen, mit zu fühlen und zu durchdenken. Diese Interaktionsmöglichkeit fehlt in der Fiktion. Indem ich meinem Gegenüber zuhöre, Fragen stelle, Perspektivwechsel anbiete und generell für ihn da bin, helfe ich ganz konkret. Und das wiederum hilft mir, mich dabei gut und hilfreich zu fühlen, etwas daraus zu lernen und zu wissen, dass mein eigener Zusammenbruch zu etwas Wertvollem und Wichtigem in meinem Leben geführt hat.

Anderen zu helfen, ohne mir selbst dabei zu schaden, ist definitiv ein wichtiges Element in meiner Schatzkiste. Genau so wie die Hörbücher. Und wenn ich einem Hörbuch begegne, das meine seelische Haut gefährdet, dann schalte ich es einfach aus!

Mit sonnigen Grüßen,

Eure Leonessa (su)

Ein Kommentar

  • Ich selbst hatte die „Ehre“, das Psychiatrische System von innen erleben zu dürfen. Das Gefühl, die eigenen Bürgerrechte quasi an der Pforte der Klinik zurückgelassen zu haben, war – bei aller Nützlichkeit der Therapie und des Schutzraumes – nur schwer zu ertragen. Meine Entscheidung, Genesungsbegleitung zu meinem Beruf zu machen, ist eng mit dieser Erfahrung verknüpft.

    Gott sei Dank, war ich nie auf einer geschlossenen Station.
    Kenne das nur,im wahrsten sinne des Wortes,im vorbeigehen.
    Und das hat mir voll und ganz gereicht.
    Das von dir angesprochene Gefühl seine Bürgerrechte an der Pforte ab zu geben,kenne ich sehr wohl.Doch Gestört hat es mich erst dann wenn es mir besser ging.
    Bis dahin,war es mir Egal,ich wusste das ich die Behandlung DRINGEND brauche, und ich mich deshalb dem Regelwerk der Klinik unterwerfen muss.
    Doch sobald es mir ein wenig besser ging erwachte auch mein Freiheitsdrang und meine tiefe Abneigung gegen Bevormundung. Von da an kämpfte mein inneres Team wirklich harte Kämpfe. Doch meine Stimme der Vernunft gewann jedes mal diesen Kampf.

    In meiner persönlichen Beobachtung fehlt dieses Fingerspitzengefühl oft auch im Psychiatrischen System. Sehr häufig, weil die nötige (Betreuungs-) Zeit, die der Betroffene dringend bräuchte, im System nicht vorgesehen ist.

    JA!JA!JA!
    Auch ich habe diese Beobachtung leider des öfteren machen müssen
    Und DAS ist Skandalös!
    Es ist für mich unbegreiflich das die Bedürfnisse der Patienten,Betriebswirtschaftlichen Interessen untergeordnet sind.
    Das dürfte es in einem so Reichen Land wie Deutschland nicht geben.

    Trotzdem bleibt das Gefühl zurück, dünnhäutig zu sein. Dabei bin ich für mich und für andere jeden Tag stark.

    Und das liebe Sonja Macht dich zu dem besonderen Menschen der du bist.
    Die Fähigkeit diesen Spagat zu schaffen.

    Und das wiederum hilft mir, mich dabei gut und hilfreich zu fühlen, etwas daraus zu lernen und zu wissen, dass mein eigener Zusammenbruch zu etwas Wertvollem und Wichtigem in meinem Leben geführt hat.

    Da zu kann ich dich nur beglückwünschen.

    Liebe Grüße
    Gandalf

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