Abendliche Klavier-Kapriolen

Der Wanderer hat ein Erweckungserlebnis der besonderen Art

Die Sonne war untergegangen und ein frischer Wind wehte um die Gebäude des Sonnenberger Hofes.
Der Wanderer hatte das Fenster zum Lüften geöffnet und blickte versonnen auf die im Wind leise flatternden rot-weiß karierten Vorhänge. Tief in seinen Knochen konnte er spüren, dass sich in den ausklingenden Oktober, der bisher noch meist warm und „golden“ gewesen war, jetzt immer mehr Anteile nassforscher Luft des kommenden Winters zu mischen begann.
Der Wanderer genoss gerade den letzten Rest der von Emilia Sonnenberger allabendlich für ihn zur Seite gestellten Portion des Abendessens. Das „au point“ gebratene Welsfilet erinnerte ihn an daran, wie er einst in der Landkommune im französischen Niemandsland selbst Fische für die Gemeinschaft geangelt hatte. Es war eine schöne Zeit gewesen, voller Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, unabhängig des unerwarteten Endes, den das ganze genommen hatte. Ein Teil der Kommune hatte sich zunehmend radikalisiert, andere Mitglieder hatten geheiratet und schickten sich an, ein bürgerliches Leben zu beginnen.
Wäre er damals nicht so überstürzt aufgebrochen wegen eines familiären Notfalls, wer weiß, auf welche Seite sich der Wanderer vielleicht geschlagen hätte. So oder so – eine Rückkehr nach Frankreich hatte sich für ihn, nach dem Ende des familiären Notfalls, nicht als der richtige Weg angefühlt.

Gesättigt stellte der Wanderer sein benutztes Geschirr in das kleine Spülbecken, mit dem sein Zimmer zusätzlich zum eigenen Bad ausgestattet war. Obwohl ihm die Pensionswirtin mehrfach freundlich angeboten hatte, sein schmutziges Geschirr einfach nach unten in die große Bauernküche zu bringen, ließ er es sich nicht nehmen, selbst zu spülen. Er wurde schon bekocht, da konnte er wenigstens spülen und abtrocknen, dachte er.

Der Abend war fast noch hektisch geworden, erinnerte sich der Wanderer grinsend. Auf dem Weg über das Kopfsteinpflaster des Kirchhofes hatte sein Klapprad sich einen schleichenden Plattfuß zugezogen. Glücklicherweise hatte sich der junge Ullrich Schnellspanner, der gerade den von seiner Familie in der mittlerweile dritten Generation geführten Fahrradladen absperren wollte, bereit erklärt, den spontan aufgetretenen Platten noch schnell zu flicken. Trotzdem war eine nahezu weltmeisterliche Leistung im Zeitfahren notwendig, um gerade noch rechtzeitig wieder zuhause am Sonnenberger Hof anzukommen. Der Wanderer hatte sogar noch Gelegenheit, sein Tempo in ein gemütliches Ausrollen zu verringern und lässig-freundlich der unter dem Apfelbaum sitzenden Irmelbert zu winken. Die Luft hatte er dabei angehalten, um nicht wie eine Lokomotive schnaufend an der älteren Dame vorbeizufahren.

Teller und Besteck auf dem Abtropfgestell, wischte er noch kurz den Tisch mit dem feuchten Geschirrtuch ab und hängte das mit dem Kalender von 1979 bedruckte Tuch dann über die Lehne des zweiten Stuhles im Zimmer zum Trocknen. Danach drehte sich der Wanderer seine wohlverdiente Belohnungs-Zigarette.
Da begann über ihm Klaviermusik zu spielen. Im Gegensatz zu den dissonanten Tönen jener Nacht, in der das Instrument ganz offen hörbar gestimmt wurde, drang nun eine harmonische und runde Melodie an sein Ohr. Der Wanderer zündete sich seine Zigarette an, nahm einen ersten kurzen, danach einen langen inhalierenden Zug und lehnte sich dann zurück, um eine Weile dem Klavierspiel zu lauschen.

Wie üblich, wenn sie hier oben war, wurde der geräumige Dachgiebel nur spärlich durch Kerzenlicht erleuchtet, sodass weite Teile des Raumes im Dunklen blieben. Je ein schmiedeeiserner Kerzenleuchter neben dem Klavier und ein weiterer wenige Meter dahinter auf einem runden hölzernen Tisch, vermutlich ein altes Gartenmöbel, sorgten für ein unstetes orangegelbes Flackern.
Die Klavierspielerin saß, mit nichts als einem dunklen Sommerkleid am Körper, auf einem dreibeinigen Hocker, dessen Sitzfläche ein mitgebrachtes Kissen aus dem Fell eines irischen Wolfshundes zierte.
Ihre langen dunklen Haare fielen in leichten Wellen über ihre Schultern.

Es gab keinen Notenständer oder ähnliches. Die Frau am Klavier spielte frei und auswendig. Ab und zu unterbrach sie ihr Spiel, um etwas zu trinken oder um sich eine Zigarette anzuzünden, welche sie aus einer silbern glänzenden Schachtel mit eingraviertem Sternzeichen, ein stattlicher bärtiger Wassermann mit Dreizack und Fischschwanz, hervorholte. Zu Beginn stolperten ihre Finger, gekrönt von in glänzendes Pechschwarz lackierten Nägeln, noch fahrig über die Tasten, weil sich ihr mit allerhand Gedankenschnipseln jonglierendes bewusstes Gehirn noch weigerte, die Kontrolle abzugeben. Doch je später der Abend, um so mehr kam das Brausen in ihrem Kopf zur Ruhe und ihre Hände glitten intuitiv, fast gänzlich unbewusst, über die Klaviatur. Diesen Moment liebte die Spielerin wie keinen zweiten auf der Welt – das Dissoziieren ihres Selbst im harmonischen Klang der Musik.

Es war schlichtweg überwältigend. Der Wanderer schien sich nicht daran erinnern zu können, den Weg aus seinem Zimmer die Treppen hoch bis vor die Tür des Dachgiebels zurück gelegt zu haben. Er hatte rauchend auf seinem Stuhl gesessen und der Musik gelauscht. Diese hatte etwas Mystisches an sich, das seine Schritte regelrecht angezogen haben musste. Nun stand der Wanderer vor der Tür, welche vielleicht zwei Handbreit offen stand. Er lauschte gebannt. Einige Stücke kannte er nicht, manches war Klassik, so kam es ihm vor, einiges vielleicht phantasievoll selbst komponiert. Das mit Abstand meiste jedoch stammte von einem Album, das er sogar kannte und welches tief in den hintersten Winkel verbannte Gefühle in ihm weckte – „XXI-Klavier“ von niemand anderem als der Band „Rammstein“.
Die Augen des Wanderers versuchten sich in dem halbdunklen Raum zu orientieren, das flackernde Kerzenlicht warf zitternde Schatten. Von der Klavierspielerin, die eben das Stück „Mein Herz brennt“, das letzte des Albums, anstimmte, konnte er nur knapp die rechte Körperhälfte durch den Türspalt sehen. Das Stakkato hoher und tiefer Töne vibrierte tief im Inneren des Wanderers. Ein Teil seines Ichs war längst nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern stand fassungslos vor einer schon seit langem verrammelt und verriegelt geglaubten Tür seiner Seele.
Sein Blick glitt an der rechten Körperhälfte der Spielerin nach unten, deren rhythmisch mit der Melodie wippendes Bein nun von einer Mischung aus Kerzen- und Mondlicht erhellt wurde – auch sie, meldete ein nur noch vage vernehmbarer Teil seines Gehirns, musste das Fenster weit geöffnet haben, um die frische Nachtluft einzulassen.
Während die Klavierspielerin, mit jeder Faser mit dem Stück mitschwingend, immer härter und lauter auf die Tasten hieb, blieb der Blick des Wanderers an einer markanten Tätowierung hängen, welche ihren Unterschenkel schmückte. Eine dornenbewehrte Ranke einer Heckenrose zog sich, von der Innenseite des Knöchels ausgehend, anderthalb mal um Fessel und Unterschenkel, um im Zentrum der Wade in einer mehrstrahligen Blüte einer Lilie auszulaufen. All dies konnte der Wanderer nur schemenhaft und verschwommen erkennen, war er doch ohne seine Brille hier hoch gekommen. Dafür schien sein wie magisch angezogener Geist keine Zeit mehr gehabt zu haben.

Ihm war plötzlich unangenehm warm, sein Bewusstsein wurde durch die plötzlich geöffnete Tür in seinem Kopf angesogen. Er musste das Tattoo nicht besser oder vollständig sehen können, denn er kannte es sehr wohl. Es war kein alltägliches oder auch nur seltenes Motiv, sondern, wie unverkennbar einige ihrer Klaviermelodien auch, das Ergebnis ihrer eigenen kreativen Schöpfung. In der geöffneten Lilienblüte saß ein Schmetterling, den langen Saugrüssel zu einer feinen Spirale aufgerollt. Seine Flügel zierten zwei Fische, eine Anspielung an das Tierkreiszeichen. Zu einer Zeit, welche ihm heute Äonen entfernt schien, hatte er jenes Tattoo aus nächster Nähe betrachtet.

Das KONNTE nicht sein! Nur unter Aufbietung all seiner Kräfte konnte sich der Wanderer von seinem Beobachterplatz am offenen Türspalt losreißen. Denn sonst wäre er womöglich auf der Stelle auf der Türschwelle ohnmächtig geworden. Vorsichtig tastete er sich die dunkle Treppe hinunter. Schneller zu gehen, wagte er nicht, um nicht zu stürzen oder unbedachte Geräusche zu verursachen. Das letzte, was er wollte war, die Klavierspielerin auf sich aufmerksam zu machen. Mit zitternden Händen und weichen Knien zog der Wanderer seine Zimmerzür zu und schlug die Hände vors Gesicht – es wunderte ihn nicht, dass dieses tränennass war.

Die Frau am Klavier entschloss sich zu einer Pause. Sie fühlte sich immer ein wenig leer und verbraucht nach „Mein Herz brennt“, heute scheinbar noch mehr als sonst. Ihr Mund war trocken, ihr Herz pochte und sie stand auf, um die wenigen Schritte zum Tisch zu gehen. Irgendwo in dem alten Bauernhaus knarrte ein Brett. Langsam goss sie aus einer Karaffe eine Flüssigkeit in der Farbe dunklen Bernsteins in ihr Glas. Aus einer alten Isolierkanne ließ sie zwei der dort deponierten Eiswürfel zuerst in ihre Hand und dann in ihr Glas purzeln.
Sie lauschte auf das feine Knistern der Eiswürfel in der sie umgebenden wärmeren Flüssigkeit und zündete sich eine weitere Zigarette an.
Das silberne Mondlicht fiel auf ihren rechten Unterschenkel. Der Schmetterling thronte auf der Lilienblüte. Er schien auf den ersten Blick seltsam missgestaltet mit seinen zwölf Beinen zu sein. Dann zeigte sich, dass der Schmetterling nicht alleine auf seiner Blüte saß. Eine Gottesanbeterin hatte ihre gezähnten Fangbeine um den Leib des Schmetterlings geschlagen. Dieser schien – ob in Erwartung des nahenden Todes oder eines finalen Fluchtversuches – seine Flügel noch einmal auszubreiten. Darauf zeigte sich das Ornament zweier umschlungener Skorpione.

Die Frau am Klavier nahm einen letzten Zug aus ihrer Zigarette, bevor sie den Stummel im Aschenbecher ausdrückte. Dann nahm sie einen tiefen Schluck ihres Getränks, ließ den malzigen Geschmack der angenehm gekühlten Flüssigkeit durch ihren Mund rollen. Sie stellte das Glas ab und fuhr sich unwillkürlich über die kleine Narbe, welche fast parallel zur Nase rechts unter ihrem Auge bis knapp an den Ansatz ihrer Oberlippe reichte. Die Frau am Klavier war nicht überrascht, als sie Tränen fühlte.

Fortsetzung folgt…

Ein Kommentar

  • WOW
    Das is ja sowas von…ich denke Gefühlvoll kommt meinem Empfinden bei diser Szene mit Klavier am nächsten.
    Kann aber nicht wirklich ausdrücken was ich beim Lesen empfunden habe.
    Ich fühlte mich mitten drinn…

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