Ausritt mit Gegensätzen

Sunny geht auf den letzten Ausritt vor Ende der Weidesaison im goldenen Oktober.

„Das Frühstück war gut,“ sagte Sunny mit vollem Mund, die letzte Gabel herrlich fluffiger Pancakes mit Ahornsirup kauend.
„Du isst ja auch wie ein Scheunendrescher.“ antwortete Emilia Sonnenberger lächelnd. Es versprach ein wundervoller Tag zu werden. Zwar war es noch ziemlich frisch und ein paar nächtliche Nebelbänke hielten sich hartnäckig über den Stoppelfeldern, doch die Sonne schien bereits von einem ansonsten klaren herbstlichen Himmel.

„Darf ich heute mit David ausreiten?“ fragte Sunny seine Mutter, die gerade über ihr Spülbecken gebeugt den Abwasch machte. Zwar gab es in ihrer Küche durchaus einen Geschirrspülautomaten. Doch Emilia Sonnenberger war der Meinung, dass manche Teile des Geschirrs, welches zum Teil in dritter Generation benutzt wurde, durch liebevolle Zuwendung beim Handspülen deutlich länger schön und benutzbar blieben.

„Gern. Denk‘ nur daran, genügend Leckerlis für Goliath mitzunehmen, damit der Dir nicht unterwegs von der Fahne geht.“
„Klar.“ entgegnete Sunny und tippte mit seiner rechten Hand in einem schelmischen Salut an seine linke Schläfe. „Wann stellen wir die Pferde rein?“ erkundigte er sich.
Einen Teller abtrocknend, sagte seine Mutter: „Wir treffen uns um Drei an der Weide am Bengeltrenner Weg. Aber eigentlich musst Du da nicht unbedingt hinkommen. Wir haben genug Leute, um jedes Pferd zum Hof führen oder reiten zu können. Und die Shettys zockeln eh‘ der Herde hinterher.“
„Das stimmt…“ bestätigte Sunny und dachte mit verschmitztem Lächeln an Basti und Bianco, die beiden Shetlandponys, die zusammen mit den sechs Großpferden von Mai bis Oktober ganztags auf der Weide standen.

„Du könntest aber drüben im Offenstall schon mal frisch einstreuen und die Wasserbottiche putzen. Damit es die Ponys schön haben, wenn sie reinkommen.“ schlug Emilia Sonnenberger vor.
„Mach‘ ich.“ versprach Sunny, drückte seiner Mutter noch einen Kuss auf die Wange, verließ die Küche und schlug den Weg zum Offenstall ein.

In der Stallgasse angekommen, wandte Sunny sich zunächst nach rechts ins Stübchen zum Umziehen. Der schmiedeeiserne Bollerofen gegenüber dem rustikalen Holztisch war noch nicht wieder in Betrieb genommen worden. Bisher war der Oktober überwiegend mild und sonnig gewesen. Doch sobald sich die Sonne hinter Wolken versteckte – oder in der Dämmerung – wurde es mittlerweile schnell empfindlich kühl. Es konnte also nicht mehr lange dauern, bis der Ofen das erste mal angeheizt wurde.

Sunny fröstelte kurz, als er seine Jeans ablegte. Sorgfältig zog er sich dann die enganliegende Reithose über seine jugendlich straffen Schenkel und entschied sich für eine Weste über seinem ausgeblichenen Stall-T-Shirt. Schließlich schlüpfte Sunny in seine hohen schwarzen Reitstiefel, die er gestern erst frisch eingeölt hatte, sodass diese sich nun zwar fest, aber entsprechend geschmeidig anfühlten.

Sunny hatte die Kritik seiner männlichen Altersgenossen an seinem bevorzugten Kleidungsstil zum Ausreiten nie verstanden. Für ihn waren die Sachen einfach bequem und absolut zweckmäßig. Einzig Teddy schien Sunnys Vorliebe zu teilen, wenn sie gemeinsam ausritten.

Wehmütig dachte er an seinen Cousin und besten Freund und ihre gemeinsamen Erlebnisse während des zurückliegenden Sommers. Teddy war längst wieder im Internat und frühestens in den Weihnachtsferien würde es ein Wiedersehen geben. Immerhin konnten sie telefonieren und hatten das am Abend, wenn die Tagespflichten erledigt waren, auch fest vor. Diesmal würde auch Alise wieder mit dabei sein, nachdem sie gemeinsam mit Sunnys Eltern zu Abend gegessen hatten. Vielleicht könnten sie auch eine kleine Videokonferenz machen. Der Gedanke an seine Freundin vertrieb den kurzen Moment der Wehmut Sunnys schnell. Beschwingt verließ er das Stübchen.

In der Stallgasse des Mietstalls sagte Sunny kurz Zig und Zag, den beiden einjährigen Ziegenböcken, die sich die erste Box teilten, hallo und wurde wie üblich mit freundlichem hellen Meckern begrüßt. Sunny kraulte die beiden zwischen ihren sprießenden Hörnern und ließ sich den Unterarm abschlecken.

Dann wandte er sich seinem Spind zu, packte Gerte, Trense und Putzkasten für David, sowie die guten Minz-Lakritz-Leckerlis für Goliath ein.

Es war für Sunny beim Betreten der Sattelkammer trotz der Vielzahl verschiedenster dort aufgebockter Sattelmodelle nicht schwer, zielsicher jenen zu identifizieren, der zu Davids Rücken passte. Den schweren Westernsattel von seinem Ständer herunter wuchtend, fragte sich Sunny nicht zum ersten mal, warum bei einem Pferd wie David gerade jenes Sattelmodell und nicht ein leichterer Englischsattel oder gar ein kuschelig-weicher Fellsattel ausgesucht worden war.
„Sei’s drum.“ murmelte Sunny angestrengt, wohl wissend, dass der schwerste Teil der Angelegenheit erst beim eigentlichen Satteln auf ihn wartete.

Nachdem er seine Utensilien auf dem Hof am Anbinder abgestellt hatte, machte sich Sunny daran, ein wenig Müsli zur Begrüßung seiner vierbeinigen Gefährten in zwei Futterschalen zu füllen. Bewaffnet mit je einem großen und einem kleinen Halfter machte er sich dann auf den Weg zu dem großzügigen Eckstall, den sich David und Goliath teilten.
Wie üblich wurde Sunny zuerst von dem tiefen Schnobern des gewaltigen braun-weißen Shirehorse-Schecken begrüßt. Er streichelte den riesigen Kopf des gutmütigen Pferdes und ließ sich von dessen schwarzer Mähne kitzeln. Intensives Nesteln an jener von Sunnys Hosentaschen, in welcher sich die extravaganten Leckerlis verbargen, teilte ihm die Ankunft des Mini-Shetlandponys, ebenso ein dreifarbiger Schecke mit allerdings weißer Barby-Pony-Mähne, mit. David und Goliath waren fürwahr ein seltsames Paar, aber sie hatten einander absolut ins Herz geschlossen und hielten wie Pech und Schwefel zusammen.

Nach dem üblichen Ritual des Putzens und Hufeauskratzens, welches das Großpferd geduldig dösend und das Shetty genervt dissend über sich ergehen ließen, kam der finale Akt des Sattelns. Satteldecke und Pad aus Alpakawolle in Stellung zu bringen, kostete keine Mühe. Kurz kam Sunny der Gedanke, sich mit einem Schemel die Arbeit mit dem Sattel etwas zu erleichtern. Er war jedoch in Blickweite des bärtigen Stallgehilfen, der gerade summend mit Abäppeln beschäftigt war und beschloss, sich diese Blöße nicht zu geben. Mit beiden Händen griff Sunny den Westernsattel, ging leicht in die Knie, wuchtete das schwere Gerät wie ein Gewichtheber über den Kopf, ging auf die Zehenspitzen und ließ den Sattel dann sanft in Davids Sattellage sinken. Erst jetzt gestattete Sunny sich wieder zu atmen. „Geht doch.“ murmelte er.
Ohne sich um Goliaths mit dezentem Scheppern vorgetragenen Hinweis zu kümmern, dass seine Futterschale schon viel zu lange viel zu leer war, zog Sunny Davids Sattelgurt fest und brachte die Steigbügel in die richtige Position.
Zuletzt tauschte er bei David Halfter gegen Trense und schwang sich katzengleich in den bequemen Sattel.
Ehe sich Goliath auf den Weg zu alternativen Futterquellen machen konnte, warf er dem kleinen Shetlandpony ein Leckerli zu. Dann drehte er Davids Kopf sanft in Richtung Tor, winkte kurz dem Stallgehilfen und gemeinsam brachen die drei auf in den wundervollen Herbsttag.

Der Wanderer erwiderte Sunnys freundlichen Gruß lächelnd. Rechtzeitig war er mit seiner Arbeit fertig geworden. Während er sich mit seinem alten Zippo-Feuerzeug eine selbstgedrehte Zigarette anzündete, schlenderte er zu dem auf der Rückseite des Heuschobers abgestellten Klapprad, an dem auch sein Rucksack hing. Es war das alte Fahrrad Oma Irmelberts, die nach ihrer Hüft-OP nicht auf ihre eigenständige Mobilität verzichten wollte, sich aber ein deutlich bequemeres Modell ausgesucht hatte. Als sie vom Schicksal des alten Fahrrads des Wanderers gehört hatte, entschied sie sich spontan dazu, ihm ihren alten Drahtesel abzutreten. Einen tiefen Schluck aus seiner Wasserflasche nehmend, trat der Wanderer zügig in die Pedale, den Blick fest auf das am Horizont kleiner werdende Shirehorse gerichtet.

Fortsetzung folgt…

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