Brauche ich „verbale Fastenzeit“?

Der heutige Beitrag vom Mausebär (td) beschäftigt sich mit einigen reflektiven Gedanken über das Diskussionsverhalten vom Mausebär.

Eigentlich hatte ich heute vor, wieder einen bedeutsamen und philosophischen Text mit Wortanalyse und Ähnlichem zu schreiben, doch während meiner kleinen Recherche befiel mich plötzlich ein herber Anfall von Unlust.
Es ist mir nicht einmal richtig klar warum, aber es fühlt sich nicht richtig an.
Irgendetwas blockiert mich heute vehement bei dem Versuch, den Pädagogen raushängen zu lassen und meinen Lesern zu neuen bahnbrechenden Erkenntnissen zu verhelfen.

Vielleicht ist es die Einsicht, dass nicht alle meine geistigen Konstrukte wirklich wichtig sind, denn, ehrlich betrachtet, ist viel davon einfach Spielerei.
So wie andere Menschen in ihrer Freizeit irgendwelche Automodelle zusammenkleben, so setze ich in meinem Gehirn Denkmodelle zusammen. Obwohl diese, dank langjähriger Erfahrung, relativ kunstfertig sind und ich sie in mühsamer geistiger Arbeit auch fast perfekt gestalte, bleiben es dennoch Spielzeuge.
Das würdigt meine Ideen nicht herunter, denn unter interessierten Hobbyisten kann ich diese prachtvoll gestalteten Objekte meiner Imagination durchaus zum gemeinschaftlichen Genuss präsentieren.

Es mag dem ein oder anderen Menschen Spaß machen, meine Sammlung interessanter Theorie und Ansichten zu bewundern und sich eine Zeitlang damit zu beschäftigen, aber was nicht wirklich fair gegenüber meinen Mitmenschen ist, beginnt dort, wo mein Eifer mich über die Stränge schlagen lässt.
Es ist mir schon oft in meinem Leben passiert, dass ich Menschen kennengelernt habe, die so ausschließlich von einer Sache eingenommen waren, dass sie sich in keinem Fall mit etwas anderem auseinandersetzen konnten. Egal über welches Thema man spricht, der Feuereifer desjenigen lenkt das Gespräch immer wieder auf das eine Thema – und dann wird wild drauflos erzählt, ohne Rücksicht auf Verluste.
So sehr ich es liebe, Menschen zu begegnen, die für ein Thema mit innerer Flamme brennen, es gibt immer wieder Zeiten, wo ich für diese Herzensthemen nicht offen bin.
Diese Tage, an denen ich es nicht mehr hören kann und mir eine Person echt zu viel wird. Oder die Situation, dass ich mich mit einer Person über sein „eines“ Thema nicht mehr unterhalten möchte, weil ich von den fanatischen Überzeugen, gepaart mit Expertenwissen, einfach erschlagen werde und mir eine Meinung aufgedrängt wird.

Schon immer war ich ein Mensch, der seinen eigenen Weg finden wollte. Indoktrination und feste Regeln waren mir immer ein Gräuel.
Das liegt wohl daran, dass ich schon immer ein Wesen war, das nach den Zusammenhängen suchte.
Auf meiner Suche nach den inneren Erleuchtungsmomenten habe ich aber etwas Wichtiges auf der Strecke gelassen.

Seit Jahrzehnten bin ich ein großer Verfechter der Freiheit von Gedanken, Meinung und Wort. Nicht etwa, weil ich ein guter Mensch bin, der sich eine bessere Welt wünscht, sondern weil ich ein Gedankenjunkie bin, der es braucht, in gewagten geistigen Konstrukten alles in Frage zu stellen. Es ist mir wichtig, dass ich hinterfragen darf, um mir meine eigene Meinung zu bilden.
Dabei vergesse ich aber, dass es Menschen gibt, die anders funktionieren.
Während ich es liebe, alles in Frage zu stellen und mich immer wieder auf die Suche nach einer „höheren Wahrheit“ begebe, haben andere diese entweder schon für sich gefunden und sind mit den Dingen einfach zufrieden, oder möchten an solchen Dingen einfach nicht rühren. Nach dem, was ich mal gelernt habe, aber bis jetzt häufig vergesse anzuwenden, braucht jeder Mensch ein festes Gerüst aus Gewohnheiten, Ritualen und Glaubenssätzen.
Dinge, an denen wir uns, in einer sich ständig verändernden Umwelt, orientieren können.
Egal, ob man von seinem „inneren Kompass“, der persönlichen „Ethik“, seiner „Moral“, dem „Gesunden Menschenverstand“ oder einem der anderen gefühlten tausend Begriffen spricht, gemeint ist im Kern das Gleiche: Ein Stück Verlässlichkeit und Sicherheit in unserem Leben.

Es fällt mir schwer, zu analysieren, was in meinem Leben schief gelaufen ist, aber mir fehlt dieser Anker. Im Prinzip besitze ich kein wirkliches Vertrauen und hinterfrage selbst die einzige Person, die mich eigentlich kennen sollte, nämlich mich selbst.
Während ich täglich versuche, mich erneut zu testen und immer wieder mit neuen Erkenntnissen und Ideen spiele, zerschmettere ich jede Menge Porzellan bei Anderen.
Meinen Drang, nichts zu akzeptieren, was nicht gründlich von mir geprüft wurde, sehen viele Leute als sowohl provokant wie arrogant an. Meist bin ich davon verwundert, weil ich nur die Dinge von verschiedenen Seiten ausprobieren möchte, aber zu leicht vergesse, dass, wenn ich einen Gedanken meinem Belastungstest aussetze, sich meistens der Urheber dieses Gedankens davon angegriffen fühlt.

Bis vor kurzem war ich davon überzeugt, dass meine solche Art einem gewissen Selbstschutz erwächst, aber nach einer hervorragenden Diskussion im Kreise wohlmeinender Menschen komme ich langsam auf einen anderen Gedanken.
Darauf hingewiesen, dass ein beständiger Angriff nur zur Eskalation führt und keine gute Verteidigung darstellt, musste ich ein ernsthaftes Wörtchen mit mir reden.
Mein inneres Verteidigungsministerium war davon nicht gerade begeistert, waren sich doch alle Beteiligten keiner Schuld bewusst. Mein Kurs lag in der Verantwortung zweier anderer Mitspieler meines inneren Teams.
Zum einen war da die unstillbare Neugier, die wie ein Safeknacker alle Schichten meines Gegenübers aufbrechen wollte, um einen Blick in das tiefste Innere meiner Mitmenschen zu erhaschen und das Mittel der Provokation als eine Art Ablenkung verwendete, zum anderen spielte auch die Eitelkeit eine große Rolle.

Schon als Kind konnte ich mit meinem Verhalten Menschen provozieren und manipulieren. Das brachte mir Aufmerksamkeit.
Dieses Verhalten wurde mir nie wirklich abtrainiert, da sich weder in meiner Kindheit noch Jugend jemals ein Mensch mit meinem Selbstwertgefühl beschäftigte.
Lange Jahre war ich Clown, Provokateur, Schauspieler und ähnliches, um Anerkennung zu bekommen – und sei es auch negative.
Tatsächlich suchte ich sogar verstärkt nach der negativen Anerkennung, da es meinem eigenem Weltbild entsprach.
Obwohl ich ein Narzisst bin, machen mir Komplimente Angst. Vor allem, weil sie in entscheidenden Momenten meiner Entwicklung immer mit einem „Aber“ verbunden waren.
Es ist noch heute so, dass ich mich als extrem untalentierten Menschen sehe und ständig eifersüchtig auf andere Menschen, sowie auf deren empfangene Anerkennung, bin.

Es ist mir klar, dass dieses Gedankenbild in erster Linie falsch ist und mir in zweiter Linie nur schadet, aber es ist schwer, aus Denkfehlern wieder auszusteigen, vor allem, wenn es mir schwer fällt, Fehler zu akzeptieren.
Mir wurde am Wochenende mal wieder klar, wie sehr ich auf dem Weg zu dem Menschen, der ich gerne wäre, noch am Anfang stehe.

In letzter Zeit habe ich viel nach hinten geblickt und war erstaunt, dass ich es geschafft habe, einen Hügel zu erklimmen, doch gestern sah ich mal wieder das Bergmassiv, das vor mir liegt.
Es ist nichts, was mich entmutigt oder aufhält, aber ein Anblick, der mich erneut Demut lehrt.
Mein eigener Weg zur letztendlichen Recovery liegt noch vor mir und zeigt mir deutlich eine neue Grenze, dahingehend, dass ich mich nicht als der Weisheit letzter Schluss, oder als der große Erklärer aufspielen sollte, wo ich doch nicht mehr weiß, als andere Menschen in meiner Umgebung.

Wahrscheinlich brauche ich jetzt erst mal eine Zeit der Verdauung und auch der Selbstbetrachtung, um mir zu überlegen, wie ich die nächsten Schritte angehe und wie ich es schaffe, meinen Mitmenschen jene Achtung und den Respekt entgegenzubringen, welchen sie auch verdienen.
Wahrscheinlich sollte ich mir selber eine Art „Diskussionsfasten“ auferlegen, um mich wieder darauf zu konzentrieren, was bei mir selber los ist. Nicht immer anderer Leute Probleme von allen Seiten betrachten und zerreden, sondern mich einfach mal zurückziehen, um das Zuhören wieder zu erlernen.

Um mit dieser klugen Idee gleich ganz literarisch zu beginnen, verabschiede ich mich für heute mit Shakespeares berühmten Worten: „… und der Rest ist Schweigen.“

Euer Mausebär (td)

Ein Kommentar

  • Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit,werde ich hier nicht auf einzelne Sätze oder Passagen eingehn. Dazu ist das gesamte“konstruckt“einfach zu gut.

    Du hast dich und deine Art zu Diskutieren sehr genau und sehr offen beschrieben.

    Du siehst genau, wo dein verhalten, (ich hoffe ich formuliere das hier richtig) verbesserungsfähig ist.

    Du bist dir Völlig bewusst das du hin und wieder anderen Leuten zu forsch bist,du weißt das du mitunter durch deine Art Leute in bedrängniss bringst.

    So was kommt nun mal vor das man im eifer des Gefechts einen Schritt zu weit geht.

    Da du das alles erkannt hast,bist du auf einem guten weg,du bist aufmerksamer in der Diskussion. Wenn du merkst du bis zu weit gegangen dann Entschuldigst du dich das du vielleicht verletzend warst.

    Was will man mehr????

    Verbale Fastenzeit?
    Beherzige einfach was du geschrieben hast,das sollte Reichen.

    Gandalf lässt Respektvolle Grüße da.

    Antworten

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