Selbsthilfe im Ausnahmezustand: Gruppenstunde als Telefonkonferenz

Ein Erfahrungsbericht zu unserer Gruppenstunde am letzten Freitag als Telefonkonferenz über Meebl.
Von Sonja Utzenrath.

Wird das funktionieren?

Diese Frage beschäftigte mich am letzten Freitag nach dem Öffnen der Telefonkonferenz, während ich auf die anderen Teilnehmer wartete. Wie werden die Teilnehmer mit den notwendigen Gesprächsregeln klarkommen?

Bilder aus vergangenen Zeiten stiegen in mir auf, als ich mich mit meinen damaligen Kollegen international in solchen Konferenzen zu verständigen hatte. In englischer Sprache, die für die meisten Kollegen eine Fremdspache war. Welchen Stress es damals für mich bedeutete, eine Konferenz mit mehr als vier Teilnehmern zu leiten.

Es geht los

Als dann pünktlich zwischen 18:00 und 18:05 in schneller Folge sieben Mitglieder der Selbsthilfegruppe Recovery in der Leitung waren, atmete ich noch einmal tief durch und begann unser erstes virtuelles Audio-Gruppentreffen. Einer Begrüßung folgte ein eindringlicher Hinweis auf die Gesprächsdisziplin, verstärkt durch ein hilfreiches Beispiel:
Ich forderte alle Teilnehmer auf, gleichzeitig zu spechen.
Das babylonische Stimmengewirr verebbte bereits nach wenigen Sekunden. Alle hatten schnell festgestellt, dass es auf diese Weise nicht möglich ist, überhaupt jemanden klar zu verstehen.

Unsere Selbsthilfegruppe zeichnet sich auch in unseren bisherigen Treffen durch eine ausgezeichnete Diskussionskultur aus.
Am Freitag war es nicht anders. Einem Blitzlicht („Wie geht es mir heute?“) folgte eine „Selbsthilfe Pur“-Diskussion zu einem brandaktuellen Thema in der Gruppe, das nur am Rande mit Corona zu tun hatte. Reihum kam jeder zu Wort und stellte seine Erfahrungen und seinen Zuspruch zum Thema zur Verfügung. Als ich die Augen schloss und dem Gespräch lauschte, fühlte ich mich fast so, als wären wir alle in einem Raum – wie sonst auch.

Natürlich war die Moderation schwieriger, weil die nonverbalen Zeichen der Kommunikation wegfielen, die sonst häufig bei uns die Wortmeldungen einleiten. Aber diese Klippe haben wir gemeinsam erfolgreich umschifft.

So weit gut – und dann?

Pünktlich gegen 19:00 begannen dann jedoch technische Probleme die Diskussion zu stören. Die Tonqualität der Übertragung verschlechterte sich rapide. Über die Ursache können wir nur spekulieren.
Ist die Konferenzzeit doch auf eine Stunde eingeschränkt?
Erhöhte sich das Datenaufkommen im Internet an einem Freitag Abend um 19:00 schlagartig?
Wir wissen es nicht.

Wir haben dann die Gruppenstunde abbrechen müssen.
Schade!
Es fehlte uns der übliche Abschluss unserer Treffen, das Blitzlicht „Wie geht es mir jetzt?“.
Daher telefonierte ich im Anschluss den ganzen Abend über noch mit den einzelnen Teilnehmern, damit bei keinem ein ungutes Gefühl zurückbleiben konnte.

Ein Aufwand, der sich in meinen Augen gelohnt hat.
Die Rückmeldungen der Teilnehmer betätigten dies auch. Ich bin stolz auf Euch!

Fazit

Eine Telefonkonferenz als Mittel der Kommnikation in einer Selbsthilfegruppe zu wählen, ist keine leichte Entscheidung. Die Gruppe ist auf auditive Kommunikation beschränkt.
In einer Zeit, in der so viele Menschen wie selbstverständlich über Zugang zu den verschiedensten visuell-auditiven Kommunikationsmitteln (über den PC oder das Smartphone) verfügen, mag es seltsam erscheinen, dass es durchaus noch Menschen gibt, für die dies nicht möglich ist.
Telefonieren können sie aber doch fast alle.

Das Gespräch am Freitag hat mir gezeigt, dass es funktionieren kann.
Natürlich nur, wenn alle Teilnehmer die nötige Disziplin aufbringen – und die Technik nicht schlapp macht.

Haltet durch und bleibt gesund!
Eure Sonja

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