Abfahrt nach Freudental

Ein scheinbar glückloser Pilger findet einen barmherzigen Samariter…

Nasse Fußspuren führen von den gläsernen Schwingtüren in die hell erleuchtete Eingangshalle des Gemeindezentrums.
Hier ist es warm, trocken und – vor allem – windstill.
Draußen grollt Donner von einem pechkohlrabenschwarzen Himmel, unablässig prasselt der Platzregen, vereinzelt zucken Blitze und es wirkt bereits wie später Abend, dabei ist erst früher Nachmittag.

Die nassen Abdrücke führen zu einem der Wahrzeichen des Gemeindezentrums, einem gewaltigen ‚Schwarzen Brett‘, wo sie in eine kleine Pfütze münden, gespeist durch einen beständigen Zustrom von Tropfen, die von kräftigen, zerkratzten Beinen niederrinnen.
Das Schwarze Brett ist ein Relikt aus den Zeiten vor Internet und Sozialen Netzwerken, welches hier nahezu die gesamte Breite der Eingangshalle einnimmt, an beiden Seiten flankiert von jeweils einer schmalen Tür.

Durch die linke dieser Türen tritt gerade eine ältere Dame mit Lesebrille an einem Band um den Hals und einigen Zetteln in ihrer Hand. Ohne sich um die tropfnasse Gestalt, deren Kopf von einem triefenden Cowboyhut geziert wird, zu kümmern, welche gerade ganz in das Sammelsurium bunter Zettel, teils bedruckt und teils handschriftlich abgefasst, vertieft zu sein scheint, schiebt sich die Dame ihre Lesebrille auf die Nase und prüft mit kritischer Miene die ausgehängten Papiere, arrangiert um, hängt einiges ab und findet Plätze für jeden der mitgebrachten und offensichtlich neuen Anzeigen-Zettel in ihrer Hand.

Erst jetzt widmet die Dame ihre volle Aufmerksamkeit dem lesenden und durchnässten Bürger, dessen nackte und nicht minder als die Beine zerkratzten Füße in stabilen schmutzigen Ledersandalen stecken. „Na, Sie Armer haben das Gewitter aber voll abgekriegt.“ meint sie teilnahmsvoll. Die Gestalt zuckt, ohne sich umzudrehen, mit den Schultern und hebt die sonnengebräunten Arme, die ebenfalls mit zum Teil frisch verschorften Kratzern verziert sind.
„Da könn‘ Sie ein’…“ setzt der ältere Herr zu einer Antwort an, dreht den Kopf und bricht mit Blick auf die gütigen Augen der älteren Dame, die durch ihre Brille lustig vergrößert erscheinen, seine ursprünglich gewählte Formulierung ab zugunsten eines lakonischen „Is‘ wohl so.“

„Zweifelsohne.“ entgegnet die Dame mit schalkhaftem Zwinkern. „Möchten Sie sich etwas aufwärmen und abtrocknen?“

„Nix lieber als das!“ antwortet der Mann und sein Blick hellt sich in freudiger Erwartung auf. „Sogar mein Tabak is‘ nass geworden.“ fügt er hinzu. „Das macht nichts, denn hier ist sowieso Rauchverbot.“ antwortet die Dame mit freundlichem Lächeln.

„Dann kommen Sie mal mit.“ Die Dame läuft mit kurzen schnellen Schritten und leise raschelndem Rock zur Tür rechts des Schwarzen Brettes, führt ihren Gast durch einen gefliesten Flur, eine Treppe hinauf und schließlich in ein überraschend großes, aber spärlich möbliertes Büro. „Die Heizung an der Wand da ist an. Da können Sie Ihre Oberbekleidung zum Trocknen aufhängen. Die Tür links führt in ein Badezimmer. Ich hole Ihnen was zum überziehen.“ sprudelt es aus der Dame heraus, noch ehe ihr ob soviel unerwarteten Zuvorkommens zunehmend irritierter Gast die Chance hat, etwas zu erwidern.
„Danke…“ ruft er ihr in den sich schnell schließenden Türspalt hinterher, bevor er sich daran macht, sich trockenzulegen.

Das Bad ist so klein, dass man sich kaum umdrehen kann, dafür wartet es mit weichen Handtüchern, einem warmen Gebläse zum Händetrocknen und unverkennbar selbst hergestellter Seife auf, die schwach nach Mandeln und Honig riecht.

„Ganz schön gastfreundlich…“ murmelt der Mann lächelnd in seinen dichten weißen Bart hinein, will den Händetrockner einschalten und sich gerade unter das Gerät ducken, um es als Fön zweckzuentfremden, als ihn lautes Klopfen erschrocken hochfahren lässt. Mit blechernem Knall rasselt der Mann mit seinem Kopf unter den Händetrockner welcher, dank extra langer Schrauben und entsprechenden Dübeln felsenfest in den Grundmauern des historischen Gebäudes verankert, seit 34 Jahren keinen Millimeter von seinem Platz gewichen ist.
Grummelnd und mit Mühe eine Kaskade nicht jugendfreier Seemanns-Flüche unterdrückend, kommt der Mann auf die Beine und reibt sich den Kopf.

„Tut mir leid.“ schallt die Stimme seiner spontanen Samariterin durch das furnierverschalte Pressholz der Badezimmertür. „Das ist schon vielen passiert.“
„Ich steh‘ ja noch.“ brummelt der Mann.
„Vor der Tür liegen eine Hose und ein Hemd.“ fügt die Dame hinzu. „Sind vielleicht etwas groß, aber bis ihre Sachen halbwegs trocken sind, wird es wohl gehen. Ziehen Sie sich in Ruhe um und hängen Sie ihre Sachen über die Heizung im Büro. Ich mache geschwind‘ Kaffee und komme dann wieder.“

„Das wird ja immer besser.“ denkt der Mann, ehrliche Demut und Dankbarkeit fühlend. Nachdem er sich hinreichend abgetrocknet hat, schlüpft er in eine blaue Arbeitshose mit Hosenträgern und ein rotkariertes Holzfällerhemd. „Vor ein paar Wochen hätten die Klamotten noch genau gepasst.“ murmelt der Mann, als der unverkennbare Duft frischen Kaffees seine Nase streichelt.

Minuten später sitzen sich der ältere Herr und die hilfsbereite Frau einander vor dem kleinen alten Schreibtisch gegenüber, der das zentrale Element des Raumes darstellt, große Tassen mit dampfend heißem Kaffee in den Händen. „Hedwig von Töpfer“ stellt sich die resolute Frau vor. Ihr Händedruck ist kräftig und ihre Haare silbergrau mit lila Strähnchen. „Ich bin hier im Landwirtschaftsamt des Gemeindezentrums unter anderem zuständig für die Erfassung der Nutztierbestände.“ „Angenehm.“ erwidert der Mann.

„Ich habe sie hier noch nie gesehen.“ stellt Frau von Töpfer über den Rand ihrer Brille hinweg fest. Mit Blick auf dessen zerkratzte Hände und Unterarme sowie der mit kleinen Rissen durchzogenen trocknenden Oberbekleidung über der Heizung fragt sie dann: „Sind sie ein Pilger auf der Durchreise?“

„Hab‘ ’ne Radtour gemacht, war für n‘ paar Wochen gut unterwegs. Hab‘ die Großstadt umfahren und bin dann, aus ’ner Laune heraus, weil mir der Blick auf das Tal so gut gefallen hat, die „L313″ ‚runter gefahren…“
„Den ‚Esel’…“wirft Frau von Töpfer nickend ein.
„Wat?“ stutzt der Mann, seine buschigen silbergrauen Augenbrauen hebend und nimmt einen weiteren Schluck des herrlich starken Kaffees.
„Ach, so nennen wir Einheimischen hier diese Abfahrt ins Tal hinunter. Wenn sie fast auf halber Höhe sind, fahren sie über die Brücke an einem alten Fachwerkhaus vorbei: Das war vor Urzeiten mal ein Gasthaus mit Namen „Zum Esel“.“
„Ah.“ entgegnet der Mann.

„Und da sind sie mit dem Rad runter?“ fragt Frau von Töpfer, überrrascht und besorgt die Augenbrauen hebend.

„Is‘ ’ne geile Abfahrt!“ bricht es aus ihrem Gegenüber nun hervor und dessen ganzes Gesicht hellt sich auf. „Glatter Asphalt, kaum Verkehr, windgeschützt durch den Wald, rechts-links-rechts…“ – die Augen des Mannes sprühen vor Glück über das Nachempfinden der Situation, jedes In-die-Kurve-Legen mit seinem Oberkörper leicht andeutend – „…die Serpentinen ‚lang, dabei den Wind in den Haaren und nur das Surren der Kette im Ohr…FREIHEIT!“ ruft der Mann nun so heftig aus, dass seine Zuhörerin, die gebannt an seinen Lippen hängt, kurz erschrickt und dann in glockenhelles Lachen ausbricht.

Der Mann stimmt kurz in das Lachen ein, wird dann aber schlagartig ernst und verkündet mit etwas Wehmut in der Stimme: „Leider hat es mein treuer Pegasus nicht hinunter ins Tal geschafft.“

„Wie das?“ fragt Frau von Töpfer gespannt mit ehrlicher Anteilnahme und schenkt ihrem Gast und sich Kaffee nach.
„Hab‘ inner besonders engen Kurve bisschen zu spät reagiert…da lagen nasse Blätter auf ‚er Straße…konnte so gerade noch abspringen. Mein Bike ist geradeaus in die Schlucht gerast und hat sich komplett zerlegt. Liegt jetzt unweit von dem Bach, über den hangaufwärts die Brücke an Ihrem ehemaligen Gasthaus führt. Zumindest was noch übrig ist.“

„Ist Ihnen klar, wieviel Glück Sie hatten, dass Sie nicht wie ihr blecherner Freund jetzt da unten liegen?“
Der Mann nickt. „Glück und ’ne Brombeerhecke, in der ich gelandet bin.“ Er hebt seine zerkratzten Arme.
„Was sind ein paar Kratzer gegen ein Menschenleben?“ fragt Frau von Töpfer rhetorisch.
„Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.“ brummt der Mann, leert seine Tasse mit einem letzten Schluck und erhebt sich dann.
Auch Frau von Töpfer steht auf.
„Was haben Sie jetzt vor?“ fragt sie den Mann.

„Zuerst mir ein möglichst preisgünstiges Zimmer suchen. Dann Essen, Schlafen und später Klamotten waschen und flicken. Da fällt mir ein: Was bekommen Sie für Hose, Hemd und Hosenträger?“

„Betrachten Sie es als eine Spende der Kleiderkammer des Gemeindezentrums.“ antwortet die Dame.
„Na dann…“ entgegnet der Mann lächelnd. „Vielen Dank, Frau von Töpfer!“
„Nichts zu danken.“ gibt diese zurück. „Vielleicht habe ich noch etwas für Sie…“

Frau von Töpfer eilt um den Schreibtisch herum und kramt in einer ihrer Schubladen, bis sie einen bunten Flyer gefunden hat, den sie ihrem Gast, der seine langen silbergrauen Haare jetzt wieder mit seinem Ledercowboyhut bedeckt, in die Hand drückt. „Versuchen Sie es mal da!“ fügt sie hinzu. „Und sagen Sie, dass Sie von mir kommen. Die Leute sind nett, Zimmer und Essen ordentlich und Sie können sogar auf dem Hof mit anpacken, wenn Sie wollen. Dann sind Kost und Logis verbilligt oder ganz frei.“
Eine erneute Welle dankbarer Demut durchströmt den Mann, der nur noch „Danke…“ stammeln kann.

Unten an der Eingangspforte stellt der Mann dann die Frage, die ihm auf den Nägeln brennt, seitdem er vor dem Schwarzen Brett von Frau von Töpfer angesprochen worden ist:
„Warum sind Sie so nett zu mir, wo Sie mich doch überhaupt nich‘ kennen?“ Die ältere Dame lächelt geduldig. „Wissen Sie, meine Mutter konnte gegenüber ihrer Familie ein ziemlicher Drachen sein, aber einen Satz hat sie geliebt und ehrlich gelebt: ‚Sei nett zu Fremden, dann sind Fremde nett zu Dir.'“

Die Zwiebelkirche läutet Achtzehn Uhr und den Abend ein, als der Wanderer die kleine Ortschaft hinter sich lässt und seine Schritte durch die Buckelwiesen hindurch auf einen weitläufigen Bauernhof zu lenkt. Auf einem Schild am Wegesrand liest der Wanderer jene Worte, welche ihn auch auf dem mitgebrachten Flyer anlachen:

„Willkommen auf dem Sonnenberger Hof.“

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