Leseprobe Prolog

„So schwer ist das doch gar nicht…“, sagte Teddy mit einer bedeutsamen Pause, während er mit der Bürste sein langes dunkles Haar gekonnt striegelte.

„Es geht ja nur darum, einfach etwas zu sagen.“ Sunny mochte es gar nicht, wenn ihn Teddy auf diese Art ansah, mit seinen tiefen, dunklen Augen. Es war ihm klar, dass er dieses Geheimnis nicht ewig verschweigen konnte, aber es war nicht seine Art, mit der Tür gleich ins Haus zu fallen. Trotzdem wollte er das nicht auf sich sitzen lassen.

Er verstrich den Rest der Feuchtigkeitscreme in seinem Gesicht und schaute über seine Schultern zu Teddy, der auf seinem Bett saß. „Und, wann willst du es den beiden sagen?“, entgegnete er Teddys spitzer Bemerkung. „Da liegt der Fall ja schon ein wenig anders. Überhaupt, wir reden über dich und dein Geheimnis“, war Teddys mühelose Erwiderung. Sunny schaute Teddy ernst an. Wie jedes Mal, hielt dieser scheinbar mühelos seinem kritischen Blick stand und erhob sich elegant.

Während er zu Sunny trat, legte er die Bürste auf Sunnys Schminkkommode ab und streichelte ihm sanft über die blonden Haare: „Jetzt schmoll doch nicht, mein Sonnenschein.“ Sunnys Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund. Es war gemein, dass Teddy immer so etwas mit ihm machte. Da wollte er einmal etwas Ernsthaftigkeit demonstrieren und schon wurde er wieder sabotiert.

Dennoch genoss er es, wie Teddys schlanke Finger zart durch seine langen, blonden Locken strichen und ihn sanft kraulten. Neugierig blickte er mit seinen kornblumenblauen Augen nach oben, um Teddys Augen mit den seinen einzufangen. Sunny mochte es, wie sich immer eine sanfte Form von Lächeln in Teddys Augen widerspiegelte, wenn sich ihre Blicke trafen. Es war eine andere Art des Lächelns als das zynische Lächeln seiner schmalen, wohlgeformten Lippen, das immer eine spielerische Art der Überlegenheit in sich trug. Er grübelte ein wenig in sich hinein. Vielleicht hatte Teddy tatsächlich recht?

Es würde natürlich viele seiner Schulkameraden verwirren und auch seine Familie wäre wahrscheinlich ein wenig überfordert, aber wie lange wollte er noch mit seinem Geheimnis weiterleben?

Es war ja auch die richtige Zeit, denn es war Sommer und die Ferien hatten gerade erst begonnen. Teddy würde ihm volle sechs Wochen an schulfreier Zeit zur Verfügung stehen. Wenn das nicht der richtige Zeitpunkt war, wann dann?

Fragend blickte er Teddy an: „Hilfst du mir?“ „Natürlich“, antwortete Teddy mit sanfter Stimme, während er sich erneut die Bürste schnappte und anfing, Sunnys lange, blonde Locken zu bürsten. „Ich werde dir immer zur Seite stehen, wie ich es dir versprochen habe.“ Sein ganzer Körper zeigte eine wahrhafte Präsenz von Aufrichtigkeit. Lächelnd beobachtete Sunny durch den Spiegel Teddys muskulösen Oberkörper. Es gefiel ihm, wie Teddys definierte Bauchmuskeln leicht zuckten, während er konzentriert Sunnys unbändige Mähne zu einem einzigen Strang zusammenstrich.

Kurz blinkte die silberne Gürtelschnalle an Teddys abgetragener Stonewashed-Jeans und zauberte einen Lichtreflex, der gleich einer kleinen Fee durch das Zimmer schoss.

Es war eine Eigenart von Teddy in seinen Ferien diese Gürtelschnalle fast durchgehend zu nutzen. Seit er sie vor zwei Jahren gemeinsam mit Sunny bei den Ausscheidungen des jährlichen Western-Festivals gewonnen hatte, schien sie ihm eine seiner liebsten Trophäen zu sein. Auch Sunny hatte seine Gürtelschnalle gestern aus der Schmuckschatulle genommen und liebevoll poliert, um sie so häufig wie möglich in den Ferien zu tragen. Er wollte Teddy seine Verbundenheit zeigen.

Außerhalb der Ferien trug er die Gürtelschnalle niemals, denn das kam ihm irgendwie falsch vor. Er fühlte sich dann einsam und isoliert in einer Welt ohne Teddy. Ob es Teddy genauso erging, wollte er gar nicht erst wissen.

„Lass uns zur alten Weide reiten und dort einen Schlachtplan erstellen!“, schlug Sunny vor. „Ich hatte gehofft, dass du so etwas sagen würdest“, entgegnete Teddy und schob ihm sanft ein Gummi über den Pferdeschwanz.
„Gut, ich hole uns ein Picknick und du machst dich bereit. Wir treffen uns in zehn Minuten im Stall!“ Sunny stand voller Elan auf und griff nach seinem Lieblingshut, der wie immer am Haken neben der Tür hing. Sunny liebte seinen Cowboyhut, ein Souvenir, dass ihm sein Vater von einer Dienstreise aus Texas mitgebracht hatte.

Fröhlich hüpfte er die Treppe hinunter und ging laut pfeifend in die Küche.

„Mein Gott, Manfred“, schallte es ihm entgegen. In der Küche waren Tante Jakobina, seine Mutter und Großmutter Irmelbert. Alle drei Damen saßen am Küchentisch mit der feinen Blümchendecke, auf dem neben dem feinem Porzellan ein großer Apfelkuchen stand.

Nun war es Sunny klar, wo der Apfelkuchen, den er gestern Morgen für Teddy gebacken hatte, hin verschwunden war. Seine Mutter lächelte ihn unschuldig an und Großmutter Irmelbert zwinkerte fröhlich und kurzsichtig aus ihren weisen alten Augen.

Nur Tante Jakobina schaute entsetzt an ihm hoch und runter: „Also, mein Adolpho läuft ja nicht so im Haus herum…“, setzte sie an, aber seine Mutter unterbrach sie sanft: „Kann ich etwas für dich tun, mein Sonnenschein?“ „Ja, Mama, wir möchten zum Fluss runter reiten und würden da gerne ein Picknick machen.“

Seine Mutter stand auf und schob sich in das Sichtfeld zwischen ihm und der Schwester seines Vaters. „Ich denke, da habe ich noch das ein oder andere, hol doch mal den Picknickkorb aus dem Flurschrank.“

Kopfschüttelnd verließ Sunny die Küche. Seine Mutter hätte doch wissen müssen, dass der Picknickkorb im Keller war. Nun ja, da konnte er auch gleich ein paar andere wichtige Sachen für den Ausflug holen. Nur wenige Minuten später kam er mit gefülltem Picknickkorb in den Stall, wo bereits Teddy auf ihn wartete.

Gulasch und Sauerbraten warteten schon unruhig, als wüssten sie, dass es gleich auf einen Ausflug ging. Sunny war froh, dass Teddy wieder da war, denn nur Teddy konnte Gulasch reiten. Der große Apfelschimmel war ein starker Kaltblüter, mit starkem Temperament und einem Hang zur Kitzligkeit, der mittlerweile drei Hufschmiede zerschlissen hatte. Noch vor wenigen Jahren war er als „nicht bereitbar“ eingestuft worden und hatte eigentlich abgedeckt werden sollen, da er seine Pflichten als Zuchthengst nicht hatte erfüllen wollen.

Teddy, der ruhige Außenseiter, und Gulasch hatten Freundschaft auf den ersten Blick geschlossen und so gelang es ihm, den unruhigen Hengst wieder zu einem stolzen Reittier zu formen. Doch immer noch akzeptierte dieser selten einen anderen Reiter als Teddy.

Sunny schmuste kurz mit Sauerbraten, seinem eigenen Pferd, einer zarten und ruhigen Araberstute mit fast schwarzem, seidigen Fell und einem einzigen weißen Fleck auf der Stirn in Form eines Sternes, der ihr eindeutig nicht ihren Namen gegeben hatte. Es gab fast nichts, das Sunny lieber mochte als Sauerbraten.

Lachend und fröhlich sattelten die beiden Jungen ihre Pferde und schwangen sich dann in den Sattel, um im gemächlichen Schritttempo den Sonnenbergerhof in Richtung der südlichen Weide zu verlassen.

Die Sonne strahlte über dem grünen Tal und kein Wölkchen war am azurblauen Himmel zu sehen. Kaum hatten sie die Koppel an der südlichen Weide verlassen, reichte ein Blick, schon schossen die beiden auf ihren Pferden los. Wie der Wind stoben die beiden Pferde über den sommerlichen Heidegrund und galoppierten der Sonne entgegen.

Auf einer Parkbank saß ein Wanderer und trank gemütlich aus einer Wasserflasche, während er Bauer Hengstbeck beobachtete, der gerade seinen Traktor reparierte. Plötzlich sah er die beiden galoppierenden Reiter, die über die Heide preschten. „Nanu?“, fragte er laut: „Wer mag das wohl sein?“ „Ach“, antwortete Bauer Hengstbeck nach kurzem Aufblicken. „Das sind nur Sunny und Teddy, auf Gulasch und Sauerbraten. Die reiten hier herum und stellen sich dumm, weil sie Teenager sind“.

Der fremde Wanderer blickte auf. „Interessant“, murmelte er: „Darüber muss ich mehr herausfinden.“ „Na, dann versuchen Sie es doch mal auf dem Sonnenbergerhof, die haben da sogar eine Ferienpension“, sprach ihn der Bauer an. „Zufällig habe ich hier einen Flyer mit einem Rabattcoupon.“ Der fremde Wanderer blickte ihn interessiert an.

„Wenn Sie wollen, kann ich Sie gleich mitnehmen, wenn der alte Kübel wieder fährt.“ Der Fremde lehnte dankend ab, denn er verstand genug von Reparaturen, um sich dieser Warterei nicht auszusetzen und so wanderte er nur wenige Zeit später in Richtung des Sonnenbergerhofes.

Nachdenklich schaute Sunny auf das ruhig vor sich hin fließende Wasser des Flusses. Er saß, wie so oft, gedankenverloren auf seinem Lieblingsplatz, einer Astgabelung in den Zweigen einer mächtigen Trauerweide, deren lange Äste sanft die Oberfläche des sommerlich glitzernden Flusses streichelten.

Er sah das sanfte Wiegen der Blätter in den leichten Windzügen, die eine frische Brise über das sonnendurchflutete Tal trugen und lauschte dem Klang der Wellen und dem Gesang der Vögel, die sich in den Ästen des lichten Baumhaines angesiedelt hatten.
Sunny wusste, dass es der letzte Tag dieses Sommers war, den er ungestört auf diese Weise genießen konnte, denn es war der zweite Tag nach dem Beginn der Sommerferien.

Er blickte hinunter zu Teddy. Seit nunmehr vier Jahren war Teddy ein Stammgast der Sommerpension, die seine Mutter in einem der alten Fachwerkbauernhäuser betrieb, die zum Sonnenbergerhof gehörten. Der alte Gutshof, samt dem ehrwürdigen Gestüt und der bekannten Schafzucht, war schon seit dreizehn Generationen im Familienbesitz und seit dem Tod seines Großvaters wachte Oma Irmelbert mit Argusaugen über Haus und Hof. Zur Beruhigung aller war sie nicht nur extrem kurzsichtig, sondern auf eine sehr weise Art ein wenig dement. Sein Vater machte sich viel Mühe mit dem Erhalt des Besitzes und seine Mutter führte die Ferienpension, um ein wenig Geld zu den Einnahmen des Biohofes beizutragen.

Als sich Sunny und Teddy zum ersten Mal als zwölfjährige Knaben gegenüber gestanden hatten, waren sie weit davon entfernt gewesen, so etwas wie Freunde zu sein. Teddy war sozusagen ihr erster Feriengast gewesen, denn erst im Jahr danach hatte seine Mutter die Pension Sonnenberger eröffnet.

Damals war Sunny gar nicht damit einverstanden gewesen, seine Ferien mit einem fremden Jungen zu verbringen. Doch schon bald hatten sie nicht nur ein Zimmer geteilt, sondern auch eine tiefe Freundschaft, denn viele Ferienabenteuer hatten sie zusammengeschweißt wie die Stahlträger eines britischen Kriegsschiffes.

Teddy war ihm näher als jeder Mitschüler oder andere Gleichaltrige aus der Umgebung.

Es war nicht so, als ob Sunny ein Außenseiter wäre, im Gegenteil, denn viele seiner Freunde beneideten ihn um die Nähe zu den hübschen Mädchen, die gerne in den Sommerferien einige Tage in der Pension unterkamen, um das Reiten zu lernen oder sich auf Reitprüfungen vorzubereiten. Da Sunny bereits schwer verliebt war, interessierten ihn diese Mädchen aber nicht wirklich. So blieb es jedes Jahr bei harmlosen Urlaubsflirts und meist blieb der versprochene Email-Kontakt schon nach wenigen Wochen aus. Zumindest blieben genügend empfangene Selfie-Bilder hängen, mit denen er seine Schulkameraden beeindrucken konnte.

Natürlich promotete die Neugier seiner Klassenkameraden auch seine Aktivitäten auf Facebook, was seiner Band zugutekam, aber so richtig zufrieden war Sunny mit seinen Ferienliebschaften nicht.

Er wusste ehrlich gesagt auch nicht, was die Mädchen aus der Stadt an einem Langweiler wie ihm so aufregend fanden. Wenn er nicht gerade in der Natur war, schrieb er Songs für seine Band oder Gedichte für sich selbst. Er hatte keine aufregenden Hobbys und allein der Umstand, dass er ein guter Schüler war und gerade in den Naturwissenschaften brillierte, machte ihn eigentlich zu einem ziemlichen „Nerd“.

Es war schon komisch: – Während sich die Mädchen aus der Stadt zumeist in seiner Nähe aufhielten, war es den Mädchen der Gegend scheinbar ein tieferes Bedürfnis, das Weite zu suchen, wenn er in ihre Nähe kam. Ebenso wusste er auch nicht, warum die Gespräche der Mädchen, die er bereits seit Kindergartentagen kannte, immer dann verstummten, wenn er in Hörweite kam.

Auch die Freundschaft mit Teddy blieb im Dorf nicht unbemerkt und jedes Mal, wenn sie scherzend oder aneinander gelehnt durch die kleine Stadt bummelten, bekamen die meisten Mädchen diesen seltsamen Blick. Da die Freudentaler Mädchen auch zumeist langhaarig waren und gerne kichernder Weise oder händchenhaltend mit ihrer besten Freundin durch die Freudentaler Innenstadt schlenderten, wunderte sich Sunny, dass es eine so komische Reaktion darauf gab, wenn er mit Teddy dasselbe machte. Es war schon seltsam.

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